Heyden, Bernhard van

„Mit meinem lieben Gott komm’ ich besser klar als mit diesem Gericht“

1902 in Ochtrup bis 1977 in Vreden; Pfarrer. – Beim Durchblättern der St. Agatha-Chronik stößt man auf eine zunächst etwas rätselhafte Schlagzeile, die besagt, dass St. Bonifatius treu zum „BvH“ stehe. Hinter dieser Abkürzung verbirgt sich nicht der Sportverein, sondern Bernhard van Heyden, der 1968 wegen Veruntreuung verurteilt worden war. In einer späteren Revisionsverhandlung vor einer Duisburger Strafkammer sorgte er für Heiterkeit im vollbesetzten Gerichtssaal. Der Fall war wochenlang Stadtgespräch und machte überregionale Schlagzeilen. Wohl kein anderes Thema ist in der Chronik von St. Agatha so ausführlich anhand von Berichten aus der Dorstener Tagespresse, die Propst Westhoff gesammelt hatte, dokumentiert worden. Pfarrer Karl Jesper stellte dazu in seinen Chronik-Betrachtungen fest: „Die Nachwelt hat später einmal über diesen so unglücklichen Fall zu urteilen.“

Amerikaner machten ihn 1945 zum Bürgermeister von Holsterhausen

Berhard van Heyden„BvH“, wie er sich selber in Anlehnung an den Ballspielverein Holsterhausen (BVH) nannte, war einer der schillerndsten Persönlichkeiten der Dorstener Kriegs- und Nachkriegeszeit. Zunächst Kaplan und später Pensionär in St. Agatha, wirkte er während des Krieges als Standortpfarrer in Dorsten. Nach Kriegsende setzten ihn die Amerikaner für kurze Zeit als Bürgermeister von Holsterhausen ein, wo er von 1939 bis 1948 Pfarrrektor an St. Bonifatius war. Da saß er dann mit einer dicken Zigarre unter den amerikanischen Soldaten und fühlte sich als King, wie sich Gregor Duve erinnert. Der Motorrad- und Autoliebhaber war auch Religionslehrer an dem Beruflichen Schulen, später Caritasdirektor in Recklinghausen und Kreisvikar im Dekanat Dorsten, schließlich Pfarrer einer Gemeinde in Duisburg-Hochfeld, wo er auch für die Verwaltung des Marien-Krankenhauses zuständig war. Die damalige Prozessberichterstattung in den Ruhr-Nachrichten war eine Gratwanderung – der schwierige Versuch, einerseits der Informationspflicht nachzukommen und andererseits Persönlichkeitsverletzungen zu vermeiden. Bernhard van Heyden hätte bei seinem ausgeprägten Sinn für Humor sicher zugegeben, dass die von ihm und Zeugen vor Gericht dargestellten Szenen bühnenreif waren und jeden Journalisten reizen mussten. Da wird zum Beispiel beschrieben, wie ein Kripobeamter nach van Heydens Suspendierung in Duisburg und dem daraufhin erfolgten Umzug nach Dorsten 1965 „BvH“ in seiner Wohnung am Ostgraben vernehmen wollte und van Heyden den Polizisten aufforderte, er solle erst mal bei ihm Beichte ablegen. Doch der Kripomann ließ sich nicht ablenken, sondern konterte: „Heute wird bei mir gebeichtet!“

