Armut

In Dorsten sind über elf Prozent der Einwohner Hartz IV-Empfänger

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Seit Jahren sehen sich die Deutschen einer verschärften Armutssituation gegenüber und politisch wird nicht gegengesteuert. Vielmehr starrt die Bundesregierung auf die guten Bilanzen kapitalistischer Unternehmen, während ganz unten die Armutszahlen jährlich steigen und die Armut wächst. Damit die Politiker in Berlin nicht mehr das unerträgliche Wort „arm“ oder „Armut“ in den Mund nehmen brauchen, definieren seit neuestem die Soziologen in Deutschland die Menschen, die in Armut leben, zum „abgehängten Prekariat“, also Leute, die in prekären Zuständen leben. Das haben die Fachleute doch wieder einmal gut gemacht, und die Reichen müssen nicht einmal mehr um das Wort „Armut“ diskutieren (Der Spiegel). Ulrike Mascher, Präsidentin des Sozialverbands VdK Deutschlands, zeigt sich betroffen und wütend angesichts der 16 Millionen als arm geltende Menschen in der Bundesrepublik, eines der reichsten Länder der Welt:

„Es steht schwarz auf weiß fest, dass Armut in Deutschland ein drängendes Problem ist und nicht mehr wegdiskutiert werden darf. Armut führt auch zu sozialer Ausgrenzung. Das kann und darf sich unsere Gesellschaft nicht leisten. Deshalb muss die Vermeidung und Bekämpfung von Armut ganz nach oben auf die politische Tagesordnung der neuen Bundesregierung.“

In Dorsten 11,1 Prozent Hartz IV-Empfänger: sie gelten als arm

In Nordrhein-Westfalen ist 2014 der Anteil der Armen auf 16 Prozent gestiegen, d. h., jeder sechste Einwohner gilt als arm. Die Armutsschwelle liegt in NRW bei 873 Euro netto für Einpersonen-Haushalte. BUndesweit liegt sie bei 892 Euro. a-armut (1)Für Transferleistung Hartz IV (Sozialgesetzbuch, SGB II) ist der Kreis zuständig. Der Kreis Recklinghausen mit seinen zehn angehörenden Städten, darunter Dorsten, leben 3,5 Prozent aller Deutschen und 9,5 Prozent aller Hartz IV-Empfänger. Mit Stand 2009 kamen monatlich 500 neue Hartz IV-Fälle hinzu. Die Lage hat sich weiter angespannt. Wegen der Finanz- und Wirtschaftskrise 2009/10 hatte der Kreis monatlich sogar 1.500 Fälle dazu bekommen. 2010 erhielten in Dorsten 2.579 arbeitslos gemeldete Personen Hartz IV (18 weniger als 2009); darunter 1.042 Langzeitarbeitslose (19 mehr als 2009) und 367 Jugendliche unter 25 Jahren (31 weniger als 2009). Ausgehend von 75.734 Einwohnern gibt es in Dorsten 17.3 Prozent Kinderarmut; 12,7 Prozent Jugendarmut, 11,1 Prozent Hartz IV-Bezieher und 3,5 Prozent Altersarmut.

Frisches Fleisch, Milch, Obst und Gemüse sind für Arme Luxusgüter

In Deutschland geht es nicht um die existenzielle Armut, unter der die Menschen in Entwicklungsländern leiden: Niemand muss in Deutschland Hunger leiden, der sein Leben bedroht. Dennoch leben die von Armut Betroffenen in Deutschland im Vergleich zum Rest der Bevölkerung mit erheblichen Einschränkungen.a-armut (2)Der Großteil ihres Einkommens dient der Absicherung elementarer Lebensbedürfnisse. Für den Kauf von Lebensmitteln bleiben den Betroffenen nur wenige Euro pro Tag, die für die Zubereitung von Frühstück, Mittag- und Abendessen ausreichen müssen. Frisches Fleisch, Milch, Obst und Gemüse werden zu Luxusgütern, die sich die Betroffenen nur selten leisten können. Die möglichen Folgen: Mangelernährung, hohe Krankheitsanfälligkeit, soziale Isolation, Suchtprobleme. Die „Tafeln“ treten dafür ein, die negativen Folgen der Armut in einem Land des Überflusses etwas zu lindern – und den Betroffenen damit ein Stück Lebensmut und Kraft zu verleihen, um ihre Lebenssituation zum Positiven zu verändern.

Definition in der Gesellschaft von absoluter und relativer Armut

Suche nach BrauchbaremIm Gegensatz zur absoluten Armut, die das Überleben der Betroffenen unmittelbar bedroht, wird in Wohlstandsgesellschaften wie Deutschland Armut meist als „relative Armut“ definiert: relativ im Verhältnis zum Wohlstand der Bevölkerung des Landes. Die Armutsgrenze bezieht sich in diesem Fall auf statistische Zahlenwerte, meistens das durchschnittliche Einkommen. In der Europäischen Union gelten Personen als arm, die monatlich weniger als 60 Prozent des nationalen Mittelwerts verdienen. In Deutschland sind das ca. 930 Euro. Vielen Kritikern dieses Konzeptes geht die Definition von Einkommensarmut nicht weit genug. Neben dem monetären Aspekt betrachten die Befürworter des so genannten Lebenslagenansatzes zentrale Lebensbereiche wie Wohnen, Bildung, Gesundheit, Arbeit, Einkommen, Kleidung, Ernährung, Transport und Kommunikationsmöglichkeiten. Als arm gilt, wer zu vielen dieser Bereiche erschwerten Zugang hat bzw. ganz davon ausgeschlossen ist  – und damit geringere Chancen hat, am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen.

