Anti-Terror-Betonklötze 2016/17

Bürgermeister schottet die Innenstadt vor möglichen LKW-Attentätern ab

Essener Straße: Einsam und nutzlos steht der Klotz; Foto: Helmut Frenzel

Von Wolf Stegemann – Das Attentat auf einen Weihnachtsmarkt am 19. Dezember 2016 in Berlin, wo ein IS-Sympathisant mit einem LKW Menschen tötete, hat die Stadtverwaltung in Dorsten aufgeschreckt und aufgescheucht, die jetzt die Innenstadt gefährdet sieht, weil nun auch ein LKW-Attentat durch Nachahmungstäter in Dorsten geschehen könnte. Das hat sich Bürgermeistermeister Tobias Stockhoff von der Polizei bestätigen lassen. Daher wurden an den Zugängen zur Fußgängerzone in der Schnelle schwere Wassertanks in Ermangelung von Betonklötzen aufgestellt, die ein Durchfahren mit schweren Lastkraftwagen verhindert sollen. Bislang hat lediglich ein LKW beim Aufstellen der Wassertanks Schaden am Überdach eines Haushaltswarengeschäfts in der Recklinghäuser Straße angerichtet. Der Geschädigte reklamierte einen Schaden von 1500 Euro und zeigte ihn bei der Polizei an. Daraufhin ließ die Stadtverwaltung den Anti-Terror-Wassertank vom Geschäft weg versetzen.

Etliche Städte schützten ihre Weihnachtsmärkte – mehr Polizeipräsenz

Polizei-Präsenz bei Veranstaltungen

Andere große Städte in der Bundesrepublik sicherten ihre Weihnachtsmärkte mit erhöhter Polizeipräsenz. Duisburg, Essen-Stelle und Bochum sicherte als Großstädte ihre Weihnachtsmarkt noch mit Wasserbehältern, so wie Dorsten nicht nur die im Vergleich zu anderen Weihnachtsmärkten nicht nennenswerten Weihnachtmarkt absicherten, sondern zugleich die gesamt Innenstadt. In Dortmund durften bis zum 31. Dezember zwischen 18 und 23 Uhr keine Fahrzeuge über 3,5 Tonnen innerhalb des Wallrings fahren. In Herne wurden Betonpoller rund um die Märkte und der Christuskirche in Wanne aufgestellt. Die Stadt Witten hat keine baulichen Veränderungen verfügt. Dort hieß es: „Wir schätzen die Lage hier tendenziell entspannter ein, als auf den Weihnachtsmärkten in großen Städten.“ Für Nordrein-Westfalen ordnete der Innenminister noch in der Nacht nach dem Berliner Attentat Doppelstreifen auf den Weihnachtsmärkten an. Beamten patrouillierten nicht nur zu zweit, es würden auch Maschinenpistolen und Schutzwesten getragen. Auch der Dresdner Striezelmarkt sollte zusätzlich mit Betonklötzen und Fahrzeugsperren gesichert werden, wie es von der Polizei hieß. Nach Beendigung der Weihnachtsmärkte seien die Schutzvorrichtungen wieder abgebaut worden.

MP Hannelore Kraft: Es kann auch Nordrhein-Westfalen treffen

Ministerpräsidentin Hannelore Kraft meinte in der Atmosphäre des Erschreckens über das Attentat in Berlin zu den Sicherheitsmaßnahmen auf den Weihnachtsmärkten der großen Städte: „Es muss sich jede Bürgerin und jeder Bürger bewusst sein, dass es auch Nordrhein-Westfalen treffen kann. Wir dürfen die Gefahr nicht ignorieren, wir müssen mir ihr leben.“ Innenminister Jäger warnte aber auch vor Panikmache: „Wir dürfen nicht zulassen, dass Angst und Hass die Überhand bekommen. Es geht jetzt darum, als Gesellschaft zusammenzuhalten.“

