Innenstadt (Essay)

Die fortschreitende Verödung ist kaum noch aufzuhalten

Von Wolf Stegemann – Schon wieder ging eines der wenigen noch vorhandenen eigentümergeführten Geschäfte über die Wupper … äh Lippe. Auch im wahrsten Sinne des Wortes. Die Buchhandlung Schwarz auf Weiß, seit vielen Jahren in der Lippestraße eine Quelle guter Literatur und Beratung, schloss 2012.  Die Filiale in der Holsterhausener Freiheitsstraße bleibt. Dass Dorstens kleinere Buchhandlungen in der Innenstadt peu à peu zumachen, war vorauszusehen, nachdem die Buchhandelskette Thalia, deren Umsatzeinbrüche bekannt geworden sind, 2011 am Marktplatz eine große Niederlassung errichtet hatte. Es bleibt abzuwarten, wann die nächste Buchhandlung schließt – es gibt jetzt nur noch zwei weitere kleinere. Vorausschauend hat beispielsweise die Buchhandlung an der Recklinghäuser Straße mit Kuscheltieren und sakralen Gegenständen ein buchfremdes Sortiment dazu genommen.

Die Innenstadt von Dorsten in den 1960er-Jahren

Die Innenstadt von Dorsten in den 1960er-Jahren

In den 1980er-Jahren Einkaufsmärkte auf der grünen Wiese verhindert

Dorsten hatte schon immer Probleme mit seinen Innenstadtgeschäften. Vor rund 20 Jahren gab ein traditionsreiches Familienunternehmen mit Büchern, Kunst und kirchlichen Utensilien in der Lippestraße auf. Die Inhaberin gefragt, warum sie das tue, sagte, sie bekomme von der Drogeriekette mehr Miete als sie Umsatz mache. Somit siedelten sich Kettengeschäfte und dann die Billigwarenläden im Fußgängerbereich nach und nach an, durch eine rigide Verdrängung fast allen Autoverkehrs aus der Innenstadt, zuletzt im Jahr 2000, wurden auch die größeren Lebensmittelgeschäfte verdrängt, die zuvor die Tante Emma-Läden zum Schließen gezwungen hatten. Nach und nach verödete die Innenstadt. Phantasie der Verwaltung und der Kommunalpolitiker wäre gefragt gewesen, um diesen Trend zu entgegen. Wenn Phantasie da war, fehlte es womöglich an der Umsetzung. Erinnert sei hier an die Einflussnahmen von Dorstener Geschäftsinhabern auf die Politik, die in den späten 1980er-Jahren lange Zeit immer wieder zu verhindern wussten, das auf der grünen Wiese Großangebote von brauner und weißer Ware entstehen konnten.

Fortschreitende Verödung der Innenstadt kaum noch aufzuhalten

Um die fortschreitende Verödung der Innenstadt aufzuhalten, gründete Dorstener Kaufleute 1988 den Arbeitskreis Altstadt Dorsten e. V., aus dem die Dorstener Interessengemeinschaft Altstadt e. V. (DIA) wurde. Der Verein hat es sich zur Aufgabe gemacht, das Stadtzentrum für Bürger und Kunden attraktiver zu machen. Dazu gehören u. a. Veranstaltungen und Aktionen, Begrünungen, Einhalt der immer stärker werdenden Verschmutzung und Maßnahmen, das Einkaufen in der Altstadt durch einen bunten, aufeinander abgestimmten Branchen-Mix attraktiver zu machen.

