Angeklagt und verurteilt (2021)

Kriminelle vor Gericht: Diebe, Betrüger, Sexualtäter, Einbrecher, Räuber

Rechtsanwalt lässt seine Mandanten über den Alltag im Gefängnis erzählen. Der bekannte Marler Rechtsanwalt Burkhard Benecken (45) hat sie alle vertreten: Mörder, Vergewaltiger, Menschenhändler, Prostituierte, Drogendealer… Und er hat sie alle, während sie zwischen Stuttgart-Stammheim, Castrop-Rauxel und Berlin-Moabit hinter Gittern saßen, in den deutschen Haftanstalten besucht. Grund war das Sammeln von Aussagen der von einzelnen Gefängnisinsassen über ihren Alltag hinter Gittern –für sein mittlerweise fünftes Buch „Inside Knast – Leben hinter Gittern – der knallharte Alltag in deutschen Gefängnissen“. Wie sieht die Realität der 67.000 Inhaftierten aus? Wie lebt es sich auf acht Quadratmetern ohne Küche, Bad, Internet und Handy? Wie viel Gewalt herrscht unter den Häftlingen? Wer hat im Knast das Sagen? Unter den Geschichten findet der Leser auch die von Sunny, einem ehemaligen Edel-Callgirl aus Marl, das in einer Betrügerbande in  millionenschwerer Kriminalität verwickelt wurde, was ihre eine mehrjährige Haftstrafe einbrachte. Burkhard Benecken: „Was Sunny im Frauenknast erlebt hat, hat mich derart bewegt, dass ich ihr ein eigenes Kapitel in meinem neuen Buch gewidmet habe.“ „Sunny“ (31) hat ihr altes Leben hinter sich gelassen. Sie ist seit November 2020 verheiratet und hat vor zwei Monaten ihr drittes Kind zur Welt gebracht. In Kürze will sie einen türkischen Lebensmittelmarkt an der Römerstraße in Hüls eröffnen. Aber auch andere inhaftierte Mandanten lässt Benecken in seinem Buch „Inside Knast“ ungeschönt zu Wort kommen. „Inside Knast – Leben hinter Gittern – der knallharte Alltag in deutschen Gefängnissen“, 224 Seiten, Riva-Verlag München, 29,99 Euro.

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Bewährungsstrafe nach Drogenfund. In einer Barkenberger Wohnung wurden Drogen gefunden. Doch der Besitzer hatte Glück. Er muss nicht ins Gefängnis. Jetzt bangt seine Verlobte. Ihr steht der Prozess noch bevor. Erst meldete sich ein Kronzeuge, dann wurden Drogen und ein Schwert gefunden: Lange Zeit hatte es für einen 27-Jährigen aus Barkenberg nicht gut ausgesehen. Die Staatsanwaltschaft war sich sicher, dass ihr ein Dealer ins Netz gegangen ist. Vor Gericht kam jedoch alles ganz anders. Die Richter am Essener Landgericht haben ihn Anfang April 2021 lediglich zu zehn Monate Haft auf Bewährung verurteilt. „Es konnte nicht festgestellt werden, dass der Angeklagte die aufgefundenen 82 Gramm Marihuana tatsächlich verkaufen wollte“, hieß es im Urteil. Es sei weder eine Feinwaage, noch Verpackungsmaterial, noch Geld in kleinen Scheinen gefunden worden. Außerdem war den Richtern der wichtigste Zeuge weggebrochen. Der Dorstener, der bei der Polizei nicht nur den Angeklagten, sondern auch sich selbst schwer belastet hatte, zog seine Aussage bei seiner Zeugenvernehmung überraschend zurück. Jetzt droht ihm selbst ein Verfahren – wegen Falschaussage oder wegen falscher Verdächtigung. Das hat die Staatsanwaltschaft bereits angekündigt. Auch der Verlobten des Angeklagten steht noch ein Prozess bevor. In ihrer Wohnung waren sogar 1,2 Kilo Marihuana gefunden worden. Wem das Rauschgift zuzurechnen ist, wird aber wohl nicht so leicht zu klären sein. Sie und ihr Partner können im nächsten Prozess beide von ihrem Schweigerecht Gebrauch machen (Quelle: Jörn Hartwich in DZ vom 10. April 2021).

