Feil sen., Georg

Petrinum-Schulleiter von 1932 bis 1945 weiter in der Diskussion

Von Wolf Stegemann – 1887 in Meckenheim bis 1969 in Münster; Schulleiter des Gymnasium Petrinum. – Er war von 1932 bis 1945 (nominell bis 1948) Schulleiter des humanistisch ausgerichteten Gymnasium Petrinum. Sein Vorgänger, Dr. Josef Wiedenhöfer, bereitete als Anhänger des Nationalsozialismus die Schule auf einen ideologischen Nationalismus im nationalsozialistischen Sinne vor, bevor die Nazis 1933 die Macht erhielten. Zu diesem Zeitpunkt war Dr. Georg Feil bereits im Amt des Schulleiters und musste ab 1933 als ein der humanistischen Bildung verpflichteter Pädagoge den Umbau von Schule und Erziehung bis hin zur menschenverachtenden Staatsideologie mitgestalten. Das tat er auch in Kenntnis nationalsozialistischen Unrechts über die gesamte NS-Zeit hindurch.

Geeorg Feil sen. (Mitte); Kollegium Gymnasium Petrinum 1943

Geeorg Feil sen. (Mitte), Schulleiter von 1931 bis 1945 mit Kollegen des Gymnasium Petrinum 1943

Geistlicher wollte er werden, Lehrer wurde er

Georg Feil entstammte einer katholischen bäuerlichen Familie in protestantischem Umfeld der Pfalz, besuchte Gymnasien in Neustadt an der Weinstraße und Speyer, wollte Geistlicher werden, ließ es aber und machte 1906 das Abitur. Danach studierte er Altphilologie und Germanistik in München und Münster, erwarb 1913 die preußische Staatsangehörigkeit und ein Jahr später die Lehrbefähigung an höheren Schulen, wurde Hilfslehrer in Beckum, war im Ersten Weltkrieg Infanterist in Lothringen und kam über einen kurzen Aufenthalt in Soest im März 1919 als Studienassessor nach Dorsten, wurde gleich darauf Oberlehrer und widmete sich in seiner Freizeit heimatkundlichen Forschungen und deren Publizierung. In Dorsten lernte Georg Feil im Hause seines Vorgängers Wiedenhöfer dessen Nichte Josy Nienhaus (1903 bis 1992) kennen, die er 1931 heiratete. Zum 1. August 1932 wurde Dr. Feil Oberstudiendirektor und somit Leiter des Gymnasiums. Er war umstritten. Am Tage seiner Amtseinführung schrieb die „Dorstener Volkszeitung“ am 27. September 1932:

„Glänzend waren die Zeiten für unser Gymnasium nie, und heute stehen wir wieder wie so oft schon, vor einer unsicheren Zukunft.“

Hinwendung zum Führer gefordert

Die Zukunft änderte sich wenige Monate später, als die Nationalsozialisten im März 1933 an die Macht kamen und auch in Dorsten Bürgermeister, missliebige Magistratsmitglieder, Polizeibeamte und Amtsleiter gegen NS-Parteigänger ausgetauscht wurden. Feil, der erst 1937 auf Drängen des Ortsgruppenleiters Ernst Heine in die NSDAP eintrat, blieb. Lehrer wurden von den Schulbehörden schon in den Anfangsmonaten 1933 zu Propagandisten der nationalsozialistischen Ideologie gemacht. Dafür waren viele Pädagogen anfällig. Sie schlossen sich im NS-Lehrerbund zusammen. Meist waren es Lehrer, die in der Ortsgruppe der NSDAP das Amt des Schulungs- bzw. Propagandaleiters übernahmen, wie beispielsweise Sagemöller in Erle, Kirchhoff und Laukemper in Dorsten, Jaworski in Altendorf-Ulfkotte, Kellner in Holsterhausen u.. v. a. Auch waren Lehrer Ortsgruppenleiter wie Schwarz in Holsterhausen, Wensing in Rhade und Schenuit in Lembeck. Prof. Werner Maser schreibt in seinem Buch  „Das Regime. Alltag in Deutschland 1933 – 1945“:

„Dass die Jugend sofort sichtlich in den Dienst des Staates genommen wurde, erfuhr sie unmittelbar nicht nur durch die ideologisch artikulierten Erklärungen ihrer Lehrer in den Schulen, sondern erlebte es konkret am eigenen Leibe durch die gravierend radikale Aufwertung des Turnens und dessen Einordnung als ,Leibensübungen’ im Rahmen des gesamten Erziehungssystems“

Sport sei vom Gedanken der Volksgemeinschaft betrachtet worden. Diese von Hitler genannte „körperliche Ertüchtigung“ rangierte lt. Maser bald an erster Stelle jeder Erziehung. „Weltanschauliche Hörigkeit ersetzte das traditionelle pädagogische Ethos.“ Georg Feil schrieb am 26. September 1942 im „Westfälischen Beobachter“ (Auszug):

„Aus der Geschichte ergibt sich die Aufgabe der Schule. […] So will sie auch den Forderungen der Volksgemeinschaft und der nationalsozialistischen Erziehung gerecht werden. […] Von der  Gegenwart ist ihr die Aufgabe gestellt in der Hinwendung zum Führer und zum Nationalsozialismus, auf die unsere Schule ausgerichtet ist.“

Erziehung der Schüler zu völkischen Kämpfern

Der mit Dorsten verwandtschaftlich verbundene und in Dorsten gut bekannte Oldenburgische Staatsminister Heinz Spangemacher sagte am 12. April 1933:

„Das wichtigste aber scheint mir zu sein, eine Gleichschaltung auch auf dem Gebiete der Schule vorzunehmen. Das Endziel, das wir erstreben, ist der nationalsozialistische Mensch und damit das nationalsozialistische Volk und der nationalsozialistische Staat. […] So haben wir da auch die Aufgabe der Schule: die Erziehung des deutschen Menschen zum bewusst völkischen Kämpfer[…]  Darum muss die Schule bedingungslos nationalsozialistisch sein.“ […] Wenn ich Schulräte abbaue, wenn ich Rektoren aus ihren Stellen herausnehme und sie als Klassenlehrer beschäftige, so tue ich das nur, um an ihre Stelle Menschen zu setzen, die als Führer und Lehrer aus heißen Herzen heraus den Ideen zur Wirklichkeit verhelfen, die wir predigen…“

Georg Feil blieb Direktor des Gymnasiums, das ab 1938 den Namen „Gymnasium Petrinum“ nicht mehr führen durfte. Er wollte „aus finanziellen Gründen“ Schulleiter bleiben, nämlich wegen seiner Familie mit damals drei Kindern, sowie „um unsere alte christliche Schule nicht einem Nationalsozialisten in die Hände fallen zu lassen“. Mit diesem Argument versuchte sich Feil bei der Entnazifizierung zu rechtfertigen. Da ist er nicht der Einzige, der sich mit dieser Argumentation rein zu waschen versuchte. Aus den Entnazifizierungsakten von Dorstenern, führte fast jeder Funktionsträger diese Begründung ins Feld, warum er zwölf Jahre lang mitmachte und somit das Regime stützte, auch der Volksschullehrer Sagemöller in Erle.

