Gymnasium Petrinum II

Patriotismus, Kriegsjubel, Nationalsozialismus und die Überwindungen

Gymnasium Petrinum im Bereich Maria Lindenhof; Foto: Wolf Stegemann

Gymnasium Petrinum im Bereich Maria Lindenhof; Foto: Wolf Stegemann

Von Wolf Stegemann – Liest man die Schulberichte des Gymnasium Petrinum, die Reden, die gehalten wurden, angefangen in der wilhelminischen Zeit bis zum Ersten Weltkrieg, in der Weimarer Republik und im Nationalsozialismus sowie in den ersten zehn Nachkriegsjahren, dann erfährt der Leser neben der stets sehr guten Wissensvermittlung dieses Schulinstituts auch von einer politischen und ideologischen Verführung der Schüler, wie sie im Geist der Zeiten vielerorts vorgekommen war, aber nichtsdestoweniger heute Kopfschütteln verursacht. Vor allem deshalb, weil der patriotische Ungeist, der zu Krieg, Sterben und Verbrechen geführt hat, noch 1954/55 als „treue Pflichterfüllung“ und „stilles Heldentum“ als „echte Humanitas“ in einer Ansprache im Gymnasium gepriesen und offensichtlich widerspruchslos hingenommen wurde.

Joseph Wiedenhöfer sang das Lied der Opferbereitschaft seiner Schüler

Einer derjenigen, der die Schüler nicht nur im Geist „echter Humanitas“ erzogen hatte, sondern auch den Ungeist von heiligem Kriegsstreben, von Tod und der Pflicht zur Opferbereitschaft sowie nach seinem Ausscheiden als Direktor 1932 auch Intoleranz öffentlich praktiziert und den Nationalsozialismus nicht nur offen unterstützt hatte, sondern Teil des Nationalsozialismus war, war Dr. Joseph Wiedenhöfer. Er sang das hohe Lied von der Opferbereitschaft seiner Schüler, die jubelnd in den (ersten) Krieg zogen und besang auch deren heldenmütiges Sterben noch rückbesinnend im Jahre 1928. Denn in jenem Jahr veröffentlichte Wiedenhöfer eine Festschrift „Zur Jubelfeier der Abiturienten des Dorstener Gymnasiums“ und zitierte sich selbst in einer Beschreibung, wie das Gymnasium 1913 die hundertjährige Wiederkehr der Völkerschlacht von Leipzig gegen Napoleon mit Musik, Festvorträgen, Gedichten und Gebeten begangen hatte.

„Aber diese Schulfeier bildete nur den Auftakt zu einem großen, für diesen Tag bis ins einzelne vorbereiteten Kriegsspiel. ,Der Geist des 18. Oktobers’, so sagte in fast prophetischer Anwandlung der Schreiber des Jahresberichts [Wiedenhöfer 1928 über Wiedenhöfer]; der für die deutsche Jugend bitter notwendige Geist kriegsmutiger Wehrhaftigkeit kann nicht besser geweckt und genährt werden, als durch das Kriegsspiel, dessen Wert wir durch die berührten Erfahrungen dieses Sommers und Herbstes erkannt haben.“

Im Ersten Weltkrieg hatten sich Petrinum-Schüler begeistert an die Front gemeldet. 1914 waren es 50 Schüler, 1915 (26), 1916 (35), 1917 16) und 1918 (17). Dr. Joseph Wiedenhöfer im Jahr 1928:

„Der Kriegsgedanke durchdrang jede andere Regung. Es gab kein anderes Gespräch und auch die Unterredung mit Gott war auf diesen einen Gegenstand gerichtet. Es war ergreifend, wie die deutschen Waffenerfolge auch unsere Knaben in jubelndes Entzücken versetzten. […] Um Körper und Willen zu stählen, und um aus dem Einerlei der Gedanken herauszukommen, machten wir ausgedehnte Schulmärsche. Der Dorstener Jugendwehr führte Gymnasiallehrer Schleipen durchschnittlich 60 Jungen zu…“