Bereits 1992 wurden im Rahmen eines Projekts, das von Studenten der Münsteraner Wilhelms-Universität als Semesterarbeit betreut wurde, ein neuer Name und ein neues Erscheinungsbild für die Vereinigung erarbeitet. Da nun Kaufleute für ein besseres Image zu sorgen hatten, orientierte sich dieses am Verkauf. Beispielsweise wurden aus Festen, die einst einen kulturellen Schwerpunkt hatten, Feste mit Fress- und Trinkbuden, wie beim Altstadtfest, der Marktplatz wurde oft genug für die Bürger abgesperrt und war nur gegen Bezahlung betretbar. Somit wurde mit einem Jahrhunderte langem Recht der Bürger gebrochen, bei eigenen Festen den eigenen Marktplatz kostenfrei betreten zu können. War aber die Rede von einer Begrünung des Marktplatzes, pochten die Gegner der Begrünung wie Schützenverein und Markt-Kaufmannschaft, stets erfolgreich auf die Tradition eines baumlosen Dorstener Marktplatzes. Jeder, der Dorsten von früher kennt, merkt, wie verödet die Innenstadt sich mittlerweile darstellt. Ein Backgeschäft, ein Handy-Laden und ein Billigladen neben dem anderen, dazwischen Billig-Damenoberbekleidung. Die wenigen Geschäfte, die aus dem Rahmen fallen, muten wie Juwelen an, beispielsweise vorzügliche Goldschmiedekunst.

Neues Image, schöne Worte, leere Kassen

Die zunehmende Verödung der Innenstadt fiel auch der Verwaltung und der Politik auf. Ein neues Image musste her. Man ließ sich beraten und wollte aus Dorsten einen Kulturstandort und ein Wellness-Zentrum machen. 1999 wurde das Kölner Institut „Econ-Consult – Wirtschafts- und sozialwissenschaftliche Beratungsgesellschaft mbH & Co KG“ beauftragt, den Standort Dorsten zu untersuchen. Die Kosten hierfür in Höhe von 200.000 DM wurden aus Landesmitteln in Höhe von 140.000 DM und 20.000 DM der Kommune bestritten. Für den Rest kamen privatwirtschaftliche Partner (darunter die DIA) auf. Stadt und Econ-Consult stellten das Projekt unter dem Motto „Ein Bündnis aller Kräfte“ Bürgern, Verbänden und Unternehmen vor. Bürger sollten in einer Umfrage mit kreativen Ideen „Dorsten 2010“ zu einer besseren Stadt beitragen und in einer „Zukunftswerkstatt“ am neuen Image basteln. Die Themen, die den Dorstenern im Jahre 2000 besonders am Herzen lagen, waren: „Dorsten als innovativer Wirtschaftsstandort im Aufschwung, als Freizeit- und Kulturerlebnis zwischen Ruhrgebiet und Münsterland, als Altstadterlebnis und als Stadt mit Profil und positivem Image.“ Schöne Worte. 3.000 Bürgern wurden Fragebogen zugeschickt, von denen allerdings nur 671 zur Auswertung zurückkamen. Danach wurden Leitprojekte erstellt, die Grundlage für Maßnahmenkataloge sein sollten: „Gesundheitsstadt Dorsten“, „City-Management“, „Stadt – Raum am Wasser“, „Kulturstadt Dorsten“, „Verwaltungsmarketing“.  Der Entertainer und Kabarettist Hape Kerkeling prägte Dorsten den Stempel einer Alten-Stadt auf. In einer TV-Show fragte er ins Publikum „… oder haben sie auch eine Oma in Dorsten?“ Damit spielte er an, dass die Innenstadt von so vielen Altenheimen umgeben ist, wie kaum eine andere Stadt oder ein anderer Stadtteil in dieser Größenordnung.

1978: Fußgängerzone darf keine Konsumstraße sein

Oben: Kein Durchkommen auf der Lippestraße; unten: Essener Straße Richtung Lippestraße kurz nach Sperrung des Autoverkehrs

Oben: Kein Durchkommen auf der Lippestraße; unten: Essener Straße Richtung Lippestraße kurz nach Sperrung des Autoverkehrs

