Drecker, Joseph

Er hatte in Dorsten der Welt zweitgrößte Sonnenuhren-Sammlung

Sammelobjekt

Sammelobjekt

Von Wolf Stegemann – 1853 in Dorsten bis 1931 ebenda; Lehrer und Privatgelehrter. – Nach einem langen und wirkungsreichen Arbeitsleben kehrte Joseph Drecker 1916 in seine Heimatstadt Dorsten zurück. Doch wieder Fuß fassen konnte er nicht. Er blieb ein Fremder. Gleich dem altgriechischen Denker Demokritos hätte er klagen können: „Ich kehrte heim in meine Vaterstadt Dorsten, aber die meisten übersahen mich, viele verkannten, nur wenige kannten und konnten mich schätzen!“ Joseph Drecker befasste sich nicht mit Heimatkunde, mit der örtlichen Geschichtsschreibung oder Altertumskunde.

Elternhaus am Marktplatz

d-drecker-prof-dr-joseph-sonnennuhrenHätte er dies getan, hätten man ihn in Dorsten vermutlich verstanden und geschätzt. Aber Drecker widmete sich den Fragen, die die Menschheit seit Jahrtausenden bemühen, wie dies Dr. Josef Wiedenhöfer 1931 in einem Nachruf formulierte. Drecker war ein Gelehrter gewesen, der den „reinen Typus des mathematisch-naturwissenschaftlichen Denkers alten Stils“ verkörperte. In Dorsten und in Dorstens Mentalität der kleinbürgerlichen Idylle und der Verkrustungen war für den „Forscher der Zeitmessung“ kein Platz. – Joseph Dreckers Elternhaus, das Geschäftshaus des Kaufmanns Friedrich August Drecker, stand auf der Schmalseite des Marktplatzes. Bis 1870 besuchte er das Dorstener Progymnasium, wechselte dann als Primaner an das Gymnasium nach Coesfeld und legte 1872 die Reifeprüfung ab, studierte in Münster Mathematik und Naturwissenschaften und unterzog sich 1877 der Staatsprüfung für das höhere Lehramt mit mäßigem Erfolg und einem Zeugnis II. Grades. Er durfte also nur bestimmte Fächer in den unteren Klassen lehren. Drecker verließ Westfalen, ging als Hilfslehrer nach Koblenz und übernahm 1879 eine Klasse an der städtischen Gewerbeschule in Aachen. Nach Ablegung einer erfolgreichen Nachprüfung erlangte er in Münster das Zeugnis der I. Klasse und durfte nun Mathematik und Physik, Zoologie und Botanik in allen Klassen und Mineralogie in den unteren Klassen lehren.

Sonnenuhr aus dem Jahr 1701

Sonnenuhr aus dem Jahr 1701

Seine 1883 an der Universität zu Leipzig eingereichte Doktorarbeit „Über die innere Ausdehnungsarbeit von Flüssigkeitsgemischen im Vergleich mit derjenigen ihrer Bestandteile“ wurde als „besonders wertvoll“ in die „Annalen der Physik und Chemie“ übernommen. Im Jahre 1900 bekam er den Titel des Gymnasialprofessors verliehen. 1884 heiratete er die Holländerin Hinke Debora van Geldern, die er auf seinen Reisen kennen gelernt hatte. Die Ehe blieb kinderlos. Kurz nach seiner Hochzeit erkrankte seine Frau an Tuberkulose und starb nach einer langen Leidenszeit in verschiedenen Sanatorien in Davos 1905. Drecker litt darunter schwer und suchte Ausgleich in der Wissenschaft mit der Aufgabe, die Zeit zu erforschen: „Mach es wie die Sonnenuhr, zähl die heitren Stunden nur.“

