Marktplatz (Essay)

In der Stadt stets ein bürgerlicher Ort des Friedens und der Gewalt

Gemälde von Rolf Hölter

Der Marktplatz mit dem damaligen Rathaus vor der Agatha-Kirche; Gemälde von Rolf Hölter

Von Wolf Stegemann – Auf dem Marktplatz als Mittelpunkt der Stadt fanden schon immer zu bestimmten Zeiten Märkte statt, bei denen Kaufleute, Warenproduzenten und Verbraucher ihre Geschäfte abschließen konnten. Wegen der großen Ansammlung von Menschen und der Anhäufung von Waren hatten diese Märkte eine besondere Friedensgarantie („Pax forensis“) und die Besucher standen unter königlichem Schutz (Friedensbann). Die in größeren Zeitabständen abgehaltenen Jahrmärkte (Katharinen- und Nikolauskirmes u. a.) dienten der Versorgung einer kleineren Gruppe von kirchlich und weltlich Höherstehenden mit Waren des gehobenen Bedarfs. Die Stadt als Marktherr konnte Abgaben erheben (Marktzölle), durch Festlegung bestimmter Straßen und Wege (Wegezwang) das Marktgeschehen bis heute beeinflussen. Viele Orte mit Marktveranstaltungen entwickelten sich zu Städten, viele wuchsen aber über den Charakter einer „villa fori“ (Marktort) nicht hinaus. Wie in Dorsten, so blieb meist die wirtschaftliche Funktion auf den kommerziellen Umsatz im Nahbereich beschränkt.

Bürgermeister legten auf dem Marktplatz Rechenschaft ab

Stadtgeschichte auf dem Sr. Paula-Brunnen dargestellt

Stadtgeschichte auf dem Sr. Paula-Brunnen

Die Bedeutung des Marktes kommt der prominenten Stellung des Marktplatzes im mittelalterlichen Stadtbild zum Ausdruck. Schnell entwickelte sich der Verkaufsplatz in einen umbauten Platz, an dem wegen der hervorgehobenen Lage das Rathaus und die Wohnhäuser der Oberschicht entstanden waren und den Marktplatz durch ihre besonders verzierten Häuser ein prominentes Gepräge gaben. Der so herausgebildete Mittelpunkt der Stadt wurde auch Austragungsort für politische, rechtsanhängige, verwaltungstechnische, kulturelle und soziale Belange der Bürger. Es fanden Aufmärsche der Schützen und Stadtsoldaten, Paraden und Biwaks der Sieger auf dem Marktplatz statt. Der Pranger als Instrument der Rechtspflege stand auf dem Markt. Auch fanden dort solche Hinrichtungen statt, mit denen die Obrigkeit die Bevölkerung einschüchtern und disziplinieren wollte. Am Tage St. Johannes (27. Dezember) kamen nach der Messe die Bürger auf dem Marktplatz zusammen, um den Rechenschaftsbericht der Bürgermeister und der Rentmeister zu hören sowie Vorschläge für das kommende Jahr zu machen. Anschließend wählten die Gilden auf dem Marktplatz ihre Gildemeister. 1588 ließ der Vestische Statthalter und Dorstener Stadtrichter Vinzenz Rensing Todesurteile gegen Frauen vollstrecken, die der „Hexerei“ schuldig gesprochen waren. Eine von ihnen, die Witwe des Dorstener Bürgermeisters Burich, starb zuvor auf der Folterbank des Stadtrichters, was ein Fehler des Richters war. Um sein fehlerhaftes Verhör zu vertuschen, ließ Rensing der Frauenleiche das Genick brechen und sie mit der Begründung auf den Marktplatz bringen, der Teufel habe ihr das Genick gebrochen, um sie von der Folter zu erlösen (siehe Burich). Vorher soll auf dem Marktplatz ein angeblicher Verräter gevierteilt worden sein.

