Volkstrauertag

Früher der Helden und heute der Opfer gedacht – die Form blieb

Aus dem Heldengedenktag der Nationalsozialisten entwickelte sich nach dem Krieg der Volkstrauertag. Seit 1952 ist er ein nationaler Trauertag zum Gedenken an die Opfer beider Weltkriege und des Nationalsozialismus, jeweils am 1. Sonntag vor dem 1. Advent. In Dorsten ist die Stadt offizieller Veranstalter dieser Feiern, Ausrichter jeweils ein Verein (meist Schützenverein) zusammen mit anderen Gruppierungen und den Kirchen in den Stadtteilen (Gottesdienst, Marsch zu den Kriegergedächtnisstätten, Rede).

Volkstrauertag 2009 (Holsterhausen)

Volkstrauertag 2009 (Holsterhausen)

Streit um die äußere Form der Trauerfeier flammte auf Parteiebene auf

Mitte der 1980er-Jahre wurde aus der Bürgerschaft offen Kritik an der äußeren Form der Volkstrauertage in Dorsten geäußert. Schützenvereine, die jeweils im Auftrag der Stadt Ausrichter des Volkstrauertages waren, sahen sich zunehmend mit Bürgern konfrontiert, die nicht länger „Zuschauer“ eines Zeremoniells an den Gefallenengedenkstätten sein wollten. 1985 wurde eine Gruppe älterer schwarz gekleideter Frauen in Holsterhausen durch den militärischen Anmarsch der uniformierten Schützenabordnungen weggedrängt und mussten hinter einer Mauer bzw. hinter den Rücken der Schützen ihrer gefallenen Männer und Söhne gedenken. Die Berichterstattung darüber in den „Ruhr Nachrichten“ führte zum Umdenken in der Stadtverwaltung. Seither sind auch andere Gruppierungen und kirchliche Organisationen an der Ausgestaltung der Volkstrauerfeiern beteiligt. Stadtdirektor Dr. Zahn vereinbarte in einem Gespräch mit Schützenvereinen und Heimatvereinen, dass zukünftig bei Trauerfeiern keine Kommandos mehr gerufen werden sollten. Der Verwaltungschef, der hoffte, dass diese Vereinbarung eingehalten wird, appellierte an alle Beteiligten, dass die äußere Form der inneren entsprechen müsse. „Schließlich kann niemand  auf Kommando und im Gleichschritt trauern.“

Am jüdischen Friedhof: Stadtdirektor Dr. Zahn (l.) und Bürgermeister Ritter 1987

Am jüdischen Friedhof: Stadtdirektor Dr. Zahn (l.) und Bürgermeister Ritter 1990; Foto: Wolf Stegemann

Seither legten Bürgermeister Heinz Ritter und Stadtdirektor Dr. Zahn am Volkstrauertag auch einen Kranz an den jüdischen Friedhöfen nieder, um der jüdischen Opfer des Nationalsozialismus eigens zu gedenken, bevor die offizielle Trauerfeier unter Regie der Schützen an einem Kriegerdenkmal in einem Stadtteil begann. Ein Jahr später, 1987, brach der Streit um die äußere Form auf politischer Parteiebene wieder auf, weil nun Kommunal- und Parteipolitiker sich des Themas annahmen – die einen mit der einen Meinung, die anderen mit einer anderen.

Kommentar: Lügen ersetzen die verdrängte Wahrheit

Die Dorstener Ausgabe der „Ruhr-Nachrichten“ rief am 14. November 1953 zum Volkstrauertag auf. Der Redakteur veröffentlichte ein Foto des Kriegerdenkmals in Wulfen und schrieb folgenden Text darunter, den er mit „Volkstrauertag 1953“ betitelte:

„Wie das Ehrenmal in Wulfen, so gibt es in deutschen Landen noch viele steinerne Zeugen der Liebe, Dankbarkeit und Treue. Sie sind die stumme Mahnung, am Volkstrauertag besonders derer zu gedenken, die Leib und Leben ließen für des Volkes Wohlfahrt und Frieden. Denken wir daran, wo immer wir uns am morgigen Tag versammeln, um das Gelöbnis der Treue zu erneuern.“

Dieser Text, acht Jahre nach dem Ende des Weltkriegs mit insgesamt 50 Millionen Toten, zeigt den ganzen Verdrängungsmechanismus, dem die Kriegs- und Nachkriegsgeneration nicht nur ausgesetzt war, den sie auch in Gang gesetzt hatte. Denn man wusste acht Jahre nach dem Krieg, mit dem Deutschland ganz Europa überzogen hatte, dass deutsche Soldaten Leib und Leben nicht für „des Volkes Wohlfahrt und Frieden“ gelassen hatten. Deutsche Soldaten haben nicht für den Frieden gekämpft, sie haben im Ersten Weltkrieg für den Kaiser gekämpft, der den Krieg wollte, und sie haben im Zweiten Weltkrieg für Hitler gekämpft, der ebenfalls den Krieg wollte, ihn anfing und brutal führte. Für ihn sind sie gestorben – ohne Sinn. Nur gut, dass die Generation, die nach der Nachkriegsgeneration dies auch ohne Zutun ihre Eltern und Lehrer begriffen hat, dass solche Sätze, wie sie 1953 geschrieben wurde, falsch und kriegsverherrlichend waren – Wolf Stegemann.

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