Blindgänger

Fund in der Recklinghäuser Straße und Räumung der Altstadt 1958

Bombenentschärfung in der Recklinghäuser Straße 19....

Mit 300 Strohballen geschützt – geglückte Bombenentschärfung in der Recklinghäuser Straße 1958

Von Wolf Stegemann – Zwischen 1939 und 1946 sind rund 160.000 Tonnen Bomben aufs Revier gefallen. Wie viele davon Blindgänger sind, kann keiner seriös schätzen. In Dorsten und in der Region sind Entschärfungen von Bomben aus dem Zweiten Weltkrieg heute immer noch aktuell. Bis 4.000 Anträge auf Luftbildauswertungen gehen beim Kampfmittelbeseitigungsdienst Westfalen-Lippe mit Sitz in Arnsberg ein. Der dortige Regierungspräsident ist zuständig für die Kampfmittelbeseitigung in den Regierungsbezirken Münster, Detmold und Arnsberg.  Die Arbeit der Feuerwerker begann bereits mit Ende des Zweiten Weltkriegs. Nach Angaben der Bezirksregierung wurden beispielsweise im Jahr 2006 in NRW mehr als 40.000 Sprengkörper, darunter 1.077 Bomben und 27.833 Granaten, mit insgesamt rund 52 Tonnen Sprengstoff geräumt. In Nordrhein-Westfalen sind 90 Feuerwerker als Bombenentschärfer beschäftigt. 2013 wurden allein im Regierungsbezirk Münster 44 Bomben mit Gewichten zwischen 50 und 500 Kilogramm geborgen.

Evakuierung der Einwohner aus den Häusern im Radius von 300 Metern

Bombenentschärfung 19.. in der Recklinghäuser Straße

Besprechung der Verantwortlichen

Eine der spektakulärsten Bombenentschärfungen in Dorsten, vielleicht sogar die gefährlichste, sorgte am Dienstag, den 26. August 1958 für große Aufregung in der Innenstadt. Bei Ausschachtungsarbeiten für das Haus Ramin fanden Bauarbeiter in der Recklinghäuser Straße eine im Krieg nicht explodierte Fünf-Zentner-Bombe mit Zeit- und Säurezünder. Der Sprengmeister ordnete eine Evakuierung fast der gesamten Innenstadt an. Im Radius von 300 Metern mussten alle Häuser geräumt werden. Betroffen waren 1.500 Haushalte zwischen der Gaststätte Freitag im Norden und der Tankstelle Lüning im Osten, der Agathaschule im Süden und dem Haus Wolters im Westen. Fenster mussten geöffnet werden und Türen geschlossen bleiben. Mit den notwendigen persönlichen Papieren, mit Hunden, Katzen und Kanarienvögel räumten die Altstädter bis 11.45 Uhr ihre Wohnungen. Für den Abtransport von Kranken standen Krankenwagen zur Verfügung. Im Umkreis von weiteren 200 Metern wurde Luftschutzalarm angeordnet. Die Bewohner dieser Häuser durften sich nur im Keller aufhalten. Auffanglager für die Evakuierten, die nicht bei Freunden oder Verwandten unterkamen, war der Saal der Gaststätte Kleinespel auf der Hardt.