Gefangene Kommuniasten 1919 und 1920 auf dem Marktplatz erschossen

Militärfahrzeuge 1920

Militärfahrzeuge auf dem Markt 1920

1919 und 1920 erschossen Angehörige der beiden Freikorps Lichtschlag und Loewenfeld auf dem Marktplatz gefangen genommene Spartakisten und Rotgardisten (siehe Rote Ruhrarmee). 1925 bejubelte die Bevölkerung auf dem Marktplatz den Abzug der Belgier, 1935 begrüßten die Dorstener den SA-Chef Viktor Lutze, im selben Jahr wurde erstmals das Winzerfest gefeiert und 1937 fand die Abschlusskundgebung des NSDAP-Kreisparteitags auf dem Dorstener Marktplatz statt. 1938 missbrauchten die Nationalsozialisten den Marktplatz, um hier im November Sakralgegenstände der geschändeten Synagoge zu verbrennen. Als Dorsten Militär-Standort wurde, marschierten am 22. März 1939 Soldaten der Wehrmacht auf und auf den Tag genau sechs Jahre später legten alliierte Bomber den Marktplatz und die gesamte Innenstadt in Schutt und Asche.
1951 wollten Dorstener Kaufleute mit Abriss der Alten Stadtwaage den Marktplatz erweitern. Im selben Jahre jubelten mehr als 10.000 Dorstener dem Vizeeuropameister im Mittelgewicht, Günther Sladky, zu, wie in den 1990er-Jahren mehrmals den Olympiasiegern und Meistertitelträgern im Rudern, Thomas Streppelhoff und Dirk Balster (siehe Ruderverein Dorsten; siehe Sportwesen). 1978 wurde der Marktplatz in die Fußgängerzone einbezogen und seit 1979 wird das Altstadtfest auf dem Marktplatz gefeiert. Hin und wieder lud Dorstens Bürgermeister die Rekruten der 4. Batterie des Flugabwehrbataillons 7 Borken, mit dem Dorsten eine Patenschaft verband, zu öffentlichen feierlichen Gelöbnissen auf den Marktplatz ein, so 1974, 1979, 1983. Im Jahre 1990 fand die große Wiedervereinigungsfeier statt und 1999 auf 2000 die Millenniums-Silvesterfeier. Seit etlichen Jahren ist der Marktplatz zur Weihnachtszeit Anziehungspunkt für Schlittschuhläufer, wenn aus einem Teil des Marktes eine künstliche Eisfläche entsteht.

Die fehlende Gestaltungssatzung wurde stets beklagt

Oben: Marktgeschehen um 1900, darunter: Blick vom Kirchturm auf den Markt um 1910

Markt um 1900, Blick vom Kirchturm um 1910

Wenn der Marktplatz beim Wiederaufbau nach der Zerstörung 1945 auch seine historischen Dimensionen behalten hat, so sind die Hausfassaden – von wenigen Ausnahmen abgesehen, darunter das Kohle-Haus, nicht nur gesichtslos, sondern auch mit überdimensionalen Reklametafeln versehen worden, die oft die gesamte Hausbreite, zum Teil auch die Breite mehrerer Häuser einnehmen bzw. einnahmen. Auch die Hauptstraßen (Essener-, Recklinghäuser und Lippestraße) geben wegen des Schilder-Chaos’ nach Meinung von Stadtplanern ein Bild ab, über das seit Anfang der 1980er-Jahre ohne sichtbaren Erfolg öffentlich diskutiert wurde. Eine Gestaltungssatzung, mit der auch der Wildwuchs von Reklameschildern zum Wohl des Stadtbildes eingeschränkt werden könnte, scheiterte jedes Mal an der notwendigen Mehrheit im Rat und an der letztendlichen Ablehnung der meisten Kaufleute. Bis 1997 ging die Stadt bei der denkmalwidrigen Farbgebung des Alten Rathauses mit negativem Beispiel selbst voran. Obgleich diese Farbgebung von einheimischen und auswärtigen Fachleuten seit 1980 öffentlich als „völlig deplaziert“ diskutiert wurde, beharrte der Rat mehrheitlich bis 1997 auf dem kräftigen Blau.

