Feuerschutzwesen (Essay)

Wegen Brandgefahr in Scheunen mussten die Tabakpfeifen Deckel haben

Neue Wache in Dorsten

2010 wurde die Wache an der Straße “An der Wienbecke” in Hervest-Dorsten eingeweiht

Von Wolf Stegemann – Die Feuerwehr Dorsten ist neben dem abwehrenden sowie dem vorbeugenden Brandschutz auch für technische Hilfeleistungen, Umwelt und Gewässerschutz, Rettungsdienst, Notfallrettung und Krankentransport zuständig. Der Zuständigkeitsbereich der Dorstener Feuerwehr umfasst eine Fläche von ca. 171 Quadratkilometern, elf Stadtteile mit rund 78.000 Einwohnern, etliche Gewerbegebiete, ein Gesundheitszentrum/Krankenhaus der Regelversorgung, mehrere Pflegeeinrichtungen darunter elf Altenheime, etliche Schulen (18 Grundschulen, fünf Hauptschulen, drei Realschulen, zwei Gymnasien, eine Gesamtschule, acht Sonderschulen wie Privatschule, Berufskolleg usw.), eine dichte Bebauung der Innenstadt, größere landwirtschaftliche Betriebe in den Außenbereichen, sieben Kilometer Wasserstraße (Wesel-Dattel Kanal), 67 km Bundes- und Landstraßen (B 224, B 225, B 58), 37 km Kreisstraßen, 19 km Autobahn (BAB 31, BAB 52) und 41 km Schienennetz.

Schon im Jahre 1314 Verhaltensregeln

Im „liber statutorum oppidi Dursten“ steht, dass im Jahre 1314 „jeder zum Brande laufen und beim Abwehren und Löschen des Feuers helfen“ und so lange dabei bleiben sollte, bis das Feuer gelöscht war. Ansonsten musste er Strafe bezahlen.
Der Dorstener Küfer-Meister Sutmann erhielt am 1. August 1794 vom Rat der Stadt Dorsten den Auftrag, binnen 19 Tagen zwei Brandbudden zu liefern. Bis 1880 standen diese beiden Löschbehälter, die mit mehr als 100 Litern Wasser gefüllt waren, hinter der Stadtwaage (Altes Rathaus). Sie waren auf Schlitten befestigt und durch Pferdebespannung transportabel. Ein fester Deckel verhinderte das Verschütten des Wassers. Brach ein Brand aus, dann erhielt der, der zuerst mit seinem Pferd an den Brandbudden war, fünf Taler Belohnung. Unter den Bogen der Stadtwaage standen noch bis zu zehn Wasserfässer mit einer Füllmenge bis zu 100 Litern. Diese Fässer wurden mit Hilfe von durchgesteckten Stämmen an den Brandherd transportiert. Entstand in der Nähe der Stadtmauer ein Brand und ging das Wasser aus, dann brach man auch schon mal eine Bresche in die Stadtmauer, um an die Gräfte zu gelangen. Dann vollzog sich das, was Friedrich Schiller so plastisch schildert: „Durch die Hände lange Kette, um die Wette flog der Eimer …“

1804 Brandschutzordnung: Rauchen in Scheunen verboten

Zu einer fürchterlichen Brandkatastrophe kam es am 4. September 1719 im Bereich der Agathakirche und des Pastorats. Der Brand legte den Kirchturm in Asche, die Glocken wurden zerstört. Dabei ging auch das vom Schumachermeister Schmidt bewohnte Haus in Flammen auf. 1804 erließ der Herzog von Arenberg eine landesherrliche Feuerschutzordnung, die das Tabakrauchen beim Dreschen in Scheunen untersagte und das Rauchen von Pfeifentabak auf öffentlichen Straßen und Plätzen nur dann gestattet war, wenn die Pfeife mit einem Deckel versehen war. Eine solche Verordnung gab es wohl auch woanders. Denn bis heute hat sich beispielsweise in Bayern die Redensart „Pfeifendeckel!“ als Antwort erhalten, wenn man auf ein Verbot aufmerksam gemacht wird, das für einen aber nicht galt. – Zurück nach Dorsten: In Scheunen durfte nur noch bei Tageslicht gearbeitet und ansonsten nur geschlossenes Licht benutzt werden. Wer gegen diese Bestimmungen verstieß, wurde zu sechs Goldgulden Strafe verurteilt, junge Leute, die noch unter elterlicher Gewalt standen, zu sechstägigen Zivil-Arrest „auf Wasser und Brod gesetzt“.
1826 bildete Bürgermeisters Geissler aus den lose zusammen gewürfelten Lösch-Compagnien drei straff organisierte „Feuer-Compagnien“: eine „Wacht-Compagnie“ mit Ratsherr von Wieck als Feuer-Herr, vier Unteroffizieren und 16 Wehrmännern, eine „Rettungs-Compagnie“ mit Ratsherr Wilckes, zwei Unteroffizieren und zwölf Feuermännern, einer „Lösch-Compagnie“ mit Ratsherr Rensing bzw. dessen Substitut Drecker und drei Spritzenmeistern, drei Schlauch- und sechs Schwengel-Dirigenten, fünf Leiter-Dirigenten sowie Gerät. Die Dienstabzeichen dieser Compagnie bestanden aus verschiedenfarbigen Armbinden mit weißer Nummer.

