Verkehrslage (Essay)

Erheblicher Wohlstand durch die Lippe und den Kanal

Karte zur Verkehrslage 1904

Karte zur Verkehrslage 1904

Von Wolf Stegemann – Die Ortsentwicklung wurde von der Zeitenwende bis zum Mittelalter von einem transkontinentalen, historischen Verkehrsstrom begünstigt, der vom Osten kam, sich am Nordfuß der deutschen Mittelgebirge hinzog und sich kurz davor (heutiges Ruhrgebiet) in sechs parallele Siedlungsketten verteilte, um die Anhöhen in der rheinisch-westfälischen Landschaft zu umgehen. Die nördlichste von ihnen ist die Lippekette, in die sich Dorsten einreiht. Aufgrund dieser Ostwest-Orientierung war die Lippe bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts der bedeutendste Standortfaktor Dorstens, zumal sie nur 25 km weiter in den Rhein mündet. Die Lippe hatte sich als hydrographische Achse nie besonders ausgewirkt, sie diente aber bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts als Handelsweg und hat für Dorsten bereits gegen Ende des Mittelalters erhebliche Bedeutung gehabt (Zollstätte). Neben dem Ostwestverkehr hatte aber auch der Nordsüdverkehr beachtlichen Umfang, denn die Lippebrücke war bis 1923 die einzige zwischen Haltern und Wesel.

Im Mittelalter kreuzten sich im Vest mehrere Landwege

Marschierende römische Legionäre

Marschierende römische Legionäre

Die ältesten Nachrichten über Verkehrsverbindungen, die den Dorstener Raum durchquerten, stammen aus der Zeit der römischen Feldzüge 12 v. bis 16 n. Chr. Die Römer benutzten die Lippe, um ihre Feldlager in Holsterhausen und Haltern, die durch eine Heerstraße mit dem Kastell Vetera (Birten bei Xanten) verbunden waren, auf dem Wasserweg zu versorgen. Ob die römische Heerstraße, die sich am Nordufer der Lippe hinzog, bis in die fränkische Zeit als Fernhandelsweg diente, ist zweifelhaft, denn südlich der Lippe zeichnete sich im frühen Mittelalter eine neue Ostwest-Verbindung über Hünxe-Dorsten-Marl ab. Wann der Dorstener Flussübergang überlokale Bedeutung erlangte, ist nicht bekannt. Siedlungstechnisch wurde er erst nach 500 wirksam. Jedoch hat Drusus 12 v. Chr., als er von Holland nach Südwesten vordrang, hier die Lippe überschritten.

Auch im Spätmittelalter kreuzten sich mehrere Landwege. Da der Flusslauf oberhalb Dorstens eine südwestliche, unterhalb aber eine westnordwestliche Richtung hatte, besaß Dorsten eine vorzügliche Lage als Brückenort. Die von Nordwesten, Norden und Nordosten kommenden Straßen konnten hier den Fluss überqueren, ohne sich allzu weit von ihrer Route zu entfernen, während die Wege aus dem östlichen Teil des Vests den nach Norden ausbiegenden Lippebogen Lünen-Haltern-Dorsten abschnitten und über Dorsten entlang der Lippe nach Wesel führten. Ob diese gute Verkehrslage zur Verleihung der Stadtrechte 1251 führte, ist umstritten, da von den damaligen Verkehrsleistungen kaum Quellen vorhanden sind.

