Tierquälerei ?

Ein „zu Tode gequältes Pferd“ entpuppte sich als ungewollte Zeitungsente

So fand eine Passantin die Stute „Bahila“ auf der kleinen Wiese; Foto: U. Engers (Bild)

Ein auf einer Wiese an der Borkener Straße in Holsterhausen am 26. September 2020 von Passanten entdecktes totes Pferd, eine 26-jährige Araberstute namens „Bahila“, machte nicht nur Schlagzeilen, sondern regte auch zu phantasievollen Theorien über den Tod des Tieres an. Die DZ-Schlagzeilen: „Pferdehalter zieht nach bestialischer Tierquälerei Konsequenzen“ und „Tierquälerei: Gerüchte über mysteriöse Internet-Challenge“. Überregionale Schlagzeilen lauteten (Auswahl): „Polizei jagt Pferderipper – Wer tötete Stute Bahila?“ (bild), „Stute in Dorsten zu Tode gefoltert: Steckt eine Internet-Challenge dahinter?“ (rtl), „Unfassbar brutal: Polizei jagt Pferderipper in NRW – Tat lässt Ermittler erschaudern“ (express), „Pferd auf Koppel zu Tode gequält“ (Süddeutsche Zeitung), „Grausame Tierquälerei in NRW: Pferd wird verstümmelt – Steckt eine Internet-Challenge dahinter?“ (tz). Rund 70 Zeitungen und auch TV-/Radiosender berichteten darüber, dass der Stute der hintere Bauch aufgeschlitzt, die Milchleiste herausgeschnitten und ein Ohr abgetrennt wurde. Im Presse-Polizeibericht des Präsidiums in Recklinghausen hieß es: „Im Rahmen der Nachschau mussten nicht nur der Tod des Tieres, sondern Formen übelster Tierquälerei festgestellt werden.“ Mit dieser Polizei-Information ausgestattet, berichtete die „Dorstener Zeitung“ über die Tierquälerei mit Todesfolge und recherchierte beim Pferdebesitzer Peter Büning über Tatort-Fakten. Der Pferdebesitzer wollte beispielsweise wissen, wo die oder der Täter vom Blauen See herkommend durch dichtes Gestrüpp über den Zaun gestiegen waren, um das Tier bestialisch zu quälen und zu töten Das Foto zeigt ihn, wie er erklärt, wo der Zaun durch das Eindringen der Täter beschädigt wurde. Peter Büning und seine Frau wollen nun die Pferdehaltung an dieser Stelle nach 20 Jahren aufgeben, so die DZ, und setzten eine Belohnung von 1000 Euro für sachdienliche Hinweise zur Ergreifung der oder des Täters aus. „Vielleicht fällt die Belohnung auch noch etwas höher aus“, zitierte ihn die Zeitung. Befreundete Firmen wollten die Summe möglicherweise aufstocken.

Entrüstung in den sozialen Netzwerken: „Abartig, was für kranke Geister!”

In den sozialen Netzwerken äußerten sich viele Menschen entrüstet über die Tat. „Das bricht einem das Herz. Was kann einen Menschen antreiben, so etwas zu tun?“, schrieb beispielsweise eine Frau. Teilweise gab es allerdings auch drastische Forderungen, was mit dem oder den Tätern gemacht werden müsste, sollten sie gefasst werden. „Für solche Missgeburten, die so abscheuiliche Taten begehen, sollte die Todesstrafe eingeführt werden“, schrieb Chr. Sch.; „Abartig, was für kranke Geister!“ (S. Sp.) oder „Das macht doch kein normaler Mensch, dem sollte man bei vollem Bewusstsein die H. abschneiden“, meinte B.v.d.L. Der Pferdebesitzer Büning (Foto vor dem zugedeckten Pferdekadaver) äußerte am Wochenende 3./4. Oktober den Verdacht, dass ein perverser Internet-Wettbewerb für den Tod seiner Stute verantwortlich sein könnte. „So etwas kursiert im Darknet“, zitiert ihn die DZ. „Da geht es um Misshandlungen von Pferden und das Sammeln von Trophäen.“ Die überregionale Presse berichtete über diese Ansicht und Polizeisprecher Andreas Lesch vom Recklinghäuser Polizeipräsidium nahm dazu Stellung: „Wir wissen von einer solchen Challenge, können aber bisher keinen Zusammenhang herstellen.“ Ein Einzelfall ist die grausame Tierquälerei in Holsterhausen jedenfalls nicht. Europaweit hat es im Frühjahr und Sommer ähnliche Misshandlungen und Verstümmelungen bei Pferden gegeben, u. a. in Rheinland-Pfalz und Mecklenburg-Vorpommern. Seit Februar wurden in verschiedenen Regionen Frankreichs über 30 Pferde zu Tode gequält, ebenso einige in den Niederlanden. Die Tiere standen laut verschiedener Medienberichte meist auf abgelegenen Weiden.