Anti-Terror-Wassertanks durch Anti-Terror-Beton-Klötze ersetzt

Nicht wie in anderen Städten, die ihre LKW-Schutzvorrichtungen nach den Weihnachtsmärkten wieder abbauten, bleiben sie in Dorsten stehen und werden noch vervollkommnet. Ende Februar wurden die Anti-Terror-Wassertanks in der Innenstadt durch Anti-Terror-Betonklötzen ersetzt und so aufgestellt, wie die Pressestelle der Stadt mitteilte, dass sie verhindern, „dass Fahrzeuge auf relativ langen Geraden in der Altstadt stark beschleunigen, um dann vielleicht ungebremst in eine Menschenmenge auf dem Markt hineinzurasen. Die Blöcke stehen quasi als Hindernisse im Raum und müssen umfahren werden. Das wirkt geschwindigkeitshemmend“. Sie müssen aber auch von allen anderen Lastkraftwagen umfahren werden, die beispielsweise zu bestimmten Zeiten Läden beliefern oder an Markttagen die Stände. Die Frage, wie denn die großen LKW der Feuerwehr im Brandfalle ohne Verzögerungen, Herumrangieren und Anecken an den Anti-Terror-Betonklötzen vorbeikommen, bleibt unbeantwortet.

Bald auch Sitzgelegenheiten an den LKW-Sperren?

Frisch bemalt (Lippestraße); Foto: Wolf Stegemann

Insgesamt wurden elf 80×80 cm große und 1,25 Tonnen schwere Anti-Terror-Betonklötze in der Fußgängerzone aufgestellt. Das Stück kostete 30 Euro. Mit Aufstellen und anderen Nebenkosten, so die Stadt, kam eine Summe zwischen 1500 und 2000 Euro zusammen. Da die Blöcke überaus hässlich aussehen, sollen Schulklassen und Jugendliche mit Farbe und Fantasie Kunstprojekte daraus machen. Man könne auch Bänke integrieren und darauf sitzen, war im Rathaus zu hören. – Na, ja, sollte überraschend ein Terror-LKW auf diese Anti-Terror-Betonklötze zurasen, dann müssen die, die an den Anti-Terror-Betonklötzen sitzen, schneller weglaufen, als der Terror-LKW auf sie zufährt. Wenn die Dorstener Fußgängerzone so stark gefährdet sein sollte, was den gesamten Wassertank- und Betonaktionismus der Verwaltung rechtfertigte, dann sollten Bewohner durch Sitzflächen an oder auf den Klötzen nicht zum Sitzen eingeladen werden. Denn das wäre absurd und paradox. Die Betonklötze finden nicht überall Zustimmung. Vor allem nicht bei Geschäftsinhabern vor Ort. Sie widersprechen nicht nur einem freundlichen Straßenbild, sondern auch der von Politikern, Kriminalpsychologen und anderen Kriminalwissenschaftlern immer wieder bekundeten Verhaltensregel, weder durch Veröffentlichungen noch durch übertriebene Maßnahmen Panik in der Bevölkerung zu schüren.

Soll Dorstens Fußgängerzone auf Dauer wirklich „zubetoniert“ werden?

Der Kreis Recklinghausen konnte keine Angaben machen, ob noch eine weitere Stadt im Kreis solche Anti-Terror-Klötze aufgestellt hat. Dorsten ist nach einer Meldung von „Radio Vest“ die einzige Stadt im Vest, die sich auf diese Art und Weise vor Terroranschlägen schützen will. Bei der Google-Recherche konnte auch keine andere Stadt mit der Meldung gefunden werden, dass Fußgängerzonen vor Attentats-Lastkraftwagen teilweise zubetoniert werden. Das NRW-Innenministerium konnte darüber auch keine Auskunft geben. – Im Rahmen der geplanten Umgestaltung der Innenstadt in den nächsten Jahren könnten die Anti-Terror-Betonklötze durch versenkbare Anti-Terror-Poller ersetzt werden, meint der Bürgermeister.

Nach physikalischen Formeln den elastischen Stoß eines LKW berechnet

Der Wassertank soll LKW aufhalten

Wassertank-Installation; Foto: Stefan Diebäcker (DZ)

Zudem scheinen die Dorstener Wassertank- und Betonklotzmaßnahmen gegen Attentate technisch ungeeignet zu sein. Dem baute der Bürgermeister bereits vor, indem er das sagte, was bereits landauf landab stets bekundeter Erkenntnis-Standard ist: dass es keine hundertprozentige Sicherheit geben kann. Wie wahr. Sagte doch ein Gast im Eiscafé am Markt, als er von der Anti-Terror-Wassertank- und Betonklotz-Aktion in der DZ las: „Jetzt mauern sich die Dorstener ein!“ Ein anderer erwiderte: „Wenn sie das wirklich machen, dann haben sie ihre Betonklötze schon längst im Kopf!“ (gehört 10. Januar).