Als Fazit der Wirtschafts- und sozialwissenschaftlichen Beratungsgesellschaft wurde genannt: Das Image der Stadt muss aufpoliert werden. Dorsten soll Kulturstadt sein, zur Belebung des Tourismus könnte u. a. der Reitsport gefördert und der Kanal für Veranstaltungen stärker eingebunden werden. Dorsten soll sich auch möglichst bundesweit als Gesundheits- und Wellness-Stadt profilieren. Die erarbeiteten Ergebnisse, so Bürgermeister Lambert Lütkenhorst, sind „für die nächsten zehn bis 15 Jahre Orientierungshilfe für die Planung und nicht zuletzt auch für wirtschaftliche Standortentscheidungen“. Die städtische Kasse ist mittlerweile leer, die Stadt überschuldet, der Nothaushalt regiert die Stadt. Orientierungshilfen sind derzeit die Gesetze und finanzpolitischen Verordnungen. Unterdessen schließen nach und nach die kleinen und wichtigen Geschäfte, in denen Beratung noch großgeschrieben war. Wenn 2015 das neue Mercaden-Center am Lippetor seinen Prachtbau einweihen wird, wird dies die Verödung der Innenstadt nicht aufhalten können.

Altes Lippetorcenter wartete lange auf den Abriss; Foto: Wolf Stegemann

Das 1982 eröffnete Lippetor-Center wurde für das größere „Mercaden“ abgerissen; Foto: Wolf Stegemann

1978 ein Einkaufs-Center von der Kaufmannschaft noch abgelehnt

Bei der Planung des jetzt abgerissenen Lippetor-Center lehnte der damalige Sprecher der Dorstener Kaufmannschaft 1978 die Ansiedlung eines Verbrauchermarkts am Lippetor mit der Begründung ab, aus der Fußgängerzone dürfe keine Konsumstraße gemacht werden, vielmehr müsse sie Einkaufs- und gleichzeitig Begegnungs- und Freizeitstätte sein. Fachgeschäfte seien erstrebenswert, Boutiquen, Spezialitätenrestaurants mit internationaler Küche, eine Diskothek, eine Tanzschule und ein Kino wünschenswert, um das Image zu verbessern und dazu beizutragen, dass hier noch abends Betrieb herrsche. Die Wünsche der Kaufmannschaft blieben ungehört. Seit Jahren wird Kritik geäußert, dass die Fußgängerzone außerhalb der Einkaufszeiten menschenleer geworden sei, da es nicht gelungen sei, die Innenstadt zu beleben. Als das Lippetor-Center schließlich 1982 überschwänglichen Reden und überglücklichen Zukunftsaussichten eröffnet wurde, bröckelten die vielen kleinen Geschäfte, die das Center attraktiv machten, mangels Umsatz schnell wieder ab. Das Schlüssel-Kino schloss. Jetzt soll mit der alten Idee und neuem Gebäude alles wieder von vorne anfangen. Nur schöner, größer, teurer – nur der Kanal bleibt, wo er ist, vermutlich weiterhin unberührt, denn das Wasser- und Schifffahrtsamt und der Lippeverband haben ihre eigenen Gesetze.

Holsterhausen lebt auf

Der Stadtteil Holsterhausen profitiert vom Niedergang der Altstadt. Dort gibt es fließenden Verkehr, die in Wohn- und Gewerbebereichen angesiedelten Supermärkte, Boutiquen, Banken und Geschäfte,  sind mit dem Auto zu erreichen, es gibt keine Parkgebühren, das einzige Kino in der Stadt gibt es in Holsterhausen, Ärzte, Apotheken und alles andere auch. Immer mehr Altstädter kaufen in Holsterhausen ein.

