Sagemüller, Fritz

Erler Lehrer widmete sich der Partei und der Steinzeit

1891 in Willebadessen/Kreis Warburg bis 1945 in Erle. – Sagemüller war kein Dorstener, dennoch reichte sein heimatgeschichtlicher Wirkungskreis vom Dorf Erle, das zur Herrlichkeit Lembeck und bis 1975 zum Amt Hervest-Dorsten gehörte, bis nach Dorsten. Fritz Sagemüller war Lehrer und Heimatforscher in Erle. Er besuchte das Paderborner Lehrerseminar, kam 1914 als Junglehrer nach Erle, wurde gleich darauf Soldat, kämpfte als Leutnant in Verdun, wurde schwer verwundet und nach der Genesung wieder in den Schuldienst in Erle aufgenommen. 1921 heiratete Sagemüller die Lehrerstocher Hermine Schwegmann.

Kleines Schulmuseum in Erle eingerichtet

Das bevorzugte Interesse Fritz Sagemüllers, der nach Weggang seines Amtsvorgängers Lammersmann Schulleiter wurde, galt der Vor- und Frühgeschichte in Erle und Umgebung. Begeistert war er von den Ausgrabungen des fränkisch-merowingischen Gräberfeldes. In Erle richtete er ein kleines Schulmuseum ein, in dem die detailliert beschriebenen Fundgegenstände ausgestellt waren. Er erforschte die jungsteinzeitlichen Siedlungen rund um Östrich, die Teufelssteine bei Heiden und andere Fundorte steinzeitlicher Besiedlung. Zudem war Sagemüller Vorsitzender des Erler Obst- und Gartenbauvereins und von 1931 bis 1945 Organist. Fritz Sagemüller veröffentlichte Aufsätze in Heimatkalendern.

Schon im April 1933 in die NSDAP eingetreten

Fritz Sagemüller

Politisch hatte er eine national-konservative Grundeinstellung, was ihn nicht unbedingt zum Freund der Weimarer Republik machte, denn den „Versailler Vertrag“ hielt er für eine „Schande“. Daher setzte er – wie so viele andere auch – seine politischen Hoffnungen in das nationalsozialistische  Erneuerungsprogramm für Deutschland. Schon am 26. April 1933 trat er in die NSDAP (Mitgl.-Nr. 2.170.780) ein und wurde in der Ortsgruppe Erle Propagandaleiter, um die Erler Bevölkerung zu ideologisieren und vor allem die Kinder, die ihm als Lehrer anvertraut waren, auf nationalsozialistischen Kurs zu bringen. Nichts anderes verbarg sich hinter dem Amt des Propagandaleiters, das Sagemüller, und sechs andere Parteiämter, bis Kriegsende innehatte. Wie er dabei mit den auch damals zu erkennen gewesenen offenen Rechtsbrüchen und der menschenverachtenden Verfolgung Andersdenkender auch schon zu Beginn des Dritten Reiches umgegangen ist, ist nicht bekannt. Jedenfalls ließ er in seiner Schule neben den Bildern des Reichspräsidenten, Reichskanzlers und Führers Adolf Hitler auch die Christus-Kreuze hängen. Als er 1938 vom „Stürmer“ schriftlich gemahnt wurde, endlich einen Schaukasten an der Schule anzubringen, hängte er ihn so hoch, dass die Schulkinder seinen antisemitischen Inhalt nicht lesen konnten. Das lässt darauf schließen, dass Sagemüller nicht zu den „hundertprozentigen Nazis“ gehörte und wusste, zu was der Nationalsozialismus fähig war. Mitte 1940 wurde Sagemüller zum Kriegsdienst eingezogen, aber schon ein Jahr später als Oberleutnant wieder entlassen, was vermutlich mit seiner Verletzung aus dem Ersten Weltkrieg zu tun hatte. Am 23. März 1945 bereitete sich die Familie Sagemüller in Erle mit ihren vier Kindern auf einen erwarteten alliierten Bombenangriff vor. Während die Familie zum Teil verletzt im Keller des Hauses überlebte, wurde Fritz Sagemüller, der vor dem Haus noch etwas richten wollte, von Bombensplittern tödlich getroffen. Er ist auf dem Friedhof in Erle bestattet. 2011 wurde bekannt, dass in Erle eine Straße nach ihm benannt werden soll.

Kommentar von Wolf Stegemann:
Viele Lehrer unterstützten und stützen den Nationalsozialismus

Die Haltung von Lehrern zum und im Nationalsozialismus lässt sich auch am Verhalten Sagemüllers erkennen, wie an dem von Kaspar Laukemper, von Dr. Wiedenhöfer und dessen Nachfolger als Schulleiter des Gymnasium Petrinum, Dr. Feil, und vielen anderen, die das Regime stützten – zuerst aus Überzeugung, nach Enttäuschung über den Nationalsozialismus aus Berechnung und Angst vor Karriereverlust.
Der Heimatverein Erle gab 1994 die von Fritz Sagemüller offiziell verfasste „Erler Schulchronik 1933-44“ heraus, in der anfangs die Person des Erler Dorschullehrers – leider ohne Verfasser-Kennzeichnung – gewürdigt und das Verhalten Sagemüllers kommentiert ist. Darin steht u. a., dass Sagemüller „neben dem Pfarrer eine gewisse geistige Führungsrolle besaß“, und „neben diesem Erscheinungsbild auch Einstellungen gesehen werden müssen, die – aus heutiger Sicht – mit seinem sonstiges Tun als kaum vereinbar erscheinen“. Mit Tun ist wohl seine Verstrickung im Nationalsozialismus gemeint.

Dass dies in dem Buch so offen dargelegt wurde, ist bemerkenswert und höchst respektabel. Denn noch Ende der 1980er-Jahre, als der Kommentator als Journalist der „Ruhr-Nachrichten“ Sagemüller lediglich als „national-patriotisch“ bezeichnet hatte, rügte die Tochter des Lehrers diese lapidare Feststellung über ihren Vater als beleidigend falsch und beschwerde sich schriftlich beim Redaktionsleiter sowie bei einer dem Journalisten nahe gestandene öffentlich wirkende Persönlichkeit, die mit der Angelegenheit nichts zu tun hatte. Von einer Mitgliedschaft Sagemüllers in der NSDAP war damals überhaupt nicht die Rede, weil die Parteizugehörigkeit dem Journalisten  nicht bekannt gewesen war.
Weiter heißt es im Buch des Heimatvereins über Sagemüller: [Es] „muss beachtet werden, dass er als Schulleiter einem starken Druck ausgesetzt war, in die Partei einzutreten. Die Parteiämter wurden – auch auf Einwirkung des damaligen Pfarrers Grosfeld hin – in erster Linie unter den Lehrern aufgeteilt […]. Man wollte die Übernahme der Parteiämter durch auswärtige Funktionäre der NSDAP oder durch Erler, denen man ein schärferes Vorgehen zutraute, verhindern und hoffte, dadurch größere Probleme für die Gemeinde zu umgehen.“

Wie Historiker übereinstimmend bewerten, war 1933 der Druck, in die Partei einzutreten, nicht sonderlich groß. Die Dorstener NSDAP verfügte sogar einen Aufnahmestopp, weil sich zu viele „schwarze Seelen“, gemeint waren Katholiken, in die Partei drängten. Erst bei der großen Welle der Parteieintritte 1937 wurde Druck ausgeübt, wie aus den Entnazifizierungsakten Dorstener Lehrer hervorgeht.
Sagemüller gab 1933 genau das Bild ab, wie sich die NSDAP in den ländlichen katholischen Regionen Lehrer im Sinne der NS-Ideologie und Propaganda vorstellten Sie sollten eine national-patriotische Gesinnung und eine Führungsrolle in der katholischen Bevölkerung haben, sie sollten die kirchlichen Funktionen wie Orgelspiel und Kirchenchor-Leitung behalten, sie sollten durch Mitgliedschaft in der Partei und Übernahme von Partei-Ämtern ein klares Bekenntnis zum Nationalsozialismus nach außen ablegen, sollten zudem karrierewillig und als Beamte sicherheitsbedürftig sein. An anderer Stelle in der Schulchronik steht über das Wissen Sagemüllers:

„Es ist kaum anzunehmen, dass Fritz Sagemüller 1933 wirklich gewusst hat, was nationalsozialistisches Denken bedeutete, zu welcher menschenverachtenden Konsequenz es führte. Aber noch wichtiger ist es, dass er im Verlauf der nächsten Jahre einen deutlich erkennbaren inneren Wandel vollzog.“

In Abwandlung dieses Zitats könnte man sagen, dass es kaum anzunehmen ist, dass Sagemüller 1933 über nationalsozialistisches Denken und der Ziele nichts gewusst hatte. Der Nationalsozialismus ist nicht über Nacht vom Himmel gefallen. Sagemüller war zum Zeitpunkt seines Parteieintritts 42 Jahre alt. Er wusste aus eigener Erfahrung, wie leidvoll Krieg war, den die Nationalsozialisten auch schon vor 1933 propagierten. Sagemüller heute als politisch unwissend hinzustellen, ist zu billig. Da Sagemüller unterstellt wird, die Parteifunktionen in der Absicht übernommen zu haben, damit schlimmeres verhindert werde, deutet doch darauf hin, dass er bereits 1933 wusste, wie bösartig der Nationalsozialismus war, dem er sich verschrieben hatte, denn sonst hätte er nichts „verhindern“ brauchen.

Solche und andere durchsichtigen Entschuldigungen sind zuhauf in den Entnazifizierungsakten der großen und kleinen Nazis von ihnen selbst und denen, die versuchten, sie „rein zu waschen“, zu finden. Bleibt die Frage, auf wen hat sich das Regime mit allen seinen staatlichen Menschenrechtsbrüchen, kriminellen Handlungen und Morden im vollen Licht der Öffentlichkeit bereits in den ersten Jahren nach 1933  stützen können? Auf die Masse der willigen Mitläufer. So dass das NS-Regime 1945 schließlich von außen überwunden werden musste – und nicht von innen überwunden wurde.

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