Ein Verkehrsknotenpunkt eignet sich als Umschlagplatz

Treideln auf der Lippe, die ein wichtiger Handeslweg war

Treideln auf der Lippe, früher ein wichtiger Handeslweg

Zwar ist nicht belegt, ob es in vorstädtischer Zeit Märkte gab, doch die Kirchgründung um die Mitte des 12. Jahrhunderts gibt Anlass, dies zu vermuten. Zumindest deuten Größe und Grundriss der „villa Durstene“ auf einen Marktflecken hin. Die Siedlung war für den Durchgangsverkehr ein willkommener Rast- und Stapelplatz und daher für Handwerker und Kaufleute als Niederlassung geeignet. Im Schutze der Mauern und des Stadtrechts gelang es leichter als zuvor, aus der Lage an der Lippe, der einzigen großen Verkehrsader, die das Vest berührte und Dorsten den Zugang zum Rhein verschaffte, geschäftlichen Nutzen zu ziehen. Gegenüber der Lippe verblassen die anderen Handelswege, die durch Dorsten verliefen: Die Landroute Düsseldorf-Haltern-Münster und der Verkehr aus den holländischen Grenzgebieten (Bocholt-Dingden und Borken-Raesfeld) kreuzten sich in der Stadt und trafen hier auf den Verkehr aus dem Sauerland und dem Hessischen. Daher hatte die Stadt nicht nur eine Bedeutung für den Durchgangsverkehr, sondern auch für den Nah- und Sammelmarkt.

Im Laufe des 19. Jahrhunderts änderte sich die Richtung des Verkehrsgefälles. Die ehemalige Ostwest-Orientierung, die durch die Lippe bedingt war, formte sich zu einer Nordsüd-Orientierung um, da im Ruhrgebiet Großindustrie heimisch wurde, während das Münsterland seinen landwirtschaftlichen Charakter behielt. Der Ausbau des Gahlener Kohlenwegs ist ein erstes Anzeichen dafür. Diese Straße wurde 1766 angelegt, um die bei Bochum geförderten Kohlen nach Dorsten und dann auf der Lippe nach Wesel transportieren zu können (siehe Kohlhaus; siehe Gahlener Kohlenweg).

Die Lippeschiffahrt war nicht mehr leistungsfähig und verlor an Einfluss

Dampfschifffahrt auf dem Kanal

Dampfschifffahrt auf dem Kanal

Hundert Jahre später verringerte sich die Schifffahrt zusehend; leistungsfähigere Verkehrsströme verdrängten sie endgültig noch vor der Jahrhundertwende. Denn nach 1850 sind hier die ersten Kunststraßen fertig gestellt worden (die jetzigen Bundesstraßen entsprechen ihrer Linienführung). Die Eisenbahnstrecken Hamburg-Haltern-Dorsten-Wesel-Venlo (1874), Duisburg-Rheine-Quackenbrück (1879) und Gladbeck-Dorsten-Niederlande (1880) vervollständigten das Verkehrsnetz. So wurde der Dorstener Raum auf Grund seiner gegensätzlichen Wirtschaftsstruktur der nördlich und südlich gelegenen Gebiete verkehrsmäßig erschlossen, bevor größere Industriebetriebe ortsansässig wurden. Indes verlor der Fluss seine richtungweisende Tendenz nicht vollends. 1930 wurde seine Verkehrsbedeutung vom Lippe-Seitenkanal (Wesel-Datteln-Kanal) wieder aufgenommen. Die Stadt ist heute in die nächst größeren Städte Münster, Düsseldorf, Essen und Gelsenkirchen mit den Bundesstraße B 223, B 224, B 225 und die Autobahn A 52, A 2 und A 3 verbunden, hat eine Auffahrt an der A 31 mit Verbindung zum Ruhrgebiet  und nach Emden.

Land baute zwei Brücken über die B 224 und die Bismarckstraße

Die Halterner Straße ist eine Landesstraße. Im Zuge des Stadtteil-Umbaus Hervest soll sie auf die neue „Fürst-Leopold-Allee“ verlegt werden, die ab 2015 über das Zechengelände führt. Dafür wird die bisherige Trasse zwischen Harsewinkel und Joachimstraße zu einer schmalen Gemeindestraße. Seit 1986 wird die Bahntrasse Xanten-Haltern zum Römer-Radweg umgebaut. Ein Lückenschluss zwischen Borkener Straße und Bismarckstraße ist zwar nicht nötig, Um neue Gewerbeflächen zu erschließen, wird eine Brücke abgerissen und die Straße angehoben. Für Radfahrer wäre dies ohne bauliche Maßnahmen für sie kein Problem. Dennoch baut das Land  für 1,13 Millionen Euro für die Radfahrer zwei Brücken über die B 224 und die Bismarckstraße. Die Unterhaltung dieser Bauwerke bleibt bei der Stadt Dorsten hängen.