Ein intoleranter nationalistischer Humanist

Joseph Wiedenhöfer, der sich nach 1933 als politisch und ideologisch intolerant zeigte, einen Journalisten des gleichgeschalteten Westdeutschen Rundfunks in Köln sogar mit der Gestapo drohte, weil er nach Wiedenhöfers Meinung nicht ausreichend genug über die Eröffnung des Dorstener Heimatmuseums berichtete, sprach vor Schülern und Lehrern auch mit schönen Worten von Toleranz:

„Das rechte Verhältnis zu fremder Religionsart und -form, das nicht bloße Duldsamkeit (die häufig noch aus hochmütiger, selbstgerechter Gesinnung stammt), sondern das ein Miterleben und Verstehen des andern sein muss, gründet, so scheint mir, auf der Erkenntnis der Tatsache, dass es doch vor aller besonderen Religionsform ein gemeinsames, alle Menschen verbindendes religiöses Leben gibt, das bei allen Menschen und zu allen Zeiten aus den Tiefen aufquillt.“

Als die Schule 1925 die bereits vor der Besetzung Dorstens durch die Belgier vorbereitete Ehrentafel für die gefallenen Schüler und Lehrer einweihte, schrieb Wiedenhöfer 1928 in der bereits zitierten Rückbesinnung auf den Ersten Weltkrieg, dass den „Totenreigen“ die beiden neunzehnjährigen Oberprimaner Karl Jungehülsing und Joseph Ellinghorst anführten, die bereits im Dezember 1914 fielen. Dazu Wiedenhöfer: „Diese Braven und ihresgleichen verherrlicht der unsterbliche Ruhmesgesang auf die deutschen Schülerfreiwilligen […] Von unseren ausgezogenen Schülern ist jeder fünfte niedergesunken, 29 von 144 und ihnen zur Seite zwei ihrer Lehrer.“

Das waren Studienassessor Friedrich Belke 1915 und Oberlehrer Joseph Hennewig 1917. – Ab 1933 mussten auch am Petrinum nationalsozialistische Lehrinhalte verbreitet werden, diesmal unter Wiedenhöfers Nachfolger Dr. Georg Feil. Nach Ende des Dritten Reiches wurde Feil auf Ersuchen der Lehrerschaft nicht wieder eingestellt. Auch das Gymnasium Petrinum versuchte, wie andere Schulbetriebe im Nachkriegsdeutschland, mit der Last der nationalsozialistischen Jahre, mit ihren Verstrickungen unter den Lehrern, mit den vielen Toten des Krieges und mit dem zerstörten Schulgebäude fertig zu werden.

Ein befremdliche Ansprache im Jahr 1954 – neun Jahre nach Kriegsende

Ehrenmal für die gefallenen Lehrer und Schüler

Ehrenmal für die gefallenen Lehrer und Schüler

Befremdlich ist deshalb die Festansprache, die der Vorsitzende des „Vereins ehemaliger Schüler des Gymnasium Petrinum und der Realschule zu Dorsten e. V.“, Dr. F. B. Busjan, bei der Enthüllung des vom Ehemaligen-Vereins gestifteten Ehrenmals der gefallenen Schüler und Lehrer beider Weltkriege 1954 im Gymnasium gehalten hat. Sie zeigt, wie tief verwurzelt die Ansicht noch vertreten war, dass das Morden und Töten im Namen Deutschlands auch nach Ende des Krieges und dem Bekanntwerden der Gräuel, an denen in Europa deutsche Soldaten, in welcher Uniform auch immer, beteiligt waren, mit der Heiligkeit des Krieges, dem Tod in stolzer Pflichterfüllung und mit ähnlichen Phrasen immer noch mit Vaterlandsliebe verklärt wurde. Von den missbrauchten Begriffen Heiligkeit, Weihestätte, Treue, Ehre und Stolz, die ins Elend führten, wollte man sich offensichtlich auch zehn Jahre nach dem letzten Krieg nicht trennen. Die Rede:

Hohe Festversammlung! In Ehrfurcht und Trauer, in Andacht aber auch mit berechtigtem Stolz neigen wir uns in dieser Feierstunde vor der Größe, dem Opfermut und dem Heldentum unserer gefallenen Lehrer und Mitschüler aus zwei Weltkriegen. Wir gedenken dabei gewiss auch derjenigen, die in treuer Pflichterfüllung in der Heimat auf ihrem Posten ausharrend ein Opfer des Terrors wurden: und wir vergessen auch die nicht, die infolge schwerer Krankheit, im Dienste des Vaterlandes erworben, nach langem Siechtum allzu früh von uns gingen. […] Von dieser Bildungsstätte, an der man ihnen die Tugenden der Vaterlandsliebe, der treuen Pflichterfüllung und des stillen Heldentums einpflanzte im Geiste der echten Humanitas, nach den Vorbildern der Antike, zogen sie in einem Begeisterungssturm im Jahre 1914 aus, die Grenzen des Vaterlandes zu schirmen. Jenes „Dulce et decorum est, pro patria mori“ im Herzen und das Deutschlandlied auf den Lippen, so waren unsere Mitschüler dabei, als die junge Elite Langemarck stürmte. Unsere Mitschüler waren dabei, als dann in nervenzerrüttendem Stellungskrieg die Festungswerke des Westens berannt wurden, unsere Mitschüler darbten und starben in den eisigen Wintern russischer Weiten, sie fielen auf allen Kriegsschauplätzen, zu Wasser, zu Lande und in der Luft, so „Wie das Gesetz es befahl!“

Als dann Waffenstillstand eintrat und ein so genannter Friede unterzeichnet war, da galt es erst einmal im eigenen Lande Ruhe und Ordnung zu schaffen, drohendes Chaos abzuwenden. Gerade von dieser Schule aus stellte sich eine stattliche Zahl junger Menschen zur Verfügung und mancher fand im Freicorps den Heldentod.
Es kamen neue Schülergenerationen in dieses Haus und – ein neuer Weltkrieg, wahrhaftig ein „männermordender“, brach aus. Wenn auch nicht mit derselben überschwänglichen Begeisterung wie ehemals, so doch ernst, pflichttreu und tapfer zogen sie aus, mancher von ihnen zum zweiten Mal. Und sie  w a r e n  tapfer und konnten es sein, denn sie kannten das Gute und sie glaubten daran. Männer mit hohen, ja höchsten Kriegsauszeichnungen, Männer, die der Wehrmachtbericht namentlich erwähnte, zählen wir zu den Unsrigen. Und wenn man die Liste dieser Gefallenen durchblättert, überall da, wo deutsches Soldatentum einmalige Heldentaten in der Kriegsgeschichte vollführte, da waren auch sie dabei, Rotterdam und Ebn-Emayl, Kreta und Casino, Tobruk und El Alamain, Oslo und Narwick, Orel und Witebsk – Stalingrad – !!
Und wie mancher fiel dann, als er zähverbissen, deutsche heimatliche Erde verteidigen musste. Wie mancher fiel in und mit seiner nächsten Umgebung – ja, wer hätte es jemals zuvor aussprechen wollen –, wie mancher ging  i n  und  m i t  seiner Heimatstadt Dorsten unter. –  Ihnen allen haben wir dieses Mahnmal errichtet, den uns Bekannten, es sind etwa 320, und den uns noch Unbekannten und Vermissten.
So übergebe ich es in die sorgenden Hände des Gymnasiums und in die schützenden Hände der Stadt und spreche die Bitte, nein, die Forderung aus an Euch, Ihr „Ehemaligen“, dass wir alljährlich, bevor wir zu ernster Beratung und froher Feier zusammentreffen, uns hier einfinden, um unseren toten Helden, mit denen wir zusammen stritten, zu sagen, dass wir ihr Opfer nicht vergessen, dass wir zu ihnen und sie zu uns gehören. Der Jugend aber, die in diesem Hause unter der umsichtigen Obhut ihrer Lehrer aufwächst, rufe ich zu:
„Werdet so, wie sie, unsere teueren Toten, es waren: Echte deutsche Männer, edel, hilfreich und gut!“
Ich enthülle dieses Mal mit Worten, die einst unser hochverehrter Herr Oberstudiendirektor Wiedenhöfer niederschrieb, und die so recht diese Feier und dem inneren Ausdruck dieses Kunstwerkes gerecht werden: „Fremder Erde Schoß lässt modern Euere Gebeine, / Aber, Vaterland, Du, birg, o Geliebtes, das Herz!“

