Jüd. Museum Westfalen II

Das Dorstener Bürgerprojekt ist eine überregionale Erfolgsgeschichte

Jüdisches Museum Westfalen mit dem Alt- und angefügten Neubau 2014; Foto: Wolf Stegemann

Jüdisches Museum Westfalen mit dem Alt- und angefügten Neubau 2014; Foto: Wolf Stegemann

Von Wolf Stegemann – Das Jüdisches Museum Westfalen ist als Antwort auf die 1986 aufgekommene Frage von Mitgliedern der Forschungsgruppe Regionalgeschichte/Dorsten unterm Hakenkreuz entstanden, die einen Raum für ihre während der Tätigkeit angesammelten Exponate und eine umfangreichen Foto-Ausstellung über den Nationalsozialismus in Dorsten suchten. Diese Idee, ein kleines Dokumentationszentrum zu errichten, trug Wolf Stegemann den anderen Mitgliedern der Forschungsgruppe – Elisabeth Cosanne-Schulte-Huxel, Sr. Johanna Eichmann, Anke Klapsing, Christel Winkel – vor, die zunächst mit Skepsis, dann mit  Zuspruch reagierten. Aus der Idee entwickelte Stegemann die Konzeption für  ein Museum.  Politik, Verwaltung und Öffentlichkeit in Dorsten und im Kreis Recklinghausen sowie die Jüdische Kultusgemeinde Bochum-Herne-Recklinghausen und das Land Nordrhein-Westfalen unterstützten die Planung für das Projekt. 1987 gründete die Forschungsgruppe den Trägerverein für das künftige Museum, der noch „Dokumentationszentrum für jüdische Geschichte und Religion in der früheren Synagogenhauptgemeinde Dorsten im Kreis Recklinghausen“ hieß und später in „Verein für jüdische Geschichte und Religion“ umbenannt wurde. 1992 konnte das Museum an der Julius-Ambrunn-Straße durch Ministerpräsident Johannes Rau eröffnet werden. Johanna Eichmann übernahm die Museumsleitung, 2007 folgte Dr. Norbert Reichling.  Im 2011 erweiterten Garten ist eine Skulpturen-Sammlung untergebracht. Zur Eröffnung des Museums erschien in Herausgeberschaft von Wolf Stegemann und S. Johanna Eichmann ein von der Nordrhein-Westfalen-Stiftung finanziell geförderter 279 Seiten starker Katalog „Jüdisches Museum Westfalen. Ein Beitrag zur Geschichte der Juden in Westfalen“.

Lehrhaus und Bibliothek sowie Gründung einer Stiftung

Museumsbibliothek; Foto entnommen jmw-Website

Museumsbibliothek; Foto entn. jmw-Website

Das Museum zeigt Gegenstände der jüdischen Religion, Kultur und Geschichte, deren Ankäufe die NRW-Kulturstiftung finanziell unterstützte. Zudem gibt es eine Bibliothek, eine Galerie sowie ein Lehrhaus, in dem Vorträge und Seminare stattfinden. Schon 1993 veröffentlichte das damalige Vorstandsmitglied des Trägervereins W. Stegemann eine Denkschrift über eine mögliche und notwendige Erweiterung des Hauses, die im Jahr 2001 für 2,75 Millionen DM realisiert werden konnte. Das Land NRW übernahm 90 Prozent der Kosten. Zudem haben 1999 die Kreissparkasse Recklinghausen, der Kreis und das Land NRW die „Stiftung Jüdisches Museum“ mit einem Stiftungsvermögen von 2,5 Millionen DM gegründet, von deren Erträgnissen die hauptamtliche Stelle des seit Beginn tätigen Wissenschaftlichen Mitarbeiters Thomas Ridder bezahlt wird.