Armutsquote im Kreis Recklinghausen weiter auf hohem Niveau

Im Kreis gilt jeder fünfte Mensch als arm. Das steht im neuen Armutsbericht der Wohlfahrtsverbände vom März 2017. Als arm gilt beispielsweise ein Single, der nicht mehr als 1033 Euro im Monat verdient. Damit bleibt die Quote genau wie im Vorjahr auf einem hohen Niveau. Vor allem im Ruhrgebiet sind die Zahlen seit Jahren deutlich angestiegen; innerhalb von zehn Jahren um drei Prozent. Besonders armutsgefährdet sind Alleinerziehende, Arbeitslose und Rentner. Auch die Kinder-Armutsquote im Kreis liegt deutlich über dem Bundesdurchschnitt: Jedes vierte Kind im Kreis Recklinghausen lebt in einer Hartz IV-Familie. Um gegenzusteuern, fordert der Paritätische Wohlfahrtsverband unter anderem mehr finanzielle Unterstützung für Betroffene.

Arbeitslosigkeit, geringer Bildungsstand, chronisch Kranke = Armutsrisiko

Das Risiko, arm zu werden oder zu bleiben, ist in erster Linie an eine Erwerbstätigkeit geknüpft. In Deutschland sind heute vor allem Arbeitslose und deren Angehörige, zu einem geringeren Anteil auch Geringverdienende von Armut betroffen bzw. unmittelbar von Armut bedroht. a-armut (4)Je geringer der Bildungsstand, desto größer ist das Risiko, in Armut abzugleiten. Nach wie vor haben gut (aus-)gebildete Menschen die besten Chancen auf einen Arbeitsplatz. Stark gefährdet sind zudem Senioren mit geringer Rente, Migrant(inn)en, chronisch Kranke und Behinderte. Wer aber erst einmal auf staatliche Unterstützung angewiesen ist, hat es oft schwer, sich aus dieser Abhängigkeit wieder zu befreien. Die Betroffenen sind auf die Hilfe anderer Menschen angewiesen. Die „Tafeln“ versuchen, für die Bedürftigen ihrer Stadt einen Ausgleich zu schaffen.
Menschen mit vielen Kindern – insbesondere Alleinerziehende – haben ein höheres Armutsrisiko als Kinderlose oder Paare, die ihre Kinder gemeinsam aufziehen. Kinder selbst sind deutlich häufiger von Armut betroffen als Erwachsene: Laut einer Studie des Kinderhilfswerks ist jedes sechste Kind in Deutschland auf staatliche Unterstützung angewiesen – mit steigender Tendenz. Diese Entwicklung ist besonders bedenklich, da der Armutskreislauf oft nur schwer zu durchbrechen ist: Sozial benachteiligte Kinder ernähren sich häufig ungesünder, sind häufiger krank, erhalten eine schlechtere Ausbildung und damit schlechte Startchancen in die Zukunft, und geben diese Risiken später oft an ihre eigenen Kinder weiter.

Armutsbericht 2013: Warnung des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes

Der Paritätische Wohlfahrtsverband  untersuchte die Armutssituation in Deutschland für das Jahr 2013. Der Abstand zwischen dem Bundesland mit der geringsten Armutsquote (Baden-Württemberg: 11,1 Prozent) und dem Letztplatzierten (Bremen: 23,1 Prozent) habe sich vergrößert und betrage mittlerweile zwölf Prozentpunkte. Armutsrisiko in Berlin am höchstenAuch das Ausmaß der regionalen Unterschiede innerhalb der Bundesländer habe eine neue Qualität erreicht. Keine Entwarnung gebe es insbesondere für die „armutspolitische Problemregion Nummer 1“, das Ruhrgebiet. „Ganze Regionen befinden sich in Abwärtsspiralen aus wachsender Armut und weg brechender Wirtschaftskraft. Hier brauchen wir eine gezielte finanzielle Förderung und soziale Programme, um der Verödung entgegenzuwirken“ steht in dem Bericht. In Nordrhein-Westfalen liegt die Armutsquote bei 16,6 Prozent. Die Nationale Armutskonferenz nennt die Befunde alarmierend. „Der Bericht zeigt, dass wir in Deutschland weiter von einer chancengerechten Gesellschaft entfernt sind als je zuvor“. In einem Sechs-Punkte-Katalog fordert die Konferenz unter anderem eine bedarfsgerechte Erhöhung der Regelsätze, Beschäftigungsangebote für Langzeitarbeitslose sowie eine Stärkung des sozialen Wohnungsbaus.

