Spanischer Winter

Einquartierung kostete der Stadt über 60.000 Reichstaler

Der Spanische Winter war die Besetzung rheinisch-westfälischer Gebiete durch das spanische Heer unter Admiral Mendoza 1598/99 im Rahmen des Achtzigjährigen Kriegs. Nachdem es den Holländern 1597 gelang, die Spanier, die mit Frankreich Krieg führten, vom Rhein zu verdrängen,  schickten sich ein Jahr später die Spanier unter Mendoza an, noch vor dem Winter an den Niederrhein und nach Westfalen zu ziehen. Sie eroberten Stadt für Stadt, plünderten und raubten und belegten die Städte mit hohen Kontributionen. Danach musste das spanische Heer ins Winterquartier. Zunächst war das Hochstift Münster an der Reihe. Dann wurden die kurkölnischen Städte Recklinghausen und Dorsten besetzt.

Einnahme der Stadt Dorsten

Der spanische Oberst und Artilleriemeister Francisco de Velasco, der in einem Schreiben „Don Ludowico de Velasco artis praefectus armentarii“ genannt wird, stand mit seinen Truppen am 23. November vor den verschlossenen Toren der Stadt Dorsten. Er übersandte ein mitgeführtes Schreiben des Feldobersten Admirande von Aragonien, General Francisco de Mendoza, das an den Rat der Stadt gerichtet war. Darin forderten die für die katholische Seite kämpfenden Spanier Verpflegung für ihre Truppen und Pferde. Der auf der katholischen Seite stehende Dorstener Rat beschied, dass dies ohne Wissen des Landesherrn nicht entschieden werden könne, denn dieser habe Befehl erteilt, keine fremden Kriegsvölker aufzunehmen und zu verpflegen. Bis zur Einholung eines Bescheids des Kurfürsten aus Köln würden vier Tage benötigt.

Der Spanier verwarf den geforderten Aufschub und schrieb, dass er keine Stunde zuwarten werde. Er erwartete, dass die Dorstener die Stadttore noch vor Sonnenuntergang öffneten und die spanischen Truppen aufnehmen und verpflegen, ansonsten sie sich den Zugang in die Stadt mit Gewalt verschaffen würden. Da sich die Dorstener nicht weiter erklärten, begannen die Spanier die Belagerung, warfen Schanzen und gruben Gänge, brachten neun doppelte und halbe Kartaunen in Stellung und feuerten auf die Stadt. Die Dorstener erwiderten das Feuer aber nur schwach, weil sie die Hoffnung hegten, die Spanier zögen entmutigt weiter. Diese verstärkten ihr Feuer und bald war ein Teil der aus dem Mittelalter stammenden Mauer zusammengebrochen. Nachts setzten die Spanier über die Lippe und nahmen dort die Wälle ein.

Spanier drangen in die Stadt ein, besetzten sie und übernahmen die Gewalt

Spanischer Admiral Francisco de Mendoza

Währenddessen besserten die Dorstener ihre beschädigte Mauer notdürftig wieder aus, die am andern Morgen von den Spaniern abermals zusammengeschossen und die gesamte Lippestraße bis zur Kirche zerstört wurde. Daraufhin wollte kein Dorstener Bürger mehr auf den Wällen bleiben und kämpfen. Gegen Mittag legten die Spanier Sturmleitern an und warfen brennende Ballen in die Stadt. Daraufhin stellte der Rat die Verteidigung ein und übergab Dorsten dem  Angreifer. Der spanische Feldoberst Mendoza zog mit 1.300 Mann in die kaum 300 Häuser zählende Stadt und übergab das Kommando an Oberst Velasco.
Erst nach vielfältigem Bitten des Bürgermeisters gelang es, nach sieben Tagen die Einquartierung auf 678 Soldaten und 15 Offiziere zu reduzieren. Für den spanischen Kommandanten hatte die Stadt täglich 30 Taler, für seinen Vertreter 15 Taler und für jeden Gemeinen 15 Stüber zu zahlen. Außerdem standen dem Kommandanten und seinem 100-köpfigen Stab mit 60 Pferden die zwölf der besten Wirtshäuser zur Verfügung. Die Situation der Bürger war trostlos und ihre wirtschaftliche Lage elend geworden. Da die Spanier Recklinghausen und befestigte Häuser eingenommen hatte, konnten die Dorstener keine wirtschaftliche Hilfe von außen erwarten, um der finanziellen Bürde der Stadt Erleichterung zu verschaffen. Dazu kam, dass verwundete spanische Soldaten, die in Recklinghausen kämpften, nach Dorsten ins Lazarett geschickt wurden und ebenfalls verpflegt werden mussten. Die einquartierten Spanier benahmen sich gegenüber den Bürgern „gar übel und nicht anders als Tyrannen“.

