Beerdigungswesen (Essay)

Stadt wollte Sozialbestattungen von Dorstenern preisgünstig im Ausland

Beerdigungszug um 1958 in Hervest (Timmermann)

Beerdigungszug um 1958 in Hervest (Timmermann)

Von Wolf Stegemann – In heidnischer Zeit wurde in der Region feuerbestattet. Zwischen den Bauerschaften Wenge und Sölten ist 1888 ein Hügel umgegraben worden, in welchem sich 60 Urnen mit verbrannten Knochen befanden. In christlicher Zeit wurde auf dem Kirchplatz beerdigt, weil die Kirchen meist an der Stelle ehemaliger heidnischer Kultstätten erbaut waren. Der Kirchhof diente auch Gerichtssitzungen und wurde wegen seiner Umfriedung Friedhof genannt. In Dorsten war anfangs der Kirchplatz an der Agathakirche der Begräbnisort. Einige Familien hatten Anspruch darauf, in der Kirche selbst bestattet zu werden. Für sie beschloss der Rat 1781 unter dem Mittelgang der Agatha-Kirche ein Gewölbe anzulegen. 1746 erhielt der Totengräber für eine Beerdigung in der Kirche 40 Stüber, für ein Kind, das noch nicht zur Kommunion gegangen war, 7 ½ Stüber.

Tote Dorstener Soldaten an der Kirche bestattet

Renovierung am Kreuz des ev. Friedhofs an der Gladbecker Straße

Kreuz-Renovierung im ev. Friedhof Gladbecker Straße

Die in Fehden und Kriegen für Dorsten gefallenen Nichtdorstener, auch Fremde, die hier verstarben, bestattete man auf einem Platz im Süden außerhalb der Mauern. Die sechs bei dem siegreichen Gefecht 1382 getöteten Merfelder, wurden dort „vor dem Nikolausbilde“ begraben, während die acht gefallenen Dorstener auf dem Platze an der Kirche in der Stadt beerdigt wurden. Deshalb musste die Prozession am Vorabend der „Streitfeier“, die aus Anlass dieses siegreichen Kampfgeschehens jährlich stattfand, „to Grave ghaen eyrsten [erstens] by den Dodengrave vor Sunte Nicholas Belde und dar (dann) ume den Kerichoeff“. Später führte besonders die Vielzahl der Toten der hessischen Besatzung und der kaiserlichen Belagerung Dorstens während des Dreißigjährigen Kriegs zur Benutzung dieses Platzes im Süden der Stadt, für den sich damals der Name „Soldatenkirchhof“ einbürgerte. Die letzte Beerdigung neben der Agathakirche fand 1784 statt, dann wurde der Friedhof infolge kurfürstlicher Verordnung geschlossen:

„Liebe Getreue! Da wir gnädigst gemeint sind, euch nicht allein die Beerdigung der Todten in den Kirchen zu verbieten, sondern auch die Kirchhöfe außerhalb denen Städten verlegen zu lassen; So habt Uns ihr eueren gehorsamsten Bericht darüber ehestens gehorsamst zu erstattet, welcher Platz hierzu für dasige Stadt am tauglichsten seye? Wir verbleiben euch mit Ganden gewogen. Gegeben Bonn, den 10ten Brachmondes, 1785. Aus sonderbarem Seiner kurfürstl. Durchlaucht gnädigstem Befehl.“

Friedhof Bovenhorst; versteckt

Aufgelassener Friedhof Bovenhorst; verstecktes GRab

Fortan durfte nur noch auf dem alten schon auf dem Merian-Stich von 1647 abgebildeten „Soldatenkirchhof“ außerhalb der Stadt beerdigt werden, der somit Gemeindebegräbnisplatz wurde. Dieser historisch wertvolle Friedhof wurde 1975 für den Straßenbau und den Bau des Jugendheims Altstadt an der Bovenhorst aufgehoben, planiert und überbaut. In der Bauphase stiegen Kinder in die Grüfte und holten Knochen und Totenköpfe heraus, fanden alte Uniformknöpfe und Gürtelschnallen. Heute gibt es noch einen kleinen Rest des später erweiterten Friedhofs zwischen. Häusern versteckt sowie das Bedauern der damals Verantwortlichen, diesen stadtgeschichtlich wertvollen Ort vernichtet zu haben. Der verstorbene Stadtdirektor Dr. Zahn bekannte sich in den letzten Jahren zu diesem „großen Fehler“.

