Belgische Besetzung I

Dorstener leisteten Widerstand gegen die fremden Besatzungssoldaten

Belgische Offiziere in Dorsten

Belgische Offiziere mit ihre4m Kommandanten Fichefet in Dorsten

Die französische Regierung sah fünf Jahre nach Beendigung des Ersten Weltkriegs in der Besetzung des Ruhrgebiets ein militärisches Faustpfand für stockende Reparationszahlungen des Deutschen Reiches. Daher rückten am 13. Januar 1923 etwa 100.000 belgische und französische Soldaten ins Revier ein, mit der offiziellen Begründung, eine Ingenieurkommission zur Kontrolle der Reparationsleistungen zu schützen. Die Reichsregierung rief zum passiven Widerstand auf.

Erst 1925 wurde das Ruhrgebiet und auch Dorsten wieder geräumt

Besetzte Lippebrücke 1923 (Grenz- ud Zollstation)

Besetzte Lippebrücke 1923 (Grenz- ud Zollstation)

Dorsten hatte 150 Jahre lang keine Besatzungssoldaten mehr gesehen. Am 15. Januar 1923 besetzten 128 belgische Soldaten die Stadt, darunter elf Unteroffiziere und fünf Offiziere, die ihr Hauptquartier im Gymnasium Petrinum aufschlugen, das in den leer gezogenen Bau des Lehrerseminars verlegt wurde. Die Dorstener schlossen sich zu Schutzgemeinschaften zusammen und leisteten passiven Widerstand. Daher wurde am 31. Januar von den Belgiern der verschärfte Belagerungszustand ausgerufen, die „Dorstener Volkszeitung“ verboten und Beamte verhaftet.

Die Besatzungsgrenze verlief an der Lippe. Doch am 31. Januar besetzten die Belgier auch Hervest und Holsterhausen, was zu Protesten der Gemeindevertreter und zur Ausweisung des Bürgermeisters Lappe und zu weiteren Verhaftungen führte, worauf die Dorstener mit Streiks reagierten. Gewalttätigkeiten belgischer Soldaten gegenüber der Bevölkerung wurden bekannt. Eine Holsterhausenerin wurde vergewaltigt, andere belästigt. Vor dem belgischen Kriegsgericht in Sterkrade wurden auch Dorstener abgeurteilt und mussten ihre Strafen im Duisburger Gefängnis absitzen, wie der Dorstener Kaufmann Rodeck. Andere wurden ausgewiesen oder zu Geldstrafen verurteilt: Gastwirt Koop sen. musste 100.000 Mark (Inflationszeit) zahlen, weil bei einer Hausdurchsuchung alte verrostete Gewehre gefunden wurden, Kaufmann Franz Nolde wurde zu 25.000 Mark Geldstrafe verurteilt, weil er sich weigerte, einem Belgier eine Krawatte zu verkaufen. Landwirt Kloer aus Altendorf-Ulfkotte bekam acht Tagen Gefängnis, weil er die Belgier verhöhnt habe soll. Der Student Kottendorf erhielt acht Monate Gefängnis, weil er einem Mädchen, das sich mit einem belgischen Soldaten eingelassen hatte, Haare abgeschnitten hatte, was Kottendorf bestritt. Es gab viele weitere Fälle.

Auch Holsterhausen und Hervest wurden wegen der Zechen besetzt

Von Belgiern zerstörte Einrichtung der Zeche 1924

Von Belgiern zerstörte Zechen-Kantine in Hervest 1924

Als in Marl zwei belgische Soldaten erschossen wurden, verschärften die Belgier ihr Vorgehen: Wirtschaften blieben geschlossen und Straßen gesperrt. Am 7. Juli überfielen belgische Soldaten die Gastwirtschaft Kolanczyk auf der Hardt und verletzten sechs unbeteiligte Dorstener und verhafteten 21 Männer. Aus Protest gegen die völkerrechtswidrige Besetzung kam eine Woche später der päpstliche Delegat Testa nach Dorsten und besuchte demonstrativ die Gaststätte Kolanczyk. Deutsche Beamte verließen die Stadt. Im Winter spitzte sich die Lage noch mehr zu, als die Belgier Wohnungen beschlagnahmten. Im Oktober wurde in Hervest der Bergmann Leo Sadecki von Belgiern erschossen. Im November 1924 räumten die Belgier Hervest und Holsterhausen und am 24. Januar 1925 zogen sie sich nach Gladbeck zurück. Lediglich der Bahnhof blieb noch bis 19. Juli besetzt. Dann verließen die Belgier auch Gladbeck. Drei Tage später fand auf dem Dorstener Marktplatz eine Befreiungskundgebung statt. Nur wenige Monate war der schnell erbaute Flugplatz in der unbesetzten Erle Heide in Betrieb.


Quelle/Literatur:
Wolf Stegemann/Anke Klapsing „Zwischen Kaiserreich und Hakenkreuz“, Dorsten 1987. – Wolf Stegemann „Holsterhausen im Umbruch 1900-1933. Kaisers Krieg und Weimars Not“, 2006.

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