Zum Schutz in der Recklinghäuser Straße rund 300 Strohballen aufgehäuft

Strohballen sollten Schutz bietene

Strohballen sollten Schutz bieten

Von rund 5.000 Bombeneinschlägen während des letzten Krieges in Dorsten, entfielen etwa 3.000 auf die Innenstadt. Frei nach Goethe gesprochen, waren Markt und Gassen nie so verlassen, wie um die Mittagszeit jenes 26. August 1958. Autoverkehr, der damals noch durch die Recklinghäuser Straße führte, wurde durch die Ursulastraße geleitet. 35 Polizeibeamte in Zivil aus Recklinghausen verstärkten die Dorstener Polizei. 300 Ballen Pressstroh wurden um die Fundstelle an der Recklinghäuser Straße angehäuft. Feuerwehr, Technisches Hilfswerk und Bergungstrupps standen in Bereitschaft. Nach anderthalb Stunden gab Feuerwerker Richard Koch mit drei roten Leuchtraketen Entwarnung. „Um 13.12 Uhr atmete Dorsten auf“, stand anderntags auf der Titelseite der „Ruhr-Nachrichten“. Die Feuerwerker Koch und Skroplies mussten nach der Entwarnung viele Hände drücken, die sich ihnen entgegenstreckten. Die Bürger bedankten sich „für die Rettung Dorstens aus großer Gefahr“. Sieben Mann mussten die entschärfte Bombe zum Südwall ziehen, wo sie verladen wurde. Bis heute gibt es immer wieder Funde von Blindgängern in allen Stadtteilen, deren Entschärfungen und Bergungen weniger spektakulär verlaufen. Doch mussten Bomben auch gesprengt werden, wie 1976 eine 50-Kilo-Bombe, die bei Baggerarbeiten am Kanal gefunden wurde. Der Zünder hatte eine Ausbausperre.

Bombenentschärfung 2013 in Altwulfen – 40 Anwohner wurden evakuiert

Bombenentschärfung am Südwall 1983

Bombenentschärfung am Südwall 1983

Bei Bauarbeiten hatte ein Baggerfahrer im Dezember 2013 an der Baustelle Kleiner Ring/Hervester Straße gegenüber der Volksbank eine amerikanische Fünf-Zentner-Fliegerbombe aus dem Zweiten Weltkrieg entdeckt. Experten der Bezirksregierung hatten als Erstes die Bombe mit Doppelschlag-Zünder begutachtet und zu einer schnellen Entschärfung geraten. Ein Krisenstab im Rathaus ordnete die Evakuierung der Wohnbevölkerung im Radius von 250 Metern der Fundstelle an. Dafür waren Ordnungsamt und Feuerwehr zuständig. Sie informierten die betroffenen Bürger. Auch das DRK war vor Ort. Lautsprecher im Ortsteil und Einsatzkräfte, die von Tür zu Tür gingen, informierten die Anwohner. Mehr als 40 Wulfener suchten Schutz in der Sporthalle der Matthäusschule. Sie wurden in Bussen hin- und nach Entschärfung des Zünders wieder zurückgefahren. Der Zug aus Coesfeld musste auf freier Strecke stoppen. stoppen. Die Hervester Straße wurde gegen 16.30 Uhr gesperrt, die B 58 kurz vor der Entschärfung im Kreuzungsbereich ebenfalls. Die Volksbank packte alles Geld in den sicheren Tresor. Uwe Pawlowski vom Kampfmittelräumdienst der Bezirksregierung Arnsberg, der bereits über 100 Bomben entschärft hatte, konnte innerhalb von 30 Minuten den Zeitzünder der Fünf-Zentner-Bombe entfernen, die anschließend in das Zwischenlager Büren gebracht wurde.

Fundstelle an der Mercaden-Baustelle am Lippetor 2014

An der Mercaden-Baustelle am Lippetor wurde am 10. Juni 2014 um 15 Uhr eine Fünf-Zentner-Fliederbombe aus dem Zweiten Weltkrieg gefunden und vom Kampfmittelräumer  Uwe Pawlowski entschärft. Große Teile der Altstadt im Umkreis von 250 Meter der Fundstelle wurden evakuiert. In diesem Gebiet wohnen rund 1.200 Menschen. Als Aufenthaltsraum bis nach der Entschärfung stand die Turnhalle der St. Ursula-Realschule zur Verfügung. Der Schiffsverkehr auf dem Wesel-Datteln-Kanal wird rechtzeitig gestoppt.

