Wirtshäuser in Dorsten (Essay)

Am 6. Dezember 1792 trank Goethe ein Glas Rotwein am Markt

Gaststätte Engelbert Freitag

Gaststätte Engelbert Freitag

Von Wolf Stegemann – Wer das alte Zechengelände an der Halterner Straße besucht, vorbei an den beiden Torhäusern das Gelände betritt, den Weg zwischen alten Bäumen weitergeht, stößt auf die gerade in diesen Tagen des sonnigwarmen Wetters gut besuchten Restaurants, Kneipen oder wie man dazu sagen will. Da gibt es „den Italiener“ der Gastronomiekette „Mezzomar“ mit Bar-Theke im Innern und einem ansprechenden Außenbetrieb unter großen Schirmen mit derzeit vielen Wespen überall. Schräg gegenüber ein Betrieb, ebenfalls eine Kette, „Factory“, wo es mehr amerikanisch zugeht, mit Sparrips und großen Breitwandfernsehern im Innern. In beiden Lokalen viele Besucher, kaum noch Platz zu bekommen. Das und ein alter Baumbestand zwischen ehemaligen Zechengebäuden mit roten Backsteinen, bunt beleuchtet, bieten dem Besuchern das gewisse Extra – oder anders gesagt – eine gute Atmosphäre. Diese sucht man ansonsten in der Stadt vergebens. Das war nicht immer so.

Unterkunft für arme Reisende und Pilger nicht nur aus Nächstenliebe

Alte Herberge Wcke Recklinmghäuser Straße /Südgraben

Alte Herberge Recklinghäuser Straße /Ecke Südgraben

Das alte Dorsten war bekannt für die Gemütlichkeit und Gastfreundlichkeit seiner vielen Wirtshäuser und Garten-Restaurants, in denen nicht selten Musikkapellen oder Alleinunterhalter aufspielten. Im Café Münsterland an der Recklinghäuser Straße musizierte schon morgens eine Kapelle. Die Lippestadt war gastlicher Anziehungspunkt für die Arbeiter aus dem Revier. Hierher fuhren sie mit dem Rad oder der Eisenbahn, um an Sonntagen unter den schattigen Platanen der Garten-Restaurants einen schönen Tag zu erleben, in den nicht selten eine fröhliche Kahnpartie auf der Lippe mit eingeschlossen war. Gaststätten gab es schon immer. Vor allem im Rheinland wurde der Ursprung des Herbergswesens stark von den Römern beeinflusst. Im Mittelalter kam dann der Gedanke der Nächstenliebe hinzu: Privathäuser, Residenzen. Klöster, Spitäler, Hospize und Elendenherbergen gewährten den Reisenden eines jeden Standes freie Unterkunft und Verpflegung. In Recklinghausen zeugt die noch erhaltene Gastkirche davon. Massenpilgerfahrten während der Kreuzzüge förderten die gewerbliche Nutzung der Herbergen. Diese standen noch lange Zeit in Konkurrenz mit den kostenfreien Beherbergungsstätten sowie den Kloster- und Domschänken, standesorientierten Trinkstuben, Garküchen und städtischen Ratskellern.

Staat verdiente kräftig mit

Schon im Mittelalter bekam der Magistrat oder Bischof, Fürst, König oder Kaiser das Gaststättenwesen durch Konzessionen und Verordnungen in den Griff. Seither verdient der Staat am Ausschank und am Wirtshausvergnügen, amtlich „Lustbarkeiten“ genannt, kräftig mit. Mit der Postkutsche, der Eisenbahn und später dem Automobil wurde im 19. Jahrhundert der Reise- und Fremdenverkehr erschlossen. Hotels, Gaststätten und Ausschankhallen entstanden an den Durchgangsstraßen. Verlustierte sich der Adel in seinen Schlössern, so suchte das gemeine Volk in den Gasthäusern und Schänken oder in den immer nobler werdenden Restaurants ihr Vergnügen. Nach wie vor standen die Gaststätten, das Hotel oder die Schänke unter Beobachtung der Polizei. Denn die Gaststätte waren auch Anziehungspunkt für unliebsame Bürger und Ganoven, auch Versammlungslokal politischer Parteien und Gruppen. Die Polizei hielt ein wachsames Auge auf Öffnungszeiten, die so genannte Polizeistunde, die auf Antrag zu bestimmten Anlässen vom Landrat aufgehoben werden konnte. In der Regel mussten Gaststätten um 22 Uhr schließen. Bei Erntedank-, Karnevals-, Betriebs- und Stadtfesten oder an Silvester durfte bis zwei oder drei Uhr morgens gefeiert werden.

Hotel "Goldener Löwe" (Altenburg)

Hotel „Goldener Löwe“ (Altenburg)

Schankstube im Dorstener Rathaus

Seit dem 15. Jahrhundert. unterhielt die Stadt im Rathaus am Markt eine Schankstube, die sie jährlich verpachtete. In den Jahren 1600 und 1619 sind die Wirtshäuser „In der Krone“, 1840 „Im Schwan“ und „Wildeman“ erwähnt, 1667 „Im Schwan“, „Wildeman“ und „Im Einhorn“. Nach einer Notiz von 1736 lag der „Wildeman“ am Markt und vor ihm befand sich ein Pütz (Brunnen). Demnach stand dieses Gasthaus rechts vom späteren Hotel König (später „Hotel Escherhaus“ und danach „Hotel Schwarzer Adler“ genannt). Später wird auch ein Gasthaus „Zur Stadt Cölln“ an der Recklinghäuser Straße genannt, das die evangelische Gemeinde kaufte und in diesem Gebäude ihr erstes Gemeindehaus einrichtete (heute Bären-Apotheke).

