Kirschnereit, Prof. Matthias

Der gebürtige Dorstener ist führender deutscher Pianist von Weltrang

Von Wolf Stegemann – Geboren 1962 in Dorsten; Pianist. –  Was verbindet den großen Mendelssohn-Interpreten Matthias Kirschnereit mit dem großen Dichter Goethe? Nicht nur, dass beide Dorsten flüchtig kannten bzw. kennen, der eine, weil er hier geboren wurde, der andere, weil er bei der Durchreise 1792 ein paar Stunden am Marktplatz saß und Rotwein getrunken hatte. Beide verbindet vor allem die Frage: wo waren sie nicht? Liest man die Einsatzorte von Matthias Kirschnereit, müsste man gute Kenntnisse in Geographie aufweisen. Und Goethe? Auch der war überall und die Liste, wo er nicht war, wäre kurz abgefasst. Die prägenden Jugendjahre verbrachte Matthias Kirschnereit im südwestafrikanischen Namibia. Daher hat er keine Kindheitserinnerungen an Dorsten, ist aber, wie er sagt, dem Land Nordrhein-Westfalen und insbesondere dem Ruhrraum herzlich verbunden und fühlt sich hier sehr wohl.

Matthias Kirschnereit

Matthias Kirschnereit zählt zu den führenden deutschen Pianisten seiner Generation. Seine Neueinspielung sämtlicher Klavierkonzerte Wolfgang Amadeus Mozarts zusammen mit den Bamberger Symphonikern zum Mozartjahr 2006 wurde weltweit mit begeistertem Echo aufgenommen. Die „Neue Zürcher Zeitung“ titelte: „Die Entdeckung des Mozartjahres heißt Matthias Kirschnereit“. Der Pianist ist Preisträger beim Deutschen Musikwettbewerb, beim Internationalen Concours Géza Anda, sowie beim Internationalen Australischen Klavierwettbewerb in Sydney.

Sein Kinderbett stand in Hervest-Dorsten

Einstiger und mittlerweile vergessener Mittelpunkt seiner Welt war für ihn vorerst sein Kinderbett, das in Hervest-Dorsten stand, wo sein Vater Pfarrer war. Kaum ein Jahr alt, nahmen ihn die Eltern mit nach Schleswig-Holstein, wo Matthias am Großen Plöner See aufwuchs. 1971 übersiedelte die Familie nach Namibia, der einstigen deutschen Kolonie Südwest. Der Vater nahm in der Hauptstadt Windhoek eine Pastorenstelle an. In der Familie wurde immer musiziert. Jedes der vier Kinder, Matthias war der Jüngste, lernte ein Instrument. Zudem wurde in der Pastoren-Familie viel gesungen und Musik von Barock bis zur Klassik gehört. Romantik und die Moderne – die Sinnlichkeit, der ,Unterleib’ gewissermaßen – blieben eher ausgespart. Wichtige Impulse erfuhr Kirschnereit von seinem musikbesessenen Schwager, einem japanischen Kunstmaler, der schon sehr früh an Matthias’ Talent glaubte und ihm sagte, dass das Klavier sein Weg sei. Da die Ausbildung zum Pianisten in Windhoek sehr beschränkt war, ging er mit 14 Jahren zurück nach Deutschland, besuchte als Jungstudent die Detmolder Musikhochschule, studierte Klavier und wohnte mit seinem älteren Bruder zusammen. Die Eltern waren in Windhoek geblieben. Matthias Kirschnereit studierte bei Prof. Kretschmar-Fischer. Weitere künstlerische Anregungen erfuhr er durch die intensive Zusammenarbeit mit Claudio Arrau, Bruno Leonardo Gelber, Oleg Maisenberg und Murray Perahia. Dass er in der 11. Klasse von der Schule abging war in dem Städtchen Detmold ein Skandal. Kirschnereit hielt dies aber für nötig: „Ich bin auf den allerletzten Zug für eine Pianistenkarriere aufgesprungen.“