Bombenfund in der Gurdulagasse; Ausriss WAZ vom 23. Nov. 2005

Bombenfund in der Gurdulagasse; Ausriss WAZ vom 23. Nov. 2005

Wenn ein Gebiet starker Bombardierung ausgesetzt war, wie Dorsten und das direkt angrenzende Ruhrgebiet, rücken nicht sofort die Experten des Kampfmittelbeseitigungsdienstes an. Oft werden Spezialfirmen mit der genauen Untersuchung der Flächen beauftragt. Diese werden dann systematisch mit einem Detektionsgerät vermessen. Danach wird nach einem vorgegebenen Bohrraster in einer Tiefe bis zu sieben Meter nach Blindgängern gebohrt. Dabei stoßen die Arbeiter manchmal auf Kuriositäten. Es kommt schon mal vor, dass sich der scheinbare Blindgänger als verrostetes Fahrrad entpuppt. Kommt es allerdings tatsächlich zu einem Fund, muss das Ordnungsamt den Umkreis je nach Stärke der Bombe abriegeln. Die Experten des Kampfmittelbeseitigungsdienstes übernehmen dann die Munitionsbergung, den Abtransport und die Vernichtung, die im Munitionszerlegebetrieb in Hünxe ausgeführt wird. Bei der gefährlichen Arbeit dort gab es den letzten tragischen Unfall im Juni 2008. Bei der Vorbereitung zum Zerlegen detonierten drei Granaten im Sägestand. Ein Mitarbeiter kam dabei zu Tode.

Fundmunition

Ausgegrabene Fundmunition wird zur Sprengung vorbereitet

Kampfmittelräumdienst hat immer noch genügend zu tun

Unter dem Dach der Bezirksregierung Arnsberg ist der Kampfmittelbeseitigungsdienst zuständig für die Beseitigung von Munition in den Regierungsbezirken Münster, Detmold und Arnsberg. Rund 2000 Mal rücken die Kampfmittelräumer in den Regierungsbezirken jährlich immer noch aus, um die explosiven Hinterlassenschaften unschädlich zu machen. Doch bevor Blindgänger entschärft werden, muss der Bürokratie genüge getan werden. Ob es zu einem Einsatz des Kampfmittelbeseitigungsdienstes kommt, hängt zunächst von den örtlichen Ordnungsbehörden der Städte und Gemeinden ab. Ihnen obliegt es, Anträge auf Luftbildauswertung zu stellen. Gründe für die Antragsstellung sind beispielsweise die Erschließung neuer Baugrundstücke, Zufallsfunde oder Zeitzeugenberichte. An Hand der computergestützten Auswertung von Luftbildern, die zwischen April und Mai 1945 von den alliierten Streitkräften gemacht wurden, geben die Experten des Kampfmittelbeseitigungsdienstes dann Empfehlungen zur weiteren Vorgehensweise an die jeweiligen Ordnungsämter raus. Das kann zwischen vier und sechs Wochen dauern.
Mitte 2014 wurde an mehreren Stellen in Hervest nach Blindgängern gesucht. Denn die britische Luftaufklärung hat ihre Bilder, mit denen sie die Wirkung ihrer Bombenabwürfe  kontrolliert hatte, freigegeben. Nach der Auswertung von jetzt freigegebenen. Der Kampfmittelräumdienst nutzt nun diese Bilder, um bei den auf den Fotos sichtbaren Einschlagstellen von Blindgängern die Bomben aufzuspüren. Im Ellerbruch wurden gleich zwei amerikanische Fünf-Zentner-Bomben in der Nähe des Tierheims gefunden. Rund 420 Personen aus der Umgebung mussten gegen 12 Uhr evakuiert werden. Die rund 120 Tiere kamen bis zur Entschärfung um 15.09 Uhr ins Feuerwehrheim ins Dorf Hervest.

Immer wieder neue Blindgänger-Funde in der Stadt und im Umkreis

2015 Gahlener Straße - Sprengmeister Pawlowski; Foto: DZ

2015 Gahlener Straße – Sprenger Pawlowski; Foto: DZ

Im Februar 2015 wurde eine Fliegerbombe an der Gahlener-/Clemens-August-Straße auf der Hardt entdeckt, die zwei Meter unter der Erdoberfläche lag. Rund 1.000 umliegende Bewohner wurden im Radius von 250 Metern evakuiert und mit Bussen zur Geschwister-Scholl-Schule gefahren, bis der Kampfmittelräumdienst die Fünf-Zentner-Bombe problemlos entschärft hatte, der im Mai auch das Baugelände der ehemaligen Dachpappenfabrik Dr. Kohl mit Bohr-Verfahren nach Blindgängern des letzten Krieges absuchte. Im August 2015 wurde eine deutsche 8,8-Zentimeter-Sprenggranate im Wulfener Gewerbegebiet Im Köhl gefunden und vom Kampfmittelräumdienst Arnsberg unschädlich gemacht. Bei Abbrucharbeiten eines Einfamilienhauses an der Straße Auf der Brey hatte der Baggerführer am 29. September 2015 gleich drei Granaten auf der Schaufel. Der Kampfmittelräumdienst nahm sie mit und vernichtete sie an anderer Stelle.

