Bergbau II (Essay)

Neue Verwendung der Zechenfläche: Kunst, Gastronomie, Gewerbe

Von Wolf Stegemann – In die Kerngebäude der verlassenen Zeche Fürst Leopold soll künftig zur Gastronomie, Kunst, Kultur und Freizeitvergnügen eingeladen werden. Die Dorstener Tempelmann Gesellschaft hat zu diesem Zweck zwölf (von 53) Hektar Zechengelände gekauft und bemüht sich mit Erfolg, einen Teil des Geländes zu einem „Creativ-Quartier“ zu entwickeln. Die Stadtverwaltung begleitet das Projekt planungsrechtlich. Im ehemaligen Maschinenhaus hat sich der Bergbauverein niedergelassen. Die Mieteinnahmen aus Discounter und Lebensmittelmarkt auf Fürst Leopold sollen der eigens aber nicht nur für Fürst Leopold 2010 gegründeten „Ruhrstadt Stiftung“ zufließen, die daraus und aus Kapitalerträgen den Betrieb in den Altgebäuden subventioniert. Die Stiftung fördert Bildung, Erziehung, Ausbildung, Kunst und Kultur, Denkmalpflege, Natur- und Umweltschutz.

Kunst-Rapport auf dem Zechengelände; Foto: André Elschenbroich

Kunst-Rapport auf dem Zechengelände; Foto: André Elschenbroich

Land NRW und EU geben Fördermittel für den Strukturwechsel

Im Zusammenhang mit der Wiedernutzung der Zechenflächen hatte die Stadt die daran angrenzenden 90.000 Quadratmeter der Ruhrgas AG kaufen können. Zwischen 2005 und 2009 hatte Ruhrgas die Betriebsstätte geräumt. Von den 90.000 Quadratmetern Bruttofläche werden nach der Erschließung gute 60 000 Quadratmeter Gewerbegrundstücke übrig bleiben. Bei einem realistischen Verkaufspreis von 35 bis 45 Euro je Quadratmeter könnten diese Einnahmen ausreichen, um den 20-prozentigen Eigenanteil der Stadt zum geförderten Gesamtpaket Zechen- und Ruhrgasflächen zu bezahlen. Die übrigen 80 Prozent finanzieren Land und EU aus dem Regionalen Wirtschaftsförderungs-Programm (RWP). Der Abriss der Gebäude wurde Ende 2011 abgeschlossen. Im Jahre 2014 konnten erste Firmen hier mit Blick auf den alten Förderturm siedeln. Finanziert wird die Umwandlung der Altstandorte aus dem Regionalen Wirtschaftsförderungs-Programm (RWP). Ursprünglich sollten fast 20 Millionen RWP-Euro in die 32 Hektar Fläche gehen. Nach mehreren Änderungen sind davon 12 Millionen Euro geblieben. Letzte Einsparungen wurden möglich durch eine Kürzung der Fürst Leopold-Allee und Synergien bei der gemeinsamen Sanierung von Ruhrgas- und angrenzenden Zechenfläche mit der RAG.

Wulfener Firmengruppe übernahm 2014 die Kohlenwaschanlage

Maschinenhaus (Berbauverein); Foto: Wolf Stegemann

Maschinenhaus; Foto: Wolf Stegemann

Nach über anderthalb Jahren Verhandlung hatdie Wulfener Firmengruppe Humbert ein 2,5 Hektar großes Industriegrundstück an der Wienbecker mit der ehemaligen Kohlenwaschanlage erworben. Diese Anlage ist Dorstens größte industrielle Kuppelbau mit 7.000 qm Grundfläche, 100 Metern Durchmesser und 23 Metern Höhe. Das Wulfener Unternehmen des Firmenchefs Johannes Humbert ist in den Bereichen Containerdienst, Erdbau, Substratproduktion und Transport tätig. Die Halle war noch 2006 von der RAG saniert worden und an an einen Reciclingpark mit der größten Holzpelletanlage Nordrhein-Westfalens abgegeben worden. Das Unternehmen meldete 2010 Insolvenz an.

Mehrere Supermärkte auf dem Zechengelände

Der Dorstener Einzelhändler Ralf Honsel will auf dem Gelände des Kreativ-Quartiers Fürst Leopold einen REWE-Supermarkt errichten. Dafür will Honsel, der schon in Holsterhausen und Rhade Supermärkte betreibt, in einen Neubau sechs Millionen Euro zusätzlich zu den Kosten des 13.600 qm großen Grundstücks. „Seit Wochen wird hinter den Kulissen eine Änderung des Bebauungsplans für das ehemalige Zechengelände Fürst Leopold diskutiert. Die zur Tempelmann-Gruppe gehörende Tedo GmbH möchte dort mehr Einzelhandel ansiedeln, die Kaufleute der Innenstadt dies unter allen Umständen verhindern. Und die Politiker? Sie schweigen bislang, schrieb die DZ. In einem Brief protestierte der Vorstand der „Dorstener Interessengemeinschaft Altstadt“ (DIA) im Juni 2015 die Ratsfraktionen gegen weitere Einzelhandel-Ansiedlungen auf dem ehemaligen Zechengelände.

