Obdachlosigkeit

Frost forderte 1997 zwei Todesopfer in der städtischen Unterkunft

Noch Mitte der 1970er-Jahre war die Obdachlosigkeit in Dorsten kein Problem. Die Stadt beschlagnahmte die Wohnungen der Mieter, die wegen Kündigung von Obdachlosigkeit bedroht waren, zahlte die Miete und somit wurden die Mieter nicht obdachlos. Waren es 1977 noch 24 solcher beschlagnahmter Wohnungen, erhöhte sich die Zahl bis 1981 auf 30, dann, innerhalb eines Jahres auf das Doppelte. Allein 26 beschlagnahmte Wohnungen befanden sich in Wulfen-Barkenberg. Das Problem der drohenden und tatsächlichen Obdachlosigkeit stieg permanent. Beschlagnahmungen von Wohnungen der von Obdachlosigkeit bedrohten Mieter waren das humanste und gleichzeitig auch das teuerste Hilfsmittel zur Abwendung von Obdachlosigkeit. Allerdings verstieß die Stadt damit gegen geltendes Recht, wie der damalige Stadtkämmerer und Ordnungsdezernent Dr. Gerd Willamowski erklärte. Die Gesetzgebung verlange ausdrücklich eigene Obdachlosenunterkünfte. Nur wenn diese nicht vorhanden seien, könne die Stadt von der Möglichkeit der Beschlagnahme Gebrauch machen.

Ohne Bleibe

Anwohner protestierten gegen Obdachlosenunterkünfte

In der städtischen Unterkunft Luisenstraße waren 64 Parteien mit 108 Personen untergebracht, am Hammer Weg waren es 16 Parteien mit 47 Angehörigen. Insgesamt waren Mitte der 1980er-Jahre, als Obdachlosigkeit erstmals zum Problem wurde, 662 Personen obdachlos, wovon 335 (71 Parteien) in beschlagnahmten Wohnungen in Barkenberg lebten und 172 Personen (39 Parteien) im übrigen Stadtgebiet.

Die Dorstener Wohnungs(bau)gesellschaft und andere Gesellschaften ließen gerne ihre Wohnungen beschlagnahmen, weil die Stadt pünktlicher Mietzahler war. In diesen für eine Lösung drängenden Jahren zahlte die Stadt für Mieten beschlagnahmter Wohnungen jährlich rund 850.000 DM. Damals war dies ein  großer Betrag im städtischen Haushalt.  Nach einer langen streitig geführten Diskussion zwischen Anwohnern, Politikern, Verwaltung und durch Leserbriefe in den Zeitungen wurden 1991 drei mobile Unterkünfte für Obdachlose auf dem alten Sportplatz in Rhade aufgestellt und bezogen.

Nachts bei eisigen Temperaturen erfroren

Der starke Frost im Winter 1996/97 forderte unter den Obdachlosen in Dorsten drei Kälteopfer. Anfang Januar 1997 starben in der städtischen Obdachlosenunterkunft Apostelstiege zwei Menschen. Noch lebend ins Krankenhaus gebracht, starben sie dort an Unterkühlung. Erst durch Nachfrage der „Ruhr-Nachrichten“ bei der Stadt wie beim Krankenhaus – beide Einrichtungen gaben nur tröpfchenweise Auskunft – stellte sich heraus, dass auch ein dritter Mann an Unterkühlung eingeliefert wurde und verstarb. Die städtische Pressesprecherin Lisa Bauckhorn bestätigte schließlich unwillig, dass zwei Männer in ihren Betten in der städtischen Obdachlosenunterkunft gestorben waren. Sie wies aber den Vorwurf der CDU-Fraktion zurück, die der Verwaltung den Vorwurf machte, nicht genügend Brennmaterial zur Verfügung gestellt zu haben.

Beratungsstelle der evangelischen Kirche in Holsterhausen

Die inzwischen von der evangelischen Kirche in Holsterhausen eingerichtete Beratungsstelle für allein stehende Wohnungslose wurde im Jahr 2010 von 256 Personen benutzt. Das waren 34 Personen mehr als im Vorjahr. Insgesamt war dies aber die höchste Fallzahl seit Bestehen der Beratungsstelle. 151 Personen kamen erstmals und 105 Personen wiederholt in die Einrichtung an der Mühlenstraße in Holsterhausen. 2015 verzog die Beratungsstelle von der Mühlenstraße zur Borkener Straße 37 (DRK-Haus mit Tagesstätte). Die Beratungsstelle ist ein örtliches Angebot. 213 Personen nahemn 2015 die Beratungsstelle in Anspruch. 33 Menschen konnten dauerhaft in Wohnungen untergebracht werden. Die Beratungsstelle des Verbandes der Evangelischen Kirchengemeinden stellte zudem 435 Übernachtungsscheine für 34 Wohnungslose aus, die dann die Übernachtungsmöglichkeiten in der Klosterstraße in Anspruch nahmen. Mit einem Drittel-Anteil von Frauen ist im Vergleich zu den Vorjahren eine Steigerung der Zahlen festzustellen. Eine weitere höchste Fallzahl seit der Einrichtung der Beratungsstelle Stellen bei den Altersgruppen ist erstmals die Personengruppe der 20- bis 27-Jährigen mit 56 Personen. Mit der Gruppe der unter 20-Jährigen gemeinsam bilden sie ein Drittel der Gesamtauftritte derjenigen, die obdachlos oder davon bedroht sind, und bei der evangelischen Kirche Beratung suchten.