2015 wurden im Kreis Recklinghausen 13 Blindgänger gefunden

Auch 70 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs lauern noch tonnenweise Blindgänger unter der Erde. Immer wieder werden im Kreis Recklinghausen amerikanische und britische Fliegerbomben gefunden. 2015 waren es 13 Bomben. In ganz NRW fast 10.000. Diese Bilanz hat das Innenministerium im August 2016 gezogen.  Fast jeden Monat wird im Kreis Recklinghausen ein Blindgänger entdeckt. Meistens bei Bauarbeiten. Außerdem gibt es Luftbilder von englischen Behörden, mit denen man nicht explodierte Bomben erkennen kann. Das Innenministerium geht davon aus, dass noch tausende unter der Erde liegen. Zum . Die Entschärfungen sind oft sehr aufwändig: Meistens müssen hunderte Menschen ihre Wohnungen verlassen und vorübergehend irgendwo anders unterkommen.

250-Pfund-Bombe am Güterbahnhof in Hervest-Dorsten 2016 entschärft

2016 "Am Güterbahnhof"; Foto: Bludau

2016 „Am Güterbahnhof“; Foto: Bludau

Eine Bombe wurde am 4. August 2016 an der Straße „Am Güterbahnhof“ gefunden und vom zuständigen Kampfmittelräumdienst Arnsberg unschädlich gemacht. Der Evakuierungsradius betrug 150 Meter. Bewohner in diesem Bereich mussten ab 14 Uhr woanders untergebracht werden, Straßen wurden abgesperrt. Sprengmeister Andreas Brümmer (Arnsberg) konnte nicht einmal zwei Stunden später die Alarmstufe aufheben. Die 250-Pfund-Bombe war entschärft. Am Abend des 14. November 2016 ist bei Ausschachtungsarbeiten eine 50 Kilo schwere Fliegerbombe aus dem Zweiten Weltkrieg an der Kirchhellener Allee entdeckt und entschärft worden. Etwa 70 Anwohner aus dem Umfeld mussten in Sicherheit gebracht werden, bevor die Entschärfung beginnen konnte. Diese war bereits nach zwei Stunden abgeschlossen. Bombenfunde im Kreis Recklinghausen nehmen kein Ende. Experten schätzen, dass zwischen 1939 und 1945 rund 160.000 Tonnen Bomben auf das Revier gefallen. Wie viele als Blindgänger noch im ‚Boden liegen, kann niemand seriös beziffern. Es gibt nur Schätzungen: Eine lautet, dass jede zehnte abgeworfene Bombe nicht detoniert ist. – Im Bereich der Marler Straße/Barloer Busch sprengte der Kampfmittelräumdienst im Mai 2017 kontrolliert eine aus dem letzten Krieg aufgefundene Flakgranate.

Grundeigentümer zahlen die Kosten der Entschärfung

Die Stadt Dorsten muss zusätzlich knapp 330.000 Euro für die Suche nach Bomben aufbringen. Das war Thema im Oktober 2016 im Hauptausschuss des Rates. Vor allem beim Bau des neuen Einkaufszentrums – den Mercaden – musste öfters als gedacht nach Bomben gesucht werden, was dann auch mehr Kosten verursachte.


Quellen:
Stefan Diebäcker DZ-Online vom 10. Juli 2014. – DZ vom 4. Dezember 2013. – „Fünf-Zentner-Bombe in einer Stunde entschärft“ in RN vom 27. August 1958. – Wolf Stegemann „Bombenfund in der Altstadt: 1.550 Haushalte evakuiert“ in RN vom 26. August 1988.

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