Braunschweig, Christian von

Der „tolle Halberstädter“ zog plündernd auch durch die Herrlichkeit

1599 in Gröningen bei Magdeburg bis 1626 in Wolfenbüttel; evangelischer Heerführer und Herzog von Braunschweig-Wolfenbüttel. – Im katholischen Dorsten hatten die Bürger Angst vor ihm, denn sein Ruf als unberechenbarer und grausamer Haudegen eilte ihm überall voraus, wo er mit seiner Streitmacht gerade hinzog und keinen Unterschied zwischen Freund und Feind machte. Besonders im Westfälischen. Als „Gottes Freundt, der Pfaffen Feindt“ zog  der nach heutigen Maßstäben als verrückt geltende „tolle Christian“ 1622 mit 10.000 Mann und drei Kanonen plündernd durch die Bistümer Paderborn und Münster, um die Pfalz zu erobern. Er bedrohte auch das Vest. Die Vestische Ritterschaft und die Landstände konnten die großen Plünderungen durch Geldzahlungen noch abwenden, was aber nicht alle Söldner abhielt, in der Herrlichkeit und vor den Toren der Stadt dennoch zu plündern und zu sengen. „Noch bis ins 20. Jahrhundert hielt sich das Lied, das Großmütter ihren Enkelkindern vorm Schlafengehen vorsangen:

„Horch Kind, horch
wie der Sturmwind weht
und rüttelt am Erker.
Wenn der Braunschweiger draußen steht,
der fasst uns noch stärker.
Lerne beten, Kind
und falten fein die Händ,
dass noch Gott den tollen Christian von uns wend.

Er spielte nur den Erwachsenen

777-Braunschweig-Herzog_ChristianChristian von Braunschweig wurde 1599 als jüngerer Sohn des Herzog Heinrich Julius geboren. Sein Vater starb, bevor er ihm Erziehung angedeihen lassen konnte. Zur Absicherung seiner materiellen Bedürfnisse wurde Christian mit achtzehn Jahren zum „Administrator“ des säkularisierten Bistums Halberstadt gemacht. Außer seiner neurotischen Abneigung gegen Katholiken konnte er für dieses Amt keine weiteren Fähigkeiten nachweisen. Immerhin brachte ihm dieses Amt und sein Verhalten nicht nur den finanziellen Unterhalt, sondern von den Zeitgenossen auch den Namen „der tolle Halberstädter“ und „der tolle Christian“ ein. Seine Jugend verbrachte er am dänischen Königshofe. Ob er dort seine verworrenen Ideale von Ritterlichkeit und Treuedienste für die Dame des Herzens vermittelt bekam, bleibt im Dunkel der Geschichte. Für seine begangenen Verbrechen, der unbewältigte Kindheitspsychosen zugrunde lagen, wäre nach heutigem Rechtsverständnis vermutlich zu lebenslanger Haft mit anschließender Einweisung in eine geschlossene Psychiatrie eingewiesen worden. Erwachsen wurde Christan von Braunschweig nie. Er spielte den Erwachsenen.

Die Vestische Ritterschaft kaufte sich von der Plünderung frei

Die „Lust zum Kriege“, so schrieb er, überwog bei ihm alles. Seine militärische Karriere begann 1620 unter Moritz von Oranien, warb 1621 ein eigenes Heer mit 10.000 Mann an, um Friedrich V. („Winterkönig“) zu unterstützen, in dessen Gemahlin er sich verliebte und seitdem nach alter Rittersitte ihren Handschuh auf seinem Helm trug, wenn er in die Schlacht ritt. 1622 eroberte er die Pfalz. Auf dem Weg dorthin plünderte er kräftig Städte und Dörfer in den Bistümern Paderborn und Münster. Er ließ, bevor er die Orte erreichte, Drohbriefe schicken, die an vier Ecken angesengt und mit der Aufschrift „Feuer! Feuer! Blut! Blut!“ versehen waren. Die Vestische Ritterschaft und die Vestischen Landstände konnten sich von der Plünderung ihrer Schlösser freikaufen. Die Bewohner der Dörfer oft nicht. Denn trotz Freikauf plünderten seine Söldnerhaufen beispielsweise in Rhade und Lembeck. Christian von Braunschweig war grausam und kein Militärstratege. Er war gewalttätig und skrupellos, opferte seine eigenen Söldner über alle Maßen. Er führte nur drei Kanonen mit sich, von denen nur eine funktionierte. Daher hatte er bei seinen Heerführer-Kollegen ein schlechtes Renommee. Bei Tisch war er lärmend und prahlte laut, dass er in den Bistümern höchstpersönlich viel zur Steigerung der Geburtenzahlen getan und „viele kleine Herzöge“ gezeugt hätte.

Amputation des Armes unter Fanfarenklängen

Im Kampf verwundet, musste sich Christian von Braunschweig den linken Unterarm amputieren lassen. Es gehört zu den Überspanntheiten seines Charakters, dass er diese Operation im Angesicht des ganzen Heeres unter Fanfarenklängen ausführen ließ. Zur Erinnerung wurde eine Gedenkmünze mit der Inschrift „Alter restat“ geprägt. An seinen Gegner Spinola schickte Christian die Botschaft, der tolle Herzog habe zwar einen Arm verloren, aber den anderen behalten, um sich an seinen Feinden zu rächen. Nach dem Vorbild Götz von Berlichingens ließ er sich einen kunstvollen eisernen Arm anfertigen.
In der Schlacht von Stadtlohn gegen Tilly verlor Christan von Braunschweig 1623 mehr als sie Hälfte seines Heeres. 1926 übernahm er die Regierung von Braunschweig-Wolfenbüttel. Während er ein neues Heer aufstellten wollte, bekam er Fieber und starb. In einem Nachruft schrieb sein Verbündeter, der König von Dänemark: „Die Krankheit und der Tod haben ihren Ursprung in dem unordentlichen Leben, das Seine Fürstliche Gnaden jederzeit geführt.“

Annette von Droste zu Hülshoff verehrte ihn

Als Wallenstein von seinem Tode erfuhr, soll er ihm mit schwarzem Humor „Viel Glück auf die Reise“ nachgerufen haben. Katholische Quellen berichten, er „sei wie Herodes gestorben“, da seine inneren Organe von einem Riesenwurm zernagt worden seien. Historische Persönlichkeiten wie Christian von Braunschweig irritieren einerseits, fesseln aber auch andererseits durch ihr facettenreiches Leben. Je nach Standpunkt ist man von ihnen und ihren Taten abgestoßen oder ist fasziniert von ihrer Lebensführung ohne moralische Skrupel und menschliche Bindungen. Erstaunt stellt man fest, dass auch Frauen mit hohem Intellekt in den hoch aufgeschossenen Jüngling mit den wilden Haaren „verliebt“ waren. Die Dichterin Annette von Droste zu Hülshoff gehörte dazu. Ricarda Huch, eine andere große Dame der deutschen Literatur, die die Personen des 30-jährigen Krieges, deren Beweggründe und Charaktere intensiv studiert und schriftstellerisch eindrucksvoll gestaltet hat, bringt ihre Eindrücke über Christian von Braunschweig weniger romantisch auf den Punkt, wenn sie vermerkt: „Der ,Tolle Christian’ war überdies wohl geistig nicht ganz normal.“


Quelle:
Friedemann Bedürftig „Taschenlexikon Dreißigjähriger Krieg“, Pieper, 2. Aufl. 1999.

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