Nachbarschaftsverein Hervest übernimmt Bestattungsrituale

Grabanlage Paton auf dem ehem. Friedhof an der Bovenhorst

Grabanlage Paton auf dem ehem. Friedhof Bovenhorst

Der um 1910 gegründete Hervester Nachbarschaftsverein, dem heute rund 260 Familien in Hervest angehören, hatte die Aufgabe, in Not geratene Nachbarn mit Rat und Tat zur Seite zu stehen. Ein Sterbefall reichte damals oft schon aus, die gesamte Familie in wirtschaftliche Not zu stürzen. Nach den Vereinsstatuten wusste jeder, was im Todesfall in einer Familie zu tun war. Die Nachbarn kleideten den Toten ein, hüllten ihn in ein weißes Leintuch, das Nachbarn stellten und das jederzeit abrufbereit aufbewahrt werden musste. Auch besorgten sie den Sarg. Ein Bauer in der Nachbarschaft stellte für die Fahrt zum Friedhof ein Gespann („Flechtenwagen“) zur Verfügung. Der erste Vorsitzende des Vereins, Heinrich Hütter, blieb es 37 Jahre lang. Jährlich traf sich die Nachbarschaft am Tag St. Johannes, am ersten Werktag nach Weihnachten, damit der Vorstand den Mitgliedern Rechenschaft ablegen konnte. Stirbt heute jemand in Hervest, deren Familie der Notgemeinschaft angehört, zahlt jedes Mitglied drei Euro für die Familie des Verstorbenen, Witwen zahlen die Hälfte. Handelt es sich bei dem Verstorbenen um ein Kind bis zu sechs Jahren, beträgt der Beitrag die Hälfte. Tritt ein Todesfall ein (im Jahr etwa fünfzehn Mal), werden die Kassierer des Vereins in die 15 Bezirke ausgeschickt. Männer des Vereins müssen sich bereithalten, den Sarg zu tragen. Der Notnachbar, also der unmittelbare Nachbar, bestimmt die Träger.

Neue Bestattungsformen im Holsterhausener Waldfriedhof

Neuartige Begräbnisstätte: das Kolumbarium auf dem Waldfriedhof in Holsterhausen

Neuartige Begräbnisstätte: das Kolumbarium

Mit 100.000 Quadratmeter Fläche ist der kommunale Waldfriedhof in Holsterhausen der größte Friedhof in Dorsten. Mit einem 2011 eingeweihten neuen Urnenhaus mit 270 Urnenstellplätzen („Kolumbarium“) in der Trauerhalle und dem Entwurf für eine komplette Neukonzeption sollen hier in Zukunft auch alternative Bestattungsformen ermöglicht werden. Finanziert werden soll die Neukonzeption mit dem Titel „Raum, Licht, Leben“ aus den Mitteln des Konjunkturpakets. Gräber sollen stärker in gestaltete „Landschaften“ und Themenfelder eingebettet werden – mal erkennbar mit persönlichem Gedenkstein, mal unauffällig mit einem Sandsteinfindling, anonym oder traditionell. Möglich wäre in Holsterhausen auch die Einführung von Bestattungen unter Bäumen, als „Friedwald“ bekannt. Diese Form gibt es bisher in Dorsten nicht.

