Gottlosenschule

Eltern streikten in Holsterhausen für eine konfessionslose Schule

Die freie Baldurschule in Holsterhausen wurde im Volkmund Gottlosenschule genannt

Von Wolf Stegemann – Nach dem Ersten Weltkrieg forderten Eltern im Ruhrgebiet bekenntnisfreie Schulen. Auch in Hervest und Holsterhausen propagierte eine „Freie Elternvereinigung“ dieses Ziel. Nachdem Eingaben an die Regierung in Münster keinen Erfolg hatten, traten die überwiegend kommunistischen und sozialdemokratischen Eltern in Streik und hielten ihre Kinder von den Schulen fern. Bis zu 20 Prozent aller Schulkinder in Hervest (rd. 400) und Holsterhausen (rd. 250) blieben zu Hause. Der Streik eskalierte, als die Staatsanwaltschaft massenweise Strafbefehle wegen Schulversäumnisse verschickte. Um eine politische Lösung zu finden, reisten Vertreter der „Freien Elternvereinigung“, des Regierungspräsidiums Münster und der Schuldeputation nach Berlin. Ausgehandelt wurde ein Kompromiss: Anstatt einer „Freien Schule“ wurden in der Wilhelmschule in Holsterhausen und in der Augustaschule in Hervest-Dorsten konfessionslose Klassen gebildet. Allein die Regierung in Münster stellte sich quer und erklärte die „weltlichen Sammelklassen“ für verfassungswidrig.

Kommunisten, Sozialdemokraten, Zeugen Jehovas, Freidenker

Daraufhin streikten die Eltern erneut, bis im Frühjahr des folgenden Jahres die Regierung in Berlin per Erlass die Klassen für legal erklärte. Die „weltlichen Klassen“ wurden Ostern 1921 eingerichtet und firmierten unter diesem Etikett bis 1933. Während es in Hervest bei den Klassen blieb, wurde in Holsterhausen 1923 die erste konfessionslose Schule in Dorsten gebaut, die Baldurschule, die der Wilhelmschule zugeordnet war, und im kirchlich geprägten Volksmund „Gottlosenschule“ hieß. Rund 150 Kinder von Kommunisten, Sozialdemokraten, Zeugen Jehovas und Freidenkern bekamen dort Unterricht. Die Lehrer, denen das Prügeln nicht erlaubt war, kamen meist aus der Sozialdemokratie. Nach Auflösung der Schule 1933 blieben die Schüler größtenteils in „religionslosen“ Klassenverbänden zusammen.

Lehrersfrau Nölle erinnert sich an streikende Eltern

„Ich kann mich noch sehr gut an einen Vorfall in der Karwoche im Jahre 1920 erinnern. Ein Trupp schwer bewaffneter Rotarmisten kam in die Schule und verlangte von meinem Mann, dass er die Kinder nach Hause schicke. Man wollte einen Beobachtungsposten in die Schule legen, da von Wesel her die Reichswehr anmarschiere. Mein Mann weigerte sich, die Kinder zu entfernen und bat die Rotarmisten, die Schule zu verlassen. Nach langen Verhandlungen zogen sie dann weiter.
Eine Begebenheit muss ich noch erwähnen, und zwar den Schulstreik, der sieben Monate andauerte. Leider ist mir die genaue Jahreszahl entfallen, doch muss sich dieser Streik zwischen 1922 und 1926 abgespielt haben. Es ist mir noch genau in Erinnerung, dass am Tag einer Sonnenfinsternis eine große Zahl schimpfender Frauen und Männer auf unserm Schulhof einzog. Als mein Mann zu ihnen herantrat, umringten sie ihn mit drohend erhobenen Fäusten. Ich selbst stand auf der Treppe unseres Hauses und hörte, was vorging. Die Leute wollten von meinem Mann die Freigabe der Wilhelmschule erzwingen, um eine weltliche Schule darin unterzubringen. Mein Mann bedeutete ihnen, dass, solange er die Leitung der Schule innehabe, dieselbe eine evangelische Schule bliebe. Die Vorgeschichte dieses ganzen Vorganges war folgende: In den Sommerferien dieses bewegten Jahres war der Lehrer Paul Rose [?] aus Recklinghausen nach Holsterhausen gekommen und hatte die Leute aufgewiegelt, eine weltliche Schule zu verlangen und forderte zum Schulstreik auf. Mein Mann und ich waren damals nicht zu Hause. Als wir aus den Ferien zurückkamen, wurde uns von dem Vorkommnis erzählt.

Zum Schulanfang kamen kaum Kinder in die Schule. In den einzelnen Klassen waren nur acht, fünf oder weniger Kinder. Als die Regierung […] nicht eingriff, und die Verhetzung der Eltern fortgesetzt wurde, gründete mein Mann die evangelische Schulgemeinde. Es wurden Vertrauensleute gewählt und nun begann von unserer Seite her die Aufklärung der Eltern. Wir gingen damals von Haus zu Haus und baten darum, die Kinder wieder zur Schule zu schicken. Bei der katholischen Bevölkerung war das Fehlen der Kinder geringer, da die katholische Kirche einen wesentlich größeren Einfluss auf die Gläubigen ausübte. So nach und nach füllten sich auch in unserer Schule wieder die Klassen, aber es dauerte doch bis zum darauf folgenden Frühjahr, bis alles wieder in Ordnung war. So entstanden dann doch zwei weltliche Klassen, die in der Baldurschule untergebracht waren, aber noch zur Wilhelmschule gehörten. Als später die dritte weltliche Klasse hinzukam, bekam die Schule eine eigene Leitung. – Im Jahre 1930  wurde die Zeche Baldur stillgelegt und die Bergleute entlassen. Das brachte in die Gemeinde Holsterhausen große Not.“


Quellen:
Wolf Stegemann in RN vom 25. April 1986. – Dr. Reichling „Schützt eure Kinder vor der konfessionellen Schule!“ in VK 1987. – Wolf Stegemann in „Zwischen Kaiserreich und Hakenkreuz“, 1987. – Dr. Reichling „Der Kampf um die freie weltliche Schule in Holsterhausen und Hervest-Dorsten 1920-23“ in VZ 1995/96. – Wolf Stegemann in „Holsterhausen im Umbruch“, Ökumenischer Geschichtskreis Holsterhausen 2007.

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