Hamsterfahrten

1945 bis 1948: Bauern hatten „Perserteppiche im Kuhstall“

Hamstern verboten

Von Wolf Stegemann – Der Hunger bestimmte Denken und Handeln der Menschen in den Nachkriegsjahren. Die auf Lebensmittelkarten zu kaufende Nahrung reichte bei weitem nicht aus. Nur Tausch- und „Kompensationsgeschäfte“ konnten das Überleben sichern. Kurz nach Kriegsende setzten die Hamsterfahrten ein. Massenhaft begaben sich Dorstener, darunter viele Flüchtlinge aus dem Osten, in die Herrlichkeitsdörfer und weiter weg ins Münsterland, denn dort war die Versorgungslage weitaus besser. In überfüllten Zügen, in Güterwaggons, zu Fuß und mit dem Fahrrad, oft tagelang ohne zu rasten und zu schlafen, durchstreifen sie die Dörfer, um Schmuck, Hausrat, Kleidung oder Wertgegenstände gegen Butter, Speck und Kartoffeln zu tauschen. Viele Bauern ließen sich die Lebensmittel teuer bezahlen und erwarben so im wahrsten Sinne des Wortes „für’n Appel und’n Ei“ oft kostbaren Schmuck, Silberbestecke u. ä., was Flüchtlinge gerade noch aus der alten Heimat retten und mitnehmen konnten. Die bösen Worte vom „Perserteppich im Kuhstall“  machten die Runde.  In Lembeck gab es zwei Bauernhöfe, die tatsächlich dafür bekannt waren, dass Orientteppiche auf dem Boden der Räume übereinander lagen und Hühner im Flur darauf herumgackerten. Etliche Dorstener wurden als „Hilfspolizisten“ angestellt, die in Zivil die Züge kontrollierten. Einem Holsterhausener Ex-Polizisten, der während der Entnazifizierung auf Wiedereinstellung in den Polizeidienst warten musste, war als amtlicher „Hamster-Kontrolleur“ besonders aktiv tätig. Ihm wurden mehrmals die Scheiben seines Wohnhauses in der Holsterhausener „Sachsensiedlung“ eingeworfen, bis er mit seiner Familie schließlich zuerst nach Hervest und von dort, wo ihm Ähnliches widerfuhr, nach Haltern verzog.

Dorstener fuhren bis Ochtrup und ins Emsland zu den Bauernhöfen

1945 verwendeter Hamsterrucksack

1945 verwendeter Hamsterrucksack

Die Not machte erfinderisch. Das Hamstern in der Dorstener Gegend war bald unrentabel geworden. So fuhren die „Bettler”, wie die Hamsterer auch genannt wurden, mit dem überfüllten Zug bis Ochtrup und stellten den Bauern die Stan­dardfrage: „Haben sie nicht eine Speckschwarte für uns?” Dort auf dem Lande bekamen sie dann zwei oder drei Kartoffeln, mal ein Ei oder ein Stückchen Speck. Diese Hamstertouren der Dorstener liefen stets so ab: Mit einer Gruppe bis zu zehn Personen fuhren die Menschen morgens sogar bis ins Emsland. Nachmittags angekom­men, trennten sie sich in Zweiergruppen und liefen in unterschiedlichen Richtungen auseinan­der. Von einem Bauernhof zum anderen ging es bis zum Abend. Die erbettelten Waren wurden sorgsam in einem Rucksack oder in Segeltuchtaschen ver­staut. Die Nacht verbrachten die Menschen im Stroh, immer darauf bedacht, dass ihnen ihre bereits gehamsterten Lebensmittel nicht gestohlen wurden. Am Morgen des andern Tages wurde, nachdem an einer Wei­denpumpe die Morgentoilette beendet war, bis zum Mittag gehamstert. Meistens war der Beutel dann einigermaßen mit den zu Hause so dringend gebrauchten Lebens­mitteln gefüllt. Dann gingen die Hamsterer zurück zum Bahnhof, dort wurden Erfolge betrachtet und Ratschläge ausgeteilt. War einen Platz im Zug ergattert, wurde das Hamstergut nicht aus den Augen gelassen. Zuhause angekommen, waren die Familienangehörigen voll des Lobes über die paar Kartoffeln, die weni­gen Eier oder das Stückchen Speck.