Ellenlange Liste der Verfehlungen des Pfarrers beschäftigte das Gericht

Bernhard van Heyden als Kaplan in Dorsten 1937

Bernhard van Heyden als Kaplan in Dorsten 1934

Was van Heyden zu beichten hatte, war ellenlang. Drei Jahre nach seiner Veruntreuungen stand der von 1952 bis 1965 an der Duisburger St. Bonifatiuskirche tätige Pfarrer wegen Untreue vor der Dritten Großen Strafkammer des Duisburger Landgerichts. Mitangeklagt war der Kirchenrendant Richard Reifenscheidt, der willig mitgemacht hatte und von den Machenschaften des Pfarrers profitierte. Was war geschehen? Jeden Samstag erwartete der Pfarrer einen Lebensmittelkorb, Getränke, Brot und Eier aus den Beständen des Krankenhauses. Pfarrer van Heyden kaufte für sich Wein auf Rechnung des Hospitals, einmal waren es 170 Flaschen auf einem Schlag, die Flasche zu sieben Mark. Die Ordensschwestern aus dem Marien-Hospital „staunten, tuschelten und wurden misstrauisch“, allerdings schwiegen sie über das sonderbare Gebaren des Pfarrers, dessen Machenschaften erst aufflogen, als ein Elektriker in der Kirche beobachtete, wie van Heyden den Inhalt eines Kollektenkastens plünderte. Einer anwesende Schwester, die zu das ebenfalls sah,  rief der Pfarrer zu, indem er auf den Altar deutete: „Da vorn ist der liebe Gott.“ Monatlich versorgte sich der Bernhard van Heyden mit rund 300 DM aus den Kollekten. Das war sein Taschengeld. Das große Geld machte er durch Fälschungen von Rechnungsbelegen, durch zweckentfremdete Darlehn in fünfstelliger Höhe, wobei ihm sein Kirchenrendant half. Mit Landeszuschüssen in Höhe von 40.000 DM für eine Sterilisationsanlage für das Krankenhaus wurden andere Löcher und die eigenen Taschen gestopft. Geld für neue Autos für den Pfarrer und seinen Rendanten entnahmen sie der Krankenhauskasse. Von Spendengeldern für das Hospital (Niederrheinischen Hütte 51 500 Mark, 58.400 DM Matthes & Weber, 56.500 DM Demag, 7.000 DM Vereinigte Deutsche Metallwerke, 5.000 DM Esch-Werke) flossen Teile auf Sonderkonten über das van Heyden frei verfügte.

Bonifatiuskirche mit Marienhospital in ......

Bonifatiuskirche mit Marienhospital in Duisburg

Als die Machenschaften des Pfarrers durch den Elektriker entdeckt waren, behandelte die Kirche den Fall diskret. Das Kirchengericht des Bischofs verurteilte den Pfarrer zu 27.000 Mark Schadensersatz und 4.500 Mark Geldstrafe. Van Heyden durfte zwei Jahre keine Pfarrstelle mehr annehmen. Das weltliche Gericht urteilte härter: 15 Monate Gefängnis und 5.000 Mark Geldstrafe für seinen Rendanten, zweieinhalb Jahre Gefängnis und 10.200 Mark Geldstrafe wegen Untreue und Anstiftung zur Urkundenunterdrückung für van Heyden. Sein Kommentar zu Schuld und Verurteilung: Er könne singen und die Orgel spielen, aber mit Soll und Haben kenne er sich nicht aus. Und: „Mit meinem lieben Gott komme ich besser klar, als mit diesem Gericht.“

Pfarrer Bernhard van Heyden hatte anhängliche Freunde

Bemerkenswert bleibt, dass die Freunde aus den Gemeinden St. Agatha in Dorsten und St. Bonifatius in Holsterhausen treu zu ihrem früheren Kaplan bzw. Pfarrer standen, obwohl dieser mit beachtenswerter krimineller Energie gehandelt, seine Situation selbst verschuldet hatte und zweimal rechtens verurteilt worden war. Zum Beweis der Anhänglichkeit zeigt die Agatha-Chronik ein Foto aus dem Jahr 1940 mit van Heyden vor dem Kirchenchor St. Bonifatius. Direkt hinter ihm steht ein junges Mädchen, das im Text mit „rundes Gesicht“ gekennzeichnet ist. Es hätte dieses Hinweises nicht bedurft, denn die Kleine ist unverkennbar die spätere Staatssekretärin Agnes Hürland. Pfarrer i. R. Bernhard van Heyden verlebte die letzten Jahre seines Lebens im südtirolischen Dorf namens Tirol nahe Meran. Während eines Besuches in seiner westfälischen Heimat starb er 1977 nach kurzer Krankheit. Er ist in Vreden bestattet. Auf seinem Totenzettel steht u. a.:

„Eine große Kontaktfreudigkeit, Lebendigkeit und eine tiefe Gläubigkeit zeichneten ihn noch bis ins hohe Alter aus. Er war offen für die Fragen der Menschen und für die Probleme der nachkonziliaren Kirche. Immer wieder verstand er es, vielen Menschen Brücken zum Glauben zu bauen.“


Quellen:
„Der Spiegel“ 9/78. – Nach Rudolf Plümpe in RN vom 2. Oktober 1993. – Gregor Duve in „Holsterhausener Geschichten“, Bd. 2, 2002.

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