Das noch blaue Rathaus vor 1985

Das noch blaue Rathaus vor 1985

Genau so lange wurde und wird eine Bepflanzung des Marktes mit Bäumen kontrovers diskutiert. Die Befürworter wollen dem leeren Platz eine Verweilatmosphäre geben, die Gegner wollen ihn freihalten, um ihn u. a. als traditionellen Aufmarschplatz für den Altstadtschützenverein zu erhalten. Die Anwohner argumentierten mit Licht- und Sichtbehinderungen vor ihren Fenstern. 1997 stellten Schüler und Schülerinnen der Umwelt AG des Gymnasiums St. Ursula den Antrag an die Stadt, einen großen Baum, eventuell eine Linde, oder eine Baumgruppe aus drei oder vier Platanen zu pflanzen. 350 Bürgerinnen und Bürger der Stadt unterstützten den Antrag. Auch direkte Anwohner hätten eine solche Bepflanzung befürwortet. Doch der Umweltausschuss der Stadt lehnte den Schülerantrag mit den Stimmen von CDU und SPD ab. Die Grünen stimmten zu. Der Planungsdezernent begründete die Ablehnung der Verwaltung damit, dass der Marktplatz über 700 Jahre keinen einzigen Baum gesehen habe. Zudem: „Einen Baum in die Mitte des Platzes zu setzen, geht eigentlich nicht. Der Marktplatz hat nämlich keine Mitte.“

Marktplatz mit einem neuen gastronomischen Gesicht

2008 und 2009 haben am Markt mehrere neue Cafés und gastronomische Betriebe eröffnet, die peu a peu fast den gesamten Markt mit Stühlen eingenommen haben. Einerseits belebt dies wünschenswert die Innenstadt, andererseits wurden bereits kritische Stimmen laut, dass dies mittlerweile zu „viel des Guten“ sei und die Atmosphäre des Marktes beeinträchtige. Seit Herbst 2010 ist in den drei Schürholz-Häusern auf der Südseite des Marktes das dort ansässige Bekleidungshaus Mensing verschwunden. Stattdessen sind eine Niederlassung der Buchhandlungskette „Thalia“ sowie zwei Bekleidungsgeschäfte in die Häuser eingezogen.

Merktgeschehen um 2010

Marktgeschehen um 2010

Seit einigen Jahren wird der Marktplatz bei Festveranstaltungen abgeriegelt, damit kein Bürger den Platz ohne Bezahlung betreten kann. Darüber bildet sich in der Bevölkerung Unmut mit dem Hinweis, dass der Marktplatz ein authentischer und originärer Ort der Bürger sei, denen man den Zutritt zu ihrem Marktplatz traditionell nicht verwehren dürfe – schon gar nicht, um Eintrittsgeld zu kassieren, wenn private Unternehmen den Marktplatz in Beschlag nähmen. An mehreren Tagen in der Woche findet auf dem Markt und teilweise in den anliegenden Straßen der so genannte Wochenmarkt statt. Angeboten werden Obst, Käse, Fisch, Haushaltswaren, Fleisch, Wurst und anderes mehr. Im April 2012 erstattete ein Gutachter (CIMA-Team Michael Karutz) dem Wirtschaftsausschuss des Rates Bericht darüber, wie er die Qualität des Dorstener Wochenmarktes auf dem Marktplatz einschätze. Beauftragt hatte ihn die städtische Wirtschaftsförderungsgesellschaft Windor. Er gab dem Wochenmarkt in Dorsten „Bestnoten“. Die DZ schrieb folglich: „Dorstens Markt ist eine Attraktion, die keinen Vergleich zu scheuen braucht.“ Das Gutachterteam befragte Markthändler, Beschicker, Kunden. Das Ergebnis des Gutachtens mag all jene überrascht haben, die seit Jahren einerseits eine zunehmende Verödung des Wochenmarkts und andererseits eine Belebung durch das Fehlen von Lebensmittelgeschäften in der Innenstadt feststellen. Denn trotz Gutachten, das wegen der Ansiedlung des für Dorsten supergroßen Einkaufszentrum Mercaden vermutlich so ausfallen musste, und der folgenden positiven Schlagzeile schrumpft auch dieser Markt – wie die in den anderen Ortsteilen auch.

