Muslime (Essay)

Für viele ist Deutschland eine in vielem immer noch fremde Welt

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Seit mehr als 200 Jahren gibt es Muslime in Deutschland. Der Islam hat hierzulande vor allem mit der Einreise der Muslime in den 1960er-Jahren aus den verschiedenen Anwerbestaaten, insbesondere aus der Türkei, an Bedeutung zugenommen. Diese Muslime kamen in eine für sie fremde Gesellschaft und wurden mit anderen Lebensweisen, Strukturen und einer völlig anderen Kultur konfrontiert, so dass sie sich mit neuen sozialen und religiösen Problemen auseinanderzusetzen hatten. Auch wenn viele Fragen im sozialen Bereich im Laufe der Zeit aufgegriffen und gelöst werden konnten, stellte sich die religiöse Komponente besonders für praktizierende Muslime als ein tiefer greifendes Problem dar. Es ging dabei in erster Linie um die Pflege und Bewahrung der eigenen kulturellen Identität, um die Weitergabe des Glaubens und eines Wertmaßstabes an die jüngere Generation. Verknüpft hiermit verlangten Eltern für ihre Kinder eine religiöse Unterweisung zur Erlangung der islamischen Grundkenntnisse – ähnlich einem Konfirmations- bzw. Kommunionsunterricht. Während Anlaufstellen für christliche „Gastarbeiter“ entsprechend ihrem Glauben zur Verfügung standen, waren muslimische „Gastarbeiter” mit dieser Frage auf sich allein gestellt.

Moscheen, Gebets- und Versammlungsräume in Dorsten

Moschee am Holzplatz; Foto: Wolf Stegemann

Moschee am Holzplatz; Foto: Wolf Stegemann

1988 eröffnete der Türkisch-Islamische Kulturverein Diyanet im alten Postamt am Holzplatz in Hervest-Dorsten eine Moschee. 1999 wurde im Beisein von rund 100 Gläubigen an der Halterner Straße 61 in einem Wohnhaus eine weitere kleinere Moschee („Süleymanci“) des Verbandes der Islamischen Kulturzentren Köln e. V. eröffnet. Das Haus gehörte der Stadt, die es an den Verband verkaufte. Bis dahin hatte der Deutsch-Türkische Freundeskreis im Haus einen Aufenthaltsraum. Der „orthopraktische“ Verein in Dorsten hatte gerade 20 Mitglieder, die nach den strengen Auslegungen des Korans leben. Als das Gebäude 2005 zu einer Mosche ausgebaut wurde, kam es zu einigen Auseinandersetzungen zwischen der Dorstener Polizei und einigen Demonstranten, die gegen den Ausbau dieses Hauses zu einer Moschee dieser streng orthodoxen Muslime protestierten. Der Bau der Moschee ging ungehindert weiter, allerdings stellte die Baufirma zusätzliche Sicherheitskräfte auf.

Moschee soll 20 Meter hohes Minarett bekommen

An der Moschee soll ein 23 Meter hohes Minarett gebaut werden. Die türkische Ditib-Gemeinde will das Gebäude im Stadtteil Hervest auch erweitern. Der Gebetsraum soll vergrößert werden. Die Gemeinde hat bei der Stadt einen Bauantrag eingereicht. Das „symbolische Minarett“ soll das denkmalgeschützte Gebäude der Moschee, das ehemalige alte kaiserlichen Postgebäude, um fünf Meter überragen. Mit Stand von April 2017 werden die Pläne vom Landschaftsverband Westfalen-Lippe als oberste Denkmalschutz-Behörde sowie von der Stadt Dorsten geprüft. Die Entscheidung über den Bauantrag ist ein Verwaltungsakt; politische Gremien sind nicht beteiligt, werden aber von der Verwaltung informiert. Zudem soll der Gebetsraum erweitern und die Sozialräume aufgestockt werden. Architekt Axel Steinau wurde dazu beauftragt. Die Pläne liegend er Stadt vor. Durch den vorgesehenen Umbau wird das unter Denkmalschutz stehende Gebäude durch Erhöhung um 1,60 Metern verändert. Während die Denkmalschützer im Rathaus keine Bedenken signalisierten, muss das Bauordnungsamt prüfen, ob eine Baulast im Sinne des Moscheevereins eingetragen werden kann und ob die geplante Höhe des Gebäudes überhaupt mit den umgebenden Bauten harmoniert. Unmittelbar an das Moscheegelände grenzt das Berufskolleg an. Die Kosten des Umbaus, geschätzte 300.000 bis 400.000 Euro, will die Ditib-Moschee-Gemeinde durch Spenden ein.