Das rechte Ohr wird angetrennt, das linke gehört dem Satan

Eine Theorie besagt, dass schwarze Magie dahinterstecken könnte. Den Pferden werde demnach gezielt das rechte Ohr abgetrennt, weil das linke Ohr Satan sei. Auch der Holsterhausener Stute „Bahila“ fehlte das rechte Ohr, als eine Passantin das Pferd leblos entdeckt hatte. Die DZ erinnerte an frühere Geschehnisse in Dorsten und Schermbeck: „Im Frühjahr 2017 tötete ein Täter – oder waren es mehrere? – in unterschiedlichen Revieren Rehwild und schnitt ihm die Köpfe ab. Meistens wurde der Kadaver zurückgelassen, einmal lag der Kopf einer Hirschkuh auf einem Feld neben dem Kopf eines kleinen Hundes.“

Veterinäruntersuchungsamt: Keine menschliche Gewalteinwirkung

Zwölf Tage nach dem Auffinden des toten Pferdes gab es erneut fettgedruckte Schlagzeile in den Zeitungen und in der Dorstener Zeitung: „Totes Pferd: Es war keine Tierquälerei“. Was für die Polizeibeamten nach Augenschein der toten Stute auf der kleinen Weise in Holsterhausen als „übelste Tierquälerei“ klar war, sahen Tier-Mediziner des Veterinäruntersuchungsamt Münster anders und widerlegten alle vorangegangenen Behauptungen und Vermutungen: „Es haben sich keine Hinweise auf eine menschliche Gewalteinwirkung ergeben. Die Verletzungen wurden möglicherweise nach dem Tod des Pferdes durch Tiere verursacht.“ Immerhin war die Stute schon 26 Jahre alt. Und welche Tiere sollen die Stute nach ihrem natürlichen Tod angefressen haben? „Sicherlich kein Wolf“, meinte Polizeisprecherin Ramona Hörst, die auch passionierte Jägerin ist, gegenüber der Dorstener Zeitung. Füchse? Oder etwa Lotti, das elf Jahre alte Hängebauchschwein, das auch auf der Weide lebte und mittlerweile woanders untergebracht ist?“ Die Vielzahl von Hinweisen und Verdächtigungen, die Tage zuvor bei der Polizei eingegangen waren, waren offenbar Hirngespinste, die lt. Polizei auf die „extreme Aufgeregtheit“, ja vielleicht auch Hysterie zurückzuführen war.

Über 2070 Euro gingen als Spende für Hinweise auf den oder die Täter ein

Dass es keine Tierquälerei mit Todesfolge war, erleichterte auch die Polizei, die bei ihrer Arbeit ungern öffentlichen Druck spürt. Und den gab es reichlich. Überregionale Medien berichteten über den Pferdetod in Dorsten. Journalisten der Print- und Sendemedien belagerten das Haus der Pferdebesitzer-Familie und interviewten sie vor laufenden Kameras, andere zeigten den entstellten Tierkörper im Bild. Dazu die DZ: „Den Druck haben indirekt wohl auch Freunde der Familie erhöht, indem sie ein gut gemeintes Belohnungs-Konto für sachdienliche Hinweise eingerichtet hatten.“ Über 2070 Euro waren bis zum 6. Oktober auf das eingerichtete Spendenkonto eingezahlt worden. Was nun mit dem Geld passiert, da die Jagd nach dem „Pferde-Ripper“ abgeblasen ist, wird die Familie Büning entscheiden.