Sanierung des Bodens auf dem Zechengelände notwendig

Zechengelände Fürst Leopold 2007; Foto: RVR Essen

Zechengelände 2007; Foto: RVR Essen

Anfang 2013 hat die RAG Montan Immobilien mit der Sanierung des Bodens und Flächenaufbereitungen begonnen. Ebenfalls gestartet sind die Arbeiten an der Brückenunterführung an der Zechenstraße. Die Maßnahmen sind ein weiterer wichtiger Schritt zur Nutzung der Fläche im Dorstener Stadtteil Hervest. Betroffen ist der Bereich der ehemaligen Zeche Fürst Leopold 1/2 der Hafen Fürst Leopold, sowie der ehemaligen Kohlenlagerfläche. Bei der Sanierung wird ein Umlagerungsbauwerk geplant und ein Oberflächenabdichtungssystem zur Sicherung der eingelagerten Materialien realisiert. In dieses Umlagerungsbauwerk werden auch die Böden aus der E.ON Ruhrgas-Fläche eingelagert. Nach Abschluss der Sanierungsarbeiten wird hier eine hochwertig gestaltete Grünfläche und angrenzend ein Festplatz für die Bevölkerung von Hervest entstehen.

Bergbaufremde Abfälle eingelagert: Gefahren lauern untertage

xxxxxxxxxxxxxxxx; Foto: Stegemann (2015)

Bergbau-Verein pflegt die Maschine; Foto: St.

Auch in der Dorstener Zeche sind – wie in elf anderen stillgelegten Bergwerken in NRW ebenfalls – während der 1990er-Jahre „bergbaufremde Abfälle“ entsorgt worden. Darüber berichtete im September 2013 das NRW-Wirtschaftsministerium. Bei den Abfällen geht es nach einem Bericht der „Recklinghäuser Zeitung“ um Schlämme der Chemie-Industrie, um Gießerei-Altsande sowie Abfall aus der Sondermüll-, Hausmüll- und Klärschlammverbrennung. Nach der Auflistung wurden die Abfälle auch in die Schächte Fürst Leopold/Wulfen und in das Bergwerk Lippe in Westerholt/Dorsten verbracht.
Das Ministerium listete die untertage verbrachten und eingelagerten Mengen des Abfalls auf: Insgesamt 1,6 Millionen Tonnen an „bergbaufremden Abfällen“, insgesamt 578.000 Tonnen, der „nach dem Prinzip des vollständigen Einschlusses“ mindestens 800 Meter Tiefe eingelagert wurde. Nicht bekannt ist, an welchen Standorten wie viel eingelagert wurde und ob giftig oder nicht und in welchen Grad. Während Abfallexperten Alarm schlagen, mögliche Giftstoffe könnten in Boden und Grundwasser eindringen, stellte das Wirtschaftsministerium in eigener Sache fest, dass die bislang ausgewerteten Untersuchungsergebnisse „keine belastbaren Indizien für das Auslaugen anorganischer Stoffe aus bergfremden Versatzmaterial“ aufwiesen. Auch die Ruhrkohle hatte immer wieder versichert, dass der Giftmüll in den stillgelegten Schächten durch Dämme abgeschlossen sei und somit nicht austreten könne.

Projektentwickler hoffen, auf dem richtigen Weg zu sein

Gastronomie und Vergnügen

Gastronomie und Vergnügen

Anfang 2014 zog Rolf Ehlers, der als Prisma-Projektmanager für die Neubelebung der Zechenfläche verantwortlich ist, Zwischenbilanz über das, was in den letzten vier Jahren dort getan hat. Alle Projekte mussten müsste in der Planungsphase mit rund 60 Trägern öffentlicher Belange abgesprochen, deren Vorgaben berücksichtigt und abgearbeitet werden. Im denkmalgeschützten Kernbereich befindet sich das „Creativ-Quartier“, das auf den umliegenden Flächen weiterentwickelt werden soll. In diesen Bereich integriert ist die Gastro-Meile (umgekehrte Formulierung wäre auch richtig) rund um den Fürst-Leopold-Platz. Neben den bereits bestehenden Restaurants und Cafés sollen noch drei weitere Gastbetriebe im Kesselhaus angesiedelt werden, vielleicht auch im Obergeschoss eine Hotelnutzung. angesiedelt werden. Zwischen den Kreisverkehren der Halterner Straße und der neuen Fürst-Leopold-Allee soll ein Mischgebiet Wohnen und Handel entstehen. Ein Seniorenheim soll mit 84 Pflegeplätzen eingerichtet werden. Einzelhandelsgrundstücke müssen noch vermarktet werden. Als Discounter hat sich bereits Aldi angesiedelt, der vom Harsewinkel auf das Zechengelände umgezogen ist. Zusätzlich wird noch ein Lebensmittel-Fachmarkt errichtet. Im nördlichen Bereich soll nichtstörendes Gewerbe (Dienstleister, Handwerker) angesiedelt werden (siehe Galerie der Traumfänger).

