Gymnasium Petrinum I

Der heilige Petrus ist Schutz- und Namensgeber der städtischen Schule

Es verdankt seine Gründung 1642 der allgemeinen Not am Ende des Dreißigjährigen Krieges und den gegenreformatorischen Bestrebungen, nachdem die Franziskaner 1641 nach einer achtjährigen Vertreibung durch die protestantischen Hessen wieder nach Dorsten zurückkehren konnten. Somit ist das Dorstener Gymnasium eine der ältesten Gründungen Westfalens. Nach der Genehmigung durch den Erzbischof und Landesherrn wurde die städtische Schule an Allerheiligen 1642 eröffnet. Vertraglich hatten sich die Franziskaner verpflichtet, den Unterricht in den humanistischen Fächern zu übernehmen, und zwar nach dem Unterrichtsmodell der Universität Köln. Daher ernannten sie den Patron des Kölner Doms, Petrus, zum Schutzheiligen der Schule und zum Namensgeber.

Gymnasium vor 1945 mit Blick vom Hindenburg

Gymnasium Petrinum vor 1945

Zunächst unterrichteten drei Lehrer 78 Schüler. Wenn auch die Schülerzahlen stark schwankten (1648: 104, 1735: 27, 1766: 25, 1799: 12, 1823: 104) bestand die Franziskanerschule bis 1823 in einem eigenen Schulgebäude am Kloster, dem heutigen Caritasgebäude. Namen hatte das Gymnasium viele: Nach dem Wollen der Gründer war das Petrinum ein Gymnasium im Sinne der ursprünglichen Klosterschule (1642 bis 1823), aus dem klösterlichen Vollgymnasium wurde durch Preußen 1813 das städtisches „Progymnasium zu Dorsten“, 1867 nannte Schulleiter Kork die Lehranstalt in „Katholisches Progymnasium zu Dorsten“ um und ein Jahr später in „Vollberechtigtes katholisches Progymnasium zu Dorsten“. Direktor Dr. Wilhelm Schwarz nannte die Schule „Katholisches Progymnasium bzw. Gymnasium“ und sein Nachfolger Dr. Josef Wiedenhöfer kehrte 1905 zum alten Namen „Gymnasium Petrinum“ zurück, bei dem es blieb.

Schülerlisten – „Ein kleiner calvinistischer Taugenichts“

Das Dokument „Dorstener Schülerlisten 1642 bis 1766, in Latein geschrieben, nennt sämtliche Namen der Schüler und gibt Auskunft über Heimatorte, Schulzeiten, manchmal über Konfessionen und besondere Bemerkungen. Viele Schüler kamen aus benachbarten Gemeinden des Vests wie Kirchhellen, Marl, Buer, Gladbeck, Horneburg, Recklinghausen und Datteln. Auch werden Wohnorte der Schüler außerhalb des Vests genannt wie im Westmünsterland und am Niederrhein. Unter den Herkunftsorten sind aber auch weiter entfernte Gemeinden und Regionen zu finden: Sauerland, Luxemburg, auch Polen, Böhmen und Italien. Konfessionelle Spannungen scheint es kaum gegeben zu haben, denn etliche Schüler kamen aus evangelischen Gemeinden wie Gahlen, Schermbeck, Hünxe und Wesel. Allerdings steht bei einem Jungen die Bemerkung „nequiculus calvinista“ (ein kleiner calvinistischer Taugenichts).

