Synagoge

Vom jüdischen Gemeindehaus zum verachteten „Judenhaus“

Von den Juden Heß und Eisendrath kaufte die jüdische Gemeinde 1869 das Haus Dorsten Nr. 364 in der Wiesenstraße (spätere Nummerierung  24) für 901 Taler. Die gleiche Summe zahlten die Eigentümer zehn Jahre zuvor an den Voreigentümer Franz Heyer. Neben einer Schule und neben Wohnungen wurde in der ersten Etage ein Gebetsraum eingerichtet. Das Gebäude unterschied sich äußerlich nicht von denen der Nachbarhäuser. Die Wohnung mit Geschäftslokal im Parterre wurde vermietet. Es wohnten dort ein Dachdecker, dann ein Schneidermeister, später war eine Sargtischlerei untergebracht. Eine zuverlässige Beschreibung des Bet-Raumes gibt es nicht. Augenzeugen schildern eine karge Einrichtung mit Sitzbänken, einen Leuchter, den Thoraschrein mit Vorhang, hebräische Schriftzeichen an der Wand sowie Haken für Gebetsmäntel.

Wiesenstraße mit Blick auf die Synagoge (weißes Giebelhaus in der Mitte)

Wiesenstraße mit Blick auf die Synagoge (weißes Giebelhaus in der Mitte)

Zerstörung durch nationalsozialistische Banden

Am Spätnachmittag des 9. November 1938 zerstörten Mitglieder der SA, SS und Hitlerjugend den Synagogenraum und warfen das Inventar auf die Straße. Da das Haus nicht angezündet   werden konnte, wurden Torarollen und Gebetsbücher auf dem Marktplatz verbrannt. Ab 1941 mussten die verbliebenen Dorstener Juden in ihrem Gemeindehaus wohnen, das die Nazis als  „Judenhaus“ deklarierten. Von dort wurden sie am 23. Januar 1942 nach Riga deportiert. Anschließend zog ein SS-Mann mit seiner Familie in das Haus, dessen Obergeschoss durch die Zerstörung von 1938 völlig unbewohnbar war. 1943 kaufte die Stadt die ehemalige Synagoge für 3.027 RM. Das Geld ging auf ein Sonderkonto der Reichsvereinigung der Juden in Deutschland und wurde nach Eingang von der Finanzverwaltung beschlagnahmt. Im August 1943 stürzte der frühere Synagogenraum durch die vorangegangene Zerstörung, die Baufälligkeit bewirkte, in sich zusammen. Bei der Bombardierung 1945 versank mit der Stadt auch die ehemalige Synagoge in Schutt und Asche.

Erinnerungstafel angebracht

1953 musste die Stadt 3.400 DM an die Jewish Trust Corporation zahlen. 30 Jahre später beantragte die Forschungsgruppe Regionalgeschichte/Dorsten unterm Hakenkreuz an dem wieder aufgebauten Haus eine Gedenktafel anzubringen, was von den Nachkriegsbesitzern abgelehnt wurde. Daraufhin wurde die Tafel am Marktplatz angebracht, wo das Synagogeninventar verbrannt worden war. Ende der 1990er-Jahre wurde sie von der Stadt ohne Angabe von Gründen wieder abgenommen und erst Jahre später nach öffentlichem Druck an einer anderen Stelle angebracht.


Quellen:
Wolf Stegemann/Dirk Hartwich „Dorsten unterm Hakenkreuz. Die jüdische Gemeinde“, Bd.1, 1.- 4. Aufl., Dorsten 1983. – Wolf Stegemann/Sr. Johanna Eichmann (OSU) „Juden in Dorsten und in der Herrlichkeit Lembeck“, Dorsten 1988.

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