Creativ-Quartier: Neues Leben zwischen alten Backsteinbauten

Lohnhalle mit den Wandbildern von Tisa von der Schulenburg (Sr. Paula)

Lohnhalle mit Wandbildern von Tisa

Neben der bereits bestehenden zwei Gastronomie-Betrieben („Mezzomar“ und „Factory“), der „Galaerie der Traumfänger“ (Künstler-Gruppe) und dem Aldi-Supermarkt entstanden Ende 2013 dort, wo einst die Kumpel ihre Lohntüten abholten, noch ein Kunst-, Design- und Cafébetrieb. 16 Künstler hatten dort ihre Ateliers. Es soll mit 5.800 Quadratmetern „Europas größte Galerie“ sein, so der Projekt-Entwickler Ehlers (Fa. Tempelmann). In den umgebauten Büros der Zechen-Zahlmeister entstand das „Literatur-Café Möhring“, das von Tanja van der Schoors, Tochter der Künstlerin Slavica van der Schoors, betrieben wurde (inzwischen wieder weg). „Auf Fürst Leopold ist die Kunst angekommen“ – zu diesem Ergebnis kamen die rund 1.000 Besucher im Oktober 2013, die den ersten Kunst-Rapport in der Licht- und Lohnhalle des ehemaligen Bergwerkes besuchten. 35 Künstler, die auf Fürst Leopold ein Atelier gemietet haben, gewährten den Besuchern Einblicke. Allerdings gab es schon 2014 Auseinandersetzungen zwischen den Atelier-Künstlern und dem Vermieter, was dazu führte, dass Künstler ihre Ateliers in der ehemaligen Lohnhalle wieder aufgaben. Mit Stand von 2014 ist die „Galerie der Traumfänger“, die in einem anderen Gebäude untergebracht ist, geblieben.

Eine Kinderbahn anstatt der Kohlenzug durchquert Hervest-Dorsten

Zechenbahn 1963

Kohlenzug im Jahr 1963

Für rund 600.000 Euro, finanziert aus Landes-, Bundes- und EU-Mitteln, wurde Mitte 2014 im Planungsrahmen der „Sozialen Stadt Hervest“ eine Kindereisenbahn eingerichtet, die den Namen „Rasende Berta“ erhielt. Sie fährt vorerst auf der alten Kohlenzugtrasse (nebenstehendes Foto) zwischen der Zeche und dem früheren Kohlenhafen, also zwischen Halterner Straße und Wasserstraße. Später soll sie auf weiteren Straßen und Wegenin Hervest-Dorsten sowie über das Zechengelände fahren. Im Ortsteil vorgesehen ist auch die Einrichtung von insgesamt 17 Spielplätzen für Hervester Kinder.

Tisa-Archiv auf dem Zechengelände oder im alten Bahnhof?

Live-Performance in der Zeche

Live-Performance in der Zeche

Zuerst wollten Stadtspitze und Tisa von der Schulenburg-Stiftung das Tisa-Archiv im ehemaligen Kesselhaus der Zeche Fürst Leopold in Hervest-Dorsten unterbringen und dort auch ein kleines „Tisa-Museum“ einrichten. Dortige Eigentümerin des denkmalgeschützten Kesselhauses ist die private „Ruhrland-Stiftung“ (Tempelmann). Im Mai 2014 haben Stadt und Schulenburg-Stiftung den heruntergekommenen Dorstener Bahnhof für das Tisa-Archiv mit dann allerdings abgespecktem Tisa-Museum favorisiert. Darüber gab es Streit zwischen der „Ruhrland-Stiftung“ und der Stadtspitze. – Beide Standorte haben eine Berechtigung: der Bergbau war Tisa von der Schulenburgs thematischer Wohlfühlort („Meine dunklen Brüder“). Da sich die Künstlerin aber auch dem Judentum eng verbunden fühlte, käme den Besuchern des Jüdischen Museums Westfalen ein Tisa-Museum in der Nähe  entgegen. – Schade nur, dass man beim Erweiterungsbau des jüdischen Museums eine Tisa-Galerie mit kleiner Museumsecke nicht integriert hat, wie dies Wolf Stegemann in seiner Denkschrift von 1993  vorausschauend vorgeschlagen hatte (siehe auch: Grubenwehr Zeche F. L. – Augenzeugenbericht: 1963 Verschütteten aus 155 m tiefen Brunnen gerettet).