Stadtspiegel: Dorstener Wassertanks sind „Flop der Woche“

Der „Dorstener Stadtspiegel“ bezeichnete die Aktion in seiner Ausgabe vom 28. Dezember 2016 als den „Flop der Woche“: „Mit Fahrzeugen lassen sich die Behälter umfahren oder verschieben. Das Aufstellen zeigt eher von Aktionismus als von wirklichem Schutz.“ Und Stefan Diebäcker von der „Dorstener Zeitung“ (DZ) schrieb am 30. Dezember (Auszug): „Kritik an dem Vorgehen der Stadtverwaltung vor Weihnachten muss … erlaubt sein. … Vielleicht müssen wir alle lernen, mit einer unterschwelligen Terror-Gefahr, so wenig greifbar sie für uns in Dorsten ist, zu leben. Übertriebenes Sicherheitsdenken ohne konkreten Anlass kann auch Angst schüren. So weit darf es nicht kommen.“

Lembecker versperrten die Zufahrt zum Festzelt mit Anhängern

Doch es kam so weit. In derselben DZ-Ausgabe ist zu lesen, dass die Organisatoren der öffentlichen Silvesterfeier 2016 im Dorf bzw. Dorstener Stadtteil Lembeck anlässlich des Feierjahres „1000 Jahre Lembeck“ ihre über 2300 Gäste im Festzelt am Schloss durch eine Wagenburg aus schweren Anhängern absichern würden. Zudem erklärten sie: „Auch Flaschen und Waffen seien nicht erlaubt.“ Angesichts der gemutmaßten Terrorgefahr wollen die Lembecker auch die Zufahrten zu ihrem jährlichen traditionellen Tiermarkt am 7. Mai mit Fahrzeugen der Trecker verstellen.

Elmar Theveßen: Gefährdungslage in Dorsten abstrakt

Angstmache: Titelseite der Bild-Zeitung 21. Dez. 2916

An Elmar Theveßen, dem ZDF-Terror-Experten, am Telefon die Frage gerichtet, ob denn eine Fußgängerzone in einer eigentlich unbedeutenden kleinen und urban nicht homogenen Stadt wie Dorsten eines andauernden festgefügten Schutzes durch Betonverriegelungen der Zugangsstraßen in die Fußgängerzone bedürfe, kam erste einmal die Gegenfrage, wo denn Dorsten genau liege, wie groß die Stadt und wie strukturiert die Fußgängerzone sei. Nach Klärung meinte er, dass Dorsten weder ein klassisches noch ein gefährdetes Ziel von LKW-Attentätern sei. Nach seinem Ermessen sei die Gefährdungslage zu abstrakt, um real gegeben zu sein.
Wie dpa Mitte April meldete, halten die in Deutschland verwendeten mobilen Antiterror-Sperren aus Beton dem Angriff mit einem Lastwagen nicht stand. Das haben zwei Tests der Prüfgesellschaft Dekra im Auftrag des MDR-Magazins „Umschau“ ergeben. Die überprüften Betonblöcke wurden den Angaben zufolge bundesweit zum Schutz von Großveranstaltungen eingesetzt. Bei den Tests habe ein LKW die 2,4 Tonnen schweren Betonklötze beiseite geschoben und die Absperrungen durchbrochen, hieß es. Erinnert sei, dass die Dorstener festen Betonblöcke nur 1 Tonne schwer sind.

Kreativ bemalt: Klotz in der Recklinghäuser Straße

Bemalt: Keine Kunst, decorativ vielleicht – dennoch nutzloch

An der Bemalung der Anti-LKW-Terror-Betonklötze nahmen am 1. April 2017, in Dorsten als „Mobilitätstag“ ausgerufen, sechs Kinder und Jugendgruppen teil: Schüler und Schülerinnen der Bonhoeffer-Schule, der Haldenwang-Schule, der Montessori-Schule, des St. Ursula-Gymnasiums und der Geschister-Scholl-Schule sowie Kreativgruppe des Integrationsforums nahmen an der Bemalungsaktion teil. Die Materialkosten dieser Anti-LKW-Terror-Betonklotz-Bemalungs-Aktion wurden aus dem Bürgerfonds der Stadt finanziert. – Neben diesem lustigen Anmalen der Anti-LKW-Terror-Klötze fanden an dem so genannten Dorstener „Mobilitätstag“ noch Fahrradtouren, Fahrten in die Hohe Mark und Fahrradputzaktionen sowie eine Gebraucht-Fahrradbörse statt.

 

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