Verband der islamischen Kulturzentren e. V. (Köln)

Kadir Demirhan und Freunde: Foto: Ralf Pieper

Kadir Demirhan und Freunde: Foto: Ralf Pieper

1973 wurde in Köln das „Islamische Kulturzentrum e. V.“ gegründet. Damit legten die Muslime in Deutschland den ersten Grundstein für eine Institution, die den damaligen Bedürfnissen vieler Muslime in Deutschland Rechnung tragen sollte. Initiatoren waren damals Arbeiter mit islamisch-religiöser Ausbildung, aber auch Absolventen von privaten und staatlichen Predigerschulen (Imam-Hatip Schulen) der Türkei. Mittlerweile sind in den Gemeinden des Verbandes der Islamischen Kulturzentren größtenteils hauptamtliche islamische Gelehrte angestellt, die überwiegend aus der zweiten Generation stammen und in Deutschland eine religiöse Ausbildung absolviert haben. Diese sind auch in Deutschland aufgewachsen, haben deutsche Schulen besucht, sie beherrschen die deutsche Sprache und können sich besser auf die Bedürfnisse und die neuen Herausforderungen einer Gemeinde einstellen. 1980 schlossen sich die einzelnen, bis dahin voneinander unabhängigen Islamischen Kulturzentren zum „Verband der Islamischen Kulturzentren e. V.“ zusammen und bilden somit eine rechtlich erfassbare und handlungsfähige zentrale Repräsentanz in Köln.

Diyanet Isleri Baskanligi (Ditib)

231-muslima agenda-initiativen_ausbildung_4-12_aDas Präsidium für Religionsangelegenheiten (Diyanet Isleri Baskanligi) ist eine der größten staatlichen Behörden in der Türkei. Das Diyanet ist direkt dem Ministerpräsidenten unterstellt und kümmert sich um Ausbildung und Besoldung der Imame, der Vorbeter beim islamischen Gebet, und der Muezzine, der Ausrufer. Mit der Institution Diyanet will der türkische Staat verhindern, dass fundamentalistische Fanatiker die Religion für ihre Zwecke nutzen und gegen die säkulare Staatsordnung instrumentalisieren. Es ist deshalb nicht verwunderlich, dass gerade während der Militärdiktaturen Anfang der 1960er-, 70er- und 80er-Jahre das Diyanet als Institution gestärkt wurde. So machten die regierenden Generale 1971 die Mitarbeiter der Behörde zu Staatsbeamten. Sie haben damit besondere Treuepflichten gegenüber dem Staat und dürfen sich nur eingeschränkt parteipolitisch engagieren. Mit der Verfassung von 1982 führten die Generale den islamischen Religionsunterricht als Pflichtfach ein – unter Aufsicht des Diyanet. Anderen Formen religiöser Unterweisung, wie private Korankurse, waren verboten.

Die Überlegung, fundamentalistische Tendenzen einzudämmen, führte 1984 auch zur Gründung des ersten Ablegers des Diyanet im Ausland, des Diyanet Isleri Baskanligi, des Ditib in Köln. Damit sollte vor allem der wachsende Einfluss von Gruppen aus dem Umfeld des Fundamentalisten Necmettin Erbakan wie der Islamischen Gemeinschaft Milli Görüs zurückgedrängt werden. Das Diyanet entsendet und bezahlt die 600 in Deutschland tätigen Imame und organisiert Koran-Kurse für türkische Kinder und Jugendliche. Anders als das Diyanet in der Türkei hat die Ditib in Deutschland allerdings kein Monopol.

Zunehmende Islamisierung der Ditib durch die Türkei bereitet Unbehagen

231-muslime-deutschland-191010-540x304Seit dem Amtsantritt der islamisch geprägten Regierung von Ministerpräsident Tayyip Erdogan wurde das Diyanet weiter aufgewertet und sein Personal von 88.500 auf inzwischen weit über 100.000 ausgebaut. Die kemalistische Elite verfolgt diese Entwicklung mit gespaltenen Gefühlen: Einerseits sieht sie die Religionsbehörde als ein wichtiges Instrument, mit dem sie das religiöse Leben kontrollieren kann. Andererseits bereitet es den Kemalisten Unbehagen, dieses mächtige Instrument in der Hand einer islamisch geprägten Regierung zu sehen: sie fürchten, Erdogan könnte versuchen, mit Diyanet die Islamisierung der Türkei voranzutreiben. Beobachter weisen immer wieder darauf hin, dass dies bereits in großem Umfange geschieht. Die Mehrheit der Aleviten fühlt sich durch das Diyanet nicht vertreten, da das Amt nur den orthodox-sunnitischen Islam unterstützt und lehrt.