 Mann wurde brutal getreten und in den Kanal geworfen. Es war ein brutaler Überfall in Höhe des Mercaden-Einkaufszentrums in Dorsten: Eine Gruppe von Männern verletzte ihr Opfer schwer. Der Rädelsführer bekam jetzt vor Gericht seine Strafe. Eine Clique von jungen Leuten hatte sich am 28. August 2020 in Höhe des Mercaden-Einkaufszentrums an den Wesel-Datteln-Kanal gesetzt, um gemeinsam in Ruhe etwas zu trinken. Doch dann gab es gegen 21.30 Uhr einen brutalen Vorfall, der die Anwesenden noch heute aufwühlt: Ein Mann, der die Clique zuvor um eine Zigarette gebeten und sich zu einem kleinen Plausch zu ihr gesellt hatte, wurde plötzlich von einer mehrköpfigen Gruppe attackiert und aufs Übelste malträtiert. „Wir wollten eigentlich eingreifen, aber die waren dermaßen aggressiv, dass wir uns zurückgehalten haben“, erklärte ein 19-jähriger Augenzeuge am Mitte April 2021 vor dem Dorstener Schöffengericht. Dort musste sich der Rädelsführer des Überfalls verantworten: Ein 33-jähriger Hervester, „Stammgast“ auf der Anklagebank und mal wieder inhaftiert. Er sagte aus, dass er bereits morgens eine Auseinandersetzung mit dem späteren Opfer hatte. „Da war eine Rasierklinge im Spiel, ich wollte mich rächen.“  Am Abend passte er mit einigen Kumpels den Kontrahenten am Kanal ab. „Ich gab ihm den ersten Schlag“, so der Angeklagte. Und filmte dann mit seinem Smartphone das weitere Geschehen. Der 19-jährige Augenzeuge sagte aus, die Mittäter hätten den Geschädigten eine Treppe hinunter getreten, dann in den Kanal geworfen. Wer weiß, was dem Opfer im Wasser passiert wäre, hätte nicht eine mutige Passantin so lange auf die Täter eingeredet und eingewirkt, dass diese den Verletzten wieder aus dem Wasser zogen – nur um an Land weiter auf ihn einzuschlagen. Das Oper erlitt massive Prellungen, Schürfwunden, einen Bruch des Nasenbeins, eine schlimme Augenverletzung. Dem Angeklagten wurden zudem weitere Taten zum Verhängnis. Er wurde bei einer Fahrzeugkontrolle von der Polizei mit Drogen erwischt. Zudem drohte er Anfang August einem Polizisten mit einem gefährlichen Werkzeug: einem Stechbeitel. Das Schöffengericht verhängte weitere zwei Jahre Haft gegen den Angeklagten. Das Urteil erlaubt es dem Mann, einen Teil der Strafe in einer Drogen-Therapie-Einrichtung zu verbüßen (Quelle: Michael Klein in DZ vom 10. April 2021).

Dramatische Paar-Beziehung: Und wieder kam nachts die Polizei. Das Pärchen führt das, was man neudeutsch eine höchst „toxische Beziehung“ nennt. Er hat seine Aggressionen und seine Eifersucht nicht im Griff, sie hat psychische Probleme inklusive einer Schizophrenie. Und so beschäftigt ihr problematisches „On-Off-Verhältnis“ immer wieder die Polizei, die Familienbehörden und die Justiz. So auch Ende März 2021 das Dorstener Schöffengericht, vor dem sich der knast-erfahrene 27-jährige Lembecker erneut vor dem verantworten musste. Es ging um einen Polizeieinsatz am 5. August 2020. Damals war der Angeklagte zu nächtlicher Stunde mit seiner schwangeren Lebensgefährtin in deren Wohnung in Holsterhausen aneinandergeraten. Er war „sauer“, weil sie nach ihrem Kneipenjob zu spät nach Hause gekommen war. Er verwüstete im Beisein zweier Kinder die Wohnung, sie warf ihm seine Klamotten hinterher. Den herbeigerufenen Polizeibeamten erzählte die 27-Jährige an dem Abend, dass ihr Freund ihr mit der Faust gegen den Kopf geschlagen und sie barfuß in den Unterleib und in die Beine getreten habe. Verletzungen waren aber nicht zu sehen, so der Polizist. Vor Gericht wollte die kurz vor der Niederkunft stehende und wieder mit ihm versöhnte Frau von ihren Anschuldigungen gegen den Mann nichts mehr wissen. „Ich vergesse so viel, ich weiß nicht mal mehr, dass die Polizei da war“, sagte sie. Die Körperverletzung war dem Angeklagten nicht nachzuweisen. Verurteilt wurde er trotzdem: Bevor er vor Eintreffen der Polizei in der Nacht zum Elternhaus nach Lembeck entschwand, ließ er 170 Euro aus der Geldbörse seiner Freundin mitgehen, zudem ihr Mountainbike. Außerdem räumte der Angeklagte drei Wochen nach diesem Vorfall das Bankkonto der Schwester seiner Freundin leer: 665 Euro, so der Schaden für die Frau, die ihre EC-Karte in der schwesterlichen Wohnung liegen gelassen hatte. Und da war noch die Sache vor dem Job-Center, wo der 27-Jährige einem jungen Mann eine Backpfeife verpasste. Da er unter Bewährung stand, wurde der Mann für die Taten zu einem Jahr Haft verurteilt (Quelle: Michael Klein in DZ vom 3. Apr. 2021).