Erstes Spritzenhaus 1822

Das erste Spritzenhaus stand bereits seit 1822 in unmittelbarer Nähe der Agathakirche in der Wiesenstraße. Damals war es Aufgabe von Bürgermeister und Rat, sich um die Feuerbekämpfung zu kümmern. Zweimal jährlich wurden die Gerätschaften inspiziert: drei Brandspritzen, sechs Wasserriegel, vier Leitern, drei Hacken, 95 lederne Eimer, zwei Wassergalgen und eine Feuerlaterne. Die Stadt hatte schon längst eine Feuerversicherung abgeschlossen, die 275 Reichstaler kostete und mit Schäden in Höhe von 165.420 Reichstalern abgedeckt war. 1826 gab es bereits drei „Feuer-Wacht-Rettungs- und Lösch-Compagnien“, die neu geordnet und mit neuer „Instruction“ versehen waren.
Nach Gründung der Freiwilligen Feuerwehr 1878 schaffte der erste Feuerwehrkommandant, Schornsteinfegermeister Scheiterer, 1888 zwei hochmoderne Handdruckspritzen an, die bis 1930 in Betrieb waren. In die Zeit seines Nachfolgers, Schneidermeister Krebs, fällt die Schmunzel-Episode, dass sich ein Dorstener Bürger über die Feuerwehr beschwerte, die bei Alarm stets recht spät am Einsatzort ankäme. Der Beschwerdeführer meinte, dies läge daran, dass sich die Wehrmänner zuerst mit ihren Orden dekorierten, bevor sie ausrückten. Daher kam es auch schon mal vor, dass sich mit Abzeichen geschmückte Wehrmänner vor einem Häufchen Asche einfanden. Darüber berichtete am 23. März 1885 das „Dorstener Wochenblatt“:

„Wenn es in dem Bericht über den Brand heißt, die Feuerwehr, rasch zur Stelle, vermochte dem Brand nicht Einhalt zu thun, so möchte das nicht ganz der Wahrheit entsprechen. Tatsache ist, dass die Feuerwehr von einer halben Stunde und zwar in sehr geringer Zahl an der Brandstätte erschien. Die beste Spritze hatte man zu Hause gelassen und an einer der beiden mitgebrachten Spritzen fehlte der Schlauch. Es ist gewiss anzuerkennen, dass die Feuerwehr-Mannschaften in ihren Abzeichen erscheinen, vor allem kommt es jedoch gerade bei Brandunglück auf rasche Hülfe an. Wir können es darum nicht billigen, wenn auf Kosten großen Zeitverlustes Feuerwehrleute, die nicht gerade zu Hause sind, erst dort hinlaufen, um ihre Abzeichen tragen zu können. So ist uns ein Fall bekannt, dass ein Feuerwehrmann, der von seiner Arbeitsstelle auf halbem Wege die Feuerstelle hätte erreichen können, erst nach Dorsten lief, um seinen Feuerwehrkittel anzuziehen. Dies zur Steuer der Wahrheit und hoffentlich demnächtiger Abhülfe bei ähnlichen Fällen.“

Mit überhaupt nicht erschienenen Feuerwehrleuten befasste sich ein Urteil des Reichsgerichts, was ebenfalls am 23. März 1885 im „Dorstener Wochenblatt“ wiedergegeben war:

„Das Reichsgericht hat entschieden, dass Mitglieder der Feuerwehr, welche bei einem Brandunglück fehlen, zu einer Strafe nicht herangezogen werden können, wenn sie den Nachweis liefern, dass sie das Brandsignal nicht gehört haben.“