Armengräber

Armengräber

Sparen bei Bestattungen zum Sozialtarif

Bei verstorbenen Bürgern, die keine Verwandten mehr haben und sich sonst niemand um ihre Beerdigung kümmert, muss die Stadtverwaltung für die Beisetzung sorgen. Aufgrund leerer Kassen will die Stadt solche „sozialen“ Beerdigungen noch billiger machen, was Kritiker als „menschenunwürdig“ bezeichnen. Das Dorstener Ordnungsamt übernimmt jährlich 20 bis 30 solcher Beerdigungsfälle zum Sozialtarif. Die Einsparungen sehen vor, dass die Urne mit der Asche des Dorstener Bürgers auch in einer anderen Stadt beigesetzt werden kann, wenn dort die Bestattung preisgünstiger ist. In Dorsten kostet die Beisetzung mit Urne und Grabpflege für 30 Jahre rund 1.500 Euro, in Venlo (Niederlande) soll sich dieser Betrag beispielsweise auf nur 200 Euro belaufen. Die Stadt begründet ihre Sparmaßnahme mit dem Nothaushalt. Die Stadt Mülheim, die ebenfalls unter Haushaltssicherung steht, verbleibt dennoch bei der würdigen Bestattung ihrer Bürger vor Ort.

Nach heftigen Protesten von Kirchen und aus der Bevölkerung über das Vorhaben, Armenbegräbnisse von Dorstenern woanders stattfinden zu lassen, zog die Verwaltung diesen Sparvorschlag wieder zurück  Für den Verband der Ev. Kirche sagte Pfarrer Günther Krüger in einer Stellungnahme, dass auch die evangelische Kirche „weiterhin ihren kostenfreien Beitrag leisten wird, Menschen, deren Beisetzung vom Ordnungsamt angeordnet wird, menschenwürdig zu bestatten.“ Krüger bekräftigte, dass nicht der Eindruck entstehen dürfe, in Dorsten würden Leichname „entsorgt. Ich kann mir auch nicht vorstellen, dass dies in unserer Stadt politisch gewollt ist.“ Bürgermeister Lütkenhorst hielt aber nicht das Vorhaben, Dorstener Arme womöglich in Holland bestatten zu lassen, für unwürdig, sondern zum Teil die Kritik, die daran geäußert wurde (Lütkenhorst: Ich will „nicht auf die zum Teil unwürdige und unhaltbare Kritik der letzten Tage eingehen“, WAZ vom 6. November 2012).

Alternative Bestattungskultur: Neben Kolumbarium auch „Waldgräber“

In letzter Zeit hat der Trend zur naturnahen Bestattung Aufwind bekommen, d. h. Bestattung im Wurzelbereich von Bäumen und Sträuchern. 2015 wies die Stadtverwaltung ein 1,4 ha großes Waldstück an der Grundstücksecke des städtischen Waldfriedhofs in Holsterhausen für ein Wald-Grabfeld mit 65 Bestattungsbäumen aus. Im Bereich dieser Bäume können jeweils zwölf Urnen von Verstorbenen beigesetzt werden, deren Namen mit Plaketten an den Bäumen angebracht werden können. Für die Realisierung wurden 65.000 Euro in den Haushalt 2015 eingestellt. Im städtischen Waldfriedhof am Tüshausweg in Holsterhausen wurde im November 2016 ein neues Feld für „Waldgräber“ eingerichtet. „Waldgräber“ sind das jüngste Angebot einer alternativen Bestattungsform. Denn die Trauerkultur unterliegt aus vielfältigen Gründen einer steten Wandlung. In der Vergangenheit wurden beispielsweise bereits Beisetzungen in pflegearmen Rasengräbern oder in einem Kolumbarium für Urnen ermöglicht.


Quellen:
Gespräch Wolf Stegemann mit Franz Brüggemann, Hervest, 1992. – Daniel Müller „Stadt will bei Bestattungen von Toten ohne Angehörige sparen“ in DZ vom 31. Oktober 2012. Michael Klein Beisetzung unter Bäumen“ in DZ vom 6. März 2015.

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