Kinderarmut

Überdurchschnittliche Zahlen in Hervest und Barkenberg

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In den 41 wohlhabendsten Ländern der Welt sind seit Beginn der Finazkrise 2008 etwa 2,6 Millionen mehr KInder unter die Armutsgrenze gerutscht, wie das UN-Kinderhilfswerk Unicef im Oktober 20124 berichtete. Die Debatte, wer in einer reichen Gesellschaft arm ist, bewegt spätestens seit Einführung von Hartz IV die Öffentlichkeit, besonders im Hinblick auf Kinderarmut – die es auch in Dorsten gibt. 2008 legte die Stadt auf Betreiben der SPD einen umfassenden Bericht über „Kinderarmut in Dorsten“ vor, der von den Parteien und in der Öffentlichkeit diskutiert wurde. 11,6 Prozent aller Dorstener (9.223) leben von dem Betrag, den der Staat ihnen zur Sicherung der Lebenshaltungskosten laut Gesetz zahlt. Der Anteil der Kinder ist höher: 18,1 Prozent (2.084 von 11.514) aller Kinder unter 15 Jahren sind auf Transferleistungen des Staates angewiesen. Hervest, Wulfen, Holsterhausen und die Altstadt sind mit überdurchschnittlichen Werten betroffen. In Hervest und Barkenberg gibt es zwei Bezirke, in denen sogar jedes dritte Kind unter 15 Jahren ein „Hartz IV-Kind“ ist.

In der politischen Debatte wurden mögliche Schlussfolgerungen aufgezeigt: Verlängerung der bislang befristeten Initiative „Kein Kind ohne Mahlzeit“, das allerdings mit dem Schuljahresende 2011 ausgelaufen war. Im Schulausschuss der Stadt wurde Kritik an dem Projekt laut, dass der Leiter der Gesamtschule Wulfen als gescheitert ansah. Die WAZ schrieb am 31. Januar 2012:

„Das Ziel, die Finanzierung des Mittagessens für Kinder aus bedürftigen Familien in den Schulen sicherzustellen, werde verfehlt. Ein bürokratischer Wust, dem sich Eltern und Schulen gegenübersehen, sei kaum zu bewältigen, lautete die massive Kritik im Schulausschuss.“

Foto: Britta Petersen (dpa)Zum Bildungs- und Teilhabepaket gehörte auch der Start eines ähnlichen Projekts für Kindergärten. Hartz IV-Empfänger erhalten ab 2011 für ihre Kinder zusätzliches Geld für Schulmaterial, Vereinsbeiträgen u. a. Das Bundesverfassungsgericht hatte der Politik aufgetragen, die Transferleistungen für Kinder bis Ende 2010 nachhaltig zu verbessern. Allerdings erschwerte auch hier ein zu großer Bürokratismus eine effiziente Umsetzung des Bildungs- und Teilhabepakets. Trotz der schlechten Haushaltslage der Stadt (Not-Haushalt) versuchen Politik und Verwaltung durch Maßnahmen der Kinderarmut entgegen zu wirken: Einrichtung eines Familienbüros 2008 und einer Mobilen Jugendhilfe in den sozial auffälligen Stadtteilen, Kinderschutzkonzept mit präventiven Hausbesuchen durch das Familienbüro nach der Geburt, offensiver Ausbau der Betreuungsangebote für U3-Kinder sowohl in Kindertagesstätten als auch in der Kindertagespflege (für 30 Prozent der unter Dreijährigen gibt es Betreuungsplätze).

Der soziale Status der Eltern hat Einfluss auf Kinderarmut

KinderarmutBei der Kinderarmut spielt der soziale Status der Eltern eine große Rolle. Wie die 2010 erschienene Studie belegt, hat das Kind eines Arztes eine 2,6 Mal so hohe Chance, ein Gymnasium zu besuchen als das Kind einer kurdischen Familie. Der Stadt Sorgen macht, dass Kinderarmut sehr häufig von Generation zu Generation weitergegeben wird. Hier greifen die Instrumentarien zur Vermeidung bzw. Bekämpfung von Kinderarmut nicht. Bei einer Leserumfrage der „Dorstener Zeitung“ Anfang des Jahres 2011 antworteten auf die Frage, ob die Stadt genügend gegen die Kinderarmut tue, 42,2 Prozent mit Nein, 22,3 Prozent meinten, dass die Stadt im Rahmen ihrer Möglichkeiten alles unternehme.

