Metzger, Ernst

Der Besuch in der alten Heimat setzte einen Schlusspunkt

1912 in Dorsten bis1998 in Miami Beach/USA. – Es ist dem alten Mann schwer gefallen, seine Heimatstadt Dorsten wieder zu sehen, obwohl es sein Wunsch war. Nach einem langen Fernbleiben kehrte er 1983 nach über 40 Jahren zurück – wenn auch nur für 14 Tage. Ernst Metzger war inzwischen amerikanischer Staatsbürger geworden und lebte mit seiner Frau in Miami Beach.

Ernst Metzger (Mitte) zu Besuch bei Wolf Stegemann (l.), daneben Dirk Hartwich 1983

Ernst Metzger (M.) 1983 zu Besuch bei Wolf Stegemann (l.) und Dirk Hartwich (r.) von der Forschungsgruppe

Früher wohnte er bei seinen Eltern Julius und Sara Metzger, geborene Lebenstein, zuerst in der Lippetraße 58, später am Hochstadenwall und ab 1939 bis Januar 1942 zwangsweise im jüdischen Gemeindehaus in der Wiesenstraße. Von dort wurden er und seine Eltern nach Riga deportiert und von dort ins Konzentrationslager Auschwitz. Ernst Metzger durchlebte und durchlittt Ghetto, Konzentrationslager und den Todesmarsch zurück nach Deutschland. Nach seiner Befreiung wanderte er über Schweden in die USA aus, wo er Bleibe, Arbeit und Heimat fand. Die Jahre vergingen, die schrecklichen Träume blieben. Er lebte mit der Erinnerung, aber sie vergiftete ihn nicht. Er wollte Dorsten noch einmal sehen. So flog er mit seiner Frau Cäcilia, die ebenfalls Auschwitz überlebt hatte, 1983 nach Dorsten. Seine Frau kannte Deutschland nur aus der Sicht des Viehwagens und von Deutschen kannte sie nur Schaftstiefel und Hundepeitschen sowie laute Kommandos.

Ein unverständliches Argument der Verwaltung und des Rates

Ernst Metzger 1941 und 1983

Ernst Metzger 1941 und auf dem jüd. Friedhof 1983

Als Metzger kam, entsannen sich viele alte Dorstener ihrer Freundschaft mit ihm, sammelten Geld für diese „Heimreise“ und die Stadt gab einen Zuschuss, obgleich die Verwaltung befürchtete, dass ein „Rattenschwanz“ (Ratsprotokoll) von weiteren ehemaligen Juden gleiche Zuschuss-Ansprüche stellen könnte, die aus ihrer Heimatstadt Dorsten vertrieben worden waren. „Hatte man denn vergessen, dass die meisten anderen in Konzentrationslagern ermordet wurden?“ fragte angesichts der „Rattenschwanz“-Debatte der Journalist Wolf Stegemann in den „Ruhr Nachrichten“. Ernst Metzger erkannte seine Stadt nicht wieder. Auch nicht seine alten Freunde, die ihn ansprachen. Obwohl sich viele Hände um ihn mühten – genannt seien Friedhelm Potthoff und dessen Schwester Magdalena Schumacher –, blieb er allein, war freundlich zu jedermann.  Nach wenigen Tagen verließ seine Frau das Hotel nicht mehr. Sie konnte nicht mehr ertragen, auf der Straße oder in Geschäften angesprochen zu werden und immer wieder mit der auferstehenden Vergangenheit ihres Mannes – die ihrer eigenen so ähnlich war – konfrontiert zu werden. Ernst Metzgers Befindlichkeiten überdeckte er mit stets gleich bleibender Höflichkeit. Das Ehepaar Metzger nahm an dem Geburtstagsempfang von Bürgermeister Lampen teil, hatte Gespräche mit Dirk Hartwich und Wolf Stegemann, die gerade dabei waren, die Geschichte der jüdischen Gemeinde Dorsten aufzuarbeiten, die gesamte Forschungsgruppe lud ihn, Ernst Metzger, zu Gesprächsrunden ein, zu einem Treffen mit dem Vorsitzenden der Jüdischen Kultusgemeinde Bochum-Herne-Recklinghausen, Rolf Abrahamson. Dabei stellte sich heraus, dass die beiden sich vom Ghetto Riga her kannten. Ernst Metzger traf sich mit ehemaligen Nachbarn in der Wiesen- und Hühnerstraße, er besuchte auf dem jüdischen Friedhof die Gräber seiner Verwandten.

Dorsten als Heimat ging ihm verloren

Dorsten war nicht mehr seine Heimat, sie wurde ihm spätestens 1942 ausgetrieben. Sein Besuch galt, nach so vielen Jahren die Unruhe in ihm zu beruhigen. Sein Besuch galt auch der Erinnerung, seiner Erinnerung, nicht der jener Bürger, die ihn mit der Frage „Ernst, weißt du noch?“ aus der Vergessenheit holten. Als er das Flugzeug in Düsseldorf betrat, das ihn zurück nach Maiami brachte, hatte er die Unruhe bereits hinter sich gelassen. Nach seiner Ankunft bedankte er sich bei allen für die freundliche Aufnahme in Dorsten. Wolf Stegemann schrieb er einen sehr persönlichen Brief, in dem er um Verständnis bat, den Kontakt zu seiner alten Heimat abbrechen zu müssen. „Meine Frau und ich halten die Erinnerung nicht aus!“ – Ernst Metzger blieb ein Vertriebener. Er starb in Miami Beach.


Quellen:
Schriftverkehr und Gespräche Dirk Hartwich und Wolf Stegemann 1982/83 mit Ernst Metzger.

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