Kolpingfamilie

Verein kirchlich orientierter Kaufleute und Handwerker

Kolpingfamilie 1938 mit Kaplan Schneider

Kolpingfamilie 1938 mit Kaplan Schneider

Die Gesellenvereine waren die Vorläufer der heutigen Kolpingfamilien. Den ersten „Katholischen Gesellenverein“ in Dorsten bildeten 1861 unter Kaplan Lackhove die Mitglieder des Männerchors von St. Agatha. Der Kaplan war deshalb auch der erste Präses des Vereins. In der Gaststätte Huthmacher an der Essener Straße (später Stadtschänke Bücker) entwickelte sich ein reges Vereinsleben mit Vereinsfesten, Theateraufführungen, Gesang, aber auch mit Lernstunden in Rechnen, Schreiben und Zeichnen. Als es zu klein wurde, zog der Gesellenverein in ein Haus gegenüber dem Chor der Pfarrkirche an der Ecke Blindestraße (heute Ursulastraße). Es wurden ein Saal und weitere Räume angebaut. 1892 legte der Verein den Grundstein für einen Neubau mit Kegelbahn am Südwall und gründete eine Theatergruppe sowie ein Orchester. 1919 erweiterte der Verein das Haus um ein Hospiz (Fremdenzimmer). Bereits sechs Jahre nach der Gründung verlegte man den Aufführungssaal für Theaterstücke und Veranstaltungen der Gesellenkapelle in die Aula des Gymnasium Petrinum. Der Grundstein für ein eigenes Gesellenhaus, später in Kolpinghaus umbenannt, wurde erst 1892 am Südwall gelegt, dessen Grundstück der Gesellenverein geschenkt bekam.

Gesellenvereine wurden 1935 in Kolpingwerk umbenannt

Kolpinghaus am Südwall neben der Sparkasse (Postkarte)

Kolpinghaus am Südwall neben der Sparkasse

Gründer der Gesellenvereine und späterer Namensgeber der Kolpingfamilien war Adolf Kolping (1813 bis 1865), der als Sohn eines kinderreichen Schäfers geboren wurde und als Schustergeselle auf Wanderschaft ging. In dieser Zeit lernte er Not und Elend der Handwerksgesellen kennen. Danach trat Kolping mit 24 Jahren in ein Gymnasium ein, studierte anschließend Theologie und wurde 1845 im Kölner Dom zum Priester geweiht. 1847 gründete er den ersten katholischen Gesellenverein und wurde dessen Präses. Sein Ziel war es, die Handwerksgesellen aus den Wirtshäusern zu locken und sie für ernste Gespräche, religiöse, sittliche und soziale Unterweisung zu gewinnen. 1850 schlossen sich die ersten dieser Vereine zu einem Verband zusammen. In der Zeit des Nationalsozialismus erfuhr das Kolpingwerk erhebliche Beeinträchtigungen. Um einem Verbot zu entgehen, änderten die Katholischen Gesellenvereine 1935 ihre Bezeichnung in „Kolpingfamilien“. Das Kolpingwerk wurde in der Zeit des Nationalsozialismus zwar in seiner Tätigkeit eingeschränkt, aufgrund des Konkordats aber nicht verboten. Ab 1933 durften die Kolpingmitglieder nur noch rein religiös und hinter verschlossenen Türen tätig werden. Die Versammlungen überwachte die Gestapo.

Nach der Bombardierung neues Kolpinghaus und 2007 der Abriss

Abriss des Kolpinghauses 2003

Abriss des Kolpinghauses 2007

1923 hatte der Katholische Gesellenverein über 300 aktive und 400 passive Mitglieder, so dass das Gesellenhaus, jetzt Kolpinghaus genannt, erweitert werden musste. Das Kolpinghaus am Südwall wurde bei der Bombardierung der Stadt im März 1945 völlig zerstört und zwischen 1950 und 1953 wieder aufgebaut. Ab 1974 konnte das Haus aus baupolizeilichen Gründen nicht mehr für Veranstaltungen genutzt werden und diente als Lagerhalle. Bis 2003 blieb das Kolpinghaus aber Vereinslokal und Versammlungsort für viele Dorstener Vereine, 2007 wurde es abgerissen. Heute trifft sich die Kolpingfamilie im Pfarrheim von St. Agatha an der Vehme. Inzwischen gibt es im Stadtgebiet mehrere Kolpingfamilien (Altendorf-Ulfkotte, Hervest-Dorsten, Holsterhausen, Lembeck sowie Deuten, Wulfen, Rhade 1951), so dass sich der St. Agatha-Verein heute Kolpingfamilie Dorsten-Zentral nennt. Zusammengeschlossen sind die Kolpingfamilien im Bezirksverband Dorsten.

Die Kolpingfamilie Dorsten-Zentral hat rund 110 Mitglieder (Stand 2011). Auf ihrem Programm stehen gemeinsame Familienwochenenden, Bildungs- und Freizeitvergnügungsveranstaltungen, Ausflüge und traditionell die Mai- und Emmausgänge. Das 150-jährige Bestehen feierte die Kolpingfamilie-Zentral im Juni 2011 auf dem Kirchplatz vor St. Agatha. – Gegenwärtig ist das Kolpingwerk in mehr als 60 Ländern der Erde tätig. Mit seinen rund 450.000 Mitgliedern, die weltweit in etwa 5.800 Kolpingfamilien beheimatet sind, zählt das Kolpingwerk zu den großen Sozialwerken der katholischen Kirche.


Quelle:
Ute Hildebrand-Schute „Vor 150 Jahren in St. Agatha gegründet“ in WAZ vom 15. April 2011.

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