Schützenwesen (Essay)

Feiern und Schießen für Geselligkeit, Recht und Ordnung

Von Wolf Stegemann – Das Gogericht des Hauses Lembeck tagte beim Püthenhof in Deuten um den Johannistag (24. Juni) unter der Bezeichnung Göding. Alle waffenfähigen Männer mussten mit der Waffe üben, es fanden ein Vogelschießen und ein Umtrunk statt. Aus dieser Kombination entstanden die Schützenfeste, für die der Bischof von Münster 1571 eine Landordnung erließ. Sie regelte, dass an jedem Ort einmal im Jahr ein Fest stattfinden konnte, dass niemand aus einem anderen Ort dazu geladen werden durfte, dass 20 Personen nicht mehr als eine Tonne Bier (152,7 Liter) zu trinken hatten und dass das ganze Fest nicht länger als einen Nachmittag dauern durfte.

Schützenthron ..................

Schützenthron von 1879 mit dem Königspaar Arthur von Lattorf und Christine Peus

Schützenbruderschaften hatten öffentliche Aufgaben

Der Schützenthron von 1879, eine der ältesten Schützen-Aufnahmen, mit dem Königspaar Arthur von Lattdorf und Christine Peus.Über das Vogelschießen erließ Matthias von Westerholt zu Lembeck 1592 eine neue Ordnung für die sieben Kirchspiele der Herrlichkeit: Die Schützenfeste wurden verboten. An ihre Stelle sollten die Vierhochzeiten treten und auf eine Scheibe geschossen werden. Nach dem Spanisch-Niederländischen Krieg genehmigte der Schlossherr 1609 wieder das Vogelschießen.

Urkunde der Altstadtschützen von 1488

Urkunde der Altstadtschützen von 1488

Der Dreißigjährige Krieg hatte die Schützenfeste weiter belebt. Nach 1648 ließ Bischof Bernhard von Galen die Volksbewaffnung wieder zu. Vogelschießen und Gildebier wurden wieder beliebt. Schützenbruderschaften sahen aber auch ihre Aufgaben im kirchlichen Leben, bei Prozessionen, Patronatsfesten, in der Teilnahme an Begräbnissen und Seelenmessen. Die Bruderschaften gehörten zum Bild der volkstümlich-barocken Frömmigkeit. In französischer Zeit wurden alle Schützengesellschaften in Westfalen aufgehoben. 1488 wurde in einem Rentmeisterbuch der Stadt Dorsten die erste Schützengilde nachgewiesen, die von der Stadt vier Mark für ein Schießen auf einen hölzernen Papagei bekam. Es werden die Stadtschützen, die jungen Schützen und die Jodokusschützen als Geldempfänger erwähnt, 1496 auch die Georgsschützen. Allein die Stadtschützen hatten fest umrissene Aufgaben: Sie gaben den Bürgermeistern Geleit, waren in den städtischen Waldungen eingesetzt und mussten auch mal aus der Lippe große Steine entfernen, um die Schifffahrt unbehindert zu gewährleisten. Um die Wende des 15./16. Jahrhunderts stand das Schützenwesen in Dorsten in voller Blüte. „Fähndelschlagen“ nannte man den Parademarsch der Schützen auf dem Marktplatz. Bevor die Parade begann, schlug der Fähnrich das „Fähndel“, d. h. er schwenkte mit der Fahne zwischen die Beine und um den Körper, ohne mit der Fahnenstange den Boden zu berühren.

Vorstand und König der Altstadtschützen 1878

Vorstand und König der Altstadtschützen 1878

Bauern schenkten den Schützen eine Henne

In den Gemeinden der Herrlichkeit fand am Tage nach dem Vogelschießen ein Umzug der bewaffneten Schützenkompanien mit Trommeln und Musik statt. Die Bauern schenkten den Schützen gewöhnlich eine Henne. Die Spur der vier Dorstener Schützengilden verliert sich Ende des 16. Jahrhunderts. Allerdings hat es auch in den folgenden Jahrhunderten immer Schützen gegeben, die aber keine Wach- und Ordnungsaufgaben mehr hatten, sondern in preußischer Zeit Geselligkeit und Brauchtum pflegten und das Schießen als Sport ausübten. Das Schützenwesen und die Schützengesellschaften erlebten nach der Reichsgründung von 1871 einen starken Rückgang. Die Ursache dafür liegt in der Vielzahl an Krieger- und Veteranenvereinen, die im Kaiserreich nationalistische Gefühle großer Teile der Bevölkerung bedienten. In der Weimarer Zeit war das Schießen durch die Bedingungen des Versailler Friedensvertrags stark eingeschränkt.

Schützen in nationalsozialistischer Zeit marschierten mit dem Hakenkreuz

Schüztenfestumzug im Zeichen des Hakenkreuzes in der Altstsadt 1938

Schüztenfestumzug in der Altstadt 1938

Ab 1933 waren die Schützenvereine, wie jeder andere Verein auch, gleichgeschaltet, wobei die Schützenverbände selbst aktiv mitwirkten. Vorstände und Schützenkönige konnten nur noch die werden, die der NSDAP genehm waren. Neben den Schützenfahnen hingen die Hakenkreuzfahnen. Das Heil auf den Führer Adolf Hitler wurde mit dem deutschen Gruß Pflicht. 1937 erließ die NSDAP eine „Neuordnung des deutschen Schützenwesens“ mit den Kernzielen, die Realisierung der so genannten Volksgemeinschaft und das Schießen als Vorbereitung auf den Krieg. Der westfälische Gauschützenführer Lühn gab 1938 die Parole aus: „Das Ziel der Partei ist es, und das muss auch unser Ziel sein, die Volksgemeinschaft herzustellen“. Dazu dienten wesentlich die mehrtägigen Schützenfeste, die für die meisten westfälischen Städte und Gemeinden den Höhepunkt des Festtagskalenders markierten. „Die Schützen standen zum ‚Führer’ und unterstützten und aktivierten den Mythos, den die Propaganda um ihn entfaltete, in ihren Strukturen nach Kräften.“ (Borggräfe). Während des Krieges wurden die Schützenfeste verboten. Der Deutsche Schützenbund (DSB) schreibt in seiner Homepage:

„Auf der Vereinsebene war das Verhältnis der Schützen zum Nationalsozialismus ein Wechselspiel von Beteiligung und Resistenz, von Anpassung bis hin zu vereinzeltem Widerstand. Die unüberschaubare Vielzahl und die Verschiedenheit der Schützengesellschaften, die hauptsächlich auf dem Land sehr oft nicht einmal einer regionalen oder überregionalen Dachorganisation angehörten, verhindert jede pauschale Aussage. Von einer grundsätzlichen Affinität der Schützen zum Nationalsozialismus kann keine Rede sein.“

Bemerkenswerte Forschungsarbeit über das westfälische Schützentum

Schützen aus dem Marienviertel 1938; Hilgert-Sammlung

Marienviertel 1938; Hilgert-Sammlung

Der Historiker Henning Borggräfe kommt in seiner verdienstvollen Forschungsarbeit über das westfälische Schützentum zwischen 1933 und 1939 „Schützenvereine im Nationalsozialismus. Pflege der Volksgemeinschaft und Vorbereitung auf den Krieg“ (Forum Regionalgeschichte Band Nr. 16, LWL, Ardey-Verlag Münster 2010) zu dem Schluss, dass Schützenvereine in starkem Maße an der Realisierung nationalsozialistischer Ziele mitgewirkt hätten und dass der Nationalsozialismus am gesellschaftlichen Wirken der Schützenvereine vor 1933 anknüpfen und von deren Weiterentwicklung profitieren konnte. Bei der Neugründung des Deutschen Schützenbundes im Oktober 1950 nahm die gesamte ehemals nationalsozialistische Führungsriege ihre alten Plätze wieder ein. Borggräfe:

„Als sich der Westfälische Schützenbund im Winter 1950/51 neu konstituierte, leitete der vormalige Gauschießwart Kempke, der für das (Kriegsjahr) 1939 die Parole ,Wir kämpfen und schießen für Adolf Hitler und sein Großdeutschland’, ausgegeben hatte, zunächst die Organisation.“

Schützenvereine dienten sich dem Nationalsozialismus an

In der offiziellen Gründungsfeier des Deutschen Schützenbundes in der Kölner Messe, sprachen die neuen „alten“ Funktionäre, darunter der vormalige Propagandist des Nationalsozialistischen Reichsbundes für Leibesübung (NSRL) Carl Diem, noch bevor Bundespräsident Heuss zum Rednerpult trat. Diem wurde dabei politisch und verfiel dabei in nationalsozialistische Propaganda. Er wetterte u. a. gegen die „Giftschwaden des Materialismus“ und der „Parteiengebundenheit“. Schützenfeste durften aber schon vor der Wiederbegründung des Schützenbundes stattfinden. Die Chroniken der Schützenvereine in Dorsten und Umgebung, die nach der NS-Zeit entstanden sind, sind voll von Berichten über glanzvolle Schützenfeste nach 1945, die 1948 in Holsterhausen mit der Armbrust begannen, da Gewehre von den Alliierten noch verboten waren, in Dorsten-Hardt und Dorsten-Altstadt im Jahre 1950. Reichlich Bildmaterial in Schwarz-weiß und bunt zeigt diese Tradition bis in die heutige Zeit. Dazu Dr. Godehart Lindgens:

„Es ist schon interessant, dass die ausführlichen Chroniken Nr. 6 und 7 [der Dorstener Altstadtschützen],  die jeweils über fünf Jahrhunderte aus dem Stadt- und Schützenwesen der Stadt Dorsten berichten wollen, die Zeit von 1933 bis 1945 mit keinem Wort erwähnen. Die Chronik Nr. 6 bringt Thronbilder aus den Jahren 1927 und 1929, dann schweigt sie und beginnt erst wieder nach 1945. Die Arbeit im Stadtarchiv könnte aufschlussreicher sein. Dagegen unterrichtet die Chronik des Hardter Schützenvereins eingehend über die drei Schützenfeste 1934, 1936 und 1938 und schreibt auch noch über das Jahr 1939.“

13 Dorstener Schützenvereine sind in einer Arbeitsgemeinschaft vereint

Holsterhausener Schützen mit Armbrust; in der Nachkriegszeit waren Gewehre noch verboten

Holsterhausen 1948; Gewehre waren verboten

In der 1976 belebten Arbeitsgemeinschaft der Schützenvereine sind heute 13 Schützenvereine vereinigt: Altendorf-Ulfkotte (1652), Altstadt (1487), Deuten (1922), Feldmark I und II (1927), Hardt (1908), Hervest Dorf (1861), Hervest-Dorsten (1913), Hervest-Dorsten „St. Marien“ (1975), Holsterhausen Dorf (1773), Holsterhausen ’53 (1953), Lembeck (1876), Rhade (1752) und Wulfen (1883).

Schützen-Tradition: Jeder zehnte Dorstener ist Schützen-Mitglied

Jungschütze im Musikzug

Jungschütze im Musikzug

Jeder zehnte Dorstener ist Mitglied in einem der 13 Schützenvereine, die in einem Arbeitskreis zusammengeschlossen sind, in dem sie vor allem die Schützenfesttermine koordinieren und gemeinsame Schützenbelange in der Stadt besprechen. Diese Arbeitsgemeinschaft ist kein Verein nach dem Vereinsgesetz, obgleich die von ihren Schützenvereinen in dieses Gremium delegierten Vertreter einen Vorsitzenden haben. Dies ist seit 2011 Hendrik Schulze-Oechtering von den Altstadtschützen. Gegründet wurde der Arbeitskreis 1975 von Hermann Rüping, der Vorsitzender bis 1997 war. Ihm folgte Paul Schürmann. Der neue Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft der Dorstener Schützenvereine plädierte in einem Interview mit der WAZ 2011 für eine breitere Aufstellung der Vereine und für ein verstärktes soziales Engagement. Zum Thema wenig Offenheit gegenüber Frauen in vielen Schützenvereinen vertrat Hendrik Schulze-Oechtering  allerdings die Meinung, das dies „keine Diskriminierung“ sei, „sondern historisch gewachsen“: „Wir Altstadtschützen zum Beispiel haben durchaus Frauen als Mitglieder. Aber eben nicht als Schützen.“ Anlässlich des 750. Stadtjubiläums richtete der Westfälische Schützenbund seinen jährlich stattfindenden „Westfälischen Schützentag“ 2001 in Dorsten aus. 1.200 Delegierte, 10.000 Schützen aus 500 Vereinen und 40 Musikkapellen paradierten vor rund 50.000 Zuschauern durch die Lippestadt. Natürlich schossen sie auch einen neuen Landeskönig aus. Dieser wurde Bernd Wigge von der Schützengesellschaft Herford.

Neue bundesweite Regelung von 2013 verkleinert den Schützenvogel

2013 trat bundesweit eine neue Regelung über die Größe der Holzvögel in Kraft, die von den Schützen von der Stange geschossen werden. Bislang durften die Vögel nur 80 Millimeter Dicke aufweisen. Das gilt aber nur für Flintenlaufgeschosse bis 1200 Joule, bei Schützen auch „Königspatronen“ genannt. Denn sie werden eingesetzt, um besonders widerspenstige Vögel klein zu bekommen. Bei normalem Schrot darf der Vogel nach den neuen Richtlinien nur aus astfreiem Weichholz bestehen und nur einen Durchmesser von maximal 30 Zentimetern haben. Spötter in den Schützenvereinen sprechen bereits von einem „Schützen-Kolibri“ und nun könne auch der Pastor, sollte er einen Ehrenschuss auf den Vogel abgeben, möglicherweise den ganzen Vogel herunterholen und somit Schützenkönig werden.

Jubiläumsumzug Wulfen 2008; Foto: Christian Gruber

Jubiläumsumzug der Wulfener Schützen 2008; Foto: Christian Gruber

Beim Königsschießen mit Schrot muss der Geschossfang aber aus Stahlblech bestehen mit einer im Abstand von fünf Zentimetern aufgespannten, von den Schroten durchdringbaren Folie. Diese soll einen Teil der auftretenden Bleistäube und Schrotsplitter zurückhalten. Ein Kenner meinte zu der Dorstener Zeitung am 12. März 2013, dass kein Kugelfang in der Region diese Vorschriften erfülle. Denn es sei unvorstellbar, den Kugelfang in der Pause zwischen Insignien- und Königsschießen umzubauen. Eine solche Anlage müsse schließlich  neu abgenommen werden. Nur mit einem hohen politischen Druck könne man noch die Schützenfeste dieser Saison retten. Die Schützenverbände NRW hätten bereits mit Nachdruck eine Änderung der Schießsportlinien bei Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich gefordert.

Schützen öffnen sich gegenüber Muslimen und Homosexuellen

Nachdem der Dachverband der Schützen vor zwei Jahren gegenüber homosexuellen Schützenbrüdern Toleranz zeigte, da ein Schützenkönig seinen Partner als „Schützenkönigin“ inthronisierte, öffnen sich nun auch die „katholische Schützen“ für Homosexuelle und Muslime. Der „Bund der Historischen Deutschen Schützenbruderschaften“ (BDHS), dem 1300 lokale Bruderschaften mit 400.000 Schützen angehören, lockerte seine Regelungen. Anlass war ein Muslim, der vor mehr als zwei Jahren Schützenkönig in Werl war. So dürfen jetzt die Traditionsvereine künftig auch Nichtchristen und aus der katholischen Kirche ausgetretene Katholiken aufnehmen. Der historische Schützenbund hob zudem förmlich den Beschluss auf, wonach Homosexuelle nicht zusammen mit ihren Lebenspartner als Königspaar auftreten können. Mit Blick auf Zuwanderung und Aufnahme von Flüchtlingen sei wichtig, so der Bundesschützenmeister (Vorsitzende), dass die christlichen Schützen „jeden Menschen als Geschöpf Gottes anerkennen und ihm mit Achtung begegnen“.

Dürfen im Erler Bürgerschützenverein zukünftig Frauen mitschießen?

In Erle, Ortsteil von Raesfeld (bei Dorsten), hat eine Frau 2017 Antrag auf Aufnahme in den dortigen 1895 offiziell gegründeten Bürgerschützenverein Erle gestellt. Das überraschte den Schützenvorstand, denn weibliche Mitglieder sind laut Satzung nicht zugelassen. Also wurde erst einmal sondiert, was sich die in Erle allseits bekannte und beliebte Antragstellerin, Judith Kolschen, unter einer Mitgliedschaft vorstelle. Ob sie auch Ofizier werden oder sogar auf den Vogel schießen wolle. Über eine entsprechende Satzungsänderung soll erst nach dem Schützenfest (Juni 2017) von der Hauptversammlung entschieden werden.


Quellen:
Altstadtschützenverein (Hg.) „500 Jahre Dorstener Altstadtschützen“, Dorsten 1987. – Ders. „Chronik“, Dorsten 1997. – Ludger Böhne im WAZ-Interview mit Hendrik Schulze-Oechtering vom 16. August 2011. – Buchbesprechung von Dr. Godehart Lindgens über Henning Borggräfes „Schützenvereine im Nationalsozialismus. Pflege der Volksgemeinschaft und Vorbereitung auf den Krieg (1933-1945), Ardey-Verlag, Münster 2010, veröffentlicht auf der Homepage des Vereins für Orts- und Heimatkunde Dorsten e. V. – Homepage des Deutschen Schutzenbundes (DSB). – Henning Borggräfe „Schützenvereine im Nationalsozialismus…“, Ardey 2010. – Berthold Fehmer in DZ vom 12. April 2017.

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