Im Krieg militärisch dunkelgrün statt rot

Nach dem Ersten Weltkrieg organisierten sich die Dorstener Wehren neu, die ab 1926 auch über die erste Motorspritze verfügten. 1934 wurde bei Neuaufstellung der Wehren aus der Dorstener Feuerwehr ein Löschzug der Feuerwehr des Amtes Hervest-Dorsten. 1939 benannte sich die Feuerwehr in Feuerschutzpolizei um und die roten Fahrzeuge wurden militärisch dunkelgrün angestrichen. Ab 1950 beteiligte sich die Feuerwehr an der Beseitigung der Kriegsschäden und baute mit den Jahren den Katastrophenschutz aus. Nach den Eingemeindungen von Hervest und Holsterhausen 1943 sowie der Herrlichkeitsgemeinden 1975 wurden die einzelnen Wehren zu Löschzügen der Freiwilligen Feuerwehr Dorsten. 1988 wurde die Jugendfeuerwehr gegründet. Die Feuerwache im Lippetal zog 2010 eine neue Hauptwache „An der Wienbecke“ um. In der Herrlichkeit gab es in den Gemeinden vorerst keine eigenen Wehren. Stattdessen standen im Schloss Lembeck zwei Feuerspritzen zur Verfügung, die im Brandfall benutzt werden konnten. Die Bevölkerung in den Gemeinden löschte in Nachbarschaftshilfe mit Wasser, das in Ledereimern, Schläuchen oder Fässern transportiert wurde.

Spritzenhäuschen in Hervest umgesetzt

Als erste Gemeinde erwarb 1821 Wulfen eine Feuerspritze für 284 Taler und baute 1826 das erste Spritzenhaus. Ihre erste Druckspritze erwarben die Lembecker 1837 für ihr neues 1836 errichtetes Spritzenhaus an der Schulstraße und gründeten 1911 die Feuerwehr. Im selben Jahr entstand die Holsterhausener Wehr. Die Hervester schafften ihre Spritze für 225 Taler im Jahr 1836 an. 1912 wurden die Freiwilligen Feuerwehren Erle, Rhade und Hervest gegründet. Das über 200 Jahre alte Spritzenhaus in Hervest stand bis 1929 an der Ecke Glück-Auf-Straße/Friedhofstraße, dann wurde es in einer spektakulären Aktion durch das Dorf zum östlichen Dorfrand auf den Hof des Bauunternehmers Hütter getragen, wo es zeitweise auch als Ausnüchterungszelle diente, später wurde es zerlegt. Hervester Vereine erstellten im Jahre 2000 das alte Spritzenhaus unter Verwendung noch zu gebrauchender Einzelteile unter Gesichtspunkten des Denkmalschutzes auf dem Hofe Schulte-Tendrich neu. 60 Männer trugen das 2,5 t schwere „Spreutenhüsken“ in die Ortsmitte. Zwischen 1844 und 1910 hatte Deuten ein eigenes Spritzenhaus.

Neue Feuer- und Rettungswache im Jahr 2010

Als 1975 durch Eingemeindungen die heutige „Stadt“ Dorsten entstand, hatte die hauptamtliche Wehr 17 Mann und sieben Fahrzeuge. Ende der 1990er-Jahre, als die Idee reifte, eine neue Wache zu bauen, war die Zahl auf 55 Mann und 22 Fahrzeuge gewachsen. Die Bedingungen am alten Standort Marienstraße galten damals schon als „grenzwertig“. Daher entstand an der Straße „An der Wienbecke“ in Hervest für 11,4 Mio. Euro eine neue Feuer- und Rettungswache in einem Großkomplex. Am 17. Februar 2009 erfolgte die Grundsteinlegung, die Einweihung, die Ende 2009 geplant war, fand erst im Juni 2010 statt. 74 hauptamtliche Feuerwehrleute, 50 Freiwillige des Löschzugs Hervest und die Aktiven der Jugendfeuerwehr haben mit ihren 22 Fahrzeugen auch moderne Übungsmöglichkeiten mit einem über 20 Meter hohen Trainingsturm erhalten. Die leer stehende alte Feuerwache an der Marienstraße erwarb der Dorstener Bauunternehmer Winfried Krukenberg, die 2011 abgerissen wurde. Auf dem 5.600 Quadratmeter großen Areal sollen 18 Einfamilienhäuser entstehen.

Zahlen der Feuerwehr-Kreisleitstelle in Recklinghausen für 2016

Im Kreis Recklinghausen rückten 2016 die Feuerwehren 6106 Mal aus. 312 Menschen wurden nach Unfällen gerettet, 21 starben (2015: 32). 2307-mal hab es im Kreis Feueralarm, wobei 1219 Fehlalarme waren. Durchschnittlich geht bei der Feuerwehr-Kreisleitstelle in Recklinghausen etwa alle drei Minuten über die Notrufnummer 112 ein Hilfeersuchen ein. 2016 waren es rund 150.000 Notrufe. 183.504 Einsätze mussten disponiert, Beratungen und Weiterleitungen zum Beispiel an Ordnungsämter durchgeführt werden. In den letzten zehn Jahren stiegen die Einsätze von Rettungswagen (54.273) um 58 Prozent, die Notarzteinsätze 822.071) um 25 Prozent.


Siehe auch:
Feuerwehren


Quelle:
„Chronik der Bürgermeisterey Dorsten“ (unveröffentlicht).

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