Bonifatiusschule

Eröffnung 1930 – Toiletten mit Wasserspülung waren ein Novum

Von Wolf Stegemann – „In Holsterhausen wehten gestern Freudenfahnen: Das neue Schulgebäude an der Juliusstraße wartete auf die Einweihung und Übergabe. Das war ein Festtag, an dem die Herzen höher schlugen. […] Herrliche Frühlingssonne tauchte den schmucken Bau in goldenen Glanz, warmer Maiwind fächelte in dem Fahnenschmuck, der im Spalier den Weg zum Haupteingang umfasste und gekrönt wurde mit den mächtigen Reichs- und Landeszeichen. Sorgsame Hände hatten Schulhof und Schule das Kleid zurecht gezupft und in stolzer Gerecktheit wartete die Bonifatiusschule auf ihre Gäste.“

Bonifatiusschule (Postkarte)

Die frühere Bonifatiusschule in Holsterhausen (Postkarte)

Mit diesen überschwänglichen und fast poetischen Worten leitete die „Dorstener Volkszeitung“ am 25. April 1930 ihren ganzseitigen Bericht über die tags zuvor stattgefundene Eröffnung der Bonifatiusschule ein. Gäste kamen von nah und fern: der Vertreter des Landrats, Regierungsassessor Ackmann aus Recklinghausen, Bürgermeister Kuckelmann aus Wulfen, die Schulräte Brock und Dr. Köster, Amtsbaumeister Spaltmann, Kreisarzt Dr. Sebastian und  Kreiskommunalarzt Dr. Dorner; aus Holsterhausen waren neben dem Lehrerkollegium Vertreter der beiden Konfessionen, Pfarrer Paeschke (ev.) und Pfarrer Herold (kath.) erschienen sowie Gemeindevorsteher Niermann.

Lebensbejahendes Ziel des modernen Gebäudes: „Licht, Luft und Seele“

Einweihung 19.... (Pressebild)

Einweihung der Schule 1930 (Pressebild)

Gäste, Lehrer, Kinder und Eltern fanden sich zur feierlichen Schlüsselübergabe im geschmückten Zeichensaal der neuen Schule ein. „Kopf an Kopf sah man die Gemeinde versammelt, voll innerer Spannung auf die kommenden Dinge.“ Bevor Amtsbürgermeister Christoph Kuckelmann das Rednerpult betrat und die Anwesenden der Reihe nach begrüßte, sang der Kinderchor unter Leitung von Fräulein Hesse „Es tönen heut die Glocken“. Amtsbaumeister Spaltmann umschrieb dann in seiner Rede die Bauausführung:

„Der neue Bau versucht der Bedeutung der Gemeinde gerecht zu werden, insbesondere handelt es sich darum, in klarer Kenntnis hygienischer Forderungen auch das zu bringen, worauf die Jugend ein Recht hat, nämlich Licht, Luft und Seele.“

Dazu gehörten auch die Toiletten mit Wasserspülung, ein Novum im Schulbereich der Gemeinde, denn, wie der Hausmeistersohn später berichtete, es kamen die Kinder von anderen Schulen, um einmal die Spülung zu betätigen. Amtsbaumeister Spaltmann betonte, dass alle Bauteile der Schule dem lebensbejahenden Ziel von „Licht, Luft und Seele“ dienten: eine gut ausgestattete Turnhalle, eine Schulküche, ein Schulbad, Rektorzimmer, Lehrerzimmer, Lehrmittelzimmer, Versammlungsraum, eine große Hausmeisterwohnung, eine öffentliche Badeanstalt, hygienisch einwandfrei ausgestattete Räume für Tuberkulose- und Säuglingsfürsorge. Und im Dachgeschoss sollte zukünftig die Gemeindevertretung tagen.

Bau zeigt den energischen Lebenswillen der Gemeinde

Bonifatiusschule Holsterhausen (spätere Martin-Luther-Schule)

Bonifatiusschule (spätere Martin-Luther-Schule)

Am 12. Dezember 1928 konnte das Gebäude abgesteckt, wegen des anhaltenden Frostes die Bauarbeiten aber erst Ende März 1928 begonnen werden. Zur Errichtung des Baus sagte er: „Es ist der Beweis erbracht worden, dass der Handwerkerstand in Holsterhausen und Umgebung auf einer beachtenswerten Höhe steht.“ Danach wandte sich der Redner an den Gemeindevorsteher Niermann und überreichte ihm die Schlüssel des Gebäudes und nahm ihm das Versprechen ab, „die Schule in bester Hut zu halten“. Amtsbürgermeister Kuckelmann ergriff dann noch einmal das Wort.

