Öffentliche Toiletten

Standort war lange Zeit ein kurioser Zankapfel – und bleibt es

Einzige öffentlicher Toilette in Dorsten

Einzige öffentliche Toilette seit 2001 an der Klosterstraße, oft genug nicht zu benutzen gewesen. Abriss Ende 2016

Von Wolf Stegemann – Kein glückliches Händchen hatte die Stadt mit den stillen Örtchen. Wer in der Innenstadt mal musste, hatte neben dem Heimatmuseum einen unterirdischen, fensterlosen und übel riechenden Ort. Jahrelang zog sich der Streit über öffentliche Toiletten ohne Ergebnis durch Rat und Verwaltung. Immer lag es an irgendetwas, warum eine notwendige, saubere und öffentliche Toilette in der Stadt nicht eingerichtet wurde. Doch zum 750. Stadtjubiläum 2001 wurde das stille Örtchen in Gestalt einer behindertenfreundlichen WC-Fertigkabine mit Behinderten-Toilette und Wickeltisch an der Ecke Klosterstraße/Westgraben für 250.000 DM etabliert. Die bis dahin bestehende unterirdische, 25 Quadratmeter große fensterlose Toilette am Marktplatz zugeschüttet. Das kostete rund 20.000 Euro. Die Wulfenerin Annerose Scheidig veröffentlichte in der WAZ u. a.: „Denn selbst dereinst vor dreißig Jahren / War das Betreten schon gewagt / So manches Individuum / Hat sich die Nutzung selbst versagt.“

Als die Planung der neuen Toilette an der Klosterstraße Mitte 2000 bekannt wurde, protestierte sofort die benachbarte Caritas, die im früheren Schulgebäude der Franziskaner untergebracht ist, und meinte:

„Die Stadtväter, die vor 359 Jahren den Entschluss fassten, dieses Gebäude (gemeint das Schulgebäude) zu errichten, hatten im Traum nicht daran gedacht, dass zur Jubiläumsfeier unserer Stadt im Jahr 2001 dieses historische Gebäude durch eine öffentliche Bedürfnisanstalt in den Hintergrund gedrängt werden kann.“

Irgendwie erinnert Dorsten an Chevaliers Novelle „Clochemerl“

Früherer Toilettenpilz am alten Busbahnhof

Früherer Toilettenpilz am alten Busbahnhof

Der skurrile Protest blieb erfolglos. Bürgermeister Lambert Lütkenhorst hielt am WC-Standort fest. Das aktuelle rein menschliche Bedürfnis hatte sich gegenüber der historischen Betrachtung der Caritas von vor 359 Jahren durchgesetzt. Irgendwie erinnert diese Toiletten-Auseinandersetzung auf höchster Kommunalebene – muss der Bürgermeister so etwas regeln? – an die 1934 erschienene Novelle des französischen Autors Gabriel Chevalier „Clochemerle“. In dem fiktiven Städtchen Clochemerle, gelegen im Beaujolais, beschließen der um seine Wiederwahl besorgte Bürgermeister Barthelemy Piechut und die Honoratioren des Ortes eine öffentliche Bedürfnisanstalt zu bauen – direkt vis à vis der Kirche. Der Protest sittenstrenger Bürgerfrauen, angeführt von der alten Jungfer Justine Putet, der zwischen öffentlicher Moral und praktischer Vernunft hin- und hergerissene katholische Priester Ponosse und die unklare Gemengelage in und zwischen den Familien lassen den Bau der Bedürfnisanstalt zu einem Skandal werden, so dass zu guter Letzt das Militär einschreiten muss, um die erhitzten Gemüter zu beruhigen. So weit ist es in Dorsten nicht gekommen – und wird es voraussichtlich auch nicht kommen, wenngleich der Streit um öffentliche Bedürfnisse sicherlich immer wieder erneut aufflackern wird.

Nur eine öffentliche Toilette für eine ganze Stadt war und blieb blamabel. Auch hat diese teure Toilette einen Nachteil. Ihre Benutzung ist für Rollstuhlfahrer zwar vorgesehen, doch können Rollstuhlfahrer sie  auch benutzen? Schwerlich, im wahrsten Sinne des Wortes. Denn Rollstuhlfahrer, die einen eigenen Schlüssel haben, bringen die Tür nicht aus und dann ist die Toilette auch zu eng. Daher können Behinderte diese Toilette nur mit Hilfe aufsuchen. Eine Toilette öffentliche für die ganze Innenstadt? Wie gesagt: blamabel! Daher wurde nach weiteren Lösungen gesucht. Die Suche dauerte neun Jahre.