FAZ: Ein Ausdrucksmusiker par excellence

Diese Karriere hat er in drei Jahrzehnten weltweit hingelegt. Kirschnereit konzertierte mit Weltstars wie dem Geiger Christian Tetzlaff und der Klarinettistin Sharon Kam. Die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ schrieb über ihn: „Genuiner Mendelssohn-Interpret, melodische Eleganz und federnde Virtuosität. Feinster Mendelssohn überall“ und beschreibt ihn als einen „Ausdrucksmusiker par excellence, der mit seiner stilistischen Vielfalt die Tradition spezifisch deutscher Klavierkunst fortsetzt“. 1991 erhielt Matthias Kirschnereit den dritten Preis beim Concours Géza Anda in Zürich, 1997 wurde er Professor für Klavier an der neu gegründeten Hochschule für Musik und Theater in Rostock, zudem gibt er Meisterkurse in aller Welt. Viele seiner Studenten sind inzwischen Preisträger internationaler Wettbewerbe. 1998 wurde er Künstlerischer Leiter des Kammermusikfestes Landow/Rügen der Festspiele Mecklenburg-Vorpommern.

Regelmäßig in großen Konzerthäusern und im Rundfunk

Zwischen 1999 und 2006 nahm Matthias Kirschnereit mit den Bamberger Symphonikern sämtliche Klavierkonzerte Mozarts auf. Mit der Robert-Schumann-Philharmonie Chemnitz unter der Leitung von Frank Beermann führte er das rekonstruierte Klavierkonzert e-Moll von Felix Mendelssohn in einer Weltersteinspielung auf und erhielt dafür 2009 den „ECHO Klassik“. Regelmäßig ist er in bedeutenden europäischen Konzerthäusern wie dem Pariser Théâtre Champs Elysées, der Brüsseler Oper, der Tonhalle Zürich, der Mailänder Scala sowie den Philharmonien in Berlin, München und Köln zu hören. Orchester wie die Camerata Academica Salzburg, Festival Strings Lucerne, I Musici di Montreal, das Radio-Sinfonieorchester Stuttgart, das Tonhalle Orchester Zürich, die Sinfonia Varsovia, die Beethoven Academie Antwerpen und das Kölner Kammerorchester laden Kirschnereit zu Gastspielen ein. Konzerte beim Residentie Orkest Den Haag (Jaap van Zweden) und bei den St. Petersburger Philharmonikern (Yuri Temirkanov) standen ebenso auf seinem Programm wie eine ausgedehnte Japan-Reise mit Klavierabenden in Tokio, Hiroshima und Sapporo sowie Rezitale in Bonn, Dresden, Stuttgart und beim Klavierfestival Ruhr. Matthias Kirschnereit ist regelmäßiger Gast beim Klavier-Festival Ruhr, bei den Berliner Festwochen, beim Schleswig-Holstein Musik Festival, bei der Schubertiade Feldkirch und beim Gilmore-Festival in Michigan/USA. Und wer den Radio-Klassiksender WDR 3 hört, der hört auch regelmäßig Matthias Kirschnereit, der mit seiner Familie seit 1985 in Hamburg-Alsterdorf lebt und seine Freizeit – neben der Familie – der Malerei, Architektur, italienischem Küche und dem Fußball widmet.


Siehe auch:
Musiker


Quellen:
Homepage von Matthias Kirschnereit (2011). – Verena Fischer-Zerin „Pianist Matthias Kirschnereit: Allürenfrei“ in Hamburger Abendblatt vom 3. November 2010. – André Sittner im Sender MDR-Figaro vom 17. Mai 2010. – Ruth Wolfstieg in der Pfälzer Zeitung vom 3. Oktober 2010. – Gespräch W. Stegemann mit M. Kirschnereit am 13. Juni 2011.

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