Nationalsozialismus

Festen Schrittes sind wir Katholiken in das neue Reich eingetreten!

Rechts: NSDAP-Kreistag in Dorsten 1938; linbks: NSDAP-Beigeordneter Köster

Rechts: NSDAP-Kreistag in Dorsten 1938; links: NSDAP-Beigeordneter Köster

Wolf Stegemann –  Das Verhalten der Bürger in Dorsten und in den Landgemeinden während der NS-Zeit war nicht anders als anderswo im Reich. Die Gründung der NSDAP erfolgte 1925. Sie konnte gegen das starke Zentrum in der Stadt und gegen die Kommunisten in den Bergbaugemeinden bis 1933 keinen Einfluss gewinnen. Erst durch die Wahl Hitlers zum Reichskanzler wurden kommunale Ämter mit NS-Funktionsträgern besetzt, am 6. März 1933 auf dem Dorstener Rathaus die Hakenkreuzfahne aufgezogen und am 9. März zur Kundgebung auf dem Marktplatz aufgerufen, an dem die Dorstener Geistlichkeit geschlossen teilnahm. Vereine und Organisationen wurden gleichgeschaltet. Dagegen regte sich bei den Bürgerlichen und bei der SPD kein Widerstand, lediglich die Kommunisten (siehe KPD) versuchten anfangs durch konspiratives Verhalten an ihrer verbotenen Partei festzuhalten. Viele der Bürgerlichen bekannten sich fortan zum Nationalsozialismus und blieben mit neuer Gesinnung in ihren Ämtern Schon 1934 musste die örtliche Parteileitung der NSDAP einen Aufnahmestopp verfügen, weil die Dorstener sich in die NSDAP drängten (siehe Machtübernahme 1933).

Erinnerung von Tisa von der Schulenburg

Erinnerung von Tisa von der Schulenburg (Sr. Paula)

Juden, Zeugen Jehovas und Kommunisten wurden verfolgt

In Dorsten und den Landgemeinden wurden die Juden verfolgt, etliche der Verfolgten, die erkannt hatten, welche Gefahr auf sie zukommt, verließen Dorsten und Deutschland sofort, wenig andere später. Die Verbliebenen wurden in Lager deportiert und ermordet, nur wenige überlebten. Auch die Zeugen Jehovas wurden verfolgt, weil sie den Eid auf den Führer und den Kriegsdienst ablehnten. Die Krankenanstalt der Barmherzigen Brüder von Montabaur, die in „Maria Lindenhof“ Epileptiker und Geistigbehinderte betreuten, wurde nach einem Aufsehen erregenden Schauprozess in Essen wegen sexueller Verfehlungen geschlossen und die Kranken nach Hadamar überführt. Die Gestapo überwachte Kirchen und Klöster, etliche Protestanten traten in die nationalsozialistische Reichskirche „Deutsche Christen“ ein, wenige andere leisteten Widerstand, indem sie sich der „Bekennenden Kirche“ unterstellten. Der Katholizismus war durch das Reichskonkordat einigermaßen geschützt. So konnte der Pfarrer von St. Agatha, Ludwig Heming, in seiner Neujahrspredigt am 1. Januar 1934 u. a. von der Kanzel verkünden:

„Alle großen Volksbewegungen, liebe Pfarrkinder, alle Revolutionen und Umwälzungen sind nichts anderes als Werkzeuge Gottes. Durch diesen Umbruch sind nach Gottes Willen und weiser Vorsehung starke Aufbaukräfte in unserem Volk lebendig geworden, Kräfte, die eine Wiedergeburt des deutschen Volkes erstreben. Wäre es nicht ein Jammer, wenn wir Katholiken mit verschränkten Armen am Wege stehen und nur zuschauen wollten!? Nein! Zugreifen! Mitarbeiten! Aufbauen helfen! […] Aufrechten Hauptes und festen Schrittes sind wir Katholiken in das neue Reich eingetreten. Wir sind bereit, ihm zu dienen.“

Hitlerbüsten aus allen Materialien und in jeder Größe

Hitlerbüsten aus allen Materialien und in jeder Größe

Bis 1938 lebten im Lager an der Schleuse österreichische SA-Männer, 1939 wurde Dorsten militärischer Standort und während der Kriegsjahre arbeiteten in Dorsten und in den Landgemeinden bis zu 8.000 Zwangsarbeiter und in Lagern waren zeitweise bis zu 58.000 Kriegsgefangene untergebracht. Wegen der Nähe des Ruhrgebiets, der Munitionsanstalt in Wulfen und des Hydrierwerks in Scholven war Dorsten stets Bombardierungen ausgesetzt. Da Dorsten im Einzugsgebiet des Vorstoßes der Alliierten vom Rhein nach Berlin lag, wurde die Altstadt im März 1945 total zerstört, eine Woche später nahmen bei schwacher Gegenwehr die Amerikaner die Stadt ein. Zu diesem Zeitpunkt waren die NS-Funktionäre bereits geflüchtet (Bürgermeister Dr. Gronover nach Münster-Wolbeck, NSDAP-Ortsgruppenleiter Ernst Heine nach Wildeshausen, andere nach Bückeburg).

