Richert, Karl

40 Jahre lang Pfarrer in Paraguay, dann vier Jahre in Holsterhausen

Einreisedokument Pfarrer Karl Richerts 1961 von Paraguay nach Brasilien

W. St. – 1904 in Karolinow bis 1999 in Dorsten-Holsterhausen; evang. Pfarrer. – Sein Geburtsort liegt in der Mitte von Polen und gehört zur Woiwodschaft Lodz. Bevor er von 1966 bis 1970 als Pfarrer der Martin-Luther-Gemeinde in Holsterhausen vorstand, lebte und arbeitete Karl Richert im südamerikanischen Paraguay. Er wurde 1966 pensioniert und lebte bis zu seinem Tod 1999 weiterhin in Holsterhausen. In Dorsten fand er stets viele interessierte Zuhörer, wenn er über sein bewegtes Leben in Paraguay erzählte, wo er 40 Jahre lang als Pfarrer tätig war.

Mit der „Monte Olivia“ im Winter 1927 nach Südamerika

Auswandererschiff „Monte Olivia“

Über das „Gustav-Adolf-Werk in Westfalen“ hatte ihn die Evangelische Kirche von Westfalen (EKvW) 1927 ins südamerikanische Paraguay geschickt. Die westfälische Kirche war mit der dortigen 1899 gegründeten Kirche „Iglesia Evengélica del Rio de la Plata“ (IERP) eng verbunden – und ist es noch. Denn in dem großflächigen Paraguay lebten verstreut rund 30.000 Deutsche. Diese Partnerschaft reicht bis in die Anfänge der evangelischen Kirche im südlichen Lateinamerika zurück, die auf Gemeinden deutscher Auswanderer zurückgeht. Unter den dorthin Geschickten war übrigens auch der Dorstener Henner Maas, der nach Rosa del Monday in Paraguay kam. Der spätere Dorstener Pfarrer Karl Richert emigrierte 1927 mit dem Auswandererschiff „Monte Olivia“ von Kopenhagen nach Argentinien, wo er am 18. Dezember ankam. Da war er gerade 23 Jahre alt. 1935 kam Pastor Karl Richert in die Pfarrstelle in Asuncion und blieb dort 30 Jahre lang. Die dortige Presse hatte 1965, als er Paraguay verließ und nach Deutschland zurückkehrte, seine Zeit als „Aera Richert“ bezeichnet, in der er sich um neue Schüler für die deutsche Schule und das Internat bemühte. Weiter berichteten die Zeitungen, dass Richerts Nachfolger in Asunció Pastor Ulrich Krupka wurde, der zu diesem Zweck aus Deutschland nach Paraguay geschickt wurde. Seine Aufgabe war es, Seelsorger und Ansprechpartner der vielen versprengten Evangelischen zu sein. Er heiratete, die Ehe, so offizielle Unterlagen, blieb angeblich kinderlos. Um ihren Charakter und die Sprache zu erhalten, trafen sich die Deutschen in Klubs, eröffneten deutsche Schulen, gründeten deutsche Krankenhäuser und Bibliotheken. Unter diesen Einrichtungen war auch der „Deutsche Volksbund für Paraguay“, besser bekannt unter „Unión Germánica“, der durch finanzielle Unterstützung der NSDAP aus Deutschland erhalten wurde. Mitglied dieser NS-Organisation war auch Karl Richert.

Karl Richert predigte Gottes Wort und das Adolf Hitlers

NSDAP in Asunción 1938; darunter K. Richert

In den Nazi-Archiven von Asunción fand man Unmengen von Material, woraus hervorgeht, dass auch die Kirchengemeinden dem Nationalsozialismus in fernen Deutschen Reich weit offen standen. Zudem haben in den deutschen Kreisen die nationalsozialistischen Deutschen öffentlich Druck auf die ausgeübt, die der NS-Ideologie und dem neuen Volksbewusstsein der organisierten Paraguay-Nazis fern standen. Es gab nationalsozialistische Umzüge mit Hakenkreuzfahnen, deutscher Marschmusik und „Heil“-Rufen. Am 20. Mai 1938, einige Wochen nach dem Anschluss Österreichs an das Reich, meldete Paraguays NSDAP-Parteichef Reimer Behrens nach Berlin, „dass in Paraguay die Situation ruhig und keine unmittelbare Gefahr zu erwarten sei“. Behrens, ein rechter Nationalist aus dem ersten Weltkrieg, führte die Auslands-NSDAP in Paraguay ab 1936. Zweimal wurde Behrens für seine Aktivitäten von Hitler ausgezeichnet. Ihm zur Seite stand Pfarrer Karl Richert. Das Wochenblatt „Valores“ berichtete am 22. Januar 2012  in dem Aufsatz „Deutsche und die NSDAP während des 2. Weltkriegs“ auch über Karl Richert: „Zusammen mit Behrens waren einige Sympathisanten wie der evangelische Pfarrer Karl Richert, der konstant Reisen ins Inland unternahm, um neben seiner religiösen Tätigkeit seine nationalsozialistische Ideologie zu verbreiten. Im Mai 1940 wurde der Pfarrer für eine Ehrung mit der Begründung vorgeschlagen, dass Richert immer stärker und intensiver für das Wohl der Partei tätig sei. „Der Religiöse [gemeint Karl Richert] liebt seine alte Heimat und regt Diskussionen an und zeigt Parteifilme.“

