Analphabetismus

Rund 12.000 Dorstener können nicht oder kaum lesen und schreiben

xx-Analphabeten-15-millionen-euro-fuer-kampf-gegen-analphabetismus-68820-S9EDorsten hat rund 76.000 Einwohner, verteilt auf die Innenstadt, die früheren Zechengemeinden Hervest und Holsterhausen sowie die Landgemeinden der Herrlichkeit Lembeck. Hier wohnen ganz „normale“ Bürger, alte und junge, Landwirte und Handwerker, Kaufleute und Beamte, Reiche und Arme, Ladenbesitzer und Gastronomen. Und wer von ihnen kann weder lesen noch schreiben? Das wissen wir nicht. Wir wissen aber die Zahl. Es sind rund 3000 Dorstener, Ausländer in diesem Fall und Kleinkinder nicht mitgerechnet, die totale Analphabeten und noch einmal rund 9000, die funktionale Analphabeten sind (Lese- und Schreibschwäche). Die Dunkelziffer ist vielleicht größer. Statistisch gesehen. Allerdings wird es so viele Analphabeten in Dorsten nicht geben, denn die Ballungsräume für Lese- und Schreibunkundige sind die ländlichen Gebiete. Auch heute noch.

Analphabeten sind kreativ in der Verschleierung

Wie kommen Menschen, die weder schreiben noch lesen können durch den Alltag, durch das Leben? Die meisten von ihnen schlagen sich durch, ohne dass ihr Manko auffällt. Weil sie Tricks und Verhaltensweisen kennen und sich Ausreden einfallen lassen, um nicht aufzufallen: Brille vergessen, wenn an der Bushaltestelle die Abfahrtszeiten zu lesen sind, momentane Sehstörungen bei ähnlichen Gelegenheiten oder Rheuma-Schub in den Händen oder sie verbinden ihre rechte Hand mit vorgefertigtem umschnallbaren Verband, damit sie den rechten Arm nicht benutzen können, wenn etwas zu notieren ist. Analphabeten sind oft Abonnenten von Zeitungen, um in der Nachbarschaft gar nicht erst den Verdacht aufkommen zu lassen, nicht lesen zu können. Die VHS Dorsten bemüht sich, wie alle anderen Volkshochschulen auch, um die Alpabetisierung.

Analphabetismus: 6,2 Millionen Menschen in Deutschland betroffen

Millionen Erwachsene in Deutschland können nicht lesen und schreiben. Sie lassen sich alle möglichen Tricks einfallen, um nicht aufzufallen. Nach einer Studie der Universität Hamburg aus dem Jahr 2018 haben rund 6,2 Millionen Deutsch sprechende Erwachsene im Alter zwischen 18 und 64 Jahren Schwierigkeiten beim Lesen und Schreiben. Das sind 12,1 Prozent der entsprechenden Gesamtbevölkerung.
Bundesweit werden Kurse angeboten, damit sie Versäumtes nachholen können. Das 2014 gegründete „Alphanetz NRW“ ist Teil der sogenannten AlphaDekade der Bundesregierung. Sie startete 2016 und wird 2026 enden. Hier wird in etlichen Projekten bundesweit versucht, gering literarisierte Menschen zu bilden. Das „Alphanetz“ erreichte mit mehr als 150 Veranstaltungen nach eigenen Angaben bislang rund 2600 Menschen. Bei dem Projekt „INA-Pflege PLUS“ der Berliner Humboldt-Universität geht es gezielt um die Alphabetisierung in der Altenpflegeausbildung. Laut der Projektleiterin von INA-Pflege PLUS, ist Leseschwäche in der Pflegehelferinnenausbildung ein immenses Problem. Durch „INA-Pflege PLUS“ erhalten Dozenten an Pflegeschulen Unterstützung beim Umgang mit gering literarisierten Azubis. Über 500 Interessierte aus der Pflegebildung nahmen nach den Angaben bis heute an den Workshops des Projekts teil. Und noch eine Zahl: Rund 18 Prozent der Bürger im erwerbsfähigen Alter von 16 bis 65 Jahren sind funktionale Analphabeten. Sie können nicht oder kaum lesen und schreiben, ein paar Worte vielleicht, ihre eigene Unterschrift, bestenfalls kurze Sätze.

Immer mehr Betriebe beteiligen sich an der Alphabetiesierung

Ohne ausreichende Lese- und Schreibkompetenz ist der Job in Gefahr, berichtet das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) in Köln. Denn immer mehr Arbeitsplätze würden digitalisiert. Auch das arbeitgebernahe Institut ist an der AlphaDekade der Bundesregierung beteiligt:  „Alpha Grund“ nennt sich das 2016 gestartete Projekt zur Alphabetisierung in Betrieben. Dabei entwickeln Bildungswerke des IW auf unterschiedliche Branchen zugeschnittene Schulungsmaterialien. In der Lebensmittelindustrie zum Beispiel müssen ganz bestimmte Auflagen und lebensmittelrechtliche Vorschriften verstanden werden. Mit den Weiterbildungen des IW seien in den vergangenen acht Jahren 2000 Beschäftigte erreicht worden. „AlphaGrund“ ist in den Arbeitsalltag integriert. Das Projekt findet zum Beispiel nach der Frühschicht oder vor der Spätschicht statt. Ein ähnliches Programm bietet die „Technische Akademie für Berufliche Bildung“ in Schwäbisch Gmünd an. Dort wurden inzwischen in über 150 Betrieben Deutschkurse organisiert. Auch die Akademie organisiert ihre Kurse nach, vor oder zwischen den Schichten.

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