Mauritz, Fred

„Singender Seemann“ zwischen den Bergen und dem Kohlenpott

Von Wolf Stegemann. – Geboren 1926 in Wattenscheid; singender Seemann in Wulfen. – Er ist eine echte Landratte aus dem Kohlenpott. Sein Markenzeichen sind allerdings Seemannslieder, die Fred Mauritz mit Inbrunst und Überzeugung zum Besten gibt, als wäre er mit Elbwasser getauft und die Waterkant sein Zuhause. Seine Beziehung zum Wasser beschränkte sich auf fröhliches Spielen, als er in Kindertagen Papierschiffe auf der Leither Köttelbecke zu Wasser ließ und als Hafen sich einen Platz hinter dem Misthaufen von Opa Kiedrowskis Hof im Wattenscheider Ortsteil Leithe erkor. Zudem war er ein Fan von Hans Albers, der ja auch nie zur See gefahren ist.

Fred Mauritz in Soweto (Afrika)

Fred Mauritz in Soweto (Afrika)

Zum „Singenden Seemann“ machten ihn die Agenturen und Schallplattenfirmen, denn als Seemann, der Wind und Wetter trotzt, von Stürmen singt und von der rauen See, war er auf dem Markt besser durchzusetzen, füllte größere Musikhallen, kam beim Fernsehen gut an und stand merklich für volle Kassen. Vom festen Boden der Küste hat er sich nie mehr als 100 Meter ins Wasser hinein entfernt, es sei denn, er tat dies auf einem richtigen Schiff. Daher mag Fred Mauritz die bayerischen Berge mehr als das Wellengetöse. Auf einer Tournee durch den Bayerischen Wald sang er in Deggendorf 1995 von seinem Leben auf hoher See, gab „Rolling Home“ und „Junge, komm bald wieder!“ zum Besten. Die Wäldler waren begeistert. Am Ende stand eine Schlange niederbayerischer Fans vor ihm. Mauritz gab Autogramme. Da sprach ihn eine Frau mit den Worten an: „Friedhelm, was kannst du nur so lügen!“ Erschrocken fragte er sie, wer sie denn sei. „Mensch Friedhelm, kennst du mich nicht mehr?“ Als Fred Mauritz ratlos den Kopf schüttelte, sagte sie: „Ich bin doch das Tante Trautchen!“ Da fiel es dem „Singenden Seemann“ im Bayerischen Wald wie Schuppen von den Augen. Da stand die Frau vor ihm, die in Wattenscheid immer auf ihn aufgepasst hatte, als er noch ein Kind war, und die gerade im Bayerischen Wald Urlaub machte.

An der Folkwang-Hochschule in Essen Gesang studiert

Fred MauritzDas Kind, als es 16 Jahre alt war, wurde noch Soldat und wenige Tage vor Kriegsende in Ostpreußen mit einem Lungensteckschuss schwer verwundet. Das ersparte Mauritz die Kriegsgefangenschaft. Er kam wieder nach Hause und arbeitete in seinem erlernten Beruf als Autoschlosser, besuchte die Maschinenbauschule und entdeckte seine Freude am Singen. An der Essener Folkwang-Hochschule studierte er von 1951 bis 1955 bei Günter Breuer Gesang und Theater. Friedhelm Mauritz, der sich jetzt Fred nannte, machte mit alten Schlagern Bühnenkarriere. René Carol („Rote Rosen, rote Lippen, roter Wein“) nahm ihn unter seine Fittiche und arrangierte Konzerte für seinen „Singenden Seemann“ mit Bully Buhlan, Heinz Schenk, Rex Gildo, Horst Wendland, Freddy Quinn, Heidi Kabel, René Kollo und Jonny Hill. Ab 1960 trat er auch als Solist auf. Seit 1972 lebt Fred Mauritz in Dorsten-Wulfen. Er war verheiratet mit der Wattenscheiderin Elsbeth, die 2008 starb. Gerd Schute, damals Redakteur bei der „Westdeutschen Allgemeinen Zeitung“ (WAZ) in Dorsten, brachte ihn durch seine „Reportagen groß raus“ (so Mauritz).

„Junge glaub mir, da hab ich das Beten gelernt“

Tourneereisen führten ihn in den 1980er-Jahren nach Kanada und in die USA und mehrmals auf Luxus-Linern quer durch die Welt, auf denen er Kreuzfahrt-Passagiere mit seinem Gesang unterhielt. Das Fernsehen riss sich um ihn, wenn er in der „Norddeutschen Hitparade“, in „Melodien der Meere“ oder in „Bi uns to Hus“ sang: „Junge, glaub mir, da hab ich das Beten gelernt“. Auch wenn der agile Entertainer schon lange Rentner ist, singt er immer noch. Er tritt mit Freude in Seniorenheimen, bei Schützenfesten, Goldhochzeiten, Betriebsjubiläen und anderen lokalen Veranstaltungen auf. Denn er hat immer noch sein Publikum, das ihm begeistert applaudiert, wenn er im Ruhrgebiet mit sonorer Bariton-Stimme von Sehnsüchten auf dem Meer, von Liebe und Heimweh nach der Waterkant singt. Seit Mai 2010 ist der dreifache Vater auch Urgroßvater. Zum seinem 90. Geburtstag kam 2016 eine neu aufgenommene CD mit dem Titel „Fred Mauritz – Lieder, die ich liebe“ heraus.