Neben den Adelsgeschlechtern der näheren und weiteren Umgebung findet man auch noch heute bekannte Namen wie de Weldige-Cremer, Duesberg, Rensing, Reckmann, Peus, Breil, Einhaus (Hervest) und Böckenhoff (Erle). Amüsant sind manche Bemerkungen hinter den Namen der Schüler. Da heißt es beispielsweise „valedixit honeste, honestissime, summa cum lauda“ (er beendete sein Studium ehrenvoll, höchst ehrenvoll, mit größtem Lob), ein Schüler ist „excellentis ingenii et magnae spei“ (besitzt hervorragendes Talent und berechtigt zu den schönsten Hoffnungen), ein Westerholter ist ein „adulescens prope angelicus“ (ein beinahe engelsgleicher Jüngling). Merkwürdig oft heißt es aber auch „abiit insalutato hospite, abiit sine licentia“ (er ging ab, ohne sich von seinen Wirtsleuten zu verabschieden, ohne Genehmigung). Von einem Schüler heißt es gar, er habe nach einem Verbrechen die Schule verlassen und sich in holländischen Soldatendienst begeben, ein „juvenis nullius valoaris“ (ein junger Mann ohne jeden Wert). Ein Dorstener Junge wird als „impudicus et amans alterius sexus“ (ein unzüchtiger Liebhaber des anderen Geschlechts) bezeichnet, einer als „dolor patris“ (Kummer des Vaters), von einem anderen heißt es „libenter dormit“ (schläft gerne), wiederum ein anderer wird als „abiit cum gaudio professoris“ (ging zur Freude seines Lehrers ab) bezeichnet, auch ein „rebelliis magistro“ (ein Rebell gegen seinen Lehrer) kommt vor.

Kollegium 1928

Kollegium des Gymnasiums 1928; Namen der Abgebildeten stehen unten im Text

1837 nur noch Progymnasium

In den ersten zehn Jahren preußischer Zugehörigkeit versuchten die Franziskaner die Anerkennung als Vollgymnasium im Sinne der preußischen Lehrverfassung zu bekommen, was an der unzureichenden finanziellen Ausstattung der Schule durch die Stadt scheiterte. 1832 wurde das Petrinum Rektoratsschule. Nachdem 1837 die Franziskaner für fast 100 Jahre wegen Mangel an Lehrkräften von der Schule ausgeschieden waren, erhielt das Petrinum den Charakter eines Progymnasiums. Coesfeld und Recklinghausen wurden Vollanstalten. Dies erklärt auch den Schulbesuch vieler Dorstener in den beiden Städten.

Abiturientia-Karte 1914 zur Verherrlichung des Kriegs

Abiturientia-Karte 1914 zur Verherrlichung des Kriegs

In seinem Buch über die Dorstener Heimatdichterin Maria Lenzen beschreibt der spätere Direktor des Gymnasium Petrinum, Dr. Joseph Wiedenhöfer, das „Freudenfest“ anlässlich des 200-jährigen Bestehens der Schule, das am 26. Oktober 1842 gefeiert wurde. Bei diesem Jubiläum mussten Schüler von einem eigens dazu in der Franziskanerkirche errichteten Brettergerüst aus Festgedichte vortragen. Dafür waren Gedichte der Ortspfarrer Schmitz, Gerichtsdirektor Evelt, Oberlehrer Dr. Lütkenhus und der Autorin Maria Lenzen ausgewählt und für würdig befunden worden. Es gab einen Riesen-Reinfall – jedenfalls bezüglich der beiden Gedichte von Maria Lenzen. Das eine Gedicht verschweigt Dr. Wiedenhöfer in seiner Beschreibung des Fests gänzlich. Das sei eine so unglaublich schwache Reimerei, „dass wir die Autorenschaft der Maria Lenzen als unwahrscheinlich bezeichnen müssen“. Das von Wiedenhöfer ebenso als schlecht beurteilte zweite Gedicht, das ein Gymnasiast vortrug, handelte vom Dreißigjährigen Krieg: „Wild braust ein Sturm durch Deutschlands Gauen […] / Der Schweden stolze Banner wallen / weit in das blutgedrängte Land. / Und seine besten Söhne fallen, / die Waffe noch in starrer Hand.“ – Zur Ehrenrettung von Dorstens bekanntester Heimatdichterin Maria Lenzen, sollte hier nicht weiter zitiert werden.

