Schäfer, Prof. Ulrich

Sein Moor-Mädchen von Windeby entpuppte sich als Junge

Öbszöne Geste? Weist sie auf eine "Ehebrecherin" hin? Foto: Stiftung Schlesw.-Holst.-Landesmuseum Gottotf

Öbszöne Geste? Weist sie auf eine „Ehebrecherin“ hin? Foto: Stiftung Schlesw.-Holst.-Landesmuseum Gottorf

1922 in Dinslaken bis 1990 in Gießen; Anthropologe. – Als er 1940 am Dorstener Gymnasium Petrinum Abitur machte, wird er als junger Mann – auch als Student in Bonn und Graz – die Entwicklung junger Mädchen mit Interesse bemerkt haben. Dies hielt ihn aber nicht davon ab, sich mit Herzblut und Wissenschaftlichkeit weitaus älteren Mädchen zu widmen.

Hochschullehrer an der Kieler Universität

Ulrich Schäfer studierte zwischen 1941 und 1949 an den Universitäten Bonn, Graz und Kiel Medizin und Naturwissenschaften. Während dieser Zeit war er von 1943 bis 1945 als Hilfsarzt am Landeskrankenhaus in Graz tätig. Das Studium schloss Ulrich Schaefer 1949 in Kiel mit der Promotion ab; das Thema seiner Dissertation lautete: „Lebensprobleme einer deutschen Großstadtbevölkerung.“. Anschließend arbeitete Ulrich Schaefer als wissenschaftlicher Assistent am Anthropologischen Institut in Kiel und widmete sich in seinen wissenschaftlichen Untersuchungen verstärkt seinem Hauptinteressengebiet, nämlich der menschlichen Evolution. 1956 habilitierte er sich in Kiel mit einer Arbeit zum Thema: Anthropologische Untersuchungen der Skelette aus Haithabu (Wikinger, Neumünster). Dafür wurde ihm im selben Jahr die Venia legendi für Anthropologie verliehen. 1959 wurde Ulrich Schaefer in Kiel zum beamteten Privatdozenten (Diätendozentur) ernannt, drei Jahre später erfolgte seine Berufung zum außerplanmäßigen Professor an der Kieler Universität mit den Arbeitsgebieten menschliche Stammesgeschichte und Konstitutionsbiologie. 1963 wurde er in Kiel zum wissenschaftlichen Rat und Professor ernannt. Im Dezember 1964 folgte Ulrich Schaefer einem Ruf der Universität Gießen als ordentlicher Professor für Anthropologie; bis zu seiner Emeritierung 1987 blieb er dort tätig. Professor Ulrich Schaefer verstarb 1990 in Gießen.

Eine vermeintliche Ehebrecherin

Schäfers Moor-Mädchen

Schäfers Moor-Mädchen

Ulrich Schäfer war maßgeblich beteiligt an der Erforschung der Moorleiche von Windeby. Die Geschichte begann im Jahre 1952 in der Gemeinde gleichen Namens nördlich von Kiel an der Eckernförder Bucht. Torfarbeiter entdeckten in einem kleinen Moor menschliche Knochen. Haare, Haut und sogar die Knochen der Leiche waren gut erhalten. Im unmittelbaren Umfeld fanden Forscher einen Knüppel und einen Stein sowie ein Band, welches ihr Gesicht bedeckte. Die Finger rechte Hand der Leiche machten eine öszöne Geste in Form einer Feige, in die der Daumen steckte. Prof. Karl Schlabow und andere Wissenschafatler, darunter auch der Antropologe Schäfer vermuteten darin ein germanisches Symbol für unkeuschen Lebenswandel, für Ehebruch. Weitere Anhaltspunkte dafür wurde in den einseitig kurz geschorenen Haaren der Leiche und den dazu passenden Ausführungen des römischen Historikers Tacitus gesehen: Die Strafe für Ehebruch, schreibt der Römer, „ist dem Manne überlassen: Er schneidet der Ehebrecherin das Haar, jagt sie nackt vor den Augen der Verwandten aus dem Hause und treibt sie mit Rutenstreifen durch das ganze Dorf“. Knapp drei Wochen nach dem Fund der Moorleiche „Windeby I“ wurde nur wenige Meter entfernt ein weiterer Körper geborgen. Während der Anthropologe Ulrich Schäfer die Moorleiche „Windeby I“ nach eingehender Untersuchung als „ein 14-jähriges Mädchen“ identifizierte, handelte es sich bei der zweiten Leiche um einen Mann. Den Wissenschaftlern genügten diese Anhaltspunkte, um beiden Menschen ein gemeinsames Eheverbrechen und einen gemeinsamen Tod zu bescheinigen.

Ausriss aus der Illustrierten "stern" vom November 1953

Ausriss aus der Illustrierten „stern“ vom November 1953

Ein Jahr später, 1953, kombinierte die Illustrierte „Stern“ über die beiden Toten: „War sie eine Ehebrecherin? – Zwei Menschen wurden vor zwei Jahrtauenden zum Moortod verurteilt. Ein gemeinsames Verbrechen muss sie in den gemeinsamen Tod geführt haben.“ Die Mär nahm ihren Lauf. Erst sechs Jahre nach den beiden Leichenfunden wurden von den Wissenschaftlern die Ergebnisse der falschen wissenschaftlichen Untersuchungen vorgelegt: eine vor 2.000 Jahren hingerichtete Ehebrecherin. Jahrzehntelang wurde die skandalträchtige Geschichte in Seminaren der Universitäten gelehrt.

Ulrich Schäfer wurde widerlegt

Erst ein halbes Jahrhundert nach der Entdeckung, im Jahr 2002, geriet die gängige Theorie ins Wanken. Untersuchungen der kanadischen Gerichtsmedizinerin Heather-Gill Robinson ergaben, dass zwischen dem Todeszeitpunkt beider Menschen eine Lücke von wenigstens 144 Jahren klaffte. Der Mann starb demnach zwischen 185 und 380 v. Chr., das „Mädchen“ zwischen 41 v. und 118 n. Chr. Das bedeutete: Wenn das „Mädchen“ überhaupt eine Ehebrecherin war, dann konnte der Mann nicht in das Drama verwickelt gewesen sein. Erstmalig war es an dem Mädchen gelungen, aus einer Moorleiche DNA zu extrahieren. Anhand von 29 Proben kamen kanadische und israelische Labors übereinstimmend zum Schluss: Das „Mädchen von Windeby“ ist gar kein Mädchen, sondern ein Junge. – Die These von den zwei Ehebrechern, die Dr. Ulrich Schäfer noch vertrat, galt damit zwölf Jahre nach Schäfers Tod als widerlegt. Wahrscheinlicher ist, dass das Moor als Begräbnisstätte der einfachen Leute diente.


Quelle:
Auskunft Dr. Eva-Marie Felschow, Universitätsarchiv Gießen, Berufungsakte (Sign. Berufungsakten 4. Lieferung, Karton Nr. 9).

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