Zum Verweilen bitte Platznehmen am langen „Tisch der Fürsten“

Die Fürstenbtafel lädt zum Verweilen ein!

Die Fürstenbtafel lädt zum Verweilen ein!

Stadt Dorsten und die RAG Montan Immobilien GmbH, letztere die Zechengrundstücke vermarktet, haben im September 2014 die letzte Phase der Flächenreaktivierung der ehemaligen Schachtanlage mit dem Start für den Bau der „Fürst-Leopold-Allee“ begonnen. Gleichzeitig begann die Vermarktung er letzten 23.000 Quadratmeter Gewerbeflächen auf dem Areal. Die rund 600 Meter lange und sieben Meter breite Fürst-Leopold-Allee mit Kreisverkehr verläuft parallel in West-Ost-Richtung zur Halterner Straße. – „Bitte Platz nehmen“ hieß es Anfang August 2014, als das Creativ-Quarter und des Bergbau-Verein zur Fotoschau an einem 80 Meter langen Tisch einluden, auf dem Bilder über die Zeche Fürst Leopold präsentiert sind. Die Fotos (Bilder aus der Arbeitswelt) sind in die Tischplatte fest unter Glas eingelassen. Besucher können dort Platz nehmen und neben der Betrachtung der Fotos auf Mitgebrachtes verzehren.

Kohlenwäsche Ende 2016 ade

Mit einem lauten Knall wurde im Dezember 2016 die alte Kohlenwäsche auf dem Zechengelände Fürst Leopold  gesprengt. Rund 120 Kilogramm Sprengstoff waren nötig, um das Gebäude in Schutt zu legen.

Sprengung der Kohlenwäsche


Siehe auch:
CreativQuartier Fürst Leopold


Quellen:
„Bergwerk Fürst Leopold Wulfen“ 1988. – Ludger Böhne/Martin Ahlers „Fürst Leopold: Die Zielmarke ist gesetzt“ in WAZ vom 26. Januar 2011. – Michael Klein in DZ vom 15. April 2010. – Ludger Böhne „Ruhrgas-Fläche: Platz für neue Arbeitsplätze“ in WAZ vom 1. März 2011. – Martin Ahlers „Ein Vertrag, keine Erfolgsgarantie für Fürst Leopold“ in WAZ vom 19. Mai 2011. –  Jo Gernoth „Geschichte: Fürst Leopold (2): Ein vergessenes Schicksal“ (Kriegsgefangene) in WAZ vom 8. August 2011. – WAZ vom 30. Oktober 2011. – Wolf Stegemann ( Hrsg.): „Dorsten unterm Hakenkreuz“. – Angelica Jacobi, Arnold Bettien: „Die gewerkschaftliche und politische Arbeiterbewegung in der Stadt Dorsten 1945 bis 1947“ in Vestische Zeitschrift 1978/1979. – Stadtarchiv Dorsten: Im Jahre 1946 übergab Fürst Leopold/Baldur dem Amt Hervest-Dorsten Ausländerlisten der Zeche. – Martin Ahlers „Die Zeche als Creativquartier“ in der WAZ vom 24. Mai 2012. – Online-ADarstellung des Vereins für Industrie-, Bergbau- und Sozialgeschichte 2013. – DZ vom 31. Januar 2014.

Literatur (Auswahl):
„Fünfzig Jahre Schachtanlage Fürst Leopold-Baldur 1913-1963, Dorsten 1963; RAG (Hg.). – „Chronik des Bergwerks Fürst Leopold/Wulfen 1913-1988“, Dorsten 1988; RAG (Hg.). – Website des Vereins für Bergbau-, Industrie- und Sozialgeschichte. – „Rückblicke, Einblicke, Ausblicke“, Essen 1996; Folker Kraus-Weysser „Kohle. Aufstieg, Fall und neue Zukunft“, Wien/München 1981. – Karl Bax „Schätze aus der Erde. Die Geschichte des Bergbaus“, Düsseldorf/Wien 1981. – Wilhelm und Gertrude Hermann „Die alten Zechen an der Ruhr“, Königstein 1981. – Heiner Radzio „Das Revier darf nicht sterben“, Düsseldorf/Wien 1984.

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