Neben dem humanistischen Gymnasium entstand ein Realprogymnasium

Von 1837 bis 1855 leiteten Weltgeistliche die Schule, so genannte „Dirigenten“, die als geistliche Rektoren dem Schulkollegium nicht angehörten. Zu Ostern 1894 sollte die Schule per Ministerialerlass geschlossen werden. Doch der Stadt gelang es trotz schlechter finanzieller Lage das Progymnasium aufrecht zu erhalten, das 1900 doch noch unter Auflagen Vollgymnasium mit etwa 100 Schülern wurde. Neben dem humanistischen Gymnasium entstand ein Realprogymnasium, das mit dem „Einjährigen“ (mittlere Reife) abschloss. 1902 entstand an der Klosterstraße, neben dem alten Schulgebäude ein neues Gymnasialgebäude. Zwei Jahre später bekam die Schule den Sinn eines preußischen humanistischen Gymnasiums, das zwar 1921 einen Schwenk hin zum Reformgymnasium machte, aber nach Angliederung einer Realschule von 1924 bis 1926 wieder in die alte Form zurückkehrte.

Frühes Bekenntnis des Gymnasiums zum Nationalsozialismus

Besonders stolz war Schulleiter Dr. Georg Feil, als das Gymnasium am 26. September 1942 sein 300-jähriges Jubiläum feierte, und der Direktor in der NSDAP-Zeitung „Westfälischer Beobachter“ schrieb, dass sich seine Schule schon früh zum Nationalsozialismus bekannt habe.

„Beim Besuch des Führers in Gladbeck 1931 nahmen am Aufmarsch vor dem Führer schon der Direktor (gemeint Wiedenhöfer) mit Lehrern und Schülern teil. Anschließend wurde der nationalsozialistische Schülerbund gegründet. Beim Umbruch fügte sich das Dorstener Gymnasium sofort dem Nationalsozialismus ein. Beim Aufbau der Hitlerjugend in Dorsten und in den Orten der Umgebung haben die Schüler der Primas in ihrer ungeheuren Begeisterung für den Führer noch eine gewaltige Arbeit neben ihrer Schularbeit geleistet […].  Sie halfen an der Gründung und Einrichtung der Fähnlein (Hitlerjugend) und waren Abend für Abend in der Betreuung von auswärtigen Gruppen beschäftigt. Der Prozentsatz der Schülerbeteiligung in der HJ, die damals noch freiwillig war, war einer der höchsten im Lande. Die Führer in HJ und DJ wurden und werden überwiegend unserer Schule entnommen, und mit Stolz dürfen wir sagen, dass sie sich bewährt haben. Jahrelang saßen die Unterbannführer im DJ, des westlichen Kreises in der Sekunda und Prima. Das Einvernehmen zwischen Schule und HJ war von Anfang an bis heute ein ausgezeichnetes.“