Projekte über mehrere Förderprogramme finanziert

Nach dem Umbau

Nach dem Umbau 20

2007 erschien im Verlag für Regionalgeschichte in Bielefeld ein neuer 200 Seiten starker Katalog, der unter dem Titel „Von Bar Mitzwa bis Zionismus“ Einblick in die Dauerausstellung gibt und zugleich Lesebuch ist, das jüdische Traditionen und Lebenswege in Westfalen aufweist. Im Jahre 2009 lobte das Museum erstmals einen Schülerpreis aus. Wettbewerbsbeiträge sollen sich mit dem Judentum oder Nationalsozialismus auch auf lokaler Ebene befassen. Eine Jury aus Geschichtslehrern, Historikern und Mitgliedern des Vereins für jüdische Geschichte und Religion ermittelt die jährlichen Preisträger. 2009 wählte die Jury drei Gymnasiastinnen auf die ersten Plätze, deren Arbeiten sich mit dem Schicksal jüdischer Familien aus Borken und Vreden in der NS-Zeit beschäftigten und moderne Formen der Holocaust-Gedenkkultur am Beispiel der Aktion „Stolpersteine“ beleuchteten. – Mit knapp 420.000 Euro – das entspricht zwei Drittel des Gesamtvolumens von 630.000 Euro – förderte Anfang 2011 die Kulturstiftung des Landschaftsverbandes (LWL) das mehrjährige Vorhaben des Museums, das unter dem Arbeitstitel „Heimatkunde: Juden – Nachbarn – Westfalen“ auf wissenschaftlicher Grundlage neue Ansätze regionalgeschichtlicher Forschung zum westfälischen Judentum herausarbeiten will. Mit diesem Projekt wird den Fragen  nachgegangen, ob Juden ein besonderes, spezifisches Verhältnis zu ihrer Heimat haben und wenn ja, worin die begründet sei. Dabei werden geschichtliche Spuren, vorwiegend aus dem 19. und 20. Jahrhundert, exemplarisch für diese Region untersucht und voraussichtlich 2014 präsentiert.

Eröffnungsveranstaltung 1992 in der Ursulinen-Aula; Bilderklärung weiter unten

Eröffnungsveranstaltung 1992 in der Ursulinen-Aula; Bilderklärung weiter unten

Finanzielle Engpässe

In der Mitgliederversammlung des Trägervereins Anfang 2011 berichtete Museumsleiter Dr. Reichling über die angespannte finanzielle Situation des Museums. Freiwillige Mitarbeiter ersetzten dem Haus Arbeitskräfte im Wert von 150.000 Euro jährlich. Allerdings fehlten dem Museum jährlich 100.000 Euro öffentlicher Förderung, sollte die bisherige Arbeit inhaltlich und personell im Wesentlichen fortgesetzt werden. Dr. Reichling hoffte, dass die öffentliche Hand das Geld zur Verfügung stellen werde, ansonsten bereits im Jahre 2012 „einige Lichter im Museum“ ausgehen müssten. Von den Sparmaßnahmen der Stadt 2012 ist der Zuschuss der Stadt in Höhe von 40.000 Euro an das Museum nicht betroffen. – Mitte 2011 bekam der Altbau des Museums für 20.000 Euro einen rötlichen Anstrich. Nach dem hellen und freundlichen Grau bei der Gründung 1992 und nach der Umfärbung in Gelb nach Fertigstellung des Anbaus 2002, ist dies die dritte Farbe. Mit Gelb habe man sich im Museum immer etwas „schwer getan“, war aus Museumskreisen zu hören und nachzulesen, da die Farbe Gelb im Judentum „ja eine belastete Farbe“ sei. Auch wurden die Rasenflächen vergrößert und der Museumsgarten neu gestaltet.

Land erhöhte den Zuschussanteil

In der Mitgliederversammlung im Juni 2013 wurde die defizitäre Lage des jüdischen Museums festgestellt. Jährlichen Fixkosten von 269.000 Euro stünden 180.000 Euro Einnahmen gegenüber. 2013 erreichte das von den Mitgliedern beschlossene Budget des Hauses 474.000 Euro. Rund 205.000 Euro flossen in das Ausstellungs-, Forschungs- und Buch-Projekt „Heimatkunde“. – Das Land erhöhte 2012 den Zuschussanteil für Gedenkstätten in NRW um 90.000 Euro, von dem allein das jüdische Museum mit 30.000 Euro bedacht wurde, was den Museumsleiter veranlasste, diese Summe als „erbärmlich“ zu bezeichnen (WAZ vom 7. Juni 2013). Anlässlich der Verleihung des Vestischen Preises für bürgerschaftliches Engagement stellte Lanbdrat Cay Süberkrüb im Dezember 2014 das Jüdische Museum als beispielhaft heraus: „Hier arbeiten zwei Hauptamtliche und 30 Ehrenamtliche“.