Nach 1945 nicht mehr in Dorsten tätig

Ende 1945 wurde Georg Feil auf Grund seines Fragebogens zur Entnazifizierung vom Schuldienst suspendiert. Vorausgegangen war die Anzeige eines Kollegen beim Provinzial-Schulkollegium, der Feil vorwarf, für das „Hitlertum“ eingetreten zu sein. Rehabilitierungsbemühungen Feils wurden von P. Dr. Raymundus Dreiling OFM unterstützt, der sich auf M. Petra Brüning OSU von den Ursulinen, Robert Spaemann und andere Geistlichen berief. Wie solche „Gut-Schriften“ jener Zeit zu würdigen sind, mag dahin gestellt bleiben. Denn gerade Kirchen, Pfarrer und Klosterobere schrieben auch in Dorsten vielfältig „Persilscheine“ für erklärte Nationalsozialisten, ob NS-Bürgermeister, Ortsgruppenleiter oder Ortsbauernführer, die zwölf Jahre lang ihren Teil dazu beigetragen hatten, das NS-Regime an der Macht zu halten.  Dr. Georg Feil blieb bis 1948 de jure im Amt, danach wurde ein Nachfolger gewählt. Feil fand eine Anstellung in Marl-Hüls, dann am Gymnasium Paulinum in Münster, wurde 1952 pensioniert, befasste sich danach mit der Geschichte seines Heimatgemeinde Meckenheim, die ihm 1960 die Ehrenbürgerschaft verlieh. Er starb 1969 in Münster und hinterließ neben seiner Frau, die 1992 starb, sechs Kinder.

Vortrag über seinen Vater

Über Feil ist viel geschrieben worden. 1995 setzte sich S. Johanna Eichmann OSU, damals Schulleiterin des Ursulinengymnasiums und Mitglied der Forschungsgruppe Regionalgeschichte/Dorsten unterm Hakenkreuz mit Dr. Georg Feil im 3. Band „Dorsten unterm Hakenkreuz“ unter der Überschrift „Lehrer als ideologische Vordenker der Partei“ umfangreich und tiefgehend auseinander und würdigte sein Bild, dass er in der Öffentlichkeit abgab. Daraufhin gab es harschen und vorwurfsvollen Protest seines Sohnes, Prof. Dr. Ernst Feil, der seinen Vater in Briefen und mehreren Veröffentlichungen, darunter in der „Vestische Zeitschrift“, rechtfertigte. Dr. Josef Ulfkotte, Lehrer am Gymnasium Petrinum und Vorsitzender des Vereins für Orts- und Heimatkunde Dorsten, lud Dr. Ernst Feil 2001 zu einem Vortrag über seinen Vater in das Alte Rathaus ein. Nach dem Vortrag Feils titelten die Lokalzeitungen: „Ein richtiger Nazi war Georg Feil wohl nicht“ (WAZ vom 20. März 2001) und „Bewahrer des Humanismus. Er war kein Vordenker der Nazis, sondern er bewahrte das Petrinum zwischen 1933 und 1945 als humanistisches ökumenisches Gymnasium“ (WAZ vom 21. März 2001).


Quellen:
„Westfälischer Beobachter vom 26. September 1942. – Werner Maser „Das Regime. Alltag in Deutschland 1933 – 1945“, Bertelsmann 1983. – S. Johanna Eichmann „Heldisch für den sauberen deutschen Menschen kämpfen. Lehrer als ideologische Vordenker der Partei“ in Wolf Stegemann (Hg.) „Dorsten unterm Hakenkreuz. Der gleichgeschaltete Alltag“, Band 3, Dorsten 1985. – Dies. „In eigener Sache. Vier Fälle von Verletzlichkeit“ in Wolf Stegemann (Hg) „Dorsten nach der Stunde Null. 1945-1950 Die Jahre danach“, Dorsten 1986. – Hans-Jochen Schräjahr „Das Gymnasium Petrinum 1904 bis 1992“ in Festschrift des Gymnasium Petrinum 1642 bis 1992, Dorsten 1992. – Ernst Feil „Georg Feil. Schulleiter des Dorstener Gymnasiums in schwieriger Zeit“, in VZ 97/98, 1998/99. – Aktenbestand Entnazifizierungsakten HStA Düsseldorf (z. T. unveröffentlicht). – Ludger Böhne in WAZ vom 20. März 2001. – WAZ vom 21. März 2001.

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