Minister zur Montanindustrie: Dorsten stellte die falschen Weichen

Dorsten am Wasser? Da kommt die Stadt nicht in die Gänge! Foto: Iris Klahn

Dorsten am Wasser? Nur ein Werbespruch! Foto: Iris Klahn

Im Februar 2013 sprach vor mehr als 300 Teilnehmern – darunter Bürgermeister, Stadtbauräte und Planer aus 74 NRW-Kommunen der Landesminister für Bauen, Wohnen, Stadtentwicklung und Verkehr, Michael Groschek, im Kreativquartier Fürst Leopold Klartext: „Viele unserer Fußgängerzonen ähneln inzwischen der früheren Zone.“ Damit meinte er die damalige Ostzone. Gründe für die Verödung der Innenstädte seien u. a. die Filialisierung der Geschäfte, die zur Austauschbarkeit geführt habe, sowie die Konkurrenz der grünen Wiese. Auch der Wegzug von Familien in die Grüngürtel der Städte spiele eine entscheidende Rolle. Daher gelte es nun umzudenken und Anreize zu schaffen. Ein Anreiz dafür sei das Projekt „Innenstädte sind Wohnquartiere.“ Die Landespolitik wolle dazu einen finanziellen Beitrag leisten. Nicht öffentlich, aber im Pressegespräch gestand der Minister auch Versäumnisse der Politik ein: „Wir haben uns beim Strukturwandel zu sehr auf die Montanindustrie konzentriert und dabei verpasst, was im Handel geschieht.“ Er nannte Dorsten als Paradebeispiel. Es sei an der Zeit, so der Minister, denjenigen, die bloß den schnellen Euro suchen, Daumenschrauben anzulegen. Dazu gehörten geeignete Machtmittel im Interesse der Allgemeinheit und Planungsinstrumente gegen Center auf der grünen Wiese. „Wer draußen 36 Yoghurt-Sorten anbietet, muss auch dafür sorgen, dass im Zentrum wenigstens zwei, drei Sorten zu erwerben sind.“ (K.-D. Krause: „Netzwerk Innenstadt  Bauminister redete Klartext im Kreativquartier“ in der DZ vom 15. Februar 2013).

Innenstadt mit Ideen der Bürger und Geld des Landes aufmotzen

„Wir machen Mitte-Dorsten 2020 – Das integrierte Innenstadtlkonzept“ heißt das Motto, mit dem nach dem Stadtumbau Barkenberg und dem Projekt Sozialen Stadt Hervest 2015 im Rahmen des Städtebauförderprogramms die Innenstadt und die angrenzende Hardt sowie die Feldmark aufgemotzt werden sollen. Ob und wie das gelingt, soll erst einmal eine Untersuchung mit Ideen aus der Bürgerschaft zeigen. Dazu beauftragt wurde das Dortmunder Planungsbüro „Plan -Lokal“. Die Stadtverwaltug rechnet damit, dass mit staatlicher Projektförderung und privaten Investitionen ein zweistelliger Millionenbetrag für die Altstadt notwendig sein wird. Im Sommer 2015 soll das Strategiepapier stehen, damit sich die politischen Gremien damit befassen können.

Kommentar

Keine homogene Stadt – auch nicht in den Köpfen

Das bis heute erhaltene Gefühl der Nichtzugehörigkeit bei den Stadtteilbewohnern und der strukturellen Auseinandergezogenheit des Stadtgebildes brachte und bringt etliche gesamtstädtische Probleme für Dorsten mit sich. Dorsten ist keine homogene Stadt. Auch nach fast 70 Jahren der Zugehörigkeit von Hervest und Holsterhausen zu Dorsten und 35 Jahre nach der Eingemeindung der Herrlichkeitsdörfer hat sich bei den früher selbstständigen Gemeinden ein nur distanziertes Gefühl der Gemeinsamkeit entwickelt. Das seit 1975 bestehende Gesamtgebilde Stadt Dorsten ist auch heute noch ein künstliches. Eigenständige Traditionen in den früheren Landgemeinden beherrschen auch heute noch vorherrschend die Strukturen in der Gesamtstadt, das Kaufverhalten und das Feiern von Festen. Bis heute hat sich das Einkaufsverhalten der Stadtteilbewohner nicht geändert: Altendorfer sind überwiegend nach Gelsenkirchen-Buer ausgerichtet, Lembecker und Wulfener nach Haltern und Rhader nach Borken. Auch konnte sich trotz etlicher Bemühungen beispielsweise kein gesamtstädtisches Fest entwickeln. Was Wirtschaftstrukturen, Kaufkraft- und Bewegungsverhalten der Bevölkerung betrifft, so wäre das Heranziehen der Gesamteinwohnerzahl von rund 78.000 für „Dorsten“, was vor allem in der Wirtschaftswerbung für die Stadt als Kaufkraft immer wieder angeführt wird, nicht unbedingt korrekt.

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