Museum hat ein Alleinstellungsmerkmal

Im August 2015 gingen Museumsleitung und Trägerverein erneut an die Öffentlichkeit und wiesen auf spürbare Einsparungen im Programm hin, zu denen die ernste Finanzlage des Museums zwang. Dazu hatte das Auslaufen des mehrjährigen Projekts „Heimatkunde“ geführt. Denn seit dieser Zeit gab es keine Finanzierung einer halben Personalstelle mehr. Zudem hätten bei dem Projekt Kostenüberschreitungen stattgefunden. Museumsleiter Dr. Reichling will sich um weitere Förderungen für 2016 bemühen. Das hatte Erfolg. Die Landeszentrale für politische Bildung NRW stelle in ihren Haushalt für 2016 eine Fördersumme in Höhe von 100.000 Euro für das jüdische Museum ein. In der Begründung heißt es: „Das jüdische Museum Dorsten hat eine herausragende Stellung in der nordrhein-westfälischen Kulturlandschaft und wird bei der hohen Qualität der Ausstellung sogar größtenteils durch viele engagierte ehrenamtliche Helfer am Leben gehalten. Damit hat dieses Museum und Dorsten ein Alleinstellungsmerkmal.“

Zahlen aus dem Jahresbericht 2015

Das Museum wurde im Jahr 2015 von über 7630 Gästen besucht. Davon kam fast die Hälfte aus Dorsten. Rund ein gutes Drittel der Besucher war 61 Jahre alt und älter. Jährlich finden im Museum 40 bis 50 eigene und fremde Veranstaltungen statt. Ehrenamtliche Mitarbeiter haben mindestens 2600 Stunden für das Museum gearbeitet, was einen Geldwert von rund 120.00 Euro entspricht. Als neue Form der Zukunfssicherung wurde ein Förderkreis gebildet, dem mittlerweile 30 Personen angehören. 2017 soll die Dauerausstellung des Museums überarbeitet und zwei Jubiläen können gefeiert weren: 30 Jahre Trägerverein und 25 Jahre Museum.

In Facebook wurde gegen das Museum gehetzt

Ministerpräsident Johannes Rau bei der Eröffnung 1992

MP Joh. Rau bei der Eröffnung 1992

Im Mai 2013 wurde auf einer Facebook-Seite mit rassistischen und antidemokratischen Kommentaren gegen das Jüdische Museum Dorsten gehetzt. Museumsleiter Dr. Reichling bezeichnete den Vorgang als „Volksverhetzung“. Dorstens Bürgermeister erstattete daraufhin Anzeige. „Dass alleine 83 Leser diese Seite positiv bewertet haben“, so der Bürgermeister, „erschreckt mich besonders.“ Die Seite wurde entfernt. Im Dezember 2013 wurde der vom Jüdischen Museum für ganz Nordrhein-Westfalen ausgeschriebene Geschichtspreis verliehen. 1. Preisträgerin war Katharina Escher vom Anne-Frank-Gymnasium Werne mit dem Projekt Stolpersteine in ihrer Stadt. Der 2. Preis wurde zweimal vergeben: Für seine Arbeit über jüdische Soldaten im Ersten Weltkrieg zwischen Heimatliebe und Ausgrenzung wurde Lennart Reich (Gymnasium St. Ursula, Dorsten) ausgezeichnet und Lucas Classen (Annette-von-Droste-Hülshoff-Gymnasium, Dülmen) für seine Arbeit über die Wiedergutmachungsverfahren für NS-Verbrechen am Beispiel jüdischer Familien aus Dülmen. Der dritte Preis ging an drei Schülerinnen des Städtischen Ruhr-Gymnasiums in Witten für ihre Arbeit „Juden und die damalige Synagoge in Witten“. Den Gruppen-Sonderpreis teilten sich Schermbecker Schüler, die für ihre Inszenierung der Oper Brundibar eine Ausstellung „Kinder und Jugendliche als Opfer des Holocaust“ inszeniert haben mit Gesamtschülern aus dem Nettetal, die ihre Studienreise nach Auschwitz beleuchteten.

Dauerausstellungen sollen bis 2018 überarbeitet werden

2018 soll die zweigeteilte Dauerausstellung „Jüdische Lebenswege in Westfalen“ und „Jüdische Religion und Tradition“ überarbeitet werden. Die Kosten dafür beziffert der Trägerverein mit 200.000 Euro. Im Februar 2017 hat die NRW-Landesstiftung beschlossen, das Projekt mit 100.000 Euro zu fördern. Weitere Spenden und Fördermaßnahmen sollen den Restbetrag abdecken. Im Mai 2017 feierte das Museum sein 25-jähriges Bestehen mit einer Sonderausstellung von Exponaten, die ansonsten im Depot gelagert sind. Darunter Holzstiche, Aquarelle des jüdischen Malers Levin, historische Bücher sowie das Gästebuch, das bei der Eröffnung des Museums 1992 angelegt worden war. Die Stadt Dorsten verlieh dem seit 2006 tätigen ehrenamtlichen Leiter des Jüdischen Museums Westfalen, Dr. Norbert Reichling, die Ehrennadel in Gold.