„Die Bonifatiusschule steht nun vor uns als schlichter und zugleich wuchtiger Bau ohne jeden übermäßigen Schmuck. Der prächtige Bau zeigt den energischen Lebenswillen der Gemeinde Holsterhausen, die in den letzten Jahren hart um ihre Selbstständigkeit kämpfen musste.“

Verbesserte Schulsituation in Holsterhausen

In der Tat verbesserte der Neubau die Schulsituation in Holsterhausen ganz wesentlich. Hatte die Gemeinde 1810 noch 246 Einwohner, stieg die Einwohnerzahl in den vergangenen 130 Jahren auf mehr als 6.000 an. Zur Zeit der Einweihung der Bonifatiusschule hatte Holsterhausen 1.130 Schulkinder, verteilt auf 28 Klassenräume in vier Schulen. Pfarrer Herold betonte, dass die katholische Kirchengemeinde und die katholische Geistlichkeit ein großes Interesse für den Bau bekunde, in dem nicht nur Schulunterricht erteilt, sondern die Kinder auch mit den Lehren der Religion vertraut gemacht werden sollten. Besonders lobenswert, so der geistliche Redner, sei das gute Verhältnis zwischen den beiden Konfessionen, das auf gegenseitiger Achtung beruhe. Er schloss seine Rede mit den Worten, dass hier Arbeits- und Gemeinschaftssinn, Liebe zur Heimat und Liebe zum deutschen Vaterland geweckt werden, an dessen Spitze jetzt der verehrungswürdige Reichspräsident von Hindenburg stehe. Schulrat Brock, Kreiskommunalarzt Dr. Dorner, Kreisarzt Dr. Sebastian und Schulrat Köster lobten in ihren Grußworten die Gemeinde, die wirtschaftlich zu denken verstehe.

Nach dem Prolog und dem gemeinsam gesungenen Deutschlandlied besichtigten die Honoratioren das Schulgebäude und begaben sich dann gemeinsam zum Gasthaus Kruse, wo die Gemeinde ein Festessen gab, bei dem der evangelische Pfarrer Artur Paeschke die Glückwünsche der evangelischen Kirchengemeinde Holsterhausen überbrachte. Offensichtlich war der evangelische Geistliche trotz der lobenden Worte des katholischen Pfarrers Herold für das „gute Verhältnis der beiden Konfessionen“ nicht zur offiziellen Eröffnung der katholischen Bonifatiusschule eingeladen gewesen. Der eingangs erwähnte Bericht der Dorstener Volkszeitung schließt hoffnungsfroh: „So sind nun die Festklänge verrauscht. Aber in den Herzen aller Teilnehmer ist die Erinnerung und das Bewusstsein geblieben, dass einiger Bürgersinn auch in Notzeiten etwas zu leisten imstande ist. Möge das immer so bleiben!“

Heute sind in dem Gebäude mehrere Unternehmen untergebracht

Das Gebäude der ehem. Bonifatiusschule heute, Foto: JF

In einem Nebengebäude war die Hausmeisterwohnung untergebracht sowie ein öffentliches „Volksbrause- und Wannenbad“ mit 20 Brausen und Zimmer für die Mütter- und Schulkinderberatung sowie Warte- und Untersuchungszimmer für die Lungenfürsorge-Sprechstunden mit eigenen Eingängen aus gesundheitshygienischen Gründen. Die Turnhalle war im Erdgeschoss untergebracht. Schließlich befanden sich in dem Gebäude noch die Kellerräume der im Hauptgebäude untergebrachten Kochschule. In nationalsozialistischer Zeit wurde die Schule in Heinrich-Lersch-Schule umbenannt, im Krieg diente sie als Soldatenquartier, nach dem Krieg hieß sie wieder Bonifatiusschule, dann kamen andere Schultypen in das Gebäude – und Namen Schulnamen: zeitweise war sie die Martin-Luther-Schule, dann wurde sie mit Asylbewerbern belegt, danach die Astrid-Lindgren-Schule, ein Unternehmens und zeitweise die private Montessorischule udn heute mehrere Unternehmen untergebracht.

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