Volksbildungswerk

Jugend sollte beim geistigen Aufbau nicht abseits stehen

Als 1976 die Volkshochschulen bundesweit gesetzlich errichtet wurden, gab es in Dorsten bereits das 1948 gegründete Volksbildungswerk zur Weiterbildung für Erwachsene. – Nichts schien die Deutschen nach der Stunde Null des Jahres 1945 mehr zu faszinieren als Theater, Literatur und Musik. Das mag daran gelegen haben, dass der Geist, im Gegensatz zum Schinken, ohne Marken erhältlich war. Schon das Jahr 1945 brachte trotz der Einschränkung durch die Alliierten, die eine freie kulturelle Meinungsäußerung nur durch ein kontrollierbares Lizenzsystem gestatteten, eine Blüte des Kulturlebens.

Interesse für Weiterbild

Interesse für Weiterbildung

Kultur fehlte der straffe Aufbau

Die ersten Kulturveranstaltungen fanden in Dorsten im Hedoli-Filmpalast in Hervest statt. Schon 1945 wurden erste Stimmen bei der Dorstener Verwaltung und später im Verwaltungsbeirat laut, eine „Kulturhalle“ zu bauen. Die Firma Stewing bot sich an, eine solche zu errichten. Doch dahinter verbarg sich nichts anderes als ein schlichtes Kino. In einem Kommentar der „Westfälischen Nachrichten“ vom 29. Oktober 1947 wird beklagt, dass es trotz mehrerer gut gelungener Veranstaltungen (Pfarrgemeinden boten schon sehr früh vielfältige Programme an) der Dorstener Kultur an einem straffen Aufbau fehle, ohne den – wenigstens vorläufig – kein richtiger Wiederaufbau des hiesigen Kulturlebens stattfinden könne. „Es war schon vorigen Winter so, dass neben wertvollen Veranstaltungen die billigste Unterhaltungskunst sich breitmachte und das wieder niederriss, was eben mühsam aufgebaut worden war.“ – Ein Jahr später übernahm das Volksbildungswerk die „kulturelle Führung“.

Berufsschuldirektor leitete nebenberuflich das Volksbildungswerk

„Wissen und Wissenschaft sind nicht beschlagnahmt und nicht bewirtschaftet. Jedem sollen sie zugänglich sein.“ Mit diesen Worten eröffnete am 4. November 1948 Amtsdirektor Dr. Banke feierlich das „Dorstener Volksbildungswerk“ (Vorläufer des Kulturamtes, der Volkshochschule bzw. des Amtes für Kultur und Weiterbildung), das „einen Beitrag zum geistigen Wiederaufbau und zum Ausgleich der sozialen Spannungen„ leisten sollte. Bürgermeister Paul Schürholz betonte, dass es wesentlich darauf ankomme, auch die geistigen Aufbausteine in dieser Stadt zusammen zu tragen und aufzuschichten, wenn die Zukunft wirklich tragend und glücklich sein solle. Im Mittelpunkt der Eröffnungsfeier in der Aula des Gymnasium Petrinum stand der Vortrag von Prof. Dr. Günther Küchenhoff über „Die menschliche Existenz in Philosophie und Naturrecht“.

Der stellvertretende Berufsschuldirektor Heinrich Krauel leitete nebenamtlich das Volksbildungswerk. Paul Fiege gehörte zu seinen hauptamtlichen Mitarbeitern, der neben anderen Aufgaben in der Verwaltung auch den kulturellen Sektor mitbetreute. Krauel leitete auch den Sängerbund Dorsten und den Kirchenchor St. Agatha. In neun Arbeitsgemeinschaften und Vorlesungsreihen wurden anfangs die Themen behandelt: griechische Literatur, Aufbau der Erdkruste (für junge Bergleute), Shakespeares Tragödien, Wetterkunde, Handels-, Gesellschafts- und Wechselrecht, das Recht des Bergmanns, Einführung in grafische Techniken, praktischer Lautenspiel-Lehrgang und musikalisches Laienbrevier. In 19 Kursen für Leben und Beruf waren sieben sprachliche Kurse enthalten, darunter Englisch, Französisch und Russisch. Im ersten Programmheft des Volksbildungswerks für das Winterhalbjahr 1948/49 appellierte Krauel an die Dorstener Jugend, beim geistigen Aufbau nicht Abseits zu stehen:

„Der Sinn für das Wahre, Schöne und Gute war uns Deutschen stets eigen und soll in dieser Notzeit erst recht gepflegt werden. Trümmer genug erinnern auch in dieser verwüsteten Stadt Dorsten an unser grausiges Schicksal. Und neues Leben blüht aus den Ruinen – sorgen wir dafür, dass dem äußeren Aufbau in Dorsten auch der innere zur Seite stehe! Vor allem euch, ihr jungen Menschen, bitten wir besonders, beim geistigen Aufbau nicht unentschlossen zu verharren, sondern beherzt zuzugreifen. […] Nehmt ihr in Anspruch, was wir euch bringen, dann sorgt ihr in eurem Beruf und in eurem geistigen Leben für eine Aussaat, die künftig reiche Früchte zeitigen wird. Alles ist Saat und alles ist Ernte, denn was der Mensch säet, das wird er ernten; die Jugend aber ist die Zeit der Saat.“

„Weltbild der heutigen Physik“ hatte 350 Zuhörer

Die heutige VHS-Leiterin könnte blass werden vor Neid, wenn er die Hörerzahlen damaliger Kulturveranstaltungen mit denen von heute vergleicht. Beispielsweise besuchten im ersten Trimester des Jahres 1950 über 700 Dorstener drei Einzelveranstaltungen: Prof. von Weizsäcker (Göttingen) sprach über „Das Weltbild der heutigen Physik“ (350 Hörer), der Dorstener Oberstudiendirektor Dr. Gerckens über „Rainer Maria Rilke“ (250 Hörer) und der Gewerkschafter Dr. Fischer über „Stand und Entwicklung des Mitbestimmungsrechts“ (100 Hörer). In den Arbeitskreisen wurden Werke von ausländischen Dramatikern (Wilder, Williams, Elliot u. a.) behandelt. Große Resonanz fanden auch die Konzerte der Bochumer Sinfoniker (600 Besucher) und das Collegium musicum (500 Besucher). Heimatkundliche Vorträge allerdings fanden mit 22 Hörern nur wenig Anklang. Offensichtlich steckte den Dorstenern das von den Nazis propagierte und strapazierte Heimatgetümmel noch arg in den Knochen (siehe Wulfener Bildungswerk; siehe Volkshochschule).

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