Newtownabbey

Reger Besucheraustausch mit der nordirischen Partnerstadt

Die 72.000 Einwohner große Stadt in Nordirland ist eine moderne Gründung mit alten Stadtvierteln und liegt rund zehn Kilometer nördlich von Belfast. Um 1800 begann die Industrialisierung in der Gegend von Newtownabbey, in der Landwirtschaft (Baumwolle, Flachs) vorherrschte. Die zweite Industrierevolution fand nach den Zweiten Weltkrieg statt. Der Distrikt in der heutigen Gestalt wurde 1973 gegründet und umfasst die Stadtbereiche von Newtownabbey, die Stadt Ballyclare sowie mehrere frühere Landbezirke von Larne und Antrim. Zum Stadtkern gehören heute mehrere frühere Dörfer und ehemalige eigenständige Städte. Die Gründung der Universität 1984 (Kunst, Wirtschaft, Sprachen, Erziehungswissenschaften, Technologie, Sozialwesen, Medizin) trug wesentlich zur Entwicklung der Stadt bei. Die Wirtschaft basiert hauptsächlich auf Landwirtschaft und Industrie (Leinen, Schiffbau, Tabak, Nahrungsmittel).

Newtownabbey

Luftaufnahme Newtownabbey im britischen Nordirland

Geschichte der Partnerschaft begann mit einem verschwundenen Kotelett

Als es für junge Deutsche kaum eine Möglichkeit gab, das Ausland kennenzulernen, tat sich im Jahre 1950 bei einem Informationstreffen einer nordirischen Delegation mit dem damaligen Jugendring der Stadt Dorsten plötzlich ein Tor für sie auf. Beim Abendessen auf Schloss Beck verschwand das Kotelett eines Dorstener Jugendlichen, worauf sein Gesprächspartner, der nordirische Pfarrer Harold R. Allen, sein eigenes sofort teilte. So entstand eine Freundschaft, bei der es nicht einfach war, beide Seiten von ihrer Notwendigkeit zu überzeugen.

Vom 11. bis 27.Juni 1952 fand die erste Reise junger Dorstener aus der Gemeinde Hervest in die nordirischen Gemeinden Bangor und Groomsport statt. 1956 übernahm Pfarrer Harold R. Allen die presbyterianische Gemeinde von Ballyclare – heute Stadtteil von Newtownabbey – ca. 10 km nördlich von Belfast. In den Jahren 1956 bis 1968 engagierte sich die Kirchengemeinde Hervest in der noch jungen Freundschaft, seit 1959 fanden regelmäßige Besuche untereinander statt. So fuhren die Hervester in den Jahren 1959, 1960, 1961, 1962 und 1967 nach Ballyclare. Die evangelische Gemeinde Holsterhausen setzte ab 1968 die Pflege der Kontakte fort. Jetzt waren es die nordirischen Freunde, die in der Zeit beginnender Unruhen Hilfe und Unterstützung brauchten. Eine Gemeindefahrt 1971 mit den Pfarrern Hermann Schneider und Wolf-Dietrich Rienäcker festigte in dieser Zeit die Freundschaft, obwohl die Angst vor dem Bombenterror manche Dorstener Bürger immer wieder davor zurückschreckte, einen Besuch in Nordirland zu machen. Damals haben die Dorstener das Taschentuch zurückgeholt, das der Leiter der 1959er-Gruppe – Rudolf Bögershausen – beim Ablegen im Hafen von Larne zum Trocknen der Abschiedstränen an Land geworfen hatte. „Dieses Taschentuch existiert heute noch“, versichert Wolf-Dietrich Rienäcker im Juni 2009. Es wandert zwischen Ballyclare und Dorsten hin und her und die jeweiligen Reisen sind durch besondere Sticker darauf verewigt.

„Partnerschaft mit dem Taschentuch“

In einem frühen Bericht der Bundesregierung wurde die Dorstener Nordirland-Patenschaft daher auch als „Partnerschaft mit dem Taschentuch“ bezeichnet. 1969, 1976 und 1982 kamen Gruppen aus Ballyclare nach Dorsten, aber in umgekehrter Richtung war es schwierig, Gruppenreisen zu organisieren – auch wenn der Faden durch Einzelbesuche nie abriss. Im Jahre 1983 wurden die regelmäßigen Fahrten wieder aufgenommen.

Stadt trat 1988 in die Partnerschaft ein

Von 1971 an betreute Pfarrer Rienäcker in Holsterhausen die Freundschaft. Auf irischer Seite hat sich Pfarrer Harold R. Allen stark engagiert. Als Dank für diese besondere Arbeit wurde dem engagierten Nordiren am 17. November 1987 vom deutschen Bundespräsidenten das Bundesverdienstkreuz verliehen. Rudolf Bögershausen erhielt im Juni 1991 durch die britische Königin den Orden MBE („Honorary Member of the Most Excellent Order of the Briritish Empire“) für seine langjährigen Verdienste im partnerschaftlichen Austausch. Es waren vor allem die Bitte Harold Allens und der gemeinsame Antrag der Holsterhausener Kirchengemeinden, die die verantwortlichen Politiker in Dorsten veranlassten, über eine Städtepartnerschaft nachzudenken. So beschloss der Rat der Stadt Dorsten in seiner Sitzung am 21. Juni 1988, eine offizielle Partnerschaft mit Newtownabbey einzugehen.

Die Folge war eine Vermehrung der Kontakte

Hervorzuheben ist die jahrelange Freundschaft zwischen dem Gymnasium Petrinum und der Ballyclare High School oder die der Kirchengemeinde St. Urbanus in Rhade mit der katholischen Gemeinde St. Bernard`s in Glengormley, einem Stadtteil Newtownabbeys. Auch die Beruflichen Schulen in Dorsten, der BVH in Holsterhausen, die Jugendmitarbeiter in Dorsten und viele andere – so wie zuletzt die Regenbogenwerkstatt e. V. mit einem Malprojekt in Newtownabbey – streckten ihre Arme in die Partnerstadt aus. Auf der Seite der Stadtverwaltung tat sich sehr viel. Wirtschaftliche Kontakte, die Vorbereitung zur „Kulturhauptstadt 2010“ und die enge Dreiecksbeziehung zwischen Dorsten, Rybnik und Newtownabbey auf kommunaler Ebene sind Ergebnis eines engen Austausches.

Im November 2007 trat Rienäcker als Vorsitzender des Freundeskreises aus Altersgründen zurück. Nach 37 Jahren hat er mit Geduld, Mut und Beharrlichkeit erreicht, dass die Freundschaft, die er damals über die Grenzen noch unversöhnter Kriegsgegner hinweggetragen hat, eine feste Größe geworden ist. Als Dank und Anerkennung für die „Nordirland-Initiative“ wurden ihm und der Kirchengemeinde Holsterhausen im November 2000 der „Förderpreis Konziliarer Prozess – für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung“ – durch die westfälische Landeskirche überreicht. Am 9. Oktober 2008 erhielt Pfarrer Rienäcker den „Freedom of the Borough of Newtownabbey“, die höchste Auszeichnung einer britischen Stadt.


Quelle:
Homepage des Parterschaftsvereins (2014).

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