Öffentliche Toilette unter der Erde am Alten Rathaus

Frühere unterirdische Toilette am Alten Rathaus

Unter dem Stichwort „Nette Toilette“ haben im Jahre 2010 vornehmlich Gastronomen der Innenstadt ihre Toiletten auch für Gäste geöffnet, die nichts verzehren. Damit die Passanten das auch wissen, prangte bei diesen Geschäften das Logo „Nette Toilette“ an der Tür. Die Gastronomen und beispielsweise ein Einkaufszentrum, die sich diesem Konzept angeschlossen hatten, erhielten von der Stadt einen monatlichen Reinigungszuschuss. Die gesamte Konzeption „Nette Toilette“ ist natürlich auch nicht umsonst. Es kostet eine einmalige Lizenz-Gebühr von über 1.600 Euro. Auch diese Kosten übernahm die Stadt. Aber nur bis Ende Mai 2012. Denn diese Aktion, von der Stadt Dorrten bei der Einrichtung „Nette Toilette“ als Erfolgsmodell angekündigt, wurde von der Stadt aus Kostengründen wieder zurückgenommen. Fünf gekennzeichnete Lokalitäten in der Innenstadt hatten ihre Toiletten für Notdürftige kostenlos geöffnet und bekamen für Reinigung und Hygienematerial von der Stadt jährlich einen Betrag. Die Befürchtungen, Besuchern der Altstadt würde ab Ende Mai keine Toilette mehr zur Verfügung stehen, bewahrheiteten sich nach anfänglicher Diskussion darüber allerdings nicht. Der Zusammenschluss der Dorstener Kaufmannschaft DIA übernahm Ende Mai die Kosten in Höhe von 3.600 Euro.
Anfang September 2016 war von der Stadtspitze zu hören, dass sie das Konzept „Nette Toilette“ wieder beleben will, denn das Toilettenhäuschen am Westwall wird nun doch abgerissen, weil sich kein Pächter findet. Die Lizenz in Höhe von 1650 Euro an die „Nette Toilette“-Ideen-Agentur „Studioo“ in Aalen muss nicht mehr bezahlt werdenen Ideen.

Anhaltende öffentliche Toiletten-Not in der Lippestadt jetzt geregelt

Hinweisschild

Hinweisschild

Vor Jahren klagten Innenstadt-Besucher, so die DZ, mit drastischen Worten: „Dass es am Markt und in der Fußgängerzone keine öffentlichen Toiletten gibt, ist total beschissen“. Bereits 1965 wurde am Busbahnhof (damals an der Vestischen Allee) ein öffentliches transportables Toilettenhäuschen, ein so genannter „Toiletten-Pils“ mit vier Kabinen, aufgebaut, um den dringende Bedürfnissen und den Anfragen der Bürger nachzukommen. Es war ausgestattet mit allem damals zur Verfügung stehenden Komfort: Licht, Heizung und Handwaschbecken. 1984 wurde zwar ein moderner Busbahnhof vor dem Zug-Bahnhof gebaut – mit Warte-Unterständen, Kiosk u. a. – aber ohne Toilette.

Abriss 2016 beschlossen – Kosten 70.000 Euro

Mit einer Gegenstimme beschloss der Dorstener Haupt- und Finanzausschuss im September 2016 den Abriss des erst 16 Jahre alten Toiletten-Gebäudes am Westwall. Zu den damaligen Anschaffungskosten von 250.000 DM und den jährlichen 20.000 Euro Unterhaltungskosten kommen noch die Abrisskosten in Höhe von 70.000 Euro dazu. Werner Schroer (CDU), Ratsmitglied seit Jahrzehnten, ließ sich in der DZ zitieren: „Eine damals notwendige Investition wurde zur Fehlinvestition, weil die Bürger nicht sorgfältig mit der Toilette umgegenagen sind.“ – Vielleicht war der Beschluss von damals ein Fehlbeschluss des Rates, an dem auch W. Schroer mitgewirkt hatte. Kostenintensive Fehlbeschlüsse des Rates hat es immer wieder gegeben und gibt sie noch. Den Toiletten-Beschluss von 2000 jetzt den Bürgern anzulasten, scheint anrüchig.

„Nette Toilette“ 2016: Drei Gastrobetriebe in der Altstadt sind mit dabei

Das wiederbelebte Projekt „Nette Toilette“ in der Altstadt ist komplett, meldet die Pressestelle der Stadt: Im Dezember 2016 haben das Restaurant La Piazza und das Eiscafé San Remo ihre Toiletten für dringende Bedürfnisse auch für Nichtgäste geöffnet. Die Bäckerei Karl auf der Lippestraße stellt ebenfalls seine Toilettenanlagen im Rahmen der „Netten Toilette“ zur Verfügung. Erkennen kann man Betriebe, die bei der „netten Toilette“ mitmachen, an einem Logo, das signalisiert, dass hier auch Nichtkunden mal „müssen“ können und dürfen. Toiletten bieten auch das Toom-Warenhaus am Recklinghäuser Tor sowie das Einkaufszentrum Mercaden am Lippetor an, so dass die geschlossene öffentliche Toilette am Westwall noch Ende 2016 abgerissen werden kann.

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