Momentaufnahme 2018 – Schrumpfungsprozesse seit langem in Gang

Bundesweit gibt es rund 3300 Wochenmärkte. Vier davon in Dorsten: Altstadt, Hervest, Holsterhausen, Wulfen-Barkenberg. In den letzten zehn Jahren sind die Märkte in Deutschland teilweise um bis zu 50 Prozent geschrumpft, was von Wirtschaftswissenschaftlern als „dramatischen“ bezeichnet wird. Früher drängten sich die Händler an den Markt-Plätzen, heute gibt es rund 80 Prozent freie Standplätze. Jennifer Riediger hat in der „Dorstener Zeitung“ Mitte Januar 2018 das Dilemma der vier Dorstener Märkte veröffentlicht, dem sie in Gesprächen mit Markthändlern, Kunden und Ordnungsamtsvertretern nachgegangen ist. Hier in aller Kürze ihr Fazit:

Hervest: Der Markt auf dem Glück-Auf-Platz besteht nur noch aus einem einzigen Stand, an dem jeden Dienstag Obst und Gemüse verkauft wird. Die Familie des Markthändlers Unnebrink betreibt den Stand bereits in zweiter Generation. Obwohl der Glück-Auf-Platz eigentlich ein Top-Marktplatz ist, weil man direkt mit dem Auto dort parken kann, fehlen sowohl das Publikum wie auch weitere Stände.
Holsterhausen: Der Wochenmarkt an Freitagen auf dem Berliner Platz ist beliebt. In mehreren Standreihen werden dort Blumen, Käse, Obst, Backwaren, Gemüse, Käse, Wurst/Fleisch, Fisch und Textilien angeboten. Händler und Kunden sind zufrieden.

So war es einmal am Einkaufszentrum

Barkenberg: Dieser Markt hatte schon mal bessere Zeiten gesehen. Dienstags und freitags bieten immer weniger Stände Backwaren, Wurstwaren, frischen Fisch und Uhrenbatterien an. Es ist abzusehen, dass auf dem Wochenmarkt vor der leergezogenen und desolaten Markthalle in Barkenberg nichts mehr angeboten wird. Dazu trägt auch eine veränderte Bevölkerungsstruktur in Barkenberg bei. Allgemein gilt für alle Wochenmärkte, dass beispielsweise frisches Gemüse heute auch in Supermärkten zu haben ist und die Kunden selbst aussuchen können, an welchem Tag sie einkaufen.
Dorsten-Altstadt: Auch der Wochenmarkt in der Altstadt hatte schon mal besseren Zulauf. Auch hier schrumpfen die Markstände. Dennoch wird an den Markttagen montags, donnerstags und vor allem samstags relativ gut besucht. Allerdings gibt es eine Diskrepanz zwischen Käufern und Besuchern, die vor allem samstags gerne in einem der umliegenden Cafés sitzen und dem Markttreiben nur zusehen. Unter den Käufern gibt es auch viele Stammkunden einzelner Verkaufsstände und unter den Marktbeschickern jahrzehntelang bekannte Namen wie Cirkel oder Unnebrink. Letzterer steht seit 34 Jahren auf dem Markt, dessen Familie bereits seit 130 Jahren. Um wieder mehr Kunden anzulocken, erhöhte er sein Angebot von 60 auf 120 Artikel im Obst- und Gemüsebereich, darunter beispielsweise sechs Tomatensorten. Das Schrumpfen des Marktes hat hier – wie auch anderswo – auch seine Gründe darin, dass die Traditionshändler keine Nachfolger in der Familie mehr haben. Ausgezeichnet ist der Altstadtmarkt durch seine zentrale Lage, durch den Verkauf von Blumen, Käse, Obst und Gemüse, Fleisch- und Fischwaren.

Siehe auch: Marktplatz (Übersicht der Artikel)
Siehe auch: Wulfener Markt
Siehe auch: Dorsten on Ice


Quellen:
Wolf Stegemann „Die Marktplätze dienten schon immer als Orte der Unterhaltung und Verführung“ in RN vom 10. September 1983. – Ders. „Mit mehr Liebe zum Detail könnte die Stadt lebens- und liebenswerter sein“ in RN vom 20. Juli 1996. – Jennifer Riediger in DZ von 23. Jan. 2018.

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