Taubensport

Reisevereinigung Dorsten 120 Jahre alt und Hervest-Dorsten 90 Jahre

Tauben-Brieftauben auf DachUnter Reisevereinigung ist nicht etwa ein Touristikunternehmen oder ein Reisebüro zu verstehen, sondern sie ist der Zusammenschluss der Brieftaubenvereine auf lokaler Dorstener Ebene. Ihr gehören die Taubenvereine Hervest-Dorsten, Holsterhausen, Lembeck und Wulfen an. Die Reisevereinigung Dorsten und Hervest-Dorsten gehört dem Regionalverband Emscher-Lippe an, der wiederum dem Verband Deutscher Brieftaubenzüchter e. V. mit Sitz in Essen.

Tauben-Transport zu Kaisers Zeiten

Tauben-Transport zu Kaisers Zeiten

Die Anfänge des Dorstener Brieftaubensports liegen im ausgehenden 19. Jahrhundert. Der erste Verein mit der Registriernummer 0601 – alle Vereine haben eine Nummer – wurde 1897 gegründet. Mit den Gelsenkirchenern wurden die Tauben Richtung Osten geschickt. Die Endtouren waren Posen, Thorn und Boyen. Brieftaubenzüchter gründeten dann 1900 den Verein „Blitz-Dorsten“, der mit der Gelsenkirchener Reisevereinigung Horst-Emscher konkurrierte. Die Tauben wurden mit einem Landauer zum Auflassort gebracht. Kurz danach entstand ein zweiter Verein, der sich „Kriegspost“ nannte. Beide Vereine lösten sich zu Beginn des Ersten Weltkriegs wieder auf, da der Brieftaubensport wegen Spionagegefahr verboten wurde.

Eisetzen der Tauben am Bahnhof Hervest-Dorsten 1930

Eisetzen der Tauben am Bahnhof Hervest-Dorsten 1930

1920/21 wurde die Reisevereinigung Dorsten Unter-Lippe gegründet

Doch 1919 ließen die Brieftaubenfreunde das Vereinsleben in der Wirtschaft „Zur Börse“ mit dem Verein „Blitz“ wieder aufleben. Wegen des starken Mitgliederzustroms wurden weitere Vereine gegründet: „Tempo“, „Ohne Furcht“, „Schwalbe“  und „Heimat zur Hardt“. 1920/21 entstand die Reisevereinigung Dorsten Unter-Lippe, der zunächst die Vereine „Blitz“ und „Tempo“ sowie je zwei Vereine aus Kirchhellen und Schermbeck angehörten. In Dorsten gab es zwischen 1920 und 1925 noch acht Vereine, von denen „Gut Flug“, „Sturmvogel“, „Einigkeit“ und „Kurier“ aus Hervest-Dorsten, „Eilpost“ und „Pfeil“ aus Holsterhausen“ sowie „Heimkehr“ aus Wulfen der Reisevereinigung angehörten. 1926 gab es in Lembeck, Rhade, Wulfen, Altendorf-Ulfkotte je einen Verein.

Brieftauben beim Militär im Ersten Weltkrieg

Brieftauben beim frz. Militär im Ersten Weltkrieg

1928 waren 28 Vereine der RV Dorsten Unter-Lippe angeschlossen, was dazu führte, dass sich 1930 Hervest-Dorsten selbstständig machte und die RV Dorsten Unter-Lippe nur noch 13 Vereine mit rund 100 Züchtern aus Holsterhausen, Sölten, Wulfen, Lembeck bestand und das Hervest-Dorstener Bahnhofshotel „Calcum“ Vereinslokal wurde. Sie nannten sich „Reisevereinigung Hervest-Dorsten und Umgebung“. Vorsitzender war Karl Thorberger und Geschäftsführer Martin Deneringer. Mit den Reisevereinigungen Borken, Haltern und Schermbeck reisten die Dorstener weiterhin nach Schneidemühl und Mohrungen im Osten. Die Einsatzkörbe waren damals mit zweirädrigen Karren oder mit einem Pferdefuhrwerk zu den Bahnhöfen gebracht, um dann mit dem Zug auf die Reise zu den Endstationen gebracht zu werden, von wo die Tauben dann zurückzufliegen hatten. Durch die Aufnahme neuer Vereine u. a. aus Borken, Raesfeld, Heiden und Reken hatte die Reisevereinigung 1933 schon siebzehn Mitgliedsvereine. Im Zweiten Weltkrieg kam der Brieftaubensport zum Erliegen Am 18. Januar 1942 fand im Vereinslokal die letzte Versammlung statt. Aber schon vier Jahre später hatten die Züchter ihre gefiederten Lieblinge, die Kriegsjahre und Bombardierungen überlebt hatten, neu eingewöhnt und mit dem Taubensport wieder begonnen.