Mann bedrohte ein Jahr lang seine Partnerin mit der Pistole. Ein Jahr lang litt eine Mutter in Dorsten unter einer traumatischen Beziehung. Ihr Freund bedrohte sie immer wieder mit einer Waffe. Dabei kam es zu körperlichen und seelischen Übergriffen. Schon am Anfang ihrer Beziehung hatte der 38-jährige Angeklagte seiner neuen Freundin (35) gezeigt, was passieren würde, wenn sie ihm nicht gehorcht: Er drohte ihr in ihrer Wohnung in Wulfen mit der Pistole. Er würde sie einsetzen, wenn dies notwendig sei. Wegen mehrerer Fälle von häuslicher Gewalt musste sich der 38-Jährige Mitte März 2021 vor dem Dorstener Schöffengericht verantworten. Laut Anklage hatte er sie mit Gegenständen beworfen, sie beleidigt, mehrfach angespuckt und sie geschubst. Wenn sie sich dabei verletzte, verbot er ihr den Gang zum Arzt. Erst als sie nach einer neuerlichen Attacke ein Taubheitsgefühl im Bein spürte, rief sie ihre Freundin an, die umgehend die Polizei informierte. Bis die Beamten an der Barkenberger Wohnung eingetroffen waren, verschanzte sich sie Frau mit der Tochter im Badezimmer. Warum sie ihn denn nicht schon eher verlassen oder ihre Familie und Freunde ins Vertrauen gezogen habe? „Aus Angst“, sagte sie. Ihr Lebensgefährte habe ihr nämlich auch angedroht, beim Jugendamt dafür zu sorgen, dass ihr die Tochter weggenommen würde. Außerdem habe er auf ihren Namen Betrugsdelikte begangen, damit hätte er sie ins Gefängnis bringen wollen. Nach dem Beziehungs-Aus wurde dem Täter gerichtlich verboten, weiterhin Kontakt mit der Frau aufzunehmen oder sich ihr zu nähern. Daran hielt er sich aber nicht. Über Facebook und per E-Mail schrieb er seine Ex an. Allerdings nicht, um ihr zu drohen, sondern um sich wortreich zu entschuldigen. Der 38-Jährige, der an einer psychischen Störung (Borderline-Syndrom) leidet, ist nämlich inzwischen von einem Arzt medikamentös so eingestellt worden, dass er sein bisheriges Leben in den Griff bekommen hat. Auch eine Entgiftung steht an. Vorher hatte er laut Aussage des Opfers 1000 Euro im Monat allein für Drogen ausgegeben. Der Staatsanwalt sprach von einer „schlimmen Geschichte“, meinte aber, das Opfer habe die „körperlichen Übergriffe gravierender wahrgenommen“ als sie wohl tatsächlich waren. Der Anwalt, der die Frau als Nebenkläger vertrat, fand diese Aussage irritierend und verwies auf die „seelische Gewalt“, der die Frau ausgesetzt war. Das Urteil des Schöffengericht: sechs Monate, die zur Bewährung ausgesetzt wurden (Michael Klein in DZ vom 25. März 2021).

