Poetsch, Gaby

Ihr Leben steckt in „Lenchen unterm Apfelbaum“

Geboren 1955 in Dorsten; Schriftstellerin und Lyrikerin. – Mit 15 Jahren schrieb sie schon ihre ersten Geschichten und kleinen Gedichte. Mittlerweile ist sie seit einigen Jahren regelmäßig mit Kurzgeschichten in Anthologien vertreten und hat 2008 ihr erstes Märchenbuch „Purzelhexchens Märchenschatz“ veröffentlicht, dem zwei Jahre später der teilbiographische Roman „Lenchen unterm Apfelbaum“ folgte. Gaby PoetschIm Jahr 2005 machte sie das Schreiben zu ihrem Beruf. Zusätzlich gilt ihr besonderes Augenmerk seit einigen Jahren der Förderung noch unbekannter Autoren und der Unterstützung der Lese- und Schreibkompetenz bei Kindern. Inzwischen darf sie sich auch zu den „talentierten Märchenschreiberinnen“ des 21. Jahrhunderts zählen, schrieb die „Dorstener Zeitung“, denn Gaby Poetsch ist seit 2008 mit einer Geschichte in der Märchensammlung des Dortmunder Mario Eberlein vertreten, was quasi einen „Ritterschlag“ bedeutet. Eberlein hat rund 70 Autoren und Autorinnen dieses Genres aus allen Ländern um sich versammelt, diskutiert mit ihnen Texte und veröffentlicht deren  Märchen. Gaby Poetschs Geschichte „Der Kobolt mit den blauen Augen“ ist im 3. Band seiner Buchreihe ediert.

Die Autorin verleiht ihrem Apfelbaum ihren Charakter

Buchtitel„Lenchen unterm Apfelbaum“ ist ein Episodenroman, mehr als 300 Seiten stark und in anderthalb Jahren entstanden. Ausgangspunkt ist die Geburt eines Mädchens auf dem Bauern-Hof in einer ungenannten Stadt, die sich aber als Dorsten mit seinen typischen Denk- und Abgrenzungsstrukturen erkennen lässt. Ein besonderes Stilmittel ist der Apfelbaum, zu dem Lenchen Zeit ihres Lebens immer wieder zurückkehrt. Der Baum kommentiert in kurzen Zwischen-Sentenzen das, was Lenchen im Laufe der 60 Jahre, die der Roman abdeckt, so alles widerfährt. Und bekommt somit selbst persönlichen Charakter. Wer in den 1950er und 60er Jahren groß wurde, hat „sehr viel an Entwicklungen mitmachen müssen“. Vielfach ohne Väter groß geworden, und dennoch streng konservativ erzogen, haben die Kinder, vor allem Mädchen, die Rebellion der späten Sechziger hautnah erlebt – mit all ihren nachfolgenden Irrungen und Wirrungen.

Farbenspiel

Heute ist einer dieser Tage, an denen der Herbst den Bildern widerspricht, die ich ihm zuordne. Kein nebelverhangener Morgen, kein um die Ecken pfeifender Sturm, gegen den ich mich anstemmen muss. Auch den Nieselregen hat er im Irgendwo gelassen, der mich die unangenehme Kälte fühlen lässt, die von den Füßen her aufsteigt und in die Knochen fährt. Melancholie und Tristesse haben Startverbot.
Diesen Tag hat er noch einmal an die Sonne verschenkt, ohne Einschränkung. Die Sonne nutzt ihre Chance. Sie kommt hinter dem alten Kirchturm hervor, springt zwischen die Marktfrauen, die hinter ihren Ständen auf die ersten Kunden warten, spaziert die Fassaden der Bürgerhäuser entlang und riskiert hin und wieder einen spionierenden Strahl durch die blank geputzten Fenster in die dahinter liegenden Wohnungen. Gediegen sieht’s aus.
Neugierig lugt sie in die dunklen Seitenstraßen, in der die schwarzäugigen Fremden wohnen. Die, von denen man sagt, dass sie am liebsten unter sich blieben. Es sind die Straßen, die anfangen, als seien sie schon zu Ende. In denen sich die Gerüche von Fisch, Hammel und Knoblauch vermengen. Auf traurige Häuser blickt die Sonne dort, auf schräge Rollläden, hinter denen Fenster schielen. Aus einem Hinterhof dringt Zank und Musik zu ihr hinauf. Kinder spielen Gotteskrieger und Fußball.
Sie verlässt die Stadt. Breitet sich aus auf den umliegenden Feldern, kitzelt einem Hund vorwitzig die Nase und veranlasst dessen Besitzer, die dicke Jacke abzulegen.
Dann treibt es sie weiter, hin zum Wald, zu ihrer Lieblingsbeschäftigung, dem Spiel mit den Blättern. Neben flammendes Rot und dumpfes Schwarzbraun zaubert sie leuchtendes Gelb, vergisst auch das warme Orange nicht –Sie nutzt ihre Freiheit.


Siehe auch:
Literaten, lebend


Quelle:
Homepage Gaby Poetsch (2011). – „Gaby Poetsch schafft den Sprung in Märchensammlung“ in DZ vom 5. November 2008. – Michael Klein „Gaby Poetsch schrieb „Lenchen unterm Apfelbaum“ in DZ vom 6. Mai 2010. – Autorisierter Text.

Share on FacebookTweet about this on TwitterShare on Google+Email this to someone