30 Jahre Taubenverein in Holsterhausen 1954 im Gasthaus Kruse

30 Jahre Taubenverein in Holsterhausen 1954 im Gasthaus Kruse

Treff der Reisevereinigung war van Schevens Hervester „Westfalenhof“

Neun Vereine der Reisevereinigung Hervest-Dorsten und acht Vereine der Reisevereinigung Unterlippe gründeten am 24. November 1946 im Hervest-Dorstener „Westfalenhof“ (van Scheven) die „Reisetaubengesellschaft Dorsten Hervest-Dorsten“. Willi Leisch und Walter David leiteten als Vorsitzender und Geschäftsführer die Reisegesellschaft, die nach einer Ausstellungsbeteiligung in Gladbeck am 9. Februar 1947 zur ersten eigenen Ausstellung im „Westfalenhof“ (van Scheven) einladen konnte. Eingesetzt wurden die Tauben dort in großen Binsenkörben. Die Reisevereinigung hatte zu diesem Zweck im Hinterhof eine eigene gemauerte und überdachte Einsatzstelle. 30 Tiere passten in einen Korb, auf weiten Touren waren es weniger, die dann auf Lastwagen verladen und zum Bahnhof Hervest-Dorsten gebracht wurden. Während des Verladens der Körbe in den Eisenbahnwaggon kam der Reisebegleiter hinzu. Aus der Erinnerung waren es der Holsterhausener Michel Gritzan und Taubenfreund Schilb. Sie warteten schon mit einem kleinen Teppich für das Nachtlager, einer Thermoskanne Kaffee und den obligatorischen Knifften als Reiseproviant auf die Abfahrt des Zuges. Am Auflassort halfen dann beim Ausladen der Körbe die damals noch zahlreich vorhandenen Bahnarbeiter. Da gab es eigentlich nie Probleme. Auch ein Telefon für die Meldung des Auflasses in die Heimat war  in den Bahnhöfen immer in der Nähe.

Tauben-Briefmarke 1957

Tauben-Briefmarke 1957

An den ersten Preisflügen nach dem Krieg beteiligten sich von der Reisetaubenvereinigung Dorsten Hervest-Dorsten 12 Vereine mit 425 Jung- und 90 Alttauben. Auch nicht in Vereinen organisierte Taubenfreunde konnten ihre Tiere mitkonkurieren lassen. Wegen der Materialnot der damaligen Zeit wurden danach alle verfügbaren Gummiringe wieder eingesammelt und wieder verwendet. Um die Preislisten zu erstellen, suchten die Taubenfreunde nach geeignetem Altpapier und Bergleute stifteten Kohlen, mit denen dann das Altpapier eingetauscht werden konnte. Auch die Währungsreform 1948 brachte weitere Probleme, die bewältigt werden mussten. Wieder einmal zeigte sich, dass die Brieftaubenliebhaber in besonders schweren Zeiten zu großen Opfern für ihre Taubenleidenschaft bereit waren. Neben den Vereinsbeiträgen mussten zwei Mark als Umlage sowie 30 Pfennige für die Liste und 20 Pfennige Korbgeld pro Taube aufgebracht werden. Anfangs schickten die Dorsten ihre Tauben zusammen mit Haltern und Marl auf die Reise in den Osten. Nach dem Krieg allerdings nur bis zur DDR-Grenze. Danach suchte die Reisevereinigung andere Ziele im Südosten mit Passau, Wien und Budapest.

Auflass der Tauben am Zielort

Auflass der Tauben am Zielort

Rasanter Aufschwung des Taubensports nach dem letzten Krieg

Wie nach dem Ersten Weltkrieg nahm der Taubensport auch jetzt wieder einen rasanten Aufschwung. Beim 25-jährigen Jubiläum konnte der Vorsitzende Heinrich Althoff 1953 stolz verkünden, dass die Reisevereinigung mittlerweile aus 29 Vereinen mit 460 Mitgliedern bestanden hatte. Heute zählt die Reisevereinigung Dorsten Hervest-Dorsten 19 Vereine mit 43 aktiven sowie etlichen passiven Mitgliedern. Schwierigkeiten bei der Taubenhaltung und eine Überalterung der Mitglieder, unter denen zunehmend die Jugend fehlt, erklären die Rückläufigkeit des Brieftaubensports.

Brieftauben, Renner der Lüfte

Brieftauben, Renner der Lüfte

1953 wurde die Reisevereinigung neu gegründet. Weitere Taubensportvereine sind der 1924 gegründete Brieftaubenzuchtverein „Heimatliebe Lembeck“, die Flugtipplerfreunde Dorsten 71 (Wettflugsport), die Brieftauben-Reisevereinigung Hervest-Dorsten sowie der Kreisverband der Brieftaubenliebhaber mit Sitz in Hervest. 1951 gründeten Taubenfreunde im Saal Maas-Timpert in der Feldmark den Verein „Auf zur Feldmark“, da der bestehende Verein „Tempo“ mit 45 reisenden Schlägen keine Mitglieder mehr aufnahm. 1953 gehörten 460 Brieftaubenliebhaber aus 29 Vereinen der Reisevereinigung Hervest-Dorsten an. Allein die Hälfte kam aus Hervest, die andere aus Dorf Hervest, Holsterhausen, Lembeck, Wulfen und Gahlen. Die Taubenschläge waren früher kleiner als heute. Wer mehr als 15 Tauben schickte, hatte schon einen großen Taubenschlag. Bis zu 8000 DM wurden früher pro Wettflug ausgespielt. Viel mehr als heute. Geändert hat sich aber auch die Geselligkeit. Wenn schon mal zu viel Bier floss, flogen auch schon mal – wenn auch selten – die Fäuste. Die Züchter provozierten sich mit den (schlechten) Taubenleistungen des anderen: Nach der Auswertung bleibt heute kaum noch ein Züchter im Vereinslokal. Bis 1960 transportierte die Bahn die Tauben, dann legten sich die drei Reisevereinigungen Dorsten Hervest-Dosten, Unterlippe Dorsten und Schermbeck zusammen einen Taubenkabinenexpress für damals stolze 44.310 DM zu, und der Transport wechselte damit von der Schiene auf die Straße. Ein neues Zeitalter hatte begonnen. 2011 feierte „Auf zur Feldmark“ mit 12 Mitgliedern und fünf reisenden Schlägen sein 60-jähriges Bestehen.


Quelle:
Gregor Duve, Dorsten-Holsterhausen

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