Literarischer Anhang

Die Familie war immer der wichtigste Heimathafen

Seine Tochter Gabriele Reiß las anlässlich der Dorstener Frauenkulturtage 2016 im„Baumhaus“ eine von ihr verfasste Kurzgeschichte über ihren Vater Fred Mauritz zum Thema „Heimat, ein Gefühl?“

Mittlerweile gehe ich auf die Neunzig zu. Blicke ich zurück, wird mir klar, dass ich in meinem Leben nicht nur ein Heimatgefühl hatte. Oder sollte ich eher von Heimathäfen sprechen? Immerhin war ich ein Seemann. Ein singender Seemann. Und wenn ich es recht bedenke, bin ich das immer noch. Aber fangen wir von vorne an, mit der Heimat meiner Kindheit. In Wattenscheid-Leithe kam ich zur Welt und wuchs auf im Kohlenpott-Dreck, wo sich der schwarze ölige Schmier überall einnistete, in den Haaren, den Ohren, in der Nase, auf meinen Kleidern, auf der Erde, wo ich, der kleine Friedhelm, zwischen Hühnern saß und mit Murmeln spielte. Meine Mutter musste viel schrubben und putzen, und wenn das nicht genügte, mit dem Messer abkratzen. Trotzdem war es eine gute Heimat. Ich lebte geborgen in der Obhut meiner Eltern, Großeltern, Onkel und Tanten, in der Gesellschaft vieler Nachbarskinder.

Der Begriff Heimat begegnete mir zum ersten Mal in der Schule

1934 wurde Schalke deutscher Meister. Glück auf, der Steiger kommt! Schalke – seit mehr als 80 Jahren eines meiner liebsten Heimatgefühle. Damals ging es uns gut, Papa hatte Arbeit bekommen. Ich fühlte mich wohl in allen Gemeinschaften, deren Mitglied ich war, in der Familie, der Schule, im Kreise meiner Freunde – und ja – auch in der Hitler-Jugend. Für meinen Vater stand fest, dass ich auf keinen Fall Bergmann werden würde. Ich sollte einen Handwerksberuf erlernen, weil Handwerk goldenen und nicht schwarzen Boden hat.
Da war die überaus große, herrliche deutsche Heimat, die mir die Leute mit den Hakenkreuz bewehrten Ärmeljacken versprachen, die Heimat der Zukunft, die im Stolz und im Kampfgeist des Volkes geboren werden sollte. Und ich war zu einem der vielen Geburtshelfer auserkoren, weshalb ich mit 16 Jahren in den Reichsarbeitsdienst befohlen wurde. Auch hier fühlte ich mich nicht schlecht in der Gemeinschaft der Jungen und jungen Männer, wir saßen alle im selben Boot, lernten Disziplin, Gehorsam, Selbstlosigkeit, Heimatliebe und den Gebrauch von Waffen. Zu dieser Zeit war der Krieg in vollem Gange, fast täglich fielen Bomben auf das Ruhrgebiet. Während ich mich im Reichsarbeitsdienst geschützt fühlte, sorgte ich mich um meine Angehörigen, die der Bombardierung ausgeliefert waren. Heimweh empfand ich nicht.

Meine Familie wurde nach Pommern und dann nach Minden evakuiert

Ich glaubte den Hakenkreuz-Männern, sie wirkten so sicher in ihren Reden, so stark und klug, so entschlossen und mitreißend. Ich glaubte ihnen, wenn sie von den vielfältigen Bedrohungen des Reiches sprachen, kaufte ihnen ab, dass man es verteidigen musste. Ich glaubte ihnen auch, dass unser großer Kampf um Freiheit glorreich enden würde. Junge Männer sind empfänglich für heroische Vorbilder.
Am Ende der RAD-Zeit erfolgte der Stellungsbefehl zur deutschen Wehrmacht in Amersfoort, Holland. Dort erhielt ich den letzten Schliff als Wehrmachts-Soldatenjunge. Am Ende dieser Ausbildung war ich 17 und bereit, für die hehre, rechtmäßige deutsche Heimat zu kämpfen und in den Krieg zu ziehen. Ich wurde nach Litauen an die Ostfront gebracht. Den behüteten Hafen meiner Kindheit ließ ich so sehr zurück, wie man nur etwas zu-rücklassen kann. Heinz und Gerd, zwei Kameraden, die mir lebhaft in Erinnerung geblieben sind, hatten schlimmes Heimweh. Der eine kam aus dem Schwarzwald, der andere aus dem Salzburger Land. Sie weinten um ihre schönen Heimathäfen und ich verstand nicht, wieso ihnen soviel daran lag. Berge und endlose rauschende Wälder kannte ich nicht, nur mein rußgefärbtes Leithe, wo sogar die Bäume graue Blätter hatten.

