Kleihues, Prof. J. P.

Barkenberger Ladenpassage ein Missgriff des renommierten Architekten

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1933 in Rheine/Kreis Steinfurt bis 2004 in Berlin; Archi­tekt und  Städteplaner. – Eine der umstrittensten – und noch stehenden – Bauten in Wulfen-Barkenberg ist die Ladenpassage, die mit viel Vorschusslorbeeren und internationalem Fachlob in Architekturzeitschriften bedacht und 1982 eröffnet wurde. Ein architektonisches Kunstwerk von J. P. Kleihues und anderen, der auch den Rundbau am Wulfener Markt errichtete. Als funktionale Ladenpassage und Ort des Wohnens taugt das Kunstwerk des renommierten Architekten und Architekturprofessors nicht oder nicht viel. Es zieht dort „wie Hechtsuppe“, der Beton bröckelt, die Treppen zu den Wohnungen sind in feuchte Betonwände eingezwängt, die Wohnungen sind ebenso feucht wie die Zugänge unhygienisch geruchsbelastet. Dunkle Ecken sorgen zudem für Unsicherheit. „Allerdings trug neben der Kommunalpolitik auch sinkende Realeinkommen, Massenarbeitslosigkeit und eine stagnierende Bevölkerungsentwicklung zu den Vermietungsproblemen in der Ladenpassage bei. Die Architektur ist nicht alleiniger Sündebock“, meinte Städteplaner Egbert Bremen am 14. April 1984 in den Ruhr-Nachrichten. Wer war dieser renommierte Architekt, der sich einer nachträglichen Verbesserung der funktionalen Situation durch Baumaßnahmen aus künstlerischen Gründen in den Weg stellte, er lediglich dazu bereit war, Segel anzubringen, die den rasanten Winddurchzug stoppen sollten, was nicht gelang?

Gastprofessur in New York

Josef Paul Kleihues besuchte das Gymnasium in Rheine, studierte von 1955 bis 1960 Architektur an der TH Stuttgart, der TU Berlin bei Hans Scharoun, war in Paris Stipendiat der „Ecole Nationale Supérieure de Beaux-Art“ und ließ sich 1962 in Berlin als Architekt nieder. Von 1960 bis 1967 war Josef Paul Kleihues zugleich Projektleiter seines Lehrers Peter Poelzig und eröffnete 1971 ein zweites Büro in Dülmen-Rorup im Kreis Coesfeld. Poelzig selbst war früh an der Planung und am Bau von Barkenberg beteiligt. Die ersten 160 Wohnungen der „Baugruppe Poelzig“ im Surick wurden bereits im Dezember 1967 bezogen.

An der Universität Dortmund war er von 1973 bis 1994 ordentlicher Professor für Entwerfen und Architekturtheorie, zugleich Gastprofessor in New York, lehrte von 1994 bis 1998 an der Kunstakademie Düsseldorf Baukunst. Er initiierte 1974 For­schungsvorhaben Wohnen und Arbeiten im Ruhrgebiet, war von 1975 bis 1978 Leiter der Dort­munder Architekturtage,  Herausgeber der Dortmunder Architekturhefte und gehörte zu den international bekanntesten deutschen Architekten.

Klingenmuseum in Solingen und Kunstmuseum in Chicago

1984 eröffnete er die Internationale Bauausstellung (IBA) in West-Berlin, der er als Planungsdirektor vorstand. Der spek­takulärste Auftritt der so genannten Postmoderne verdankte ihre besten Beiträge sei­ner Planung. Kleihues hatte wesentlich die Berliner Bau-Debatte während der 90er-Jahre be­stimmt und prägte mit seinem Konzept der „kritischen Rekonstrukti­on“ die architektonische Planung Berlins nach der Wiedervereinigung.

J. P. Kleihues war als einfühlsamer und stilsicherer Architekt für das Erweitern von Baudenkmälern bekannt und sah sich selbst in der Tradition des preußischen Klassizismus Karl Friedrich Schinkels (mit ausgeprägter „Schwäche“ für die Architektur des 19. Jahrhunderts). Zu seinen wichtigsten Bauten in Berlin gehören die Hauptwerkstatt der Stadtreinigung in Tem­pelhof (in mehreren Bauphasen), das Krankenhaus in Neukölln, das Büro- und Ge­schäftshaus Kantdreieck und die beiden Häuser Liebermann und Sommer am Pariser Platz. Kleihues hatte sich auch für die Wiedererrichtung des Berliner Stadtschlosses ausgespro­chen. Auf seinen Plänen beruht ferner das Klingenmuseum Solingen, das Museum für Vor- und Frühgeschichte in Frankfurt am Main, das Krippenmuseum in Telgte bei Münster, das Glasmuseum Linnich bei Aachen und der Aus- und Erweiterungsbau der Benediktiner­abtei Gerleve bei Coesfeld. Zudem war er Sieger vieler Wettbewerbe und schuf in Amerika das 1996 eröffnete „Museum of Contemporary Art“ in Chicago (siehe Barkenberg; siehe Kleihues-Passage).


Quellen/Literatur:
Wulfen-Wiki von Christian Gruber. – Bernd Haunfelder „Nordrhein-Westfalen. Land und Leute 1946-2006“, Aschendorff Münster 2006. – Andrea Mesecke und Thorsten Scheer „Josef Paul Kleihues“, Basel 1996. – Dies. „Das Kantdreieck – Josef Paul Kleihues“, Berlin 1995. – Auskunft Dombaumeister Bernhard Dierksmeier, Münster.

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