Deportation der Juden

Das Ende der jüdischen Einwohner in Dorsten kam im Januar 1942

ERinnerung an die Familie Metzger

Die Familie Metzger wurde aus dem jüdischen Gemeindehaus in der Wiesenstraße nach Riga deportiert

Von Wolf Stegemann – Die Deportation der deutschen Juden in die Vernichtungslager im Osten war von langer Hand geheim und auf der so genannten Wannseekonferenz vom 20. Januar 1942 technisch besprochen und beschlossen worden. Schon Anfang 1939 war eine zunehmende zwangsweise Konzentrierung der jüdischen Bürger in so genannte Judenhäuser zu bemerken. In Dorsten sind zwei solcher Häuser nachzuweisen: Lippestraße 57 (bzw. Westgraben) und Wiesenstraße 24, das war das jüdische Gemeindehaus mit dem verwüsteten Synagogenraum. In diesem Haus mussten die Familien Ambrunn und Metzger mit insgesamt zehn Personen zusammengepfercht wohnen. Für die Dorstener Juden war die „Abschiebung“ oder „Evakuierung“, wie die Deportation in der Amtssprache genannt wurde, bereits für den 14. Dezember 1941 geplant. Doch erst am 23. Januar 1942 wurden die Dorstener vom Kleinkind bis zum Greis in einer überraschenden Aktion von der Gestapo aus ihren Häusern getrieben und verladen. Für diese Aktion gab es viele Zeugen, denn die Häuser, aus denen die Juden geholt wurden, lagen mitten in der Stadt. Magdalena Schumacher geborene Potthoff aus der Wiesenstraße erinnert sich:

Gestapo-Beamte drangen in das Haus ein

„Es war ein kalter, schneefreier Samstagmorgen. Schon seit drei Tagen patrouillierte ein SS-Mann in der Wiesenstraße auf und ab. Das war für meine Mutter ein sicheres Zeichen, dass etwas Schreckliches bevorstand, denn die Juden durften das Haus nicht mehr verlassen. So gegen acht Uhr kamen dann die Gestapo-Beamten in langen Ledermänteln und drangen in das jüdische Gemeindehaus ein. Dazu gesellte sich – neben anderen Dorstenern – auch der SA-Sturmhauptführer Otto Weißenberg. Man ließ den Menschen  wenig Zeit zum Packen. Die Gestapo-Leute trieben sie vor sich her, die nur so viel mitnehmen durften, wie sie tragen konnten. Der alte Julius Metzger, ein sehr würdiger Herr, legte alle seine Orden an, die er im Ersten Weltkrieg erhalten hatte, und man merkte ihm an, wie er unter der Demütigung litt. Bis 1933 war er Mitglied im Dorstener Artillerieverein. Seine Schwiegertochter Mathilde musste ihr dreijähriges Kind Judis mitsamt dem Gipsbett tragen, in dem es liegen musste. Die alte Frau Metzger schrie nach dem Herrgott. Etliche Nachbarn standen in den Türen oder hinter den Fenstern ihrer Häuser und weinten.“

Nachdem die Juden weg waren, durchwühlte ein SS-Mann die Wohnung

Aus dem „Judenhaus“ in der Lippestraße holte man noch Hertha Becker, eine geborene Perlstein, ihre Kusine Hildegard Perlstein und Hermann Levinstein, ein 58-jähriger Tuchhändler aus Reken. Für die Deportierten begann an diesem Tage in Dorsten der Weg in die Hölle des Rigaer Ghettos. Dort verliert sich die Spur vieler für immer. Julius Ambrunn und seine Frau wurden ebenso ermordet, der Sohn Klaus in Auschwitz. Max und Ernst Metzger überlebten die Konzentrationslager. Nachdem die Juden aus dem früheren jüdischen Gemeindehaus geholt waren, krochen die Nachbarkinder Magdalena und ihr Bruder Friedhelm Potthoff durch das Fenster in das Haus.  Auf dem Tisch stand noch das Frühstück, das Kaffeewasser war noch heiß. Ein angebissenes Brot lag auf dem Teller, im Kinderbett hatte Judis ihre Negerpuppe vergessen. Wenig später bemerkten sie, wie ein SS-Mann alle Schränke in dem verlassenen Haus durchwühlte und die Spardose des kleinen Mädchens Judis öffnete und die paar Pfennige einsteckte. Wenige Tage später zog dieser Dorstener SS-Mann namens Ladenstein mit seiner Familie in das Haus.


Quelle:
Wolf Stegemann „Sie wurden aus dem Haus gejagt“ in Stegemann/Hartwich (Hg.) „Dorsten unterm Hakenkreuz. Die jüdische Gemeinde“, 1983.

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