Arbeiter- und Soldatenrat

Kommunisten übernahmen die Stadt und die beiden Bergbaugemeinden

Entlassungschein nach Holsterhausen 1919

Entlassungschein des Holsterhausener Grenadiers Eugen Witting com 21. Januar 1919

Gründung und Tätigkeit der Arbeiter- und Soldatenräte bezogen sich auf die radikale Form der direkten Demokratie eines Rätesystems oder einer Rätedemokratie. Die Räte, die an ihr Mandat gebunden und jederzeit abwählbar waren, besaßen gesetzgebende, ausführende und Recht sprechende Gewalt. 1905 und 1917 waren die Arbeiter- und Soldatenräte in Russland Bestandteil der Oktoberrevolution, spielten aber danach keine Rolle mehr. Während der Novemberrevolution 1918 in Deutschland bildeten sich vorübergehend Arbeiter- und Soldatenräte, in Bayern eine Räterepublik.

Verlautbarung in der "Dorstener Volkszeitung" vom 17. Jan. 1919

Aufruf in der „Dorstener Volkszeitung“ vom 17. Jan. 1919

Noch am 9. November 1918, als Scheidemann in Berlin die deutsche Republik ausrief, konnten erstaunte Dorstener einem Anschlag entnehmen, dass die Spartakisten-Revolution in Berlin einen glänzenden Verlauf genommen hätte. Auf einem Flugblatt war dann anderntags zu lesen, dass sich auch in Dorsten die Mehrheits- und unabhängigen Sozialisten zu einem Arbeiter- und Soldatenrat für den Amtsbezirk Hervest-Dorsten zusammengeschlossen hätten und die Anordnungen des Arbeiter- und Soldatenrats zu befolgen wären. Für die Stadtverwaltung zeichnete Bürgermeister Lappe und für den Arbeiter- und Soldatenrat u. a. Weidemann, Winkelhäuser, Bettin, Arnold und Fattroth. Bürgermeister Lappe als Leiter der Polizei hatte sich somit dem Arbeiter- und Soldatenrat untergeordnet. Da der Dorstener Arbeiter- und Soldatenrat eine gemäßigte Richtung vertrat, stießen auch Vertreter der freien und der christlichen Gewerkschaften dazu. In erster Linie sollte in der Zeit der fehlenden staatlichen Autorität für Ruhe und Ordnung sowie für die Versorgung der Bevölkerung und für die von der Front zurückströmenden Soldaten gesorgt werden.

Nach der Ermordung Otto Kohlmanns stiegen die Spannungen

Sozialdemokraten im Bündnis mit dem Arbeiter- und Soldatenrat

Sozialdemokraten mit dem Arbeiter- und Soldatenrat

In den beiden Bergbaugemeinden vollzog sich die Novemberaktion nach gleichem Muster. Um den gefürchteten revolutionären Umtrieben entgegenzuwirken und aus Furcht vor Bolschewisierung, Sozialisierung und Spartakusherrschaft, bildeten sich in Dorsten, Hervest und Holsterhausen Bürgerausschüsse und bewaffnete Bürgerwehren, worauf die Arbeiter der Zechen in den Streik traten und bessere Löhne verlangten. Die gemäßigte Bewegung des Arbeiter- und Soldatenrates erfuhr bald eine Änderung, als sozialistisch gesinnte Arbeiter, die vorher in der SPD waren, sich zu einer Spartakusgruppe zusammenfanden und auch eine KPD sowie eine KPD-Spartakusgruppe gegründet wurden, was die Bürgerschaft mit Entsetzen wahrnahm. In einer Bürgerversammlung in Holsterhausen erklärte man den Arbeiter- und Soldatenrat für abgesetzt, der sich daraufhin mit radikalen Spartakisten im Januar 1919 neu gründete, das Polizeikommissariat in Holsterhausen besetzte und die beiden ein paar hundert Mann starken Bürgerwehren in Hervest und Holsterhausen entwaffnete. Spartakisten hatten in beiden Gemeinden die Gewalt an sich gerissen und der Arbeiter- und Soldatenrat sollte für Ordnung sorgen, was ihm allerdings nicht gelang. Die Spannungen erreichten ihren Höhepunkt, als im Februar 1919 Spartakisten den Zechenbeamten Otto Kohlmann hinterrücks erschossen hatten,  was zu dem großen Februar-Streik im rheinisch-westfälischen Industriegebiet führte. Daraufhin schickte General Freiherr von Watter in Münster das Freikorps Lichtschlag nach Dorsten, das noch im gleichen Monat mit äußerster Härte die Spartakisten in Dorsten und den Bergbaugemeinden niederkämpfte.

Freikorps Lichschlag im Kampf an der Lippebrücke, Gemälde von........ (Privatbesitz)

Freikorps Lichtschlag im Kampf an der Lippebrücke, Gemälde von Wilhelm PLaar (1919), Privatbesitz Schlotmann

Gemälde ist ein Zeitdokument

Der Dorstener Johannes Schlotmann, der während der Spartakuskämpfe auf Geschäftsreise außerhalb Dorstens war und wusste, dass sein Haus an der Lippebrücke umkämpft war, kam besorgt nach Hause. Als er sah, dass seiner Familie nichts geschehen war, war seine Freude und Dankbarkeit so groß, dass er den Maler Hermann Plaar noch 1919 den Auftrag gab, die Kampfszene um sein Haus im Bild festzuhalten.

Anke Klapsing beschreibt das Bild 1986 in den Ruhr-Nachrichten:

„Auf dem Gemälde ist die alte hölzerne Lippebrücke als militärstrategischer Mittelpunkt der Kämpfe Freikorps gegen Spartakisten zu sehen, im Hintergrund das weiße Schlotmannsche Haus, in dem bis in die 1970er-Jahre das Wasser- und Schifffahrtsamt untergebracht war. Der düstere Himmel über der Lippe, über der sich einiges Übel zusammengebraut hatte, reißt an einer Stelle auf, an der das Strahlen umleuchtete Herz Jesu prangt, zu seinen Füßen zwei betende Engel. Herz-Jesu schickt durch fein-güldene Strahlen seinen Segen auf das Schlotmannsche Haus.“

Auf der anderen Seite gibt es natürlich auch die böse Zerstörung durch die gottlosen Spartakisten.

„Eine rachsüchtige Hexengestalt schleudert Blitze auf die Spartakisten, die stellvertretend – nur schwer erkennbar am Bildrand – in Form eines überdimensionalen, grimmig dreinblickenden Gesichtes mit einer roten Jakobinermütze auf dem Kopf dargestellt sind. Im Vordergrund rücken die bewaffneten Freikorpskämpfer an, um die den Rotarmisten den Garaus zu machen.“


Quellen:
Wolf Stegemann/Anke Klapsing „Zwischen Kaiserreich und Hakenkreuz“, Dorsten 1986. – Anke Klapsing „Hexe übt Rache an Spartakus“ in RN vom 17. Juni 1986.

Literatur:
Hermann Bogdahl: „Rote Fahnen im Fest“, 2 Bde. 1984. – E. Lucas: „Märzrevolution“, 3 Bde. 1978. – Josef Wiedenhöfer „ Der erste Hammerschlag“, Dorsten 1934. – Wolf Stegemann „Holsterhausen im Umbruch 1900-1933. Kaisers Krieg und Weimars Not“, 2007.

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