Syrischer Flüchtling als Drogenkurier. Eigentlich fahndeten die Beamten der Polizeiwache Dorsten am Abend des 27. Oktober 2020 nach einem Räuber, der in der Martin-Luther-Straße in Holsterhausen sein Unwesen getrieben hatte. Die Polizisten kontrollierten nämlich zwei Männer, die dort in der Dunkelheit in einem abgestellten VW Passat saßen. Einer der beiden Verdächtigen sprang aus dem Auto, rannte weg und konnte zunächst entkommen. Später wurde er ermittelt. Der andere, ein 40-jähriger Asylbewerber aus Syrien, blieb an dem auf seinen Namen zugelassenen Wagen stehen. Als die Beamten das Auto durchsuchten, fanden sie drei schwarze müllsackgroße Tüten mit Marihuana, zusammen vier Kilo schwer. Dazu ein 350-Gramm-Paket Haschisch. Mitte März 2021 begann vor dem Dorstener Schöffengericht der Strafprozess in dieser Sache. Zunächst gegen den Syrer, der vor gut fünf Jahren nach Deutschland geflüchtet war und inzwischen seine Ehefrau und die zwei Kinder nachgeholt hat. Für seine Spielsucht brauchte er immer Geld. Er lernte den 29-jährigen Dorstener „Anjad, den Marokkaner“ kennen, für den er für einen Festpreis von 400 Euro Drogen nach Dorsten transportieren sollte. Der vermeintliche Marokkaner stelle sich dann als Wassim aus Algerien heraus. Doch dieser Transport schlug fehl. Die Polizeibeamten nahmen den 40-Jährigen in Dorsten fest, seitdem saß er in U-Haft. Diese sechs Monate hinter Gittern hatten augenscheinlich Eindruck auf den Mann gemacht. „Ich konnte kaum schlafen, habe immer wieder meine Kinder vor Augen gehabt“, sagte er reuevoll unter Tränen. Sowohl Staatsanwältin als auch Schöffengericht sahen die Tat als „einmaligen Fehltritt“ an und drückten mehr als nur ein Auge zu: zwei Jahre auf Bewährung hieß es am Ende. Eine der Bewährungsauflagen lautet: Er soll nachweisen, dass er endlich die deutsche Sprache lernt. Ob sein Auftraggeber, der falsche „Anjad“, bei seinem für Juni terminierten Gerichtstermin auch mit einem blauen Auge davonkommt, ist mehr als fraglich: Gegen ihn stehen noch weitere Vorwürfe im Raum (Quelle: Michael Klein in DZ vom 22. März 2021).

Supermarkt-Überfälle: Sechs Jahre Haft für 24-Jährigen  Nach zwei Überfällen auf einen Rewe-Markt in Dorsten ist ein 24-jähriger Mann aus Schermbeck am Freitag zu sechs Jahren Haft verurteilt worden. In das Urteil ist auch noch ein weiterer Überfall auf einen Netto-Markt mit eingeflossen. Der Angeklagte selbst hatte bis zuletzt auf einen Freispruch gehofft.
Für die Richter am Essener Landgericht waren es am Ende einfach zu viele Indizien. Vor allem die DNA-Spuren an einer Sechserpackung Kinderjoghurt waren belastend. Der Täter hatte den Joghurt damals aufs Kassenband gestellt und dann eine Pistole gezückt. Dabei trug er keine Handschuhe. Außerdem gab es Videoaufzeichnungen, auf denen der Täter eine Jacke trug, die in genau dergleichen Ausführung später auch beim Angeklagten gefunden wurde. Der Rewe-Markt an der Händelstraße war am 15. Mai 2019 und später noch einmal am 10. August 2019 überfallen worden. Die Beute: rund 4.000 Euro. In beiden Fällen war es sogar derselbe Kassierer, der um kurz vor 22 Uhr plötzlich in den Lauf einer Pistole blickte. Hintergrund der Tat ist laut Urteil die extreme Drogenabhängigkeit des Angeklagten. Der 24-Jährige soll schon im Alter von zehn Jahren erstmals Marihuana geraucht haben. Später kamen Amphetamin und Kokain hinzu. Ein Psychiater hatte von einer extrem ausgeprägten Kokainabhängigkeit gesprochen. Der Suchtdruck soll teilweise so hoch gewesen sein, dass er angeblich sogar seine eigene Mutter bestohlen hat. Der 24-Jährige war im Dezember 2019 festgenommen worden, nachdem er in Schermbeck einen Netto-Markt überfallen hatte. Diese Tat hatte er in einem späteren Prozess am Landgericht Duisburg gestanden. Im aktuellen Prozess hat er sich dagegen nicht zu den Vorwürfen geäußert. Was sein gutes Recht ist. Die Richter hielten das am Ende allerdings für die falsche Strategie, weil sie von der Schuld des Schermbeckers überzeugt sind. Einen Teil der sechsjährigen Haft muss der Schermbecker in einer geschlossenen Therapieeinrichtung verbringen, um seine Drogensucht in den Griff zu bekommen (Quelle: Jörn Hartwich in DZ vom 20. März 2021).