Danach nahm Amtsdirektor Dr. Banke das Ehrenmal für die Stadt in seine Obhut und sagte:
„Dieses Ehrenmal soll Euch stets daran erinnern, Eure Pflicht zu tun. Es kommt weniger auf die Stellung an als auf die Pflicht, das Letzte an Geist und Können zu geben und es in den Dienst des Volkes zu stellen.“ Mit einem Choral klang die Feierstunde aus (siehe auch Gymnasium Petrinum I; siehe Wiedenhöfer, Dr. Josef; siehe Feil, Dr. Georg; siehe Freikorps; siehe Freikorps-Denkmal; siehe Hildebrandt, Familie; siehe Hildebrandt Richard, siehe Hildebrandt. Ernst).

Noch nach dem Krieg das Heldische gelobt – Kommentar

Zu dieser Rede gäbe es vieles zurechtzurücken. Beispielsweise, dass die Freikorps-Mitglieder keine Helden waren. Wer ist im Krieg ein Held? Ist ein Held, der eine Waffe in der Hand hält und andere erschießt? Wahrscheinlich gibt es nur tote Helden, um die Lebenden zu motivieren, ebenso Helden zu werden. Freikorps waren zwar gesetzlich legitimiert, doch für Ihre Mordtaten und Massaker in ihren Operationsgebieten bekannt. Das 1919 in Dorsten operierende Freikorps Lichtschlag hieß im Volksmund „Freikorps Totschlag“. Ihre Taten blieben ungesühnt, auch ihre Morde in Dorsten. Dr. Wiedenhöfer prägte 1934 für das Dorstener Freikorps-Denkmal den Satz: „Uns war’s verhüllt, nun ist’s am Tag, ihr schlugt den ersten Hammerschlag“. Gemeint ist damit der Kampf der Freikorps für die nationalsozialistische Bewegung.
Ein jüdischer Mitschüler am Gymnasium Petrinum war Kurt Ambrunn, der mit seinen Eltern 1942 nach Riga deportiert und dort mit ihnen ermordet wurde. Vielleicht von deutschen Soldaten. Ihm wurde als ehemaliger Schüler 1954 nicht gedacht. Er bekam in der Schule keine Erinnerungstafel.
Wenn der Redner Dr. Busjan über Pflichterfüllung und von Schülern des Gymnasiums mit „höchsten Kriegsauszeichnungen“ sprach, hätte er auch den hochdekorierten Mitschüler Richard Hildebrandt (Abitur 1915) meinen können, der als „Höherer SS- und Polizeiführer“ und General der Polizei „in Pflichterfüllung“ und „Treue zum Vaterland“ tausendfachen Mord an Geisteskranken, Juden und Polen begangen sowie Zwangsdeportationen durchgeführt hatte und das KZ Stutthof bei Danzig bauen ließ. Dafür wurde er vom Nürnberger Tribunal verurteilt und in einem weiteren Prozess in Polen hingerichtet. Auch er handelte aus seinem Verständnis für Pflichterfüllung und Ehre und Heldentum und berief sich dabei vor Gericht auf seine Erziehung. Die genoss er u. a. im Gymnasium Petrinum. Auch sein Bruder Ernst, ebenfalls ehemaliger Petrinum-Schüler, hatte als „SS- und Polizeiführer“ und Polizeipräsident Verbrechen zu verantworten.
Gut, dass heutige Lehrer nicht mehr über heilige Pflichten, über Stolz und Ehre schwafeln und die Schüler solche hohlen Phrasen nicht mehr hören müssen und sich durch sie verführen lassen.


Siehe auch:
Schulen


Quellen:
„Mitteilungen“, Nr. 6, Mai 1955 des „Vereins ehemaliger Schüler des Gymnasium Petrinum und der Realschule e. V.“ – Dr. Wiedenhöfer „Jubelfeier der Abiturienten des Dorstener Gymnasiums“ (1928).

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