Altersarmut: Jeder zweite Rentner hat weniger als Hartz IV

Nach den Zahlen der Deutschen Rentenversicherung erhielten in NRW Ende 2013 eine Viertelmillion Menschen Leistungen im Alter bzw. bei Erwerbsunfähigkeit. Das sind 18.000 Betroffene oder 7,8 Prozent mehr als im Vorjahr. 801-In-Deutschland-lebten-2010-knapp-neun-Prozent-der-Menschen-in-relativer-ArmutDie höchste Steigerungsrate weist mit einem Plus von 30 Prozant der Kreis Warendorf (Münsterland) mit 2.595 Empfängern auf. . Insgesamt waren rund 137.000 Bezieher –und daqmit 55 Prozent aller –mindestens 65 Jahre alt. Ihr Durchschnittsalter liegt bei 74 Jahren. Besonders hoch sei deutschlandweit der Anteil der Renten unter 700 Euro bei Altersrentnerinnen im Westen, hieß es. Viele Rentner sind deshalb darauf angewiesen, auch im Ruhestand noch Geld zu verdienen. Betroffen sind bundesweit rund 660.000 Ruheständler. Eine wachsende Zahl von Rentnern muss einem Zeitungsbericht zufolge noch dazu arbeiten oder die staatliche Grundsicherung beantragen, um über die Runden zu kommen. Wie die „Saarbrücker Zeitung“ unter Berufung auf Zahlen von 2013 des Bundesarbeitsministeriums berichtete, gingen rund 660.000 Menschen im Alter zwischen 65 und 74 Jahren nebenher einer geringfügigen Beschäftigung oder einem Minijob nach. Das seien 244.000 mehr als im Jahr 2000, was einem Anstieg um 58,6 Prozent entspreche. 400.000 über 65-Jährige beantragten und erhielten demnach im Jahr 2009 die staatliche Grundsicherung im Alter, 2003 waren es 258.000. Hintergrund der Altersarmut ist die Zunahme prekärer Arbeitsverhältnisse und gebrochener Erwerbsbiografien. Viele Seniorenmüssen arbeiten, weil die Rente nicht reicht. Doch wer mehr als 400 Euro dazu verdient, kann ein Drittel seiner Altersbezüge verlieren.

Die andere Seite: Deutschlands Reiche werden noch reicher

Das Vermögen der reichsten deutschen Bürger ist im vergangenen Jahr erneut deutlich gestiegen. Die Zahl der Dollar-Millionäre stieg dadurch um 11,4 Prozent auf nunmehr 1,13 Millionen. 801-Armut-in-Deutschland-deutlich-staerker-gewachsen-als-im-EU-SchnittDas ergab eine Studie der Beratungsgesellschaft Capgemini und der Royal Bank of Canada. Die deutsche Oberschicht profitierte demnach vor allem von stark gestiegenen Aktienkursen und den hohen Wertzuwächsen bei nicht selbstgenutzten Immobilien. Weltweit stieg die Zahl der Menschen mit einem Anlagevermögen von mehr als einer Million US-Dollar um 14,7 Prozent auf 13,7 Millionen. Das von ihnen gehaltene Kapital wuchs um 14 Prozent auf 52,6 Billionen Dollar. Zum Vergleich: Die gesamten deutschen Staatsschulden betragen rund 2 Billionen Euro. Mehr Reiche als in Deutschland gab es 2013 nur in Japan und in Nordamerika. Experten erwarten für 2016 ein Vermögensplus der Reichen von 7,1 Prozent für Europa vor Nordamerika, aber auch deutlich hinter Asien. Dort wird ein jährliches Vermögensplus von 9,8 Prozent erwartet. Vom gestiegenen Reichtum deutscher Millionäre profitiert die Bundesrepublik nur sehr begrenzt: Mehr als 40 Prozent ihres Vermögens legten die Reichen einer Befragung zufolge außerhalb Europas an (spiegel-online, 18. April 2014).

Ende 2014 veröffentlichte dpa, dass die Schere zwischen arm und reich in Deutschland immer weiter auseinanderklafft. Nach einer Studie der Hilfsorganisation Oxfam könnten in Deutschland reichste Familien auch bei Ausgaben von einer Million Euro pro Tag noch Jahrzehnte auskommen, bis ihr Vermögen aufgezehrt wäre. Die Familie von Theo Albrecht junior, Erbe von Aldi Nord, würde es bei einem geschätzten Vermögen von 13,5 Milliarden Euro demnach bis ins Jahr 2051 schaffen.


Quellen:
„Süddeutsche Zeitung“ vom 17. Mai 2010. – ntv-Beitrag 16. Oktober 2007. – „Deutschlands Rentner müssen oft jobben, damit das Geld reicht“ in „Die Welt“ vom 22. August 2011. – ntv-Beitrag „Kinder aus Hartz-IV-Familien: Vorsicht bei Geldgeschenken“ vom 24. August 2011. – Spiegel-online vom 18. April und 27. Mai 2014.

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