Dorstener simulierte in der LWL-Klinik monatelang erfolgreich den psychisch Kranken, um der Strafe zu entgehen. Nach einem lebensgefährlichen Würgeangriff auf einen Mitpatienten in der Hertener LWL-Klinik ist ein 23-jähriger Dorstener am Freitag am Bochumer Schwurgericht zu zwei Jahren Haft auf Bewährung verurteilt worden. Zum Prozessbeginn hatte noch eine unbefristete Psychiatrie-Einweisung des 23-Jährigen im Raum gestanden. Der psychiatrische Sachverständige hatte den Dorstener in der vergangenen Woche aber als einen offenbar perfekten Simulanten enttarnt. „Er hat kein Trauma, er hat keine Persönlichkeitsstörung – er ist ein kerngesunder 23-jähriger junger Mann“, hatte der Psychiater sich festgelegt. „Es gibt überhaupt keine Anzeichen, dass hier eine Psychose vorliegt. Das kann man ganz sicher ausschließen.“ Dem Ex-Patienten aus Dorsten war es gelungen, mit einer von angeblich traumatischen Erlebnissen im syrischen Kriegsgebiet geprägten Schicksalsgeschichte zahlreiche Therapeuten in der LWL-Klinik Herten zu blenden. „Ihm wurde dort mütterlich über den Kopf gestrichen“, sagte Richter Josef Große Feldhaus in der Urteilsbegründung. Und weiter: „Die Aufenthalte haben ihm gut gefallen.“ Letzteres habe wohl nicht zuletzt auch an einer „besonderen Nähebeziehung“ zu einer ganz bestimmten Oberärztin der Klinik gelegen. Dadurch, dass diese Ärztin ihm alles geglaubt und offenbar auch attestiert habe, sei es dem 23-Jährigen gelungen, hunderte stationäre Aufenthaltstage in der Klinik zu erschleichen, hieß es beim Urteil. Dass er am 25. August 2019 einen Mitpatienten im Garten der LWL-Klinik angesprungen und bis zur Bewusstlosigkeit gewürgt hatte, hatte der angeklagte Dorstener im Prozess sofort zugegeben und sich auch dafür entschuldigt. Der Ex-Patient hatte sich von dem Mitpatienten provoziert gefühlt, weil dieser nicht nachgelassen hatte, ihn um eine Zigarette anzuschnorren. Und zum Schluss auch die Kopfhörer des Dorsteners zur Seite geschlagen hatte. Der bislang unbestrafte Angeklagte war in der vergangenen Woche nach fast fünf Monaten vorläufiger Unterbringung in einer geschlossenen Straftäter-Psychiatrie auf freien Fuß entlassen worden. Der Dorstener will nun vorerst zu seiner Mutter nach Süddeutschland ziehen und möglichst schnell ein Studium beginnen. Als spürbare Auflage ordneten die Bochumer Richter die Ableistung von 500 gemeinnützigen Arbeitsstunden an. Das Urteil lautet auf gefährliche Körperverletzung (Quelle: Werner von Braunschweig in DZ vom 17. März 2021).