Jubiläumsbroschüre 2017: 26 Augenblicke in 25 Jahren

Zum 25. Jahrestag des Bestehens des Museums erschien Ende 2017 eine Festschrift mit dem Titel „25 Jahre – 26 Augenblicke“. Zu diesen Augenblicken gehören u. a. die festliche Eröffnung 1992 mit Ministerpräsident Johannes Rau, die erste Kunstausstellung mit Werken Igor Ganikowskys im Jahr 1993, die „Herbstgespräche 1994 des Freundeskreises Dorsten Hof Hasharon 1994 mit Lieselotte Funcke, Ignatz Bubis, Zentralrat der Juden u. a., das Wolf-Biermann-Konzert 1997, die Gründung der Stiftung 1999 und die Eröffnung des Museumsneubaus 2001.

Bildungspartnerschaft Jüdisches Museum/Gymnasium St. Ursula

Die Leiterin des Gymnasiums St. Ursula, Elisabeth Schulte Huxel, und der Leiter des Jüdischen Museums, Norbert Reichling, haben Anfang 2017 einen Vertrag unterschrieben, demzufolge sie offiziell Bildungspartner sind. Das bedeutet, dass die Schüler regelmäßig das Museum besuchen, an Führungen teilnehmen und sich dort mit so genannten Zeitzeugen des Nationalsozialismus und des Zweiten Weltkrieg unterhalten. Ziel ist es, dass die Schüler diese Epoche, das Judentum, seine Religion und Kultur gut kennenlernen. Norbert Reichling hofft, dass die Bildungspartnerschaft mit dem St. Ursula-Gymnasium dazu führt, dass auch andere Schulen das Angebot des Museums noch intensiver nutzen. Die erste Bildungspartnerschaft hat das Museum im Dezember 2016 mit der Don-Bosco-Schule aus Lippstadt vereinbart, einer Förderschule

  • Erläuterung des obiges Bildes: Eröffnung des Museums 1992 in der Ursulinen-Aula. Erste Reihe von links: Kurt Neuwald vom Landesverband der jüdischen Kultusgemeinden von Westfalen, Wolf Stegemann (Vorstand), Stadtdirektor Dr. Karl-Christian Zahn, Bürgermeister Heinz Ritter, Sr. Johanna Eichmann (Vorstand), Ministerpräsident Johannes Rau, Regierungspräsident Erwin Schleberger, stellvertretender Landrat Brüggemann, – ?-, Dr. Werner Thissen in Vertretung des Bischofs von Münster.

Allgemeine Berichtigung 2018: In Interviews, Berichten, Essays über das 1992 eröffnete Jüdische Museum Westfalen in Dorsten wird Sr. Johanna Eichmann nicht immer, aber immer wieder als einzige Gründerin genannt; manchmal sogar die Ursulinen. Das war und ist falsch. Richtig ist, dass das Museum von den Mitgliedern der Forschungsgruppe Dorsten unterm Hakenkreuz gegründet wurde, die jahrelang unter Leitung von Wolf Stegemann stand. Dieser hatte auch die inhaltliche und technische Konzeption des Museums (über Gründung eines Vereins) entworfen und in der (lokal- udn landespolitischen) Öffentlichkeit durchgesetzt und die Realisierung überwacht. Sr. Johanna, die 1982 zur Forschungsgruppe stieß, die damals noch “Arbeitskreis zur Erforschung der jüdischen Gemeinde” hieß, eine Initiative von Dirk Hartwich und Wolf Stegemann, wurde zur Eröffnung des Museums 1992 als Museumsleiterin eingesetzt. Im Eingangsbereich des Museums befand sich noch einige Jahre nach Gründung eine Tafel, auf der Sr. Johannas Name einer von fünf Namen der Gründer stand. Die Tafel wurde irgendwann umgehängt.  

Literatur (Auswahl):
Wolf Stegemann/Sr. Johanna Eichmann OSU „Jüdisches Museum Westfalen. Dokumentationszentrum und Lehrhaus für jüdische Geschichte und Religion in Dorsten“, Dorsten 1992. – Wolf Stegemann/Anke Klapsing „Spuren sichern und erhalten“ in „Spurensuche. Eine jüdische Gemeinde, die nicht mehr besteht“, Essen 1990. – Wolf Stegemann/Anke Klapsing „Jüdisches Museum in Dorsten“ in „Kirche und Schule“, Nr. 90, Münster 1994. – Bundeszentrale für politische Bildung „Gedenkstätten für die Opfer des Nationalsozialismus. Eine Dokumentation“, Bonn 1995. Katalog „Von Bar Mitzwa bis Zionismus“, Bielefeld 2007.

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