In Deutschland wurde Ditib als bundesweiter Dachverband „Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion e. V.“ 1984 in Köln-Ehrenfeld gegründet. Der Verband steht unter Leitung und Aufsicht der türkischen Religionsbehörde in Ankara. Ditib ist heute die mitgliederstärkste Migrantenorganisation in Deutschland und seit April 2007 Gründungsmitglied des Koordinierungsrats der Muslime. Angeschlossen sind in Deutschland rund 880 türkisch-islamische Ortsgemeinden mit rund 900 Moscheen (Stand 2009).
Der Türkisch-Islamische Kulturverein unter dem Dach der Türkisch-Osmanischen Union der Anstalt für Religion (Ditib) Köln ist der älteste in Deutschland und vereint bundesweit über 880 Ortsgemeinden (Stand 2009). Verbandsziel ist es, Muslima und Muslime einen Ort der Ausübung ihres Glaubens und muttersprachlichen Unterricht zu geben sowie einen Beitrag zur Integration zu leisten. Darüber hinaus engagieren sich die Ortsgemeinden im sozialen Bereich, bieten eine Vielzahl an Bildungs-, Sport- und Kulturangeboten an und sind engagiert im Bereich der Jugend- und Seniorenarbeit. Mit dem interkulturellen und interreligiösen Dialog wird versucht, viele Jugendliche zu erreichen, um sie zur gegenseitigen Kommunikation und zu einem gesellschaftlichen Miteinander zu bewegen.

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Dorstener Dyianet-Ortsverein

Der Dyianet-Ortsverein Dorsten mit rund 210 Mitgliedern (plus Familienangehörige, Stand 2010) wurde 1978 gegründet. Er versteht sich als Brücke zwischen Migranten und Einheimischen, öffnet sich somit stark der Dorstener nichtmuslimischen Bevölkerung mit Kulturveranstaltungen, Wohltätigkeitsbasaren und dergleichen an der Moschee am Holzplatz in Hervest-Dorsten. Die Moschee befindet sich seit 1988 im Gebäude des früheren Postamtes am Holzplatz in Hervest-Dorsten. 1987 verkaufte die Stadt das Gebäude an den Verein. Rund 300 Gläubige besuchen regelmäßig die Gottesdienste, an islamischen Feiertagen über 500. In der im Gebäude untergebrachten islamischen Schule lernen bis zu 30 Kinder die arabische Schrift, um den Koran lesen zu können, außerdem bekommen sie Unterricht in türkischer Geschichte. Der Verein öffnet einmal im Jahr die Moschee am Tag der offenen Tür auch der christlichen Bevölkerung. Dialogbeauftragter der MOscheegemeinde ist Ferit Kocatürk. Für die Muslime seiner Gemeine reagierte er mit großer Bestürzung und Empörung auf die Anschläge vom 7. Januar 2015 auf das Pariser Satiremagazin „Charlie Hebdo“. Die Moscheegemeinde will daher im Frühjahr 2015 zu einem runden Tisch mit vielen Beteiligten aus Dorsten einladen: „Die Menschen in Dorsten sollen wissen, wofür wir stehen!“, sagte er der Dorstener Zeitung.

2009 bekamen die Dorstener Muslime mit Muhittin Karatepe (38) einen neuen Imam (Vorsteher), der zur besseren und erweiterten Integration beitragen will. Besonders auf dem Gebiet der Integration gebe es viel zu tun, bemerkte Muhittin Karatepe. Zumal in Dorsten, wie eine Untersuchung des Sozialausschusses aufzeigt, die Zahl türkischer Jugendlicher an Dorstener Gymnasien zu gering sei.

2016: Verband Ditib will mehr Unabhängigkeit vom türkischen Staat

Nach dem Putschversuch von Militäreinheiten in der Türkei gegen den Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan und dessen menschenrechtswidrigen Gegenmaßnahmen ist auch der türkische Islamverband Ditib in Deutschland in Kritik geraten. Denn die deutsche Politk befürchtet nun eine allzu enge Einflussnahme des türkischen Staatspräsidenten auf den Verband. Daher verkündete der Ditib-Sprecher des Gesamtverbades in Frankfurt am Main im August 2016, dass sich der Verband vom türkischen Staat langfristig unabhängig machen will.

Religionsgelehrter Ali Patir kam 2017 aus Alanya

Die Moscheegemeinde hatte sich Ende 2017 neu aufgestellt. Hodsha ist  Ali Patir, Lehrer, Moscheevorsteher, Prediger und Religionsgelehrter in Personalunion. Mit seiner Frau und seinen drei Kindern zog er von Alanya/Türkei nach Dorsten und wollte erst einmal Deutsch lernen. Seine Pflichten als Religionsgelehrter der türkischen Staatsbehörde nimmt der in der Türkei ausgebildete Imam sehr ernst: Fünfmal am Tag leitet er die traditionellen Gebete der Gläubigen in der Moschee.


Siehe auch:
Fremde Kulturen
Religionsgemeinschaften

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