Goldene Eheringe gegen eine dünne Scheibe Speck eingetauscht

Beschlagnahme-Bescheinigung

Beschlagnahme-Bescheinigung der Polizei

Wer nichts zu „verhamstern“ hatte, sei es durch Ausbombung oder Flucht und Vertreibung, stand schlecht da. 20 Prozent der Dorstener Erwachsenen waren unterernährt; die Sterblichkeit lag bei 1,4 Prozent (Säuglinge 8,6 Prozent), 25 Prozent der Schulkinder waren unterernährt, 60 Prozent hatten Zahnschäden, 8,4 Prozent waren von der Krätze befallen, zwei Prozent hatten Ungeziefer und Geschlechtskrankheiten kamen zehnmal so oft vor wie 1943. Viele, die keine Tauschwaren besaßen, besonders Kriegerwitwen und Flüchtlingsfrauen, verdingten sich bei den Bauern als Arbeitskräfte gegen Naturallohn. In dieser Notzeit erteilte der Kölner Kardinal Frings für kleinere „Ungenauigkeiten“, in Eigentumsfragen von der Kanzel herab die Absolution. Lebensnotwendiges zu nehmen, wenn es weder durch Arbeit noch durch Bitten zu bekommen war, erklärt er für erlaubt, beispielsweise dann, wenn von Güterzügen Kohlen oder von Lastwagen Kartoffeln herunter gefallen waren. Das „Fringsen” wurde zum geflügelten Wort dieser Zeit, während das Wort „Hamstern“ dagegen einen immer stärker werdenden negativen Klang bekam.

In der Lokalzeitung das Hamstern als „Plage“ bezeichnet

Zwanzig ausländische Filterzigaretten kosteten 200 Mark oder man tauschte, was „kompensieren“ hieß. Täglich kamen Scharen aus dem Ruhrgebiet in die Landgemeinden rund um Dorsten und auf die Bauernhöfe. Ein altes Ehepaar tauschte auf einen Bauernhof in Ulfkotte für ihre goldenen Eheringe eine dünne, handtellergroße Scheibe Speck ein. Darüber erbost, ging der damalige Bürgermeister von Altendorf-Ulfkotte, Antonius Dönnebrink, mit dem vollen Respekt seines Bürgermeisteramtes zu dem Hof, rief laut am Tor: „Ich will die Trauringe!“. Nach einer Weile bekam er sie kleinlaut ausgehändigt und gab sie dem alten Ehepaar wieder zurück. Über das Hamstern schrieb die „Dorstener Volkszeitung“ unter der Überschrift „Unerträgliche Hamsterplage“:

„Die Masse der Hamsterer, die das Lembecker Gebiet geradezu überschwemmen, wächst in den letzten Wochen ganz ungeheuer und bildet sich zu einer Plage, die wirklich unerträglich geworden ist. In vielen Fällen ist der Bauer nicht mehr Herr seines eigenen Hofes, viel weniger seiner Vorräte an Obst und Kartoffeln, da die Hausierer nur mit Gewalt zu entfernen sind. Schlägereien zwischen Bauern und Felddieben sind an der Tagesordnung, zumal die große Not die hungernden Menschen immer rabiater macht. Viele Bauern sehnen den Abschluss der Ernte herbei, damit sie endlich wieder etwas Ruhe bekommen.“

Häufig wurde das mühsam „Gehamsterte“ auf dem Weg nach Hause beschlagnahmt, denn Hamstern war offiziell verboten. An Bahnhöfen und Ausfallstraßen fanden Kontrollen statt. Doch Kontrollen wie Appelle, das „Hamstern“ zu unterlassen, zeigten keinerlei Wirkung. Nach und nach wurden die strengen Regelungen gegen das „Hamsterunwesen“ entschärft, Lebensmittel in bestimmten, festgelegten Mengen, die der Selbstversorgung dienten, nicht mehr eingezogen. Nach der Währungsreform 1948 füllten sich die Geschäfte wieder mit Waren, und die Hamsterfahrten gingen zurück.


Quellen:
Wolf Stegemann „Die Not der frühen Jahre“ in „Dorsten nach der Stunde Null“, 1986. – Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland. – Walter Biermann in „Holsterhausener Geschichten“, Bd.2, 1999.

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