Immer mehr Jugendliche sind auf Wohgnungslosenhilfe angeweisen

Wie im Jahresbericht 2012 der Wohnungslosenhilfe nachzulesen ist, gab es 2012 zwölf Obdachlose mehr als im Vorjahr. Junge und alte Menschen traf es am härtesten. Mit 236 Wohnungslosen (170 Männer und 66 Frauen) war dies das zweithöchste Ergebnis der letzten Jahre. Die Kosten für das Problem der Wohnungslosgkeit übernahmen 2012 die Stadt Dorsten mit 55.735 Euro, der Landschaftsverband Westfalen-Lippe mit 111.470 Euro und der Verband der evangelischen Kirchengemeinden in Dorsten mit 63.015 Euro). Die Situation hat sich verfestigt. Immer mehr Jugendliche sind auf Wohnungslosenhilfe angewiesen. Als die Temperaturen im Januar 2013 auch tagsüber wieder eisig waren, stellte die Stadt Obdachlosen 16 Plätze in der städtischen Unterkunft Luisenstraße in Holsterhausen zur Verfügung. Wie viele Personen in Dorsten wirklich auf der Straße leben, ist bei der Stadt nicht bekannt.

2016: Immer mehr Dorstener können sich keine eigene Wohnung leisten

In Dorsten steigt die Zahl derer, die sich keine eigene Wohnung mehr leisten können. Das Büro der Wohnungslosenhilfe im DRK-Haus an der Borkener Straße 37 wurde 2016 von 258 Menschen aufgesucht, 45 mehr als im Jahr zuvor. Unter den Kontaktsuchenden waren 201 Neulinge. Jeder Dritte, der sich in Dorsten Hilfe geholt hat, war unter 30 Jahre alt. Viele Auszubildende waren dabei, die zwar eine eigene Wohnung haben – aber zu wenig verdienen, um regelmäßig die Miete zu bezahlen. Da sind Schulden natürlich vorprogrammiert. In den meisten Fällen kann die Beratungsstelle helfen – die Mitarbeiter versuchen zum Beispiel, mit den Vermietern oder den Banken zu sprechen. Langfristig hat das meistens Erfolg. Wohnungslos heißt also nicht gleichzeitig auch obdachlos. Als wohnungslos gilt auch jemand, bei dem Strom und Gas abgestellt wurde, weil er die Rechnung nicht bezahlt hat. Der Anteil der Frauen ist mit 26 Prozent gleichbleibend gering. Zu den Betreuten gehörten 192 Männer und 66 Frauen. Laut Jahresbericht 2016 der Wohnungslosenhilfe des Verbandes der Evangelischen Kirchengemeinden waren 2016 mehr Männer von sozialen Schieflagen und Wohnungslosigkeit bedroht als Frauen. Bei 193 Personen konnte im letzten Jahr die Betreuung beendet werden: „Bei zwölf Menschen konnten die sozialen Schwierigkeiten beseitigt werden. 45 wurden vor einer Verschlimmerung ihrer Situation bewahrt. Bei weiteren 19 Personen konnten die sozialen Schwierigkeiten gemindert werden. Damit die Betreuten nicht auf der Straße landen, hat die Wohnungslosenhilfe weitere vier Trägerwohnungen angemietet, um kritische Zeiten zu überbrücken, bis Ratsuchende wieder eine eigene Wohnung bekommen können. Häufig stehen Probleme wie negative Schufa-Auskunft oder negative Vorvermieterbescheinigung im Weg.

Obdachlosenunterkunft am Hammer Weg; Foto Guido Bludau

Brandstiftung im Obdachlosenwohnheim am Hammer Weg

Das städtische Obdachlosenheim am Hammer Weg in Hervest ging am 7. August 2017 gegen 4 Uhr morgens in Flammen auf. Der Polizei liegen Indizien für eine Brandstiftung vor. Zwei von acht Wohnungen in der Unterkunft brannten aus. Das Haus war zu der Zeit nur von einem Mann bewohnt, der unverletzt blieb. Als die Feuerwehr am Hammer Weg eintraf, hatte sich das Feuer schon auf die Hinterseite der Unterkunft ausgedehnt zwei Über den Wesel-Datteln-Kanal sicherten die Feuerwehrleute den Wassernachschub und konnte einige Gebäudeteile über eine so genannte Riegelstellung vor den Flammen schützen. Nach Abschluss der Löscharbeiten wurde der komplette Bereich mit einer Wärmebildkamera kontrolliert, um Glutnester zu erkennen und zu löschen. Nach dreieinhalb Stunden konnte die Feuerwehr wieder abrücken. Die Polizei hat Ermittlungen wegen des Verdachts der Brandstiftung aufgenommen.

Zahlen: Als wohnungslos waren in Dorsten gemeldet: 191 im Jahr 2006, 212 im Jahr 2007, 232 im Jahr 2008, 222 im Jahr 2009, 256 im Jahr 2010, 224 im Jahr 2011, 236 im Jahr 2012. Im Jahr 2014 nahmen 253 Menschen Hilfsangebote der Wohnungshilfe an, darunter 177 Männer. 2015 waren es 213 und 2016 sogar 258 Menschen..

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