Krankenkassen betrogen: Drei Jahre Haft für Ex-Apotheker. Ein ehemaliger Apotheker aus Dorsten wollte groß hinaus. Doch sein Weg führte ins Gefängnis. Er verlor Geld bei China-Geschäften, betrog die Krankenkassen und betäubte sein offenbar schlechtes Gewissen mit Amphetamin und schweren Beruhigungsmitteln: Ende Februar 2021 war der einst erfolgreiche Apotheker endgültig am Tiefpunkt seines Lebens angekommen. Das Bochumer Landgericht verurteilte den Dorstener zu drei Jahren Haft. Der Ex-Apotheker hatte Rezepte für sündhaft teure Medikamente gefälscht und abgerechnet. Die auf den Rezepten aufgeführten Kunden und Ärzte waren völlig ahnungslos. Vor Gericht hatte der 52-Jährige erklärt, dass die Medikamente entweder gar nicht bestellt oder unter der Hand weiterverkauft worden sind. Ob sich hinter den illegalen Machenschaften ein kriminelles Netzwerk befunden hatte, konnte nicht eindeutig geklärt werden. . Nach Angaben des Angeklagten hatte sich ein Mann aus Marl um die Abwicklung gekümmert. Von ihm sei nicht nur die Idee gekommen. Er habe ihn auch erpresst und bedroht, nachdem das erste Rezept gefälscht und abgerechnet worden waren. Der Schaden für die Krankenkassen belief sich laut Anklage auf rund 600.000 Euro. Der Dorstener hatte im Zuge der Ermittlungen und des Strafverfahrens nicht nur seine Zulassung verloren, sondern auch seine Apotheke, die er in einer anderen Ruhrgebietsstadt betrieben hatte (Quelle: Jörn Hartwich in DZ vom 1. März 2021).

Betrugsskandal im Jugendamt Dorsten: Gericht fällt mildes Urteil. Er hat im Jugendamt Dorsten einen sechsstelligen Betrag veruntreut. Jetzt wurde dem Ex-Abteilungsleiter der Prozess gemacht. Das Gericht äußerte in seinem Urteil auch Kritik an der Stadt.  Was bewegt einen zuvor gänzlich unbescholtenen Familienvater dazu, öffentliche Steuergelder zu veruntreuen und damit nicht nur seinen Dienstherren, sondern auch die Allgemeinheit zu betrügen? Das bleibt sein Geheimnis, denn dies kam in dem zweiten Prozesstermin gegen einen ehemaligen Abteilungsleiter des Dorstener Jugendamtes im Februar 2021 nicht zur Sprache. Da es um persönliche psychische Belange ging, hätte er sich nur dazu geäußert, wenn die Öffentlichkeit ausgeschlossen worden wäre – doch diesen Antrag lehnte das Schöffengericht ab. Dem 39-Jährigen wurde vorgeworfen, 215.000 Euro an städtischen Geldern für private Anschaffungen unterschlagen zu haben. Fast 300 betrügerische Bestellungen an 223 Tagen zwischen Oktober 2016 und Oktober 2019 listete die Anlageschrift auf. Dann flog er auf, verlor seinen Job und war arbeitslos. Im Grundsatz hatte der Angeklagte die Vorwürfe schon im Vorfeld eingeräumt. Sein Anwalt wies jedoch darauf hin, dass von den bestellten Gegenständen einige durchaus von der Stadt genutzt wurden. Beispielsweise ein Anhänger, der zum Transport für das städtische Spielmobil im Einsatz war oder für Veranstaltungen am Gemeinschaftshaus. Auch die in der Anklageschrift aufgeführte Musikanlage will der in seiner Freizeit auch als DJ tätig gewesene Angeklagte nicht für private Zwecken verwendet haben. So sagte er jedenfalls aus. Die Lautsprecher und Mischpulte seien vielmehr bei städtischen Veranstaltungen aufgebaut worden, zum Beispiel bei einer Radtouristik am Platz der Deutschen Einheit oder vom Jugendgremium bei einem Fest an der Neuen Schule. Sein Verteidiger: „Offenkundig gab es massive Missstände bei der Stadtverwaltung, einen vollständigen Totalausfall bei den Kontrollvorgaben.“ Sowohl seine Vorgesetzten als auch das Rechnungsprüfungsamt und die Kämmerei hätten bei den höheren Ausgaben diese gegenzeichnen und prüfen müssen.“ Auch das Gericht kam in der Urteilsbegründung zu dem Schluss: „Wenn die Kontrollmechanismen funktioniert hätten, dann wäre er wohl vorher aufgefallen und wir säßen nicht hier.“ Letztlich kam dem Angeklagten zugute, dass er den Schaden komplett wiedergutgemacht hat. Er hat dafür ein Darlehen aufgenommen, wird die nächsten 30 Jahre monatlich 550 Euro an die Bank zurückzahlen. Während die Staatsanwältin ein Jahr und neun Monate auf Bewährung forderte, urteilte das Schöffengericht deutlich milder: ein Jahr auf Bewährung (Quelle: Michael Klein in DZ vom 27. Febr. 2021).