Bahnhof Hervest-Dorsten

Der Bahnhof Hervest-Dorsten war früher ein wichtiger Bahnverkehrsknotenpunkt

Coesfeld zahlte Dorstens Finanzierungsanteil mit

Die Bedeutung der 1879 gebauten Bahnstrecke Dorsten-Coesfeld als Teil der Verbindung zwischen Ruhrgebiet und Nordsee ist längst Geschichte. Geblieben ist eine von Pendlern und Ausflüglern mäßig frequentierte Strecke. Das soll sich ändern mit der „Regionale 2016“ – einem Projekt für Kooperation und Innovation der Bezirksregierung Münster. Dorsten ist dabei, obwohl die Stadt kein Geld dafür hat. In einer Hochglanzbroschüre (Gutachten) wird die Bahnstrecke zur „Zukunftsschiene Coesfeld-Reken-Dorsten“ deklariert und dabei das Empfinden der Bahnreisenden mit dem Wort „BahnLandLust“ zusammengefasst.  Für die Projektträger Reken, Coesfeld und Dorsten gibt es Geld vom Land, einen Teil müssen sie selbst beisteuern. Weil die Stadt Dorsten wegen ihres Nothaushalts kein Geld dafür ausgeben darf, ist der Partner Coesfeld der Stadt beigesprungen und hat für Dorsten die erste Rate mitbezahlt. Für 4,5 Millionen Euro wurde mit einer 50 Meter breiten Brücke der Wechsel von Wildtieren auf die andere Seite der Autobahn möglich gemacht. Damit die Tiere nicht auf der B 224 überfahren werden, kam für zusätzliche 500.000 Euro noch eine Wildwarnanlage dazu. Darüber berichtete die WAZ:

„Dass all das teurer Blödsinn ist, äußern Fachleute nur hinter vorgehaltener Hand. Wenn schon Naturschutz: Fünf Millionen hätten etwa die finanziell prekäre Situation der Biostation auf Jahre entspannen können. Aber die brauchte keinen Beton.“

Und weiter kommentiert die WAZ die Verkehrsprojekt-Situation am 2. März 2012 unter dem Titel  „Unnötig, sinnlos, unbezahlbar“:

„Steuergeld fließt vor allem auf zwei Wegen in die Stadt zurück. Es wird a) über Verteilungsschlüssel von Bund und Land an die Kommunen zur Erfüllung ihrer Aufgaben ausgeschüttet. Oder b) verteilt auf Fördertöpfe und dort gebündelt zur Erfüllung landes- oder bundespolitischer Ziele. Dafür kann eine Stadt Bedarf anmelden und wird berücksichtigt, solange Geld im Topf ist und sie einen Eigenanteil leistet. Am Ende ist oft kaum nachvollziehbar, was, warum und wann gebaut wird. In einer Stadt wie Dorsten, die seit Jahren gegen ein wachsendes Haushaltsdefizit kämpft, gilt das besonders: Sie kann zwar dringende Aufgaben nur noch über weitere Verschuldung erledigen oder muss darauf verzichten. Dennoch dürfen die Bürger über Projekte staunen, die fragwürdig, überflüssig oder mit hohen Folgekosten für die Stadt verbunden sind…“


Quelle des Absatzes „Bauvorhaben 2012…“:
Nach Martin Ahlers „Unnötig, sinnlos, unbezahlbar“ in WAZ vom 2. März 2012

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