16 Jahre lang in Dorsten – Mineralien-Sammlung ans Heimatmuseum

Seinen Reisen ordnete er viele andere Lebenszwecke und -ziele unter. Doch sein wissenschaftliches Interesse galt Zeit seines Lebens dem Begriff der Zeit selbst, den er vor allem an Sonnenuhren erforschte, die er – zusammen mit anderen Zeitmessern verschiedenster Art und Größe – auch sammelte. Auf seinen Reisen nach Dänemark, Sizilien, Schweden, England, Spanien, in die Schweiz und nach Nordafrika studierte er das Zusammenspiel von Mathematik, Physik und den Naturgesetzen der Astronomie. In Museen, Bibliotheken, Parkanlagen, an und in Kirchen, Palästen und anderen Bauwerken ergründete und deutete er die Zeit-Messung, las wochenlang alte Handschriften und studierte die arabischen Zeitmessungen. Oft begleitete ihn auf seinen Forschungsreisen in die Bibliotheken nach München, Rom, Barcelona und Paris seine Nichte Toni Drecker, verheiratete Schönenberg, aus Trier. Am Ende seines Lebens besaß er die zweitgrößte Sonnenuhrsammlung der Welt mit vielen Hunderten von Exponaten, von der kleinen Sonnen-Taschenuhr bis hin zu monumentalen Gebilden.

An der Antoniuskirche angebrachte

An der Dorstener Antoniuskirche angebrachte

Drecker verbrachte die letzten 16 Jahre seines Lebens und Wirkens in Dorsten. Schon über siebzigjährig machte er sich Gedanken über den Verbleib seiner Sammlung und wissenschaftlichen Arbeiten nach seinem Tod. Die Familie Drecker war wirtschaftlich nicht so gut gestellt, so dass der Gelehrte nicht daran denken konnte, seine Sammlung der öffentlichen Hand zu schenken. Er verkaufte seine wertvolle Sonnenuhr-Sammlung an einen bis heute noch unbekannten Holländer und vermachte dem Heimatmuseum Dorsten seine umfangreiche Mineralien- und Versteinerungssammlung, die heute auch nicht mehr existiert. Der Dorstener Joseph Drecker, Zeit seines Lebens verhaftet in einem Weltbild, das sich auf göttlichem Urgrund aufbaute, kam nicht mehr zurecht mit den zunehmenden kühlen und materialistischen Weltanschauungen einer sich modern anbahnenden Wissenschaft, über die er zu Freunden sagte, dass er da nicht mehr mitkommen könne. Ein Dattelner Freund, Dr. Peveling, der 60 Jahre lang das Leben und Wirken Dreckers übersah, sagte nach dessen Tod: Professor Drecker ist geistig zu bedeutend und zu naturnah und gemütstief, als dass er sich einer materialistischen Weltanschauung hätte nähern können. Josef Wiedenhöfer schrieb in seinem Nachruf 1931:

„Ist es zu verwundern, dass die Dorstener Mitbürger die verwickelte Geistesart dieses Mannes nicht durchschauten, dass sie für sein wissenschaftliches und seelisches Schicksal wenig Verständnis und Teilnahme hatten, dass seine Verschlossenheit und Weltabgeschiedenheit, sein ablehnendes Fürsichsein wie auch seine geheimnisvolle Forschung manchem unheimlich war?“

Werke: Joseph Drecker hinterließ 14 kleine und größere Schriften, darunter „Ausdehnung, Compressibilität und spezifische Wärme von Chlorkalium- und Chlorcalciumlösungen“ (1888), „Schulflora des Regierungsbezirks Aachen“ (in den 1890er Jahren), „Über Gnomone und Sonnenuhren, ihre Geschichte und Literatur“ (1908), „Geschichte der Zeitmessing“ (Hauptwerk, Dorsten 1916), „Zeitmessung und Sterndeutung“ in geschichtlicher Darstellung (Berlin 1925), „Theorie der Sonnenuhren“ (wissenschaftliches Hauptwerk, Berlin 1925), „Das Planisphaerium des Claudius Ptolemaeus“ (Übersetzungsarbeit, Brüssel 1927), „Über Zeitbestimmung nach Sonnenuhren im Mittelalter“ (Vortrag in Homburg 1928, Archiv Leipzig).


Quellen:
Dr. Joseph Wiedenhöfer in VZ Nr. 39 (Jahrgang 1932). – Wolf Stegemann in RN 1983.

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