Zu Sache: Was war der Nationalsozialismus? Der Begriff Nationalsozialismus ist sowohl die – bewusst irreführende – Eigenbezeichnung der von Adolf Hitler in Deutschland zur Macht geführten politisch-weltanschaulichen Bewegung als auch die Bezeichnung für das durch sie geformte Herrschaftssystem 1933 bis 1945, das nationalistisch, aber auch sozialistisch geprägt war. Ideologisch weitgehend identisch mit der Weltanschauung Hitlers, ist der Nationalsozialismus durch das Parteiprogramm der NSDAP nur unzureichend beschrieben. Wichtiger sind die Bekenntnisschrift „Mein Kampf“ (1925/26) und die sonstigen programmatischen – zumeist mündlichen – Äußerungen Hitlers, in denen sich mehrere Konstanten ausmachen lassen:

1. Antiliberalismus und Antiparlamentarismus
2. Antikommunismus und Nationalismus
3. Rassismus
4. Antisemitismus
5. Militarismus und Imperialismus

Dieses sozialdarwinistische Konglomerat verstanden kaum enge Gefolgsleute Hitlers,
eschweige denn „das Volk“. Der Nationalsozialismus, oft unzulässig verharmlost als bloße
pielart des Faschismus, verschwand daher mit Hitler 1945, seine Anhänger wurden der Entnazifizierung unterworfen. Der vor allem nach 1990 wieder aufbrechende Neonazismus bewahrt allenfalls nebulöse fremdenfeindliche und chauvinistische Elemente und übertrifft so das scheinbare Vorbild noch an Primitivität.

Kommentar:
Abiturientin interpretierte 1966 Hitlers „Mein Kampf“

Die Frage, wie und ob die Zeit des Nationalsozialismus in den 1960er-Jahren in den Schulen gelehrt wurde, warf eine Dorstener Schülerin 1966 mit Adolf Hitlers Buch „Mein Kampf“ auf. Zwanzig Minuten lang legte die junge Dame ihr berufliches Fortkommen in ihre Geschicklichkeit, Hitlers Gedanken richtig zu verstehen. Die Dame war zu jung, um Hitler oder Hitlers Ende miterlebt zu haben, und zu alt, um der jüngsten NS-Vergangenheit nicht Beachtung zu zollen.
Vor den gutartig lauernden Blicken einer mehrköpfigen Prüfungskommission des Gymnasiums sah sich die junge Dorstenerin vor die Aufgabe gestellt, den Beweis ihrer Reife auf geschichtlichem Gebiet mit der Interpretation einer Textstelle aus Hitlers „Mein Kampf“ zu liefern und sich sodann mit der staatsbürgerlichen interessanten Frage auseinanderzusetzen, wie der damalige Führer des deutschen Volkes die Stellung des Einzelnen im Verhältnis zum Staat gesehen habe. Für die 1960er-Jahre war dies ein höchst interessantes und in Schulen noch ziemlich unterdrücktes Thema. Denn spätestens in diesen Minuten voller Lampenfieber, erfüllt von dem Wunsch, auf dem Wege zur Reife nicht ausgerechnet an Hitler zu scheitern, wird sich die Abiturientin darüber klar geworden sein, wie viel besser und vor allem grundsätzlich nach Hitler alles war.
Es gibt Oberprimaner und Oberprimanerinnen, die hatten exakte Kenntnisse über den Dreißigjährigen Krieg, Caesars grandiose Erfolge bei seinen Feldzügen oder über Hannibals Alpenüberquerung mit Elefanten. Von der jüngsten Geschichte wussten die Schüler und Schülerinnen in den 1960er-Jahren nicht viel, bestenfalls hörten sie Kriegserlebnisse aus dem Familienkreis, über das Dritte Reich wussten sie vielleicht noch, dass „NSDAP“ nicht die Abkürzung für: „Na, so: denn also prost!“ gewesen ist.
Aus dem Ringen mit Hitlers Gedankengut aus seinem Buch „Mein Kampf“ ging die junge Dorstenerin nach kurzem Kampf siegreich hervor. Der von ihr verlangte Ausflug in ein Stück unbewältigter Vergangenheit zeigte, wie zurückhaltend und dennoch vorsichtig testend man die Auseinandersetzung um das Geschichtsbild aus Deutschlands jüngster Vergangenheit damals nahm. Allerdings sagte die junge Dame dann auch – und alle, die bis Mitte der 1970er-Jahre die Schulbank drückten, wissen das auch: „Während des Unterrichts haben wir uns eigentlich nur sehr wenig damit befasst.“

Der Verfasser dieser Zeilen erinnert sich an seine eigene Schulzeit in Bayern. Die zwölf Jahre Nationalsozialismus wurden ausgespart. Auf dem Lehrplan stand Geschichte, die am Ende der Weimarer Republik aufhörte, danach ging es mit „Zeitgeschichte“ und dem Beginn der Bundesrepublik weiter. Über die zwölf Jahre, die dazwischen lagen, wurden auch keine Fragen gestellt.


Literatur:
Wolf Stegemann „Dorsten unterm Hakenkreuz“, 5 Bände, Dorsten 1983 bis 1987. – „Spurensuche. Verwischte Spuren 1933-45“ (Stadtplan), 1985. – Wolf Stegemann/Sr. Johanna Eichmann OSU: „Juden in Dorsten und in der Herrlichkeit Lembeck“, Dorsten 1989. – Agatha-Chronik 1913-1951 (ungedruckt). – „Dorsten unterm Hakenkreuz“, online zu lesen unter wolf-stegemann.de. – Siehe auch dorsten-unterm-hakenkreuz.de

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