Einer der prominentesten Gäste, von denen bekannt ist, dass er in einer Dorstener Schänke saß, war Deutschlands unbestrittener Dichterfürst Johann Wolfgang von Goethe, der am 6. Dezember 1792 im „Wildeman“ ein Glas Rotwein trank, während er auf die Abfertigung seiner Kutsche vor der Lippebrücke wartete. Es gab auch unwillkommene Gäste, beispielsweise 1919 die Spartakisten und 1920 die Rote Ruhrarmee sowie die Freikorps, die im Hotel „Schwarzer Adler“ am Markt 11 ihr Hauptquartier aufgeschlagen hatten. 1887 erhielt Otto König die erste Konzession für den „Schwarzen Adler“, die 1898 an Hermann Escherhaus überging, 1910 an Robert Escherhaus, 1918 an F. Rhode, 1928 an Ludwig Denne und 1949 an Trautchen Denne.

Polizeistunde war strikt einzuhalten, sonst gab es Strafzahlungen

Stadtschänke in der Essener Straße (später Bücker)

Stadtschänke in der Essener Straße (später Bücker)

1926 gab es allein in Dorsten (heutige Altstadt) 27 Gastwirtschaften, fünf Schankwirtschaften und drei Weinbrand- und Spirituskleinhandlungen. Somit kam bei 8.700 Einwohnern eine Alkoholausschankstätte auf 255 Dorstener. Solche Statistiken führte der Landrat und die Polizei überwachte stets die Wirtshäuser. Für den 1. Mai 1930 verbot der Bürgermeister den Ausschank von Alkohol bei einer Strafe von 150 Mark. Auch Wirte wurden zur Kasse gebeten, wenn sie Verlängerung beantragten. Jede Stunde kostete fünf Mark. Eine Ausnahme gab es beispielhaft und nachweislich vom 9. auf den 10. Juni 1934, als der SS-Reitersturm in der Gaststätte Josef Maas gen. Timpert an der Bochumer Straße zu einem Kameradschaftsabend einlud. Der Landrat genehmigte die Verlängerung der Polizeistunde für die SS für nur zwei Mark die Stunde. In der traditionsreichen Gaststätte Hotel Koop am Markt trafen sich seit jeher die politischen Stammtische. Vor 1933 war es das katholische Zentrum, danach die NSDAP und nach dem Krieg die CDU, die von dort oft „Stadtpolitik“ machten. Bei allen Stammtischen dabei – Zentrum, NSDAP, CDU –  der Stadtverordnete und spätere Bürgermeister Paul Schürholz sowie nach dem Krieg der der CDU nahe stehende Verleger Julius Hülswitt (RN).

Für die heute nicht mehr bestehende Gastwirtschaft Nuyken bekam 1875 erstmals Heinrich Koop eine Konzession, die 1892 auf Franziska und Elisabeth Koop überging. 1908 übernahm Carl Hellmann die Wirtschaft und danach Katharina Nuyken. In den zwanziger Jahren hatte hier der Postbeamte Viktor Lutze gewohnt, der im Dorstener Postamt arbeitete. 1934 wurde er SA-Stabschef im Dritten Reich.

Wirtschaft heimliche NSDAP-Zentrale

Josef Hutmacher in der Essener Straße bekam 1892 die Konzession, die 1914 auf Theodor Langenstroer, 1933 auf Dora Wiesmann und 1952 auf die Familie Else Bücker überging (nachmalig „Stadtschänke“ und „Hummel’s“). Bekannt war die Gartenwirtschaft „Zum Schillergarten“ an der Kirchhellener Allee, die 1892 Aloys Wegener eröffnete, die Konzession 1928 an Angela Schuh, 1936 an Elisabeth Wegener und 1939 an Hans Spies überging. Vor und am Anfang der NS-Zeit trafen sich dort Mitglieder der NSDAP und die Wirtschaft galt als „heimliche Parteizentrale“. In der Recklinghäuser Straße lud das „Café Münsterland“ schon frühmorgens mit Musik ein. Die Gastwirtschaft Freitag („Goldener Anker“) hatte mehrere Konzessionsinhaber und die Gaststätte „Zum Reichsadler“ (Kleinespel) an der Gahlener Straße war auch wegen ihres großen Saales ein gut besuchtes Lokal und während der NS-Zeit Treffpunkt der Dorstener SS.

Gaststätten waren vieles in einem

Dorstener Gastlichkeit hat Tradition. Die Gaststätten waren geselliger Treffpunkt, Nachrichtenbörse, Kommunikationszentrum und Parteibüro in einem. Das „Pantoffel-Kino“, der Schnellimbiss und die Eiscafés haben den Lustbarkeiten in den Kneipen schon längst den Rang abgelaufen.


Quellen:
Wolf Stegemann „Dorstens Wirtshäuser – Spiegel der Gastlichkeit“ in RN vom 14. März 1984. – Auch veröffentlicht in DORSTEN-transparent, Juli 2013.

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