Ludwig-Knickmann-Lager

Der Führer wollte kommen, Bevölkerung saß in den Bäumen - er kam nicht

Fahnenappell im Ludwig-Knickmann-Lager Deuten

Fahnenweihe im Ludwig-Knickmann-Lager Deuten 1934

Von 1932 bis 1933 gab es fünf Lager des Freiwilligen Arbeitsdienstes in Dorsten und der Herrlichkeit, um Arbeitslosen sinnvolle Aufgabe zu geben wie Kultivierung, Trockenlegung, Landschaftspflege. Drei der Lager befanden sich in Lembeck (bei Förster Geßler, in der Scheune des Ketteler-Hofes, bei Gladen), eins am Freudenberg (das spätere Erholungsheim für jüdische Kinder „Haus Bertha“) eins in Holsterhausen (Sägewerk Schroer, im Werth). Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten gelang es dem Reichsleiter aller Arbeitsdienstlager, Konstantin Hierl, schnell, die kommunalen, kirchlichen und sonstigen Träger der Arbeitsdienstlager auszuschalten und den Freiwilligen Arbeitsdienst als NS-Arbeitsdienst gleichzuschalten. Aus Arbeitsdienstwilligen wurden Arbeitsmänner. Dazu die „Dorstener Volkszeitung“ am 24. Juni 1933:

„Bekanntlich sind die freiwilligen Arbeitslager in der Abwicklung begriffen. Der freiwillige Arbeitsdienst wird in einen staatlichen Dienst überführt. Zu diesem Zweck werden Stammlager mit 216 Mann Belegschaft eingerichtet. Dies hat zur Folge, daß die fünf FAD bis zum 30. September 1933 aufgelöst sein müssen. In der Herrlichkeit soll nur noch ein Lager in der Zukunft bestehen, und zwar nach den vorliegenden Plänen in Deuten. Deuten wurde als Stammlager vorgesehen, weil es als Mittelpunkt der Herrlichkeit sich am besten eignet.“

Ein Kämpfer und „Blutzeuge“ der NS-Bewegung war Namensgeber

Ludwig KnickmannDas Lager wurde zügig an der heutigen B 58 zwischen Wulfen und Deuten eingerichtet und schon im April 1934 feierlich eröffnet. Es hieß nun „Stammlager Wulfen des Arbeitsdienstes der NSDAP Ab. 201/6 Wulfen i. W.“ – später „Ludwig-Knickmann-Lager“. Ludwig Knickmann (1897 bis 1923), Gelsenkirchen, war ein Kämpfer gegen die Weimarer Republik und ein Blutzeuge der NS-Bewegung. Während der französisch-belgischen Besetzung des Ruhrgebiets wurde er von einer belgischen Patrouille erschossen. Am Tag der Einweihung des Lagers wurde eine Hitler-Eiche gepflanzt, das Lager bereits in ein Reichsarbeitsdienstlager und der bisherige Arbeitsdienst in Reichsarbeitsdienst umbenannt. Im Handbuch des Arbeitsmannes stand:

„Der Reichsarbeitsdienst ist eine nationalsozialistische Erziehungsschule. Die Forderung des Nationalsozialismus erlebt der Arbeitsmann unmittelbar durch den Dienst.“

Ein Höhepunkt des Reichsarbeitslagers in Deuten war der angekündigte Besuch Adolf Hitlers, der am 29. Juni 1934 von Essen aus, wo er bereits war, nach Deuten kommen wollte. „Die ganze Umgebung war auf den Beinen“, erinnerte sich ein Augenzeuge. Alle wollten den Führer sehen.

RAD-Führer Hierl zu Besuch

RAD-Führer Konstantin Hierl 1934 zu Besuch

Die ganze Napoleon-Chaussee (B 58) war überfüllt und die Menschen saßen auch auf den Bäumen und warteten auf den Führer. Doch der kam nicht. Hitler fuhr nach Tegernsee, um den Stabschef seiner SA, Ernst Röhm, und andere verhaften bzw. umbringen zu lassen. So mussten die Wulfener mit Reichsarbeitsführer Konstantin Hierl, der ebenfalls Hitler erwartete, Vorlieb nehmen. 1935 wurde aus der Freiwilligkeit des Reichsarbeitsdienstes Pflicht, die Erziehung war politisch und der Drill militärisch. 1939 mussten die Wulfener Arbeitsmänner den Westwall mitbauen und danach kamen sie als Baukompanie zur Wehrmacht. In das leere Lager zogen die Landesschützen ein, die Kriegsgefangene bewachten, dann nahmen Ostarbeiter Quartier. Bei Kriegsende fanden die Alliierten noch etliche russische und polnische Kriegsgefangene sowie Ostarbeiter vor. Eine Baracke ist heute noch erhalten.

Hitler wollte kommen, "Dorstener Volkszeitung" vom Juni 1934

Hitler wollte kommen, „Dorstener Volkszeitung“ vom Juni 1934


Quelle
Wolf Stegemann (Hg): „Dorsten unterm Hakenkreuz. Der gleichgeschaltete Alltag“, 1985.

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