Konto einer 85-Jährigen komplett leer geräumt. Ein 27-jähriger Dorstener hatte sich im Februar vor dem Dorstener Amtsgericht zu verantworten, weil er sich im Oktober 2019 als Handlanger einer Bande verdingt hatte, die mithilfe des Polizeitricks ihre Opfer um ihre Ersparnisse bringt. Er habe da mitgewirkt, weil die Hintermänner drohten, seiner Familie etwas anzutun, so der Dorstener. Ein Bekannter bot ihm Geld an, wenn er mitmachen würde. Nach einem Anruf eines unbekannten Auftraggebers sei er bei der Seniorin vorgefahren, die auf Geheiß eines vermeintlichen Polizisten ihre EC-Karte samt PIN-Nummer vor die Haustür gelegt hatte. Mit der Bankkarte räumte er dann an mehreren Volksbank-Geldautomaten nachts das Konto des Opfers komplett leer. Schaden: 5.000 Euro, die Hälfte davon musste der Dorstener an seinen Auftraggeber übergeben. Und dann der Vorfall vom März 2020 in einem Treppenhaus in Holsterhausen. Der in einer früheren französischen Kolonie geborene 27-Jährige hatte dort so lautstark randaliert, dass Nachbarn die Polizei riefen. Mit einer Weinflasche in der Hand fuchtelte er wild gestikulierend und verbal aggressiv in Richtung der Beamten. Der Angeklagte beschimpfte in einem wirren Sprachen-Mix eine Beamtin (die der französischen Sprache mächtig war) mit übelsten Worten. Als dunkelhäutiger Mann titulierte er die weißen Polizei-Einsatzkräfte als „Neger“. Außerdem versuchte er, mit der Weinflasche auf den Polizisten einzuschlagen. Doch dessen Kollegin zückte rechtzeitig Pfefferspray und setzt ihn so außer Gefecht. „Ich hatte getrunken und Kokain genommen“, so der Angeklagte vor Gericht. Da er die Taten während zweier laufender Bewährungsstrafen begangen hatte, kam für das Schöffengericht diesmal nur eine Haftstrafe in Frage: ein Jahr und sechs Monate (Quelle: Michael Klein in DZ vom 26. Febr. 2021).

Rache oder Erpressung: Dieser Fall wird wohl nie aufgeklärt. Dieser Fall wird wohl für immer undurchsichtig bleiben: Vor rund fünfeinhalb Jahren ist ein Mann ist Dorsten ziemlich schwer verletzt worden. Er selbst sprach später von einem Angriff mit einem Schlagring. Doch auch nach der inzwischen dritten Gerichtsverhandlung ist nicht klar, was eigentlich passiert ist. Die Angeklagten sind zwei Brüder aus Dorsten, die ihr Geld in der An- und Verkaufsbranche verdienen. Dort war auch das spätere Opfer ein oft gesehener Gast. Man kannte sich, auch wenn man sich vielleicht nicht richtig mochte. Doch dann kam der 25. August 2015. Diesmal gab es Streit. Die Staatsanwaltschaft ist immer davon ausgegangen, dass die Angeklagten plötzlich ohne echten Grund 1000 Euro gefordert haben. Als das Geld nicht gezahlt wurde, sollen sie brutal zugeschlagen haben – auch mit einem Schlagring. Die Folgen waren dramatisch. Das Opfer hatte sich damals zwar noch in das Auto eines Bekannten schleppen können, die Fahrt zum Krankenhaus musste jedoch auf halber Strecke abgebrochen werden. Der Zustand des Verletzten war dem Fahrer zu kritisch geworden, ein Krankenwagen musste übernehmen. Ende 2018 hatte der Fall schließlich das Essener Landgericht erreicht. Rund drei Monate wurde verhandelt, dann sprachen die Richter die beiden Brüder aus Dorsten frei. Es könnten keine ausreichenden Erkenntnisse zum Tatablauf getroffen werden, hieß es damals. Doch dieses Urteil sollte keinen Bestand haben. Und das hatte einen eher peinlichen Hintergrund. Weil die Staatsanwaltschaft die Freisprüche nicht akzeptieren wollte und Revision eingelegt hatte, kamen die Akten zum Bundesgerichtshof nach Karlsruhe. Und tatsächlich: Dort wurde der Freispruch umgehend aufgehoben. Die Begründung war allerdings fast schon kurios: Im Urteil der Essener Richter fehlte gleich ein ganzes Kapitel, so dass überhaupt keine richtige Überprüfung stattfinden konnte. Also ging alles zurück ans Essener Landgericht, wo sich Anfang Februar 2021 eine andere Strafkammer noch einmal mit dem Fall befassen musste. Dort ging dann diesmal alles ganz schnell. Das Strafverfahren wurde eingestellt. Zuvor hatten sich die Angeklagten bereiterklärt, jeweils 1000 Euro an die Behindertenhilfe Dülmen zu zahlen. Auch das Opfer ist nach Angaben seines Anwalts nicht mehr an einer Verurteilung der beiden Brüder interessiert. „Man versteht sich wieder“, hieß es im Prozess. „Alle sind an einer Befriedung interessiert.“ Worum es im Sommer 2018 überhaupt ging, will trotzdem niemand sagen. Und auch von den Zeugen wäre wohl nichts zu erfahren gewesen. Sie wollten sich schon beim ersten Prozess angeblich an fast nichts erinnern können. (Quelle: Nach Jörn Hartwich in DZ vom 4. Febr. 2021).