Ich wurde verletzt, von Granatsplittern getroffen

Für das deutsche Heimatreich würde ich nicht mehr kämpfen können, jetzt ging es nur noch ums nackte Überleben. Wie groß war mein Glück, dass man mich nicht für tot hielt, mich in ein Lazarett nach Pilau brachte, von dort mit einem Rote-Kreuz-Schiff über die Ostsee nach Stralsund und nach Waren an der Müritz. Während der Zugfahrt nach Lübeck zerfiel der Traum vom großdeutschen Reich in dem Augenblick, als ein amerikanischer Offizier den Lazarettzug übernahm und dabei, statt den Arm zum Hitler-Gruß vorzustrecken, die Hand an die Mütze legte. Ja, wirklich, in dem Moment fiel alles zusammen, mein Glaube an den Sieg, mein Glaube an die heldenhafte Reichsführung. Man hatte uns etwas vorgemacht, man hatte uns enttäuscht. Man hatte uns verraten und verkauft. Was wirklich alles dahintersteckte, überblickte ich in diesem Moment nicht im Entferntesten.
Die Traum-Heimat war also geplatzt. Ich war 18, den Hafen der Kindheit hatte ich längst verlassen. Leithe war zerbombt, aber meine Eltern, mein kleiner Bruder und fast alle anderen Verwandten hatte mir das Schicksal gelassen. Doch viele Freunde waren gefallen. Ein Elternpaar in der Nachbarschaft hatte drei Söhne verloren.

Ich musste mir eine neue Heimat suchen

Wattenscheid-Leithe sollte es nicht sein. Auch der die Lungen verseuchende Bergbau war mir erspart geblieben, mein Vater hatte dafür gesorgt, dass ich Motorenschlosser geworden war. Der Krieg war zu Ende, meine engste Familie hatte überlebt und doch konnte ich mir nicht vorstellen, dass eine Zeit lang anhaltenden Friedens angebrochen war. Deshalb wollte ich unbedingt jedes Glück, so lang es noch währte, mitnehmen. Ich wollte leben, so gut wie möglich, und war bereit, viel zu arbeiten. Das Wichtigste war unser aller Existenz.
Ich kaufte mir eine Gitarre. Der Moment, in dem ich sie in Händen hielt, war die Geburtsstunde einer neuen Heimat, was ich damals natürlich noch nicht wusste. Ich konnte gut singen, war ein geselliger Typ und lernte fleißig, das Instrument zu spielen. Und dann erspielte und ersang ich Speck und Eier auf Bauernhöfen, und eines Tages nahm ich stolz und erfreut eine erste kleine Gage entgegen.

Vom Maschinenschlosser zum Seemannssänger

Irgendwann legte ich mir den Künstlernamen Fred zu. Als ich schon über die Vierzig gegangen war, fasste ich den Mut, die Arbeit des Maschinenschlossers an den Nagel zu hängen, um hauptberuflich als Seemannssänger zu arbeiten. In ganz Deutschland war ich unterwegs, auf den Autobahnen zu Hause, und nicht selten auch weit darüber hinaus. Mein Herz entwuchs der Heimat Leithe mit jedem Jahr, das verging, nichts zog mich mehr dorthin. Meine Heimat war jetzt das Land, in dem ich lebte, die Orte, auf deren Bühnen ich stand und die Leute zum Lachen, Singen und Schunkeln brachte. Meine Heimat waren die Wälder und Mittelgebirge der Bundesrepublik, die Nord- und Ostseeküste, die ich gern mit meiner Frau und meinen drei Kindern bereiste. Meine Heimat wurde das Haus an der Treenestraße in Nordfriesland, wo mein Sohn heute noch wohnt. Ich liebte mein Land und liebe es immer noch. Nie würde ich woanders leben wollen. Das allein ist mir von der Gehirnwäsche der Nazis geblieben.

Meine Familie war mir immer der liebste Heimathafen

Jeder Mensch sollte sich der Sicherheit eines solchen Hafens gewiss sein. Und wenn man alt geworden ist und bei vielen Dingen Unterstützung braucht, ist er umso wertvoller. Vor 44 Jahren war ich in Wulfen-Barkenberg vor Anker gegangen. Unzählige Male habe ich die Wälder der Hohen Mark durchstreift, unzählige Male habe ich das Grab meiner Frau besucht. Ja, es stimmt, Barkenberg ist mir ein Heimathafen geworden, die Straße, in der ich wohne, die Terrasse, auf der ich im Sommer gerne sitze. Heimat ist das Bauernfrühstück, das meine Lebensgefährtin für uns beide zubereitet, sogar die Pfeife, die ich rauche, ist mir Heimat geworden und die Obstler-Pinnchen, die ich mit meinem Freund und Nachbarn Hajo leere. Heimat ist dort, wo man unter Menschen geborgen ist, und Heimat ist in einem selbst. Bei allen Veränderungen und notwendigen Wandlungen des Lebens muss man sich treu bleiben, darf man nicht aufhören, die innere Heimat zu suchen.


Siehe auch:
Musiker


Quelle:
Gespräch Wolf Stegemann mit Fred Mauritz 2010.

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