Trostlose Situation der Bürger – Stadt litt unter den großen Kriegslasten

Am 18. Januar 1599 schickte Dorsten erneut einen Jammerbrief an das Domkapitel in Köln  mit der Bitte um Erleichterung der großen Kriegslasten. Die erfreulichen Schritte des Kürfürsten, so schrieben die Dorsten an denselben, seien ohne Wirkung geblieben. Auch würde es keine Ordnung unter den Kriegsleuten in der Stadt geben. Das Domkapitel antwortete am 23. Januar, dass vom apostolischen Nuntius im Auftrage des Kurfürsten dem spanischen Kommandierenden eine Memorialschrift übergeben worden sei, in der man die Angelegenheit der Stadt Dorsten und des Vests dargelegt habe. Allerdings änderte sich nichts. Die Not in Dorsten wurde in diesen Winterwochen immer größer. Erst am 13. und 14. April 1599 zogen die Spanier ab. Die Stadt musste die abziehenden Soldaten mit Proviant für zehn bis vierzehn Tage sowie mit Geld versorgen.

60.000 Reichstaler standen auf der eingereichten Schadensliste

Szene Dreißigjähriger Krieg 1643

Soldateska

Die Stadt Dorsten reichte beim Kurfürsten in Köln eine Schadensliste ein. Die Schäden beliefen sich bis zum Jahr 1600 auf 60.000 Reichstaler. Die Not wäre nicht so groß gewesen, wenn für die beiden Städte im Vest, Dorsten und Recklinghausen, die Handelswege nach außen nicht abgeschnürt gewesen wären. Noch im gleichen Jahr machte sich das deutsche Reich daran, gegen die fremden Truppen auf ihrem Gebiet vorzugehen. Reichstruppen unter dem Kommando von Oberst Christoph Block und Braunschweigsche Reiter zogen durch das Vest. Sie konnten nicht viel ausrichten, denn die Pest wütete im Land und unter den Soldaten.

Große Drangsal auch in der Herrlichkeit

Bevor das spanische Kriegsvolk 1599 Dorsten erreicht und erobert hatte, durchzogen 100 spanische Reiter ab 20. September 1598 raubend auch die Herrlichkeit, brandschatzten Raesfeld, Erle, Rhade, Lembeck und Deuten, wo sie ihr Lager aufschlugen. Ausführlichen Nachrichten über das Verhalten der spanischen Soldateska enthalten zwei Schadensverzeichnisse aus dem Jahre 1599, die sich im Archiv von Schloss Lembeck befinden (L210). Die Meldungen wurden dem Landesherrn, Fürstbischof Herzog Ernst von Bayern, am 11 Mai 1599 durch Johann von Westerholt, Bruder des Lembecker Schlossherrn, überreicht. Darin heißt es:

„Alles gebrandschatzt und rauznirt [durch Lösegeld erpresst] und sein die Leuthe umb Geld zu preßen in derselben Kerken [St. Urbanus] jamerlich gemartert, Weiber geschändet, und gebraden, davon noch einer Johan Hinsken genandt vorhanden, der davon sein Leben langh ein Kropel sein moß. Und ist also allein dat mal dat gantze Gerichte davastirt [verwüstet], sundern haben die Leuthe in großem Unwedder mit ihren Weib, Kinderen, Viehe und was sie sunsten zu salveren [retten] gemeindt an Heggen [Hecken] und Tunnen [Zäunen] gelegen, und darann viell Elendtz zu ersehen gewesen, viell Leuthe und Viehe gestorven und verdarben, auch dermaßen verkeltet, waß dar nit desmal gestorben ist, solchs stirbt inzund hinwech“.

Der Grund für ein fast widerstandloses Hinnehmen eines solchen brutalen Besatzungsregimes, wie es die Spanier in diesem Winter ausübten, dürfte vor allem in der tiefen Kluft der Religionsauffassungen zu suchen sein. Des Weiteren war die Reichsverfassung so schwerfällig, dass alle geforderten Gegenmaßnahmen immer wieder an der Parteinahme der evangelischen Stände für die Holländer und der katholischen für die Spanier scheiterten.


Quelle:
Nach Dr. Weskamp in „Vestische Zeitschrift“, Bd. 17, 1907.

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