Stadtentdeckung 2013

Kunsthistorikerin Marion Taube stiftete einen sinnlichen Sommer an

Aktion am Drubbel; Foto: Moritz Brilo (DZ)

Berasungs-Aktion am Drubbel; Foto: Moritz Brilo (DZ)

„Anstiftung zur Stadtentdeckung“ war ein reales wie sinnliches Angebot von Dorstener Bürgern, die eigene Stadt (zunächst in den Grenzen der Altstadt) im September 2013 erstmals und neu wahrzunehmen und die enge Heimat (wieder) zu finden. Die Idee dazu hatte die Kunsthistorikerin Marion Taube. Zehn Tage lang machten sich Gruppen von Dorstenern durch die Altstadt auf den Weg, das unsichtbare Herz dieser Stadt sichtbar zu machen. Dazu gehört auch Vertrautes, das nur mit anderen Augen gesehen und erfahren werden kann.

„Wir spüren die Kreativität dort auf, wo sie in ihrer schönsten Form lauert und noch nicht entdeckt wurde. – Wir bieten eine Plattform für viele gute Geister, die in ihrer Stadt eine frische anregende Spur legen wollen. – Wir sind virtuos zwischen Stadtplanung, Architektur, Kunst und Leben unterwegs und binden Energien in innovativen Projekten. – Wir erzeugen ein Klima neuer Nachbarschaften und lieben das Einmalige, Wesentliche, Unterscheidbare. – Wir sind Anstifter, unser Wesen ist das Anregungspotential…“

Marion Taube entdeckte die Stadt neu

Das ist das intelligente Konzept für eine kreative „Stadtentdeckung“, zu der die Dorstener Kulturwissenschaftlerin Marion Taube 2013 anstiftete und sich dabei sicherlich viele Dorstener fragten, wo es denn etwas zu entdecken gäbe, das noch verborgen irgendwo verborgen sei? Sicherlich waren dann viele von jenen skeptischen Dorstenern überrascht, dass Dorsten wohl keine unentdeckte Stadt, wie Troja bis zum 19. Jahrhundert war, doch zwischen den Häusern und Gassen der Altstadt, in der Peripherie und überall da, wo man Unentdecktes eigentlich nicht vermutete, entdeckte Marion Taube ihre Stadt neu und ließ andere daran teilhaben, wie beispielsweise als Mitmacher das Jüdische Museum Westfalen, und als Mitentdecker Dorstener Bürger. Marion Taube, die Anstifterin, erläutert ihr Projekt:

„Wie entdecke ich die Sinnlichkeit einer Stadt? Wie schaffe ich eine neue frische Verbundenheit? Das eigentliche Herz einer Stadt ist für die Augen oft unsichtbar. Das Verborgene aber bietet die Chance zur Entdeckung. Zu entdecken bedeutet, dass man auch Vertrautes mit neuen Augen anschaut.“

Entdeckung: Wasser marsch! Foto: Ralph Pieper

Entdeckung: Aus sechs Rohren hieß es minutenlang „Wasser marsch!“ Foto: Ralph Pieper

Die Chance des ungewohnten Blicks

Und weiter erläutert sie: „Die Altstadt von Dorsten hat viel ihres alten Charmes in den letzten Kriegstagen verloren. Ein über Jahrhunderte gewachsener Stadtraum ist binnen weniger Stunden fast ausgelöscht worden. Und doch hat diese Stadt sich wieder aus den Ruinen erhoben, eine neue Struktur über die alte gelegt, teils identisch, teils auf neuen Pfaden. Das Gesicht der Altstadt hat sich zwangsläufig verändert, dabei ist es glatter und leider auch ausdrucksloser geworden. Und doch hat sich darin etwas von dem alten Charisma der Stadt erhalten. Gerade in der Intimität privater und halböffentlicher Räume scheint sich die besondere Atmosphäre der alten kleinen Hansestadt verfangen zu haben: private Gärten, Innenhöfe, alte Produktionsstätten, Klostergemäuer. Im Rahmen von ,Anstiftung zur Stadtentdeckung’ möchten wir die Möglichkeit eröffnen, verborgene Reize wieder deutlicher wahrzunehmen. Dabei soll das Private durchaus privat bleiben. Der einmalige Einblick macht hier den Zauber aus. Das Leitmotiv dieses speziellen Angebots an ein angemeldetes Publikum lautet: nur heute, nur in diesem Rahmen, hier gilt die persönliche Einladung des Eigentümers: eine spezielle Gastgeberschaft auf Zeit. So fühlt sich der Zauber dieser Entdeckung in einem Bild an: mit einem guten Glas Wein in einer lauen Sommernacht durch die Altstadt lustwandeln, angestiftete Menschen, stille Freude, leises Staunen… Erst Empfindungen machen Eindrücke zu Geschichte(n).

