Stadtwaage

Altes Rathaus am Markt überstand die Bombardierung von 1945

Gemälde von Rolf Hölter

Gemälde von Rolf Hölter

Die Bezeichnung Alte Stadtwaage ist für das Gebäude historisch zutreffender, weil die Nutzung als Stadtwaage ursprünglich ist und anhaltender war. An der östlichen Seite des Marktes vor der Kirche St. Agatha gelegen, beherrscht das einzige noch erhaltene historische Gebäude den Marktplatz. Die Jahreszahl über dem Türstock weist 1567 als Baujahr aus. Doch dürfte das so genannte Steinerne Haus wesentlich älter sein, wie im Jahr 1997 durchgeführte Untersuchungen ergeben haben. Im Siebenjährigen Krieg dürfte das Gebäude 1761 bis auf die Grundmauern zerstört worden sein. 1797 wurde die Stadtwaage durch Aufstockung und Anbau der Laubenhalle zum Rathaus umgebaut, das es bis 1902 blieb. Polizisten hatten im Haus eine Dienstwohnung. Bis 1925 war die städtische Kämmereikasse untergebracht, danach wurde es anderweitig genutzt (Verkauf von Milch und Getränken).

Im Keller waren Zellen

Merktplatz vor 1910

Marktplatz vor 1910

Bei den Spartakisten- und Rote Ruhrarmee-Unruhen 1919/20 sperrten die Freikorps ihre Gefangenen in den Keller des Hauses ein, wo sich Zellen befanden. Danach wurden die Kommunisten auf dem Marktplatz erschossen. Ab 1935 beherbergte das Haus nach einer umfassenden Renovierung das Heimatmuseum. Bei der Bombardierung 1945 gingen Dach und Fenster zu Bruch, 1951 wurde es zur 700-Jahrfeier der Stadt provisorisch hergerichtet und wegen des schlechten Zustands gleich wieder geschlossen.

Kaufleute wollten den „alten Kasten“ abreissen lassen

Ruinensprengung am Marktplatz nach der Bombardierung

Ruinensprengung am Marktplatz 1945

Im gleichen Jahr wollten einige am Markt ansässige Kaufleute den „alten Kasten“ abreißen lassen, um einerseits mehr Verkaufsfläche auf dem Markt zu gewinnen und andererseits sollte der Blick auf die dahinter gerade im Bau befindliche Agathakirche nicht behindert sein. Bürgermeister Paul Schürholz, selbst Kaufmann am Markt, erwog diesen Gedanken mit Ernsthaftigkeit. Es wurde ohne vorherige Umfrage behauptet, 70 Prozent der Bevölkerung würden den Abriss gut heißen, was die „Ruhr-Nachrichten“ veranlasste, eine Umfrage zu starten. Als sich der Leserbriefstreit um Erhalt oder Abriss immer mehr gegen die Befürworter des Abrisses richtete, änderten diese ihre Meinung und die Stimmen für den Abriss verstummten. 1957 konnte das Heimatmuseum wiedereröffnet werden und das Gebäude erhielt 1962 einen für dieses Denkmal unpassenden Neuanstrich mit blauer Kautschuklatexfarbe. Bürger, die einen denkmalgerechten hellen Anstrich forderten, scheiterten am sturen Festhalten der damaligen Ratsmitglieder in der Ära von Bürgermeister Hans Lampen in der ersten Hälfte der 1980er–Jahre. Erst 1986 wurde die Alte Stadtwaage unter Denkmalschutz gestellt. Die Verwaltung, die für einen denkmalgerechten Anstrich eintrat, war Untere Denkmalbehörde. Als solche musste sie gegenüber privaten Eigentümern denkmalgeschützter Häuser den Denkmalschutz vertreten, konnte sich aber im eigenen Haus nicht durchsetzen. Diesen Konflikt übersahen Ratspolitiker viele Jahre bewusst, auch dann, als die übergeordnete Denkmalschutzbehörde der Stadt einen Zuschuss für das historische Gebäude in Höhe von 10.000 DM strich.

Vom starken Blau zum leichten und denkmalgerechten Steingrau

Das blaue Rathaus

Das blaue Rathaus

Erst 1997 waren die Tage des blauen Rathauses gezählt. Im Haushaltsansatz des Jahres 1996 standen für die Restaurierung des Alten Rathauses 150.000 DM. Davon stiftete eine Privatperson, die unbekannt bleiben wollte und blieb, 125.000 DM. 1996 konnte daher mit der Restaurierung des Gebäudes begonnen werden. Anlässlich. ihres 100-jährigen Bestehens gab die Volksbank Dorsten 1997 zur fach- und denkmalschutzgerechten Restaurierung durch das Europäische Zentrum Schloss Raesfeld und das Westfälische Amt für Denkmalpflege Münster einen größeren Geldbetrag dazu. Das Gebäude bekam endlich einen hellgrauen Neuanstrich. Gefördert wurden die aufwendigen Untersuchungen und Restaurierungen vom Minister für Stadtentwicklung, Kultur und Sport NRW. 2003 wurde das Museum aufgelöst und ausgeräumt. Das Gebäude findet seither als Veranstaltungsort für Vorträge, Ausstellungen und Literaturlesungen Verwendung, wird aber auch an Bürger für deren Festlichkeiten, Partys usw. vermietet (siehe Trägerverein Altes Rathaus).

Das Haus hatte im Lauf der Jahrhunderte unterschiedliche Verwendungen

Gebäude nach 1997

Gebäude nach der Restaurierung 1997

Das verputzte, zweigeschossige Traufenhaus unter Walmdach wurde im Jahre 1567 erstmals als Stadtwaage erbaut. Sein heutiges Aussehen erhielt das Bauwerk im Jahr 1797. Die streng klassizistische Gestaltung ist geprägt von großer Klarheit, Symmetrie und ornamentaler Zurückhaltung. Das bestehende Gebäude wurde damals zum Rathaus umgebaut und zum Marktplatz hin durch einen Arkadengang erweitert.
Von 1902 bis 1925 wurde das alte Gebäude als städtische Kämmereikasse und ab dem Jahr 1935 als Heimatmuseum genutzt.

Innenansicht (heute), Foto: JF

Als eines der ganz wenigen Gebäude der Innenstadt blieb das ehemalige Rathaus von den Zerstörungen des Zweiten Weltkrieges teilweise verschont. Das Gebäude kann daher als ein von der Substanz her weitgehend originales Zeugnis der Architektur des Klassizismus gelten. Im Juli 2004 wurde das Gebäude Sitz des Trägervereines „Altes Rathaus Dorsten“ und wurde im Folgenden umfassender für kulturelle Veranstaltungen genutzt. Dies machte die Einrichtung eines rückseitigen Rettungsweges erforderlich. In den Jahren 2005/2006 erfolgten demnach der Anbau einer zeitgemäßen Beton-Fluchttreppe und eine erneute Überarbeitung der Gebäudefassade.


Siehe auch:
Marktplatz

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