Nun werden die Erkenntnisse der Veterinärmediziner unflätig kritisiert

Die Trauer um ein totes Pferd, das offensichtlich ohne Fremdeinwirkung auf der Weise verendet ist, dokumentiert dieses Foto (Bludau). Gleichzeitig wird das wissenschaftliche Ergebnis in den sozialen Medien zum Teil unflätig kritisiert. Mit der Nachricht über das Ergebnis der veterinärmedizinischen Untersuchung in Münster, dass die Stute nicht durch Menschenhand getötet wurde, hat die Aufregung von Pferdebesitzern und Tierfreunden eine neue Dimension erreicht. Die wissenschaftliche Erkenntnis wird angezweifelt. Die Münsteraner Experten gehen von einem natürlichen Tod der 26 Jahre alten Stute aus. Eine externe Todesursache könne „nahezu ausgeschlossen“ werden, heißt es in einem vorläufigen Bericht, der dem Kreisveterinäramt Recklinghausen übermittelt wurde, das die Obduktion auf Initiative der Polizei in Auftrag gegeben hatte.

Am Auffindungsort des verendeten Pferdes wurden von Tierfreunden Blumen und Briefe hinterlegt. Dazu Grableuchten, wie sie im christlichen Beerdigungsritus als „Seelenlicht“ verwendet werden. Sie helfen dem Verstorbenen, beziehungsweise seiner Seele, und geben dem Ritual der Beerdigung einen angemessenen Abschluss. Für die Hinterbliebenen ist dies ein ehrenvoller Ausklang des Abschiednehmens. Loszulassen ist nicht immer eine leichte Angelegenheit. Sinnvolle Rituale helfen dabei.

Abschließende Bericht bekräftigt natürliche Todesursache

Nach Veröffentlichung des abschließenden Berichts der veterinärmedizinischen Untersuchung in Münster, welcher die natürliche Ursache des Pferdetods noch einmal bekräftigte, blieb das Entsetzen über den Tod in der Leserschaft der „Dorstener Zeitung“ nach wie vor groß. Zeitungsleser und Facebook-Nutzer stellen die Ergebnisse des Unter-suchungsberichts in Frage – alleine schon nach Betrachten des Fotos des verendeten Tieres in den Medien. Auch wird in Erwägung gezogen, dass das Pferd vor seinem Tod narkotisiert worden sein könnte, da im Untersuchungsbericht nichts von einer chemischen Blutanalyse steht, die offensichtlich nicht gemacht wurde. Dass die Stute erst Tage später obduziert wurde, sieht eine Pferdebesitzerin aus Pinneberg bei Hamburg ebenfalls kritisch: „Zahlreiche Sedativa, Narkotika und Tötungsmittel sind nur 48 Stunden nachweisbar.“ Für die „Dorstener Zeitung“ lässt der Untersuchungsbericht viele Fragen offen: „Der Tod der Stute Bahila bleibt mysteriös. Der Untersuchungsbericht lässt wichtige Fragen unbeantwortet. Pferdefreunde bestärkt das in ihrer Skepsis. Sogar von Vertuschung ist die Rede.“
Es gilt derzeit als wahrscheinlich, dass die Staatsanwaltschaft demnächst die polizeilichen Ermittlungen offiziell einstellen wird. Peter Büning, Besitzer des toten Pferdes, überlegt, so die „Dorstener Zeitung“, mit anwaltlicher Hilfe den Obduktionsbericht anzufordern. An einen natürlichen Tod seines 26 Jahre alten „geliebten Pferdes“ habe er nie geglaubt. Er hat bereits speziell ausgebildete Suchhunde (Pettrailer) eingesetzt. Unabhängig voneinander sollen sie auf dem nahen Deich eine Spur aufgenommen haben. Es geht also weiter…

  • W. St. – Die Spekulation um die Todesursache des Tieres erinnert an die Geschichte um den Schuss an das Fenster des SPD-Parteibüros an der Halterener Straße, dessen Spur am 24. Januar entdecktworden war. Der machte ebenfalls Schlagzeilen. Da wurde von einem politischen Attentat gesprochen, von „Respektlosigkeit gegen die Demokratie“ und spekuliert, wer und warum das getan haben könnte, woran sich u. a. auch Landespolitiker und Dorstens Bürgermeister beteiligt hatten. Jeder wusste es besser oder anders. Das Landeskriminalamt hatte sich eingeschaltet und ermittelte. Das Ende der Geschichte: Kinder hatten vom gegenüberlegenden Haus mit der Fletsche gespielt und schossen zufällig an das Toilettenfenster des SPD-Büros. Bei dieser Geschichte gaben sich die Spekulanten nach dem Ermittlungsergebnis der Polizei zufrieden.

Quellen: Stefan Diebäcker und Guido Bludau in DZ vom 28. Sept., 29. Sept. und 7. Okt., 10. Okt.  2020. – Fotos (3): Guido Bludau (DZ)

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