Beide Laufzeiten des Abiturs – Schulversuch bis 2023/24

Altes Gebäude des Gymnasiums an der Bochumer Straße

Gymnasiums an der Bochumer Straße bis 1980

1962 erhielt die Schule ein neues Gebäude an der Bochumer Straße, 1970 wurde eine differenzierte Oberstufe eingeführt und 1972 die Koedukation. 1982 konnte ein neuer Gebäudekomplex im Bereich Maria Lindenhof bezogen werden; 2003 wurde ein neuer Raumtrakt geschaffen, da durch gestiegene Schülerzahlen eine große Raumnot entstanden war  (siehe Schulwesen). Heute besuchen rund 1.250 Schüler/innen das Gymnasium, davon rund 690 in der Sekundarstufe I. Sie werden von 90 Lehrkräften sowie 15 Lehramtsanwärterinnen und Lehramtsanwärtern unterrichtet.
Ab dem Schuljahr 2011/12 bietet das Gymnasium das Abitur parallel nach acht oder neun Jahren an. Elf Gymnasien in NRW wollen ausschließlich zu G9 zurück, drei – darunter das Petrinum – beide Laufzeiten anbieten. Dieser Schulversuch läuft bis 2023/24. – Noch heute besteht der 1904 gegründete „Gymnasial-Ruder-Verein zu Dorsten“ als Ruderriege des Gymnasium Petrinum.
Ihr großes Internet-Können stellten 2011 zwei Abiturienten unter Beweis, als sie mit ausgeklügelten Methoden den Rechner der Schule knackten und ihre Noten manipulierten. Nur durch die Aufmerksamkeit der Oberstufen-Koordinatoren fielen die frisierten Noten auf. Sie waren für eine „Laufbahnbescheinigung“ eingegeben worden. Mit erheblichem Aufwand konnte dann die Tat von Fachleuten nachgewiesen werden. Die beiden Schüler wurden angezeigt. Die Staatsanwaltschaft stellte das Verfahren gegen Weisungen und Arbeitsauflagen ein. Die Kosten der Aufdeckung stellte ihnen die Stadt in Rechnung. Ihr Abitur mussten sie an einer anderen Schule machen. Die Schule hielt diesen Vorfall lange geheim. Dass die beiden Hacker fehlten, fiel bei 167 Abiturienten gar nicht auf. Mit einem großen Fest verabschiedeten die Schüler im Juni 2015 Schulleiter Wolfgang „Wolle“ Gorniak. Für ihn ließen sie 600 bunte Luftballons mit guten Wünschen in den Himmel steigen. Neuer Schulleiter ist Dr. Christoph Oster. Aufgrund einer längerfristigen Erkrankung des Dorektors übernahm Ende März 2017 Daniela Faude kommissarisch die Schulleitung.

Petrinum eine „MINT-freundliche Schule“

Das Gymnasium darf sich weiterhin für die nächsten drei Jahre „MINT-freundliche Schule“ nennen. Diese Ehrung fand in der Universität Dortmund statt. Die Schule wurde  Ende September 2016 für ihre MINT-Schwerpunktsetzung Mathematik, Information, Naturwissenschaften und Technik ausgezeichnet. Für das Schuljahr 2017/18 sind in einem vorgezogenem Anmeldeverfahren 132 Fünftklässler angemeldet worde, Damit kann das Gymnasium fünf Eingangsklassen bilden.

Zum obigen Foto des Kollegiums: Vor der Nordfront des Hauses, an der früheren Treppe zur Badeanstalt (Aufnahme vom 3. 11. 1928). Von links: 1. Reihe: Stud.Rat Stein, Prof. Haunerland, Bürgermeister Lappe, Oberschulrat Schwarz, Oberstudiendirektor Wiedenhöfer, Prof. Müßen, Prof. Dr. Brüser. – 2. Reihe: Stud.Rat Stecher, Stud.Rat Schauerte, Prof. Knoche, Stud.Rat Hoffmann, Stud.Rat Aschemann, Stud.Rat Lansing, Stud.Ass. Züllighoven, Stud. Ass. Müller, Prof. Maas. – 3. Reihe: Stud.Rat Darmstadt, Zeichenlehrer Wolff, Stud.Rat Brzoska, Stud.Rat Dr. Bernzen, Schulamtsbewerber Flunkert, Studienrat Feil, Oberschullehrer Könkes.


Siehe auch:
Maria Lindenhof
Schulen


Quellen:
Dr. Feil in „Westfälischer Beobachter“ vom September 1942. – Sr. Johanna Eichmann OSU in „Dorsten unterm Hakenkreuz. Der gleichgeschaltete Alltag“, Dorsten 1985. – Rudolf Plümpe „Gymnasium Petrinum feiert 1992 sein 350-Jähriges“ in RN von Ostern 1991. – Josef Wiedenhöfer „Zur Jubelfeier der Abiturienten des Dorstener Gymnasiums“, Dorsten 1928.

Literatur:
Jochen Schräjahr „340 Jahre Gymnasium Petrinum Dorsten“ in HK 1984. – Festschrift des Gymnasium Petrinum zu Dorsten 1442-1992, Dorsten 1992.

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