Abiturient als schlimmer Verkehrsrowdy verurteilt. Wegen zu hoher Geschwindigkeit hat der junge Mann bereits eine Menge Verfahren hinter sich. Und nun auch noch diese Vorwürfe bis hin zu illegalem Autorennen im Straßenverkehr und Ausrasten gegenüber anderen Autofahrern. Im Januar 2021 wurde dem 19-jährigen Verkehrsrowdy und Abiturient vor dem Jugendschöffengericht in Dorsten der Prozess gemacht. Urteil: zwei Jahre auf Bewährung, ein Jahr Führerscheinentzug. Dem 81-jährigen Taxifahrer zum Beispiel, den der Angeklagte im September 2019 im Industriegebiet Dorsten-Ost mit hoher Geschwindigkeit so heftig geschnitten haben soll, dass er nur durch heftiges Abbremsen einen Unfall verhindern konnte. „Anschließend ist er bei Rotlicht in die einspurige Baustelle der Kanalbrücke gefahren“, so der 81-Jährige.
Der Taxifahrer versuchte, ein Foto von dem Verkehrssünder zu machen. Als er an einem Parkplatz hielt, rissen der Angeklagte und sein Beifahrer die Tür des Taxis auf und wollten das Smartphone haben. Die Taxi-Alarmanlage verschreckte sie jedoch. Ein anderes Opfer sagte aus, der Angeklagte habe im Februar 2020 hinter ihm auf der Halterner Straße stark gedrängelt. „Als ich deswegen den Kopf geschüttelt habe, hat er mich überholt und seinen Wagen auf der Fahrbahn quer gestellt.“ Der Zeuge flüchtete in „voller Panik“ zum Hof seiner Familie am Brauckweg, der Angeklagte in seinem Mercedes mit vier Insassen fuhr ihm hinterher. Auf der Hof-Einfahrt beleidigte der Abiturient ihn „und sprang mir in den Rücken“ – was die Familienmitglieder im Gerichtsaal bestätigten. Im April 2020 befuhr der Angeklagte den Ostwall. In einem weiteren Auto befand sich ein Freund. „Mit quietschen Reifen“ seien die beiden Autos an ihm vorbeigeschossen, erzählte ein Verkehrsteilnehmer. Auch ein zufällig dort entlang fahrender Polizeibeamter hatte den Eindruck, dass sich die Fahrer „ein Rennen liefern“ würden. Im Januar 2020 verletzte der 19-Jährige bei einem Auffahrunfall an der Wienbecke eine Autofahrerin, war im gleichen Monat mit seinem Mercedes ohne Versicherung mit doppelt so hoher Geschwindigkeit wie erlaubt auf der Halterner Straße unterwegs, wurde im März 2020 auf der Glück-Auf-Straße mit seinem Wagen gestellt, obwohl er ein Fahrverbot hatte, fuhr zwei Monate vorher mit falschen Kennzeichen durch die Gegend. Hinzu kam ein Ebay-Betrug mit Auto-Diffusoren (Quelle: Michalel Klein in DZ vom 12. Jan. 2021).

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