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Große Unterschiede in den Dorstener Stadtteilen

In Dorsten nahm in den letzten Jahren die Kinderarmut zu. Das liegt daran, dass immer mehr Familien von Hartz IV-Bezügen leben müssen. Wenn es Kinderarmut auch in allen Stadtteilen gibt, so sind einige Stadtteile besonders betroffen. Spitzenreiter ist nach Auskunft des Jugendamts die Altstadt, wo 29,5 Prozent der Kinder nach den üblichen Kriterien als arm gelten. In Deuten sind es nur 1,0 Prozent der Kinder.  Neben der Altstadt sind besonders sie Stadtteile Wulfen, Hervest und Holsterhausen betroffen. Auch innerhalb der Ortsteile gibt es Unterschiede, wie beispielsweise in Wulfen. In Altwulfen sind 10 Prozent der Kinder, in Barkenberg dagegen 36,3 Prozent.

Drastische Verschlechterung der Situation von Kindern

k-kinderarmut-muelltonnenNach Einschätzung der „Nationalen Armutskonferenz“ (NAK) habe die Hartz-IV-Reform die Situation von Kindern aus einkommensschwachen Familien drastisch verschlechtert. Die Zahlen seien alarmierend und skandalös, kritisierte die Konferenz im Mai 2010. Etwa 2,2 bis 3 Millionen Jungen und Mädchen leben demnach in Familien mit einem Einkommen in Höhe des Existenzminimums – mehr als doppelt so viele wie 2004, als Arbeitslosen- und Sozialhilfe noch getrennt waren. Die bei der Stadt Dorsten angesiedelte Dorstener Kinderferienstiftung fördert in Zusammenarbeit mit dem Jugendamt der Stadt und den freien Wohlfahrtsverbänden (Arbeiterwohlfahrt, Caritas, Diakonie, Innere Mission und Rotes Kreuz) kontinuierlich Ferien für finanziell benachteiligte Kinder. Dem Kuratorium gehören auch Vertreter der Dorstener Zeitung an.

Die Gesellschaft und Politik bekommen Kinderarmut nicht „in den Griff“

343-kinderarmut-sockenTrotz vieler örtlicher Initiativen gibt es in Deutschland jedoch keinen übergreifenden Aktionsplan gegen Kinderarmut. „Es passt nicht zusammen, über Fachkräftemangel zu diskutieren und zugleich zuzulassen, dass etwa 1,9 Millionen Kinder unter 18 Jahren im Hinterhof unserer Wohlstandsgesellschaft in Hartz-IV-Armut leben müssen“ sagte die DGB-Vorstandsmitglied Annelie Buntenbach zur Süddeutschen Zeitung (10. Oktober 2014). Der DGB fordert deshalb ein Sonderprogramm gegen Kinder- und Familienarmut. Es soll sich zunächst auf 450.000 Eltern konzentrieren, die arbeitslos gemeldet sind, Kinder im Haushalt haben, Hartz IV nicht mit einem Zusatzjob aufstocken und an keiner Maßnahme eines Jobcenters teilnehmen. Es sollen geförderte Arbeitsplätze geschaffen werden. Das Programm müssen Jobcenter, Kommunen, der Bund, Wohlfahrtsverbände und Vereine gemeinsam tragen (siehe auch Armut).

UN-Bericht prangert an

Zum wiederholten Male haben die Vereinten Nationen in ihrem Staatenbericht Anfang Juli 2011 die Bundesrepublik wegen der unveränderten schlechten „menschenunwürdigen Bedingungen“, in der arme Menschen leben müssten, angeprangert und „konkrete Maßnahmen“ zur Verbesserung der Situation von Armen, Migranten, Kindern und Pflegebedürftigen verlangt. Jedes 4. Kind gehe ohne Frühstück zur Schule, heißt es in dem Papier. „Tief besorgt“ zeigte sich die UN auch darüber, dass viele seiner früheren Empfehlungen in der Bundesrepublik nicht umgesetzt würden. Erheblich ausgebaut werden müssten Angebote auch für Kinder. – Der Deutsche Gewerkschaftsbund forderte die Bundesregierung auf, endlich das Armutsproblem anzugehen (dpa-Meldung 7. Juli 2011).

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