Einmalig verstandene Projekte voller Sinnlichkeit

Titelseite des Anstiftungshefts

Titelseite des Anstiftungshefts von Marion Taube

Das Projekt hatte im Sommer rund 40 sinnliche Entdeckungen in der „versunkene“ Stadt Dorsten unternommen, darunter die Einzelprojekte „Drubbelgrün – ein Stück Stadt kehrt heim“, bei dem in der Lippestraße 1000 Quadratmeter grüner Rollrasen ausgelegt wurde.  – Besuch von offenen Künstlerateliers. – Einblick in die Arbeit einer Stadtschreiberin. – Informationen über den malende Buchhändler Eduard König. – Kunstlounge im Jüdischen Museum Westfalen. – Sammeln von Stadtgeschichten und Gespräche mit Zeitzeugen im Bauwagen am Recklinghäuser Tor. – Ausstellungseröffnungen im jüdischen Museum. – Sinnlicher Rundgang durch die Samenhandlung Beisenbusch. – Lichtsupport am Westwall. – Kleinkunst im St. Ursulakloster. – Altstadt-Ausstellung „Schau-Fenster“ und „Geschichte des Franziskanerklosters“. – Die „Kuchenguerilla“ im Kunstverein Virtuell-Visuell. – Alte Spiele neu entdeckt, Kinder und Erwachsene erproben Spiele aus der guten alten Zeit. – Talk-Treff im Ladenlokal Polsterei Seemann. – Dämmerschoppen bei Jägerings und Blicke in Großvaters Werkstatt. – Moped-Race, Zweitakter-Treffen, Foto-Ausstellung und Raritätenshow. – Kirchenschmaus, eine Lesung mit der ersten Dorstener Stadtschreiberin Sylvia Heinlein und „Meine kleine Hansestadt“ bei Pumpernickel und Rosinenbrot. – Moped-Move: „Älternabend“, Zweitaktfreaks im Retrotakt. – Stadtklänge, Duo Tangoyim: Klezmer, jüdische Lieder und Tangos. – „Reckless“ im Garten der Kindheit, Lesung bei Funkes. – Stille lichte Meile,  Westgraben bei Nacht. – Kirchenschmaus, eine Lesung mit der ersten Dorstener Stadtschreiberin Sylvia Heinlein und „Meine kleine Hansestadt“ für Kleine und Große bei Hefestuten und Heißgetränk. – Führung zur Altstadt-Ausstellung „Schau-Fenster!“. – Stille Sinnliche Meile:  Ein Stück Stadtmauer und vier Geschichten. – Soiree bei Max Kohle mit Sektempfang und Kanapees, dazu musizierend: 5 Blechbläser der Dorstener Musikschule. – Die Franziskaner, ein einmaliger Geschichtenabend, einer langen Tafel und einer noch längeren Tradition. – Die Bellendorfs, eine Familie, viele Talente und eine noch längere Geschichte: Hofschnack, Gartenidylle und Brunnenwunder. – Klänge mit Oliver Steller: Von Goethe bis Gernhardt, Gedichte aus drei Jahrhunderten. – Marktmusik, eine halbe Stunde Orgelmusik zur Marktzeit. – Bettentausch und Kanapees, Lippe, Kanal und das Stadttor. – Heimliche Lesezimmer,  Jugendliche lesen aus dem Tagebuch der Anne Frank. – Kulturgut Brot, Vortrag von Gerd Kleinespel. – Talking Horns, vier fantastische Musiker entdecken die Stadt. – Volksküche, der Markt als Picknick-Piazza…

Spaß und Freude war das Honorar

Die  „Stadtentdeckung“ war eine „No Budget-Initiative“, die fast ohne Honorare auskam. Nur an den Materialkosten beteiligen sich Sponsoren mit etwa 12.000 Euro. Die Dorstener Zeitung zitiert die Organisatorin Marion Taube zur Finanzierung der Projekttage: „Normalerweise würde so ein Programm das Vielfache  kosten. Unser Honorar aber ist der Spaß und die Freude, mit der alle Beteiligten an das Projekt herangehen.“

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