Ökumenische Werte der Holsterhausener Gemeinde nahegebracht

Grabstätte in Holsterhausen; Foto W. Stegemann

Einer Information der US-Botschaft in Paraguay aus dem Jahr 1946 zufolge, beschäftigte sich das NSDAP-Auslandsmitglied Karl Richert im Jahr 1934 bereits mit dem Juden und Neueinwanderer Rudolf Hirsch. Von Paraguay aus fragte Pfarrer Karl Richert bei der Polizei in Hamburg um Informationen über den Exil-Juden nach. Richert meinte nämlich, dass Hirsch neben dem Antisemitismus in Deutschland „noch mehr Gründe hätte, Deutschland zu hassen“.  Während des Zweiten Weltkriegs, als die Gehaltszahlungen der Kirche aus Deutschland ausblieben, gründete das Ehepaar Richert 1939 in ihrem Pfarrhaus in Asunción ein Internat für Kinder deutscher Auswanderer, um ihre finanzielle Existenz zu sichern. Karl Richert blieb Pfarrer seiner Gemeinde in Asunción bis 1965, das Jahr, in dem er nach Deutschland zurückkehrte. Kurz vorher war er noch in Rio de Janeiro/Brasilien.
1966 wurde er Pfarrer der Martin-Luther-Gemeinde in Holsterhausen und blieb es bis zu seiner Emeritierung 1970. Er blieb in Holsterhausen wohnen und seiner Kirche als Gesprächspartner stets verbunden. Sein Nachfolger Pfarrer Wolf-Dietrich Rienecker schrieb 2002 in  den „Holsterhausener Geschichten“ über seinen Vorgänger: „Ökumenische Weite und ökumenisches Lernen hat er uns immer wieder nahegebracht. Fast dreißig Jahre lang lebte er als guter Nachbar und Ratgeber im Ruhestand unter uns, bis er am 29. Mai 1999 mit 95 Jahren starb.“ Karl Richert wurde auf dem katholischen Dorffriedhof in Holsterhausen beigesetzt. Auf seinem Grabstein stehen keine weiteren Lebensdaten; lediglich sein Familienname.

Zur Sache: Verbindung der Westfälischen Kirche zur Kirche de la Plata

Straßenbild im Juli 2016 in Asunción

Die engen Beziehungen zwischen der evangelischen Kirche in Paraguay und der in Westfalen dauern fort. Arbeitskreise beleben diese Partnerschaft. Das ist der „Arbeitskreis Evangelische Kirche am La Plata“ auf westfälischer Seite sowie den „Arbeitskreis Westfalen“ in Paraguay. Der westfälische Arbeitskreis besteht aus 15 Personen mit Vertretern von Kirchengemeinden, Kirchenkreisen, Bethel und der Evangelischen Kirche in Deutschland. Außerdem nimmt ein Gast aus der Kirchengemeinde Düren (Evangelische Kirche im Rheinland) teil. Der Arbeitskreis führt das alle zwei Jahre stattfindende „Forum Rio de la Plata“ durch. Die Themen: Hier die Themen der vergangenen Jahre: „Heimat in der Fremde – Fremde in der Heimat“ (2017), „Jeder nach seiner Fasson – die Zukunft der evangelischen Kirchen in der multikulturellen Gesellschaft“ (2015), „Welche Kirche braucht die Stadt?“ (2013), „Taufe als Berufung“ (2011), „Deutsch-Argentinische Außenpolitik unter Einbeziehung der Länder Paraguay und Uruguay“ (2009), „Missionarische Kirche im Zeitalter der Globalisierung“ (2007). Im „Arbeitskreis Westfalen“ der La Plata-Kirche sind neben Kirchengemeinden und Kirchenbezirken auch Vertreter der Hochschule, der Ökumenischen Bewegung für Menschenrechte), Projektpfarrer des Programms „Verkündigung des Evangeliums unter den Armen“ sowie der Leiter der Diakonieabteilung vertreten.

Siehe auch: Pfarrer Arthur Paeschke


Quellen: „Holsterhausener Geschichten“, 2002. – Brasil, Cartões de Imigração, 1963. – Passagierlisten der „Monte Olivia“. – Wochenblatt „Valores“ vom 22. Januar 2012. – „Arbeitskreis Evangelische Kirche am La Plata“ Bielefeld (Internetseite, Aufruf 2017).